Coltman 2 – Eine blutige Rechnung

Coltman –2–

Eine blutige Rechnung

Roman von Pete Hacket

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74091-580-3

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Sheriff Wade Ringold stand am Fenster seines Büros und starrte hinaus in den strömenden Regen. Von den Dächern der Häuser und Vorbauten tropfte und schoss das Wasser in Rinnsalen, sammelte sich zu riesigen Pfützen und hatte den Staub der Main Street längst in knöcheltiefen Morast verwandelt. Ein brettharter Wind trieb peitschende Regenschauer vor sich her und heulte in den Häuserlücken, wie ein hungriger Wolf. Im Minutentakt zerrissen grelle Blitze den aufgewühlten Himmel und unmittelbar danach donnerte es jedes Mal, als würde die Erde auseinanderplatzen. Die Echos der Donnerschläge rollten in die Ödnis hinaus und versanken im Prasseln des Regens.

Es war um die Mitte des Vormittags. Die Stadt mutete an, wie ausgestorben, die Main Street war wie leergefegt. Nun, bei diesem Wetter jagte man nicht mal einen Hund vor die Tür.

Wade Ringold wollte sich abwenden, als fünf Reiter in sein Blickfeld zogen. Der Sheriff fragte sich, was das Quartett bewog, bei diesem Dreckwetter durch die Gegend zu reiten. Die Kerle trugen Regenumhänge und hatten sich die Hüte, von deren Krempen das Wasser tropfte, weit in die Stirn gezogen, um die Augen vor den schweren Tropfen zu schützen. Der Gesetzeshüter konnte zwar von ihren Gesichtern nicht viel erkennen, aber die Ausbuchtungen der Regenhäute verrieten ihm, dass jeder von ihnen mit einem Revolver bewaffnet war und aus dem Scabbard eines jeden ragte der polierte Kolben einer Winchester. Irgendetwas verströmten sie, das ihm nicht gefiel – ganz und gar nicht.

Die Kerle erinnerten ihn an ein Rudel Wölfe.

Das waren keine Cowboys aus der Umgebung. Wade Ringold nahm sich vor, ihnen einen intensiveren Blick unter den Hutrand zu werfen, sollten sie in Las Cruses bleiben.

Unter den Hufen ihrer Pferde spritzte der Schlamm. Die Hufabdrücke füllten sich sofort mit Wasser. Im Schritttempo zogen sie vorüber. Trotz des prasselnden Regens schienen sie es nicht eilig zu haben.

Schließlich hatten die Fremden das Sheriff’s Office passiert und Wade Ringold trat hinaus auf den Vorbau, um ihnen hinterherzublicken. Das Vorbaudach schützte den Sechsunddreißigjährigen vor dem Regen. Sie ritten am Mietstall vorbei, was ihn seltsam anmutete. Vor der Bank zügelten sie wenig später die Pferde. Zwei saßen ab, einer schnappte sich ein Satteltaschenpaar, das vor seinem Sattel lose über den Pferderücken gehangen hatte. Steifbeinig gingen sie in das Gebäude.

In dem Ordnungshüter begannen die Alarmglocken zu läuten.

Da knallte in der Bank auch schon ein Schuss. Wie elektrisiert warf sich Ringold herum, eilte ins Office, angelte sich eine doppelläufige Greener aus dem Gewehrschrank, klappte die Läufe auf und lud sie mit fliegenden Fingern, steckte noch vier Patronen in die Jackentasche und rannte wie von Furien gehetzt wieder nach draußen.

Die drei Reiter, die vor der Bank warteten, hatten jetzt ihre Revolver gezogen. Ringold bewegte sich auf dem Gehsteig in ihre Richtung. Die harten Ledersohlen seiner Schuhe weckten ein hämmerndes Echo auf den nassen Bohlen.

Jetzt kamen die beiden Kerle wieder aus der Bank. Einer hatte sich die Satteltaschen über die Schulter gehängt, und auch er hielt einen schweren, langläufigen Coltrevolver in der Faust. Während er zu seinem Pferd lief, drehte sich sein Gefährte um und jagte zwei Schüsse durch die Tür ins Gebäude, dann hastete auch er zu seinem Pferd.

Die drei, die gewissermaßen Schmiere gestanden hatten, begannen nun wie wild mit ihren Revolvern um sich zu feuern. Dabei trieben sie ihre Pferde hin und her und jagten ihre Kugeln blindlings in die Gegend. Ihr Ziel war es, die Bewohner der umliegenden Häuser mit ihren Kugeln zu zwingen, im sicheren Schutz ihrer vier Wände zu bleiben. Auch in die Richtung des Sheriffs flog heißes Blei, und Ringold ging hinter einem Regenfass in Deckung.

Derjenige, der sich die Satteltaschen über die Schulter geworfen hatte, kam behände in den Sattel, hängte das Taschenpaar vor sich über den Pferderücken und stimmte in das blindwütige Feuer seiner Kumpane ein. Das Dröhnen der Schüsse verschmolz mit dem krachenden Donner nach einem Blitz, der mit blauweißem, gespenstischem Licht aus den Wolken gezuckt war. Jetzt erreichte auch der fünfte Mann sein Pferd, stellte den linken Fuß in den Steigbügel, griff nach dem Sattelknauf, riss sich auf den Rücken des Tieres und zog sich in sicheren Sitz.

Sogleich hämmerten sie den Pferden rücksichtslos die Sporen in die Weichen. Wiehern erklang, die Tiere setzten sich in Bewegung, verfielen geradezu ansatzlos in stiebenden Galopp und jagten in die Richtung, aus der sie gekommen waren, davon.

Ringold kam hoch und riss die Greener an die Seite. Zum Schuss kam er jedoch nicht, denn eine schwere Kugel traf ihn unter dem rechten Schlüsselbein in die Schulter und schleuderte ihn herum, ließ ihn gegen die Hauswand taumeln und an ihr zu Boden rutschen. Ein gequältes Stöhnen brach über seine zuckenden Lippen.

Dann war der Spuk vorbei und die Reiter verschwanden am Ende der Stadt in den treibenden Regenwänden, wie hinter einem grauen Vorhang.

Das Unheil hatte Las Cruses, den friedlichen Countysitz am Rio Grande, heimgesucht, und nun stob es mit wirbelnden Hufen nach Süden, personifiziert in den fünf Kerlen, die von der Habgier und einem hohen Maß an Skrupellosigkeit getrieben worden waren.

Nun kamen Menschen auf die Straße und Geschrei wurde laut. Sie liefen zur Bank und rotteten sich trotz des peitschenden Regens auf der Straße davor zusammen. Drei – vier Männer begaben sich in das Gebäude, einige andere drängten hinterher.

Eine kleine Gruppe scharte sich um Wade Ringold und zwei der Männer halfen ihm, sich zu erheben. In seiner durchschossenen Schulter tobte glühender Schmerz, sein Hemd und seine Jacke saugten sich über der Wunde voll Blut, in den Eingeweiden des Sheriffs rumorte Übelkeit, er atmete gepresst. Der Gesetzeshüter war nahe daran, seine große Not hinauszubrüllen.

Ein älterer Mann, der eine schwarze Tasche trug, näherte sich mit schnellen Schritten. Beim Sheriff angelangt gebot er den Männern, die da standen: »Bringt ihn in sein Office, damit ich mir die Wunde ansehen kann. Ist in der Bank auch jemand verletzt worden?«

»Keine Ahnung«, erwiderte einer. »Geschossen wurde jedenfalls.«

Der Arzt hetzte weiter, während Wade Ringold, schwer auf einen Mann gestützt, dem Office zustrebte. Jemand hatte die Greener, die seinen Händen entglitten war, aufgehoben und trug sie hinterher.

Im Office angekommen ließ er sich hinter dem Schreibtisch schwer auf seinen Stuhl fallen. Sie halfen ihm, Jacke und Hemd auszuziehen, und einer sagte: »Die Kugel steckt in der Schulter. Warten wir, was Doc Talley anordnet.«

Der Arzt erschien schon wenige Minuten später und sagte: »Sie haben dem Bankier eine Kugel in die Brust geknallt. Ich konnte dem armen Burschen nicht mehr helfen. Diese verfluchten Banditen! Ein Menschenleben ist ihnen einen Dreck wert. – Du, scheinst mir, hattest Glück, Wade. Zwei Handbreit tiefer, und du würdest Stan Gesellschaft leisten. Ich muss dir die Kugel aus der Schulter holen. Aber hier kann ich dich nicht operieren. Bringt ihn zu mir. Macht schon, er verliert Blut.«

»Ihr müsst ein Aufgebot bilden und den Mördern folgen«, presste Ringold zwischen den Zähnen hervor. Der hämmernde Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. »Wilson, du musst das übernehmen. Hörst du, Wilson, mobilisiere alle Männer, die ein Gewehr halten und reiten können. Ihr müsst diese Schufte jagen, bis ihnen die Zungen zu den Hälsen heraushängen. Und verständige sämtliche Ortschaften, die im Umkreis von fünfzig Meilen per Telegraph zu erreichen sind. Informiere auch El Paso. Ich schließe nämlich nicht aus, dass sich die Banditen nach Texas absetzen.«

»Du kannst dich auf mich verlassen, Wade«, erklärte ein großer, breitschultriger Mann von etwa dreißig Jahren, nickte dem Sheriff zu, tauchte unter dem Gehsteiggeländer hindurch und stapfte durch den knöcheltiefen Morast zu der Menschenansammlung hin, die den Platz vor der Bank belagerte.

*

Die fünf Banditen stoben über Weideland. Der Regen wusch nicht nur den Staub vom Gras und den Blättern der Sträucher, er würde auch die Spur der fünf Pferde auslöschen. Die Hufe schienen kaum den Boden zu berühren. Nach etwa fünf Meilen schälte sich eine halb verfallene Weidehütte aus dem Grau in Grau, das das ganze Land einhüllte und den Horizont mit dem Himmel verschmelzen ließ. Sie zügelten die Pferde, sprangen ab, banden die Tiere an einer Querstange des größtenteils zusammengebrochen Corrals fest und drängten schließlich in die Hütte, deren Tür schief in den Angeln hing und durch deren Dach Regenwasser tropfte. Im Innern war es düster. Das Fenster war nur ein kleines, unverglastes viereckiges Loch, durch das der Wind den Regen peitschte. Am festgestampften Boden unter dem Fenster hatte sich eine Pfütze gebildet. Auf einem aus Fichtenstangen zusammengenagelten Bett an der Wand lag ein Strohsack, der schwarze Moderflecken aufwies. Diese Hütte war seit Jahren dem Verfall preisgegeben.

Einer der Kerle warf die prallgefüllten Satteltaschen auf den aus groben, ungehobelten Brettern zusammengenagelten Tisch, auf dem eine fingerdicke Staubschicht lag. Sie rissen sich die Hüte von den Köpfen, schüttelte das Wasser aus ihnen, einer fluchte und verdammte das Dreckwetter, und schließlich stieß derjenige, der die Satteltaschen hereingetragen hatte, hervor: »Sicher sitzt uns schon ein Aufgebot auf den Fersen. Darum werden wir das Geld aufteilen und uns trennen. Wir treffen uns in zwei Wochen unten in El Paso. Bis dahin dürfte einiges Gras über die Sache gewachsen sein.«

Es war ein dunkler, indianerhafter Bursche, in dessen hohlwangigem Gesicht ein tagealter Bart wucherte. Die schwarzen Brauen waren über seiner Nasenwurzel zusammengewachsen und muteten an, wie ein schwarzer Strich. Seine Lippen waren schmal, um seinen Mund lag ein brutaler Zug. Er war von hagerer Gestalt und mochte um die sechs Fuß groß sein. Die Verkommenheit stand ihm ins Gesicht geschrieben.

»Es ist in Ordnung, Floyd«, knurrte einer, dessen Ähnlichkeit mit dem Sprecher von eben geradezu frappierend war. »Ich reite mit James. Das ist dir doch recht, wie?«

»Du kannst reiten mit wem du möchtest, Bruderherz. Ich bin sowieso lieber allein. Craig, Blake, ich denke, ihr beide bleibt zusammen.«

Die beiden nickten. Auch in ihren bärtigen Visagen hatte ein unstetes Leben jenseits von Recht und Ordnung unübersehbare Spuren hinterlassen. »Wir sollten keine Zeit verlieren!«, stieß Blake Stewart hervor, ein dreißigjähriger Bandit mit nackenlangen, blonden Haaren und einem knochigen Pferdegesicht.

Jeder erhielt denselben Anteil von der Beute, für jeden waren das fast tausendfünfhundert Dollar. Dann verließen sie die, dem Verfall preisgegebene, Hütte wieder, schwangen sich auf ihre Pferde und ritten auseinander.

Nach kurzer Zeit verloren sie sich aus den Augen. Wes Strother und James Spencer ritten nach Südwesten. Es regnete mit unverminderter Heftigkeit. Nach vorne gekrümmt hockten sie auf den Pferden, die die Hufe müde durch das kniehohe Gras zogen. Sie überquerten den Rio Grande, der hier nicht besonders tief war, sodass das Wasser den Pferden gerade bis zu den Bäuchen reichte. Nachdem sie auf der anderen Seite ihre Vierbeiner die Uferböschung hinaufgetrieben hatten, lag vor ihren Blicken das Mesilla Valley, ein Teil der Chihuahua-Wüste, das lediglich für die Zucht genügsamer Longhorns geeignet war.

Hin und wieder begegneten ihnen Rudel von Rindern. Sie standen oder lagen herum und das Regenwasser lief in Bächen über ihre knochigen Rücken.

Irgendwann stießen sie auf einen Stacheldrahtzaun, an dem sie nach Süden ritten, und dann folgten sie einem schmalen Creek, der irgendwo weiter östlich in den Rio Grande mündete, nach Westen ritten an einem Maisfeld entlang und sahen nach kurzer Zeit die Gebäude einer Farm vor sich. Ein Wohnhaus mit flachem Dach, das mit Grassoden bedeckt war, einige Schuppen, einen Stall und eine Scheune. Eine kleine Koppel und ein Pferch, in dem wahrscheinlich normalerweise Ziegen oder Schafe weideten, waren verwaist. Die Tiere hatte man wegen des Gewitters und des wolkenbruchartigen Regens wohl in den Stall getrieben.

Das gleichmäßige Schlagen einer Schuppentür im Wind war zu hören, im Stall muhte eine Kuh. Die Läden der beiden Fenster des Wohnhauses, zu beiden Seiten der Eingangstür, waren geschlossen. Durch die Ritzen in einem der Läden schimmerte Lichtschein.

»Da gewährt man uns sicher Gastfreundschaft«, rief Wes Strother durch das Jaulen des Windes. »Ein warmes Essen und vielleicht ein Becher voll heißem Kaffee wären nicht zu verachten.«

Sie lenkten ihre Pferde auf den Farmhof und saßen vor dem Wohnhaus ab. Da das Pochen der Hufe im Fauchen des Unwetters untergegangen war, hörte sie im Farmhaus niemand. Sie banden die Pferde an den verkrümmten, rissigen Holm, zogen die Gewehre aus den Scabbards und schnallten die Satteltaschen los, dann klinkte Wes Strother die Tür auf und versetzte ihr einen Stoß.

Am Tisch saßen zwei Männer und eine Frau. Einer der Männer war grauhaarig und bärtig und mochte um die sechzig sein, der andere war etwa dreißig Jahre jünger. Die Frau war ebenfalls jung, allenfalls Mitte zwanzig. Die dunklen Haare hatte sie am Hinterkopf zu einem Knoten hochgesteckt.

Die drei erschraken bis ins Mark, als die Tür aufschwang und nacheinander zwei Fremde die Küche betraten. Eine Laterne, die über dem Tisch von der Decke hing und deren Glaszylinder ziemlich verrußt war, sorgte für etwas Helligkeit, doch sie reichte nicht aus, um den Raum bis in seine Ecken auszuleuchten. Die Gesichter wirkten düster. Die funkelnden Augen, die das trübe Licht reflektierten, standen dazu in einem krassen Kontrast.

»Nicht erschrecken!«, stieß Wes Strother hervor und grinste niederträchtig. Wie zufällig zeigte die Mündung seiner Winchester auf die zu Tode erschreckten Menschen am Tisch. Der Bandit hielt das Gewehr lässig mit nur einer Hand, den Kolben hatte er sich unter die Achsel geklemmt, sein Zeigefinger krümmte sich locker um den Abzug. Wasser rann über sein schmales Gesicht. Er nahm den Hut ab und sein Grinsen wurde breiter. »Ihr habt doch sicher nichts dagegen, dass wir hier im Trockenen, das Ende dieses verdammten Gewitters abwarten. Das Wort Gastfreundschaft ist euch doch gewiss nicht fremd.«

»Ihr hättet wenigstens anklopfen können«, murmelte der Grauhaarige, als er seinen Schreck überwunden und seine Stimme wiedergefunden hatte.

»Nun ja, Höflichkeit ist eben nicht unsere Stärke«, stieß Wes Strother hervor und sein Blick verkrallte sich regelrecht am Gesicht der jungen Frau. Sie war nicht schön, bestach aber durch ihre Fraulichkeit. In die Augen Wes Strothers trat ein habgieriges Glitzern voll teuflischer Tücke.

Der Satan mischte die Karten für ein höllisches Spiel.

*

Coltman kam von El Paso herauf. Der Regen hatte ihn mitten in der Wildnis überrascht und es gab nirgendwo eine Möglichkeit, sich unterzustellen. Aber er war mit einem imprägnierten Regenumhang ausgestattet, der verhinderte, dass er unter seinem schwarzen Gehrock bis auf die Haut durchnässt wurde.

Der schwarze Hengst stampfte unwillig prustend über das Grasland. Immer neue Regenschauer jagte der Sturm über die Ebene im Westen heran. Windböen packten Pferd und Reiter wie mit einer Riesenfaust und drohten sie umzuwerfen. Vereinzelt stehende Bäume bogen sich ächzend und knarrend im Wüten des entfesselten Elements. Abgestorbene Sträucher, die der Sturm aus der Erde gerissen hatte, sogenannte Bodenläufer, hüpften und rollten, getrieben vom Wind, wie große Bälle über das Weideland und verfingen sich an Büschen und Felsen, die hier und dort aus dem Boden ragten.

Ein Stacheldrahtzaun versperrte Coltman den Weg. Er folgte ihm, bis er eine Lücke fand, ritt am Rand eines Maisfeldes entlang und sah schließlich die Gebäude einer Farm vor sich liegen. Coltman zügelte, tätschelte den Hals seines Schwarzen und murmelte: »Hier finden wir sicher Unterschlupf, alter Junge, bis dieser verdammte Regen aufhört.«

Mit einem leichten Schenkeldruck trieb er das Pferd wieder an. Vor dem Farmhaus schwang er sich aus dem Sattel, schlang den langen Zügel um den Haltebalken des Hitchracks und zog die Schrotflinte mit dem abgesägten Doppellauf aus dem Sattelschuh. Drei Schritte brachten Coltman an die Tür heran. Sie war geschlossen und er schlug dreimal leicht mit der Faust dagegen. Vergeblich wartete er auf die Frage, wer vor der Tür stehe oder die Aufforderung, einzutreten. Er pochte noch einmal gegen die Türfüllung, und als sich auch jetzt nichts rührte, klinkte er die Tür auf und öffnete sie.

Im Raum war es düster, fast dunkel, denn die Fensterläden waren geschlossen. Doch die Helligkeit, die durch die Tür hereinfiel, genügte, um Coltman alles erkennen zu lassen. Am Boden lag ein Mann auf der Seite, unter ihm hatte sich eine Blutlache ausgebreitet. Ein zweiter Mann saß auf der Bank an der Wand, doch sein Oberkörper lag – ebenfalls in einer Lache Blut – auf dem Tisch. Coltman konnte sein starres Gesicht mit den glasigen, blicklosen Augen sehen.

Das Blut war zwar schon geronnen, aber es schimmerte noch feucht, war also noch nicht getrocknet. Das sagte Coltman, dass das Drama, das sich hier abgespielt haben musste, erst wenige Stunden zurücklag.

Eine eiskalte Hand schien sekundenlang das Herz des großen Mannes bei der Tür zu umklammern. Fassungslos verinnerlichte er das Bild, das ihm mit erschreckender Schärfe in die Augen sprang. Doch sogleich streifte er seine Erstarrung ab, machte zwei Schritte und ging neben der reglosen Gestalt am Boden auf das linke Knie nieder.

Der Mann war grauhaarig und bärtig, und in ihm war kein Funke Leben mehr. Coltman verspürte Trockenheit in der Mundhöhle. Auch der viel jüngere Mann beim Tisch war tot. Und keiner von beiden war eines natürlichen Todes gestorben; Revolver- oder Gewehrkugeln hatten dem Leben eines jeden ein abruptes Ende gesetzt.

Hinter Coltmans Stirn wirbelten die Gedanken. Da vernahm er ein leises Stöhnen. Es sickerte durch eine Tür, die in einen Nebenraum führte. Coltman lehnte die Shotgun an einen Stuhl, zog den rechten Colt unter dem Regenumhang hervor, spannte den Hahn und betrat den Raum. Seine Faust mit dem Schießeisen beschrieb einen Halbkreis, dem sein Blick folgte.