Ringo 25 – Die Todesfährte

Ringo –25–

Die Todesfährte

Zu jung zum Sterben, California Valley

Roman von Ringo

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74091-571-1

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Die Todesfährte

Roman von Ringo

Jason dachte an sein Messer und den letzten Mann, der durch den scharfen Stahl sterben musste.

Hinter ihm raschelte es leise. Er lag still auf der Kuppe des Hügels und wusste, dass die beiden Rowlands nun kamen. Im nächsten Augenblick schoben sie sich neben ihn. Sie waren wie Katzen, wenn sie einen Auftrag auszuführen hatten.

Das Feuer in der Senke, durch die der Nebenarm des Red River floss, brannte nur noch schwach. Einen Moment sah Jason, wie der Schatten eines Mannes sich erhob. Die Flammen züngelten, einige Funken stoben hoch, und Neal Rowland sagte mit schleppender Stimme: »Sie schlafen noch nicht.«

»Nein«, murmelte Jason. Er hatte nie Furcht gekannt, wenn sein Boss ihn losgeschickt hatte, doch diesmal war alles anders. Er wusste, dass die Rowlands gut waren, aber er mochte sie nicht. »Es ist noch zu früh für uns. Warten wir.«

Jasons Blick wanderte nach Osten. Bald würde der Mond das Buschgelände unter ihnen in fahles Licht tauchen. Dann war es günstig loszuschleichen und das Messer zwischen die Zähne zu nehmen. Jason mochte keinen Lärm, er hasste es geradezu, wenn jemand durch das Knacken eines Revolverhammers gewarnt wurde. Das Messer arbeitete lautlos, das war seine Waffe.

»Jason?«

»Ja«, brummte er, als sich Slim Rowland meldete. »Was willst du?«

»Wir haben nachgedacht«, sagte Slim herausfordernd. »Jason, wir wissen immer ganz gern, für wen wir eigentlich arbeiten. Wer will, dass die drei Burschen unter uns nicht nach Texas kommen, he?«

Sie sind zu neugierig, dachte Jason, ich wusste es doch. Diese Ratten fragen sich, warum ich ausgerechnet sie angeworben habe und nicht mit meinen Freunden geritten bin. Sieh einer an, jetzt lassen sie die Katze aus dem Sack. Vielleicht wollen sie mehr Geld?«

»Für wen ihr arbeitet?«, entgegnete er ungehalten. »Für mich! Noch Fragen, Freunde?«

»Sicher«, antwortete Neal Rowland gähnend. »Wen haben die drei Burschen geärgert? Wer hat dich beauftragt?«

Jason nahm langsam den Kopf herum.

»Ihr seid mir zu neugierig«, sagte er eisig. Er wusste, dass er sie hart anpacken musste und sprach darum so rau. »Ihr habt hundert Dollar Anzahlung bekommen. Noch mal hundert Greenbacks erhaltet ihr, sobald es vorbei ist. Das war abgemacht, alles andere geht euch nichts an.«

Slim Rowland nickte ergeben, die barsche Antwort sagte ihm genug. Slim jedoch gab noch nicht auf.

»Du brauchst doch nicht gleich wild zu werden, Mann«, murrte er. »Man kann doch wohl noch fragen, oder? Jason, so viel Geld ist das nun auch nicht für uns. Denk mal an das Risiko für uns. Wir müssen auf dem Rückweg noch mal durch das Comanchengebiet. Ich meine, wenn für jemanden die drei Burschen da unten so wichtig sind, könnte er etwas mehr ausspucken. Habe ich recht, Slim?«

»Klar«, versicherte Slim hastig. »Was haben sie eigentlich ausgefressen, dass dein Boss sie tot sehen will?«

»Ich habe keinen Boss«, erwiderte Jason scharf. »Jetzt hört mal zu, ihr Strolche, sperrt gut eure Löffel auf: Es gibt keinen Cent mehr, verstanden? Als ich euch in Hays zweihundert Dollar anbot, brauchtet ihr keine Sekunde zu überlegen. Es gab für euch seit Wochen keine Arbeit. Da war niemand, den ihr jagen konntet, um eine Kopfgeldprämie zu kassieren. Ihr habt ganz schön trocken gesessen. Mit mir nicht, Freunde! Versucht nicht wieder, mehr herauszuschlagen. Ich mag solche Methoden nicht, klar?«

»Nun gut«, knurrte Neal. »Du bist dafür bekannt, dass du dein Maul halten kannst. Seit Jahren hast du immer die Taschen voll Geld, aber arbeiten hat dich noch niemand gesehen. Wir sind sicher, du hast einen Boss, und wenn wir wollen, finden wir auch heraus, wer das ist. Vielleicht fragen wir ihn dann selbst. Warten wir’s ab.«

Jason lachte leise und spöttisch. Kopfgeldjäger waren ihm verhasst. Besonders dann, wenn sie so schmutzig wie die Rowlands waren und die Neugierde gepachtet hatten.

»Ich glaube nicht, dass es so laufen wird«, sagte er sanft und höhnisch. »Ihr würdet ihn vielleicht finden, aber mit Fragen ist nicht. Denn vorher, Freunde – vorher wäret ihr tot.«

Jason blickte grübelnd zum Feuer. Die Flammen wurden kleiner, und die Schatten der fünf Pferde verschwammen. Jason dachte an seinen Auftrag, mit allen Mitteln den Sattel des einen Mannes zu beschaffen. Sollten die Rowlands glauben, dass man sie nur angeworben hatte, um drei Menschen zu töten. Sie wussten auch nicht, was im Sattel war.

Fünfzehntausend Dollar, dachte Jason. Es sind schon Leute wegen weniger Geld gestorben.

»Verschwindet!«, sagte er mürrisch. »Wir brauchen hier nicht alle zu liegen und zu warten. Ich sage euch Bescheid, wenn es so weit ist.«

Er war froh, als sie sich zurückzogen. Jetzt konnte er wenigstens reine Luft atmen. Jason blickte wieder nach Osten. Der Mond musste bald aufsteigen. Dann war die Zeit für seinen Besuch gekommen.

*

Clay Slocum hob den Kopf und hielt den Atem an. Das leise Knacken kam vom niedergebrannten Feuer, aber Slocum wusste, dass es nicht dieses Geräusch gewesen war, das ihn geweckt hatte. Er blieb reglos liegen. Nur seine Blicke wanderten über die kleine Lichtung am Bach. Im nächsten Moment ließ das verhaltene Schnauben des Wallachs Slocum zusammenzucken. Das Pferd bewegte sich unruhig. Im fahlen Mondlicht warfen die Büsche lange Schatten. Zwischen ihnen schimmerte in südlicher Richtung das Wasser des Baches. Jäh erinnerte sich Slocum an die Horde Comanchen, die ihnen vor zwei Tagen beinahe in die Quere gekommen wäre. Er hatte sie rechtzeitig entdeckt und war mit Slater und Grant so schnell wie möglich in einen ausgetrockneten Creekarm verschwunden.

Das Pferd schnaubte schon wieder. Slocum hatte es beim letzten Trail des vergangenen Jahres am Cimarronstreifen gefunden. Der Wallach war ohne Zweifel einmal im Besitz eines Weißen gewesen. Er trug ein in Texas unbekanntes Brandzeichen, doch wiederum die Einschnittkerben, die nur ein Comanchenpferd besaß. Irgendwann musste das Pferd den Besitzer gewechselt haben. Anscheinend hatte der Comanche es dressiert. Bereits dreimal war Slocum von seinem Wallach durch Schnauben gewarnt worden, wenn sich Indianer in der Nähe befanden.

Der Gedanke an die Comanchenhorde ließ Slocum handeln. Er zog die Beine an. Seine Hand glitt zum Revolver, während er sich aus der Decke schälte und bis zu den Pferden kroch. Es war windstill geworden. Kein Blatt an den Büschen raschelte. Die Atemzüge von Grant und Slater gingen gleichmäßig. Zu rufen wagte Slocum nicht mehr. Er war sicher, dass sein Fortschleichen einem Beobachter nicht aufgefallen sein konnte. Der Schatten der Pferde hatte Slocum gedeckt, und er blieb neben der Stute Grants zusammengekauert hocken. Seine Linke griff vorsichtig nach einem kleinen Zweigstück und warf es nach Grant.

Sofort bewegte sich Grant. Er war ein vorsichtiger Mann, der den Weg nach Kansas schon viermal mit Slocum gemacht hatte und genau wusste, wie er sich verhalten musste. Grant blinzelte. Er drehte langsam den Kopf und blickte zu Slocums Lager. Clay Slocum stieß ein leises warnendes Zischen aus.

Mehr brauchte Slocum nicht zu tun. Auf Grant war Verlass. Er war der beste Reiter der Star-Wheel-Ranch und kannte seinen Vormann. Slocum hätte ihn niemals zum Spaß aufgeweckt.

Einen Augenblick später kroch Slocum unter den Pferden hindurch und schob sich am ersten Busch vorbei.

Slocum bewegte sich nun mit jener Vorsicht, die ihn heil aus dem Krieg gebracht hatte. Vier Jahre hatte er gegen Comanchen und Jicarilla-Apachen im Nordwesten von Texas kämpfen müssen. Er kannte die Gewohnheiten der Indianer und wusste, aus welcher Richtung sie sich anschlichen. Comanchen und Apachen suchen sich immer den geeignetsten Boden aus, um keinen Lärm bei der Annäherung zu machen. Hier war das Gelände zum Bach hin zwar offen, aber sandig. Ein über Sand gleitender Körper verursachte kein Geräusch, und Slocum schob sich sofort im Bogen nach links. Die harten Jahre des Indianerkrieges hatten ihn gelehrt, sich wie ein Indianer zu bewegen. Er glitt nicht mit dem ganzen Körper über den Boden, sondern schob sich auf Finger- und Fußspitzen weiter. Wenn Comanchen hier waren, kamen sie todsicher vom Bachbett auf die Feuerstelle zu.

Er blieb einen Moment liegen, glaubte, ein Rascheln gehört zu haben und griff zum Messer. Stieß er auf einen Comanchen, musste er ihn lautlos töten, weil Grant und Slater sicher noch dabei waren, aus den Decken zu kriechen und sich in die Büsche zu verdrücken.

Slocum hatte kaum das Messer zwischen den Zähnen, als er jäh zusammenfuhr. Er war keine zehn Schritt von den Pferden entfernt – und das Rascheln meldete sich wieder. Es war hinter ihm.

Augenblicklich begriff Slocum, dass er an seinen Gegnern vorbeigekrochen sein musste. Sie hatten ihn so wenig gesehen wie er sie, und jetzt waren sie schon an der Lichtung.

Slocum durchfuhr eisiger Schreck, aber dann handelte er. Während er das Messer in die Linke nahm, zog er den Revolver hoch und machte kehrt.

Und dann schrie er scharf: »Grant – Slater, Vorsicht, sie sind schon …«

Das war alles, was Slocum noch herausbrachte.

Ehe er den Satz beenden konnte, hallte der Schuss durch die Nacht.

*

Grant schnellte bei Slocums scharfem Warnschrei in die Höhe. Er flog auf die rettenden Büsche zu, sah dann aber, dass eine Gestalt zwischen ihnen kauerte. Der Mann vor Grant riss die Hand hoch. Das matte Blinken des Revolvers ließ den Zureiter einen verzweifelten Satz zur Seite machen. Und dann war der Teufel los.

Aus dem Revolver schoss eine Flammenlanze. Grant hatte den scharfen Knall in den Ohren, ehe er wieder am Boden war. Die Kugel traf schmerzhaft Grants linke Hüfte. Sie schleuderte den Zureiter etwas herum. Er stürzte, entging jedoch der nächsten Kugel und feuerte aus dem Liegen.

Der grässliche Schrei vor ihm fiel mit dem Donner des nächsten Schusses in Grants Rücken zusammen. Dann tauchte der Mann vor Grant aus den Büschen. Es war ein kleiner Mann mit einem flachkronigen Hut. Sein Revolver spuckte Feuer, doch er schoss bereits in den Boden. Der Kleine machte einen halben Schritt, ehe er sich drehte und rücklings in den Busch zurückfiel. Seine Beine schlugen aus, als wollte er noch flüchten.

In derselben Sekunde stieß Slater hinter Grant einen leisen, schrillen Ruf aus. Das Peitschen der nächsten beiden Schüsse hallte dröhnend über die Büsche und das Bachufer. Grant warf sich trotz der rasenden Schmerzen in seiner Hüfte herum.

Noch in der Drehung sah er Slater. Der hagere Cowboy kniete, schwankte aber wie ein Schilfrohr im Sturmwind. Slater hielt den Colt zwischen beiden Händen, er kam jedoch nicht mehr zum Schuss.

Die kleine, geduckte Gestalt rechts von Slater feuerte aus dem Schutz der Büsche und die Kugel schleuderte Slater auf den Rücken. Im selben Augenblick drückte Grant ab. Der Mann hinter den Büschen schrie irgendeinen Namen. Es klang, als riefe er nach ­einem Jim. Schrei und Schuss fielen ­zusammen. Grants blitzschneller Schnappschuss ließ aus dem hellen Schrei des Mannes drüben ein verebbendes Gegurgel werden. Grant war es, während ihn der Schmerz packte und ein Feuerstrom durch seinen Leib zu schießen schien, als hätte er denselben Mann zum zweiten Mal getroffen.

Die Büsche teilten sich – der Kleine torkelte wie ein Betrunkener auf die Lichtung. Er hielt zwei Revolver in den Händen und begann sich, immerfort feuernd, zu drehen. Seine Revolver krachten drei-, viermal, während er sich unbeholfen und tapsend wie ein Bär im Kreis bewegte.

Als Grant noch einmal schoss, fiel der kleine Mann auf die Knie. Das Mondlicht schien ihm ins Gesicht. Der kleine Mann starrte Grant an, ehe er wie eine Puppe nach vorn kippte und sein Gesicht in den groben Sand schlug.

Im nächsten Moment wieherten die Pferde voller Angst. Grant wollte sich drehen und den Colt hochnehmen. Aber plötzlich hatte er das Gefühl, Bleigewichte an den Armen zu haben. Es gelang ihm nicht, den Colt zu schwenken. Seine Hände zitterten so heftig, dass er den Colt fallen ließ. Der Schmerz in seinem Leib wurde zur Höllenqual. Grant sah zu den Pferden, und das Entsetzen raubte ihm den Atem.

An den Pferden und Slocums Schlafplatz schnellte jemand in die Höhe. Der Mann war groß, sehnig und breitschultrig.

Der Sattel, dachte Grant entsetzt, als der Mann sich bückte, er nimmt den Sattel. Clay …

Grant wollte rufen, doch er brachte nur ein Lallen heraus. Jener große Bursche packte den Sattel bereits, fuhr dann aber wie von der Tarantel gebissen herum.

Clay Slocum brach durch den Buschstreifen auf die Lichtung. Im gleichen Moment duckte sich der sehnige Bursche. Grant machte nur eine knappe Bewegung des Mannes aus, ehe er das flirrende im Mondlicht davonschwirrende Messer erkannte.

Es war Slocums Glück, dass der Mond schien. Das flirrende Etwas zischte auf ihn zu. Obgleich der Vormann der Star-Wheel-Ranch sich augenblicklich zur Seite warf, erwischte ihn Jasons Messer. Die Klinge fuhr Slocum nicht in die Brust, wie Jason es beabsichtigt hatte, sie durchbohrte Slocums Oberarm und blieb stecken. Der Messerwerfer erkannte, dass sein Wurf fehlgegangen war. Alles war schiefgelaufen, Jason wusste es. Er hatte es bereits beim ersten Schnauben des Pferdes geahnt. Der verfluchte Knoblauchgestank der Rowlands musste dem Pferd in die Nüstern gekommen sein. Jasons bedrückende Ahnungen, dass diesmal alles anders laufen würde, hatten sich bestätigt. Es hatte keinen lautlosen Überfall gegeben.

Jason riss den Colt heraus, hatte ihn aber noch nicht im Anschlag, als Slocum feuerte. Der Anprall der Kugel unterhalb von Jasons Rippen brachte eine Schmerzwelle, in der sich Jasons Muskeln verkrampften. Jason riss den Abzug des Colts durch. Dann taumelte er, den Sattelgurt in der linken Hand, zurück. Er kam an den Pferden vorbei, als der zweite Schuss krachte. Die Kugel traf einen der Gäule. Das Tier sprang schrill wiehernd in die Höhe. Das Spannseil, an dem sie alle fünf standen, zerriss. Die Pferde waren frei. Plötzlich sah Jason einen großen braunen Schatten auf sich zustürmen. Das Pferd rammte seine rechte Schulter, und er flog im hohen Bogen in die Büsche.

Als er sich aufraffte und der Atem ihm flatternd und schwer ging, hatte er den Sattelgurt verloren. Um ihn waren nur tiefe Schatten – er sah den Sattel nicht mehr. Der Schmerz packte ihn so heftig, dass er sich zusammenkrümmte und losrannte. Er ahnte die Schwere seiner Verletzung, und sein einziger Gedanke war, dass er zu den Pferden musste.

Diese Stinktiere, dachte Jason, als er den sanft ansteigenden Hang zur Hügelkuppe hinauftaumelte – die Rowlands haben alles verdorben. Wenn doch meine Partner dabei gewesen wären …

Es gelang Jason nicht mehr, die Pferde der Rowlands mitzunehmen. Er ließ sie stehen und wusste, dass sie Slocum vielleicht einen Hinweis auf die Herkunft der Rowlands lieferten.

»Ein Glück, dass mich niemand mit den beiden Strolchen zusammen sah«, ächzte Jason.

Die Furcht, dass Slocum ihm sofort folgen könnte, ließ Jason losjagen. Der Schmerz zerriss ihn fast. Irgendwo musste er sich verbinden, wenn er überleben wollte. Er war zäh wie kaum jemand. Und doch war ihm der Tod so nah.

*

»Wasser«, lallte Grant. Er blickte zu Slocum hoch, der eine Deckentrage zwischen zwei Pferden gemacht hatte und nach vorn sah. Die Pferde gingen im Schritt. Slocum hatte sich verbunden und das Messer aufgehoben. Hinter ihnen lag der Bach, an dessen Uferstreifen Slaters Grabhügel war. »Clay, bitte, Wasser.«

»Ich kann dir keins geben«, erwiderte Clay Slocum gepresst. »Grant, du musst es aushalten. Ich weiß nicht genau, wo die Kugel steckt. Du hast nur eine Chance, wenn wir Camp Supply erreichen. Dort gibt es einen Armeearzt.«

Grant spürte jede Bewegung des Pferdes wie einen Stich durch die Hüfte. Er wusste, wie weit es noch nach Camp Supply war – mehr als zwei Tagesritte, wenn die Pferde gut gingen und man keine lange Rast einlegte. In diesem Tempo jedoch würden sie fünf brauchen.

Er würgte plötzlich, seine Kehle war wie zugeschnürt. Dann schrie er: »Ein Bauchschuss. Ich habe einen Bauchschuss! Das ist es und du weißt es genau!«

Nach dem Schrei lag er wie ohnmächtig in der Decke. Er hatte während des Krieges Leute an Bauchschüssen sterben sehen. Der Durst war typisch.

»Ich habe die Kugel im Bauch«, wimmerte Grant. »O mein Gott, ich komme nie nach Camp Supply. Clay, lass mich liegen. Verfolge den Hundesohn, der den Sattel haben wollte –, jage ihn in die Hölle!«

»No«, gab Clay zurück. »Ich lasse niemanden hilflos liegen, das müsstest du doch wissen, Grant.«

»Woher wussten sie es?«, stöhnte Grant. »Der Sattel – der Kerl wollte den Sattel haben. Wer hat es ihnen gesagt?«

»Außer dir, Slater und mir wusste niemand, dass ich das Geld nicht zur Bank brachte«, murmelte Clay düster. »Wir haben es immer im Sattel transportiert, und nur wir drei wussten es. Was war an dem Abend, an dem ich unsere angeworbenen Boys auszahlte, Grant. Ihr habt gefeiert. Warst du betrunken?«

»No.«

»Und Slater?«

»Ich weiß nicht – er feierte mit den mexikanischen Vaqueros«, antwortete Grant mühsam. »Ich hatte schon geschlafen, als er ins Hotel kam.«

»Dann hat Slater geredet«, stellte Slocum düster fest. »Es gibt keine andere Möglichkeit – Slater muss geredet haben. War er betrunken?«

»Ja, Clay.«

Slocum schwieg. So musste es gewesen sein. Slater hatte nie viel Alkohol vertragen.

»Clay?«

»Du sollst schlafen, Grant.«

»Das – das werde ich bald für immer«, würgte Grant hervor. »Clay, lass mich nicht langsam sterben, hörst du? Gib mir meinen Revolver, wenn es zu schlimm wird.«

Clay Slocum antwortete nicht. Es war unsinnig, an ein Wunder zu glauben. Grant lebte keine zwei Tage mehr.

Hoffentlich, dachte Slocum grimmig, habe ich den verdammten Messerwerfer wenigstens so gut erwischt, dass er auch auf der Strecke bleibt. Der Kerl verlor viel Blut.

Slocum dachte an die Fußspur und die beiden Pferde mit dem Halsey-Brandzeichen. Er wusste, dass die Halseys nie an Händler verkauften. Wer ein Pferd haben wollte, musste es auf der Ranch aussuchen und dort auch bezahlen. Die Halseys hatten den Zwischenhandel ausgeschaltet, sie würden wissen, wem sie die beiden Pferde verkauft hatten.

Vielleicht ritt der dritte Mann auch ein Halsey-Pferd, dachte Slocum. Ist es so, kaufe ich ihn mir beim nächsten Auftrieb, wenn wir wieder nach Norden ziehen. Ich hoffe, er kommt nicht mehr zurück, dann spare ich mir die Suche im Herbst.

*

Vor Jason hob und senkte sich der Horizont. Jason hatte das Gefühl in einem winzigen Boot zu sitzen und auf dem Ozean zu treiben. Es waren nur sein eiserner Wille und seine Zähigkeit, die ihn im Sattel hielten. Seitdem er wusste, dass es mit ihm zu Ende ging, dachte er kaum noch an die Gefahr durch Comanchen. Er musste seinen Boss erreichen. Wenn es etwas in Jasons Leben an anständigem Gefühl gegeben hatte, so war es seine Treue gewesen. Niemals hatte er vergessen, wenn ihm jemand geholfen hatte. Sein Boss hatte ihn mit einem Trick aus dem Jail geholt, indem er bei der letzten Verhandlung für einen gekauften Zeugen gesorgt hatte, der Jason entlastete. Damals hatte Jason noch nicht für seinen Boss gearbeitet. Er war ein ruhiger Mann gewesen, von dessen Messer man wenig gewusst hatte.

Jason stöhnte schwer, presste aber die Lippen zusammen, als er über dem Horizont einige kleine Striche auftauchen sah. Das schwankende Bild verschob sich immer wieder. Die Stangen verschwanden, und Jason entdeckte sie erst wieder, nachdem er gehalten und sich etwas erholt hatte.

Es waren vier Reiter.

»Sie kommen«, flüsterte Jason. Ein zufriedenes Leuchten überzog sein Gesicht. »Sie haben mich gesehen – sie sind es.«

Danach lag er still. Das Fieber fraß ihn auf. Er hatte keine Kraft mehr, gegenanzukämpfen. Zwei volle Tage war Jason im Sattel geblieben. Der Plan, den sein Boss gehabt hatte, sah eine Verfolgung von Slocum und dessen angeworbener Treibermannschaft vor. Slocums mexikanische Vaqueros waren in Dodge City auf Bekannte gestoßen, die auch eine Herde nach Norden gebracht hatten. Bei Mexikanern wusste man nie, wie lange sie feiern würden, und Jasons Boss hatte damit gerechnet, dass Slocum zwar früher aufbrechen, aber unterwegs auf seine Vaqueros warten würde.

Er hat nicht gewartet, dachte Jason, der Boss muss es gemerkt haben. Er kommt vor Slocums Treibern. Ich hatte recht.

Das Dröhnen des Hufschlags ließ Jason stöhnen. Er glaubte, in einer Trommel zu sitzen. Dann verstummte das Klopfen der Hufe.

»Jason!«

»Hallo«, sagte er matt. Die Gesichter vor ihm tanzten auf und nieder, nur eins blieb deutlich – das Gesicht seines Bosses. »Hatte ich recht, Boss? Die Rowlands haben alles verdorben.«

»Wo sind sie, Jason?«

»Tot«, gab Jason zurück. Er fühlte, dass man ihn anhob. Dann lag er auf dem Rücken im Gras und hatte endlich nicht mehr das Gefühl, in einem Boot zu sein. Er bat um Wasser. Danach fühlte er sich so frisch, dass er alles erzählen konnte. Als er am Ende war, fluchte sein Boss eine halbe Minute verbissen.

»Verdammt, Jason, wie konnte das passieren? Wo, zum Teufel, ist Slocum hin?«

»Ich denke, er wird mit dem Verwundeten nach Camp Supply reiten«, erwiderte Jason. »Vielleicht schickt die Armee eine Streife aus.«

»Das hieße, er wäre erst in drei Tagen bei der Armee«, überlegte Jasons Boss laut. »Die Sache war am Sycamore Creek, sagst du? Dann bist du auch nicht schnell gewesen. Bis zum Sycamore sind es sechzehn Stunden Galopp, nicht mal einen Tag, und du hast zwei gebraucht, um bis hier zu kommen.«

Jason wunderte sich über den herabsetzenden Ton in der Stimme des Mannes, dem er die Treue gehalten und für den er jede schmutzige Arbeit gemacht hatte. Der Mann mit den dunklen Augen stand langsam auf.

Im nächsten Moment verlor Jason beinahe den Verstand.

»Tut mir leid«, sagte Jasons Boss eiskalt. Er hielt den Revolver in der Faust. »Mitnehmen kann ich dich nicht, ist dir das klar? Und zurücklassen erst recht nicht. Du verstehst das doch, Jason?«

Er verstand alles. Wie gebannt starrte er die Revolvermündung an. Die Furcht verlieh ihm so viel Kraft, dass er sich aufsetzen konnte. Entsetzt sah Jason, wie sein Boss Schritt für Schritt zurückwich.

»Aber – das, das kannst du doch nicht tun, Boss?«, lallte Jason. »Boss, ich habe doch immer alles getan, was du wolltest, ich kann schweigen!«

»Das Fieber ist zu hoch«, sagte der Mann mit den dunklen Augen leise. »Du bist zäh genug, um noch zu leben, wenn dich eine Patrouille findet, Jason. Mit Fieber redet man zu viel. Tut mir leid, Jason.«

»Mein Gott«, stammelte einer der Begleiter und wurde aschgrau. Er taumelte zurück. »Blacky, warum das – warum?«

»Narr«, sagte der Mann mit den kalten dunklen Augen. Er nahm Jasons Revolver und feuerte ihn zweimal ab. »Man muss an alles denken. Jetzt können sie ihn finden. Seinen Revolver stecke ich wieder in sein Halfter. Wir reiten nach Camp Supply, verstanden? Ist Slocum vor uns dort gewesen, haben sie vielleicht eine Patrouille losgeschickt. Wenn nicht, brauchen wir uns auch nicht zu melden. Müssen wir es aber tun, erzähle ich, ein Verrückter hätte das Feuer auf mich eröffnet. Ich schoss zurück und traf ihn. Es wird sich dann mit dem Bericht decken, den die Patrouille macht. Jason schoss zweimal, ehe ich feuerte, begriffen?«

»Blacky, was machst du aber, wenn sie herausfinden, für wen Jason unterwegs war?«, stöhnte der Mittelgroße furchtsam. »Sie stoßen doch unweigerlich auf dich.«

»Unsinn«, sagte Jasons Boss wegwerfend. »Wer weiß schon, dass er mein Mann war? Und du würdest es ihnen doch nicht sagen, oder, Charlie?«

Charlie erbleichte. Er starrte auf den Revolver, aus dessen Lauf der Rauch sich kräuselte. In diesem Moment wusste er, warum es noch niemandem gelungen war Blacky zu erwischen. Wer reden wollte, der starb. Dasselbe würde ihm passieren.

*

Clay Slocum blickte auf seinen Sattel und dann erst auf die kleine alte Frau mit der fleckigen Schürze und den verarbeiteten Händen. Er sah hinter ihr das blasse Gesicht von Adams, der seine Tochter in den Arm genommen hatte. Antonia Adams schluchzte leise, und Slocum biss sich auf die Lippen. Jedes Mal, wenn ein Mann nicht vom Trail heimkehrte, hatte sich Sam Wheeler, der Boss der Star-Wheel-Ranch, davor gedrückt, zu den Hinterbliebenen zu gehen.

Mrs Grants Hände zitterten. Sie hielt den Kopf gesenkt, und es kam Slocum vor, als wäre ihr Haar grauer geworden.

»Warum?«, fragte sie dann so leise, dass Slocum Mühe hatte, sie zu verstehen. »Mr Slocum, warum tat man das?«

»Ich weiß es nicht«, gab Clay bitter zurück. Er hatte alles gesagt, was sie wissen durften. Weder Adams noch Mrs Grant sollten erfahren, dass Lee Grant durch Slaters Schwatzhaftigkeit gestorben war. »Ich habe keine Ahnung, wer der dritte Mann war. Die anderen beiden hießen Rowland, Slim und Neal Rowland. Sie waren Kopfgeldjäger. Man kannte sie in Camp Supply.«

»Ich verstehe das nicht«, murmelte Adams brüchig. »Clay, hatte Lee einen Zusammenstoß mit den Kopfgeldjägern? Sie müssen doch einen Grund gehabt haben, euch zu folgen?«

»Slater war am letzten Abend in Dodge City allein unterwegs«, antwortete Slocum. »Vielleicht hatte er Ärger mit einem der Burschen?«

Antonia Adams schluchzte heftiger. Sie und Grant hatten eines Tages heiraten wollen, und es war Grants Ehrgeiz gewesen, so viel Geld als Zureiter zu verdienen, dass er die Pferdehandlung des alten Luke Bannister am Cat Yaw Creek kaufen konnte. Grants Mutter lebte bei den Adams. Sie half in Adams Hotel aus, um nicht auf Lees Geld angewiesen zu sein. Die alte Frau hatte genug Schicksalsschläge einstecken müssen. Ihr Mann und eine Tochter waren gestorben, einer der Söhne im Krieg geblieben und nur Lee und Bill waren ihr geblieben. Bill diente bei der Armee. Jetzt hatte sie nur noch ihn. Er war in Fort Aubrey stationiert.

»Starb er ohne Qual?«

Mrs Grants Stimme zitterte.

»Ja«, log Slocum. »Ich hoffte, ihn nach Camp Supply durchzubringen, doch er bekam hohes Fieber. Er schlief sanft ein.«

Die alte Frau erhob sich mühsam. Sie wandte sich um und ging wortlos hinaus. Ihre schlurfenden Schritte verloren sich im Flur.

»Ich – ich muss zu ihr«, stammelte Antonia Adams. Sie löste sich aus den Armen ihres Vaters und lief hinaus.

Einen Augenblick war es still in der Küche des Hotels. Slocum hörte, wie draußen ein Wagen vorbeifuhr. Ein Trupp Reiter jagte die Straße hoch und verschwand in Richtung Fort Phantom Hill. Dann wurde es wieder ruhig in Abilene.

»Clay, warst du schon beim Sheriff?«, fragte Adams leise. »Slater und er kannten sich gut, sie stammen beide vom Brazos. Dort leben auch Slaters Leute. Du hast sicher keine Zeit, noch einen Umweg zu machen, wie?«

»Ich hätte schon diesen nach Abilene nicht machen dürfen«, erwiderte Slocum. »No, ich muss noch zum Sheriff und Slaters persönliche Habe dort abliefern. Sam Wheeler kann dann an Slaters Vater schreiben. John, kann ich hier schlafen? Ich bin todmüde.«

Adams nickte. Slocum bekam das Zimmer, das er schon zweimal bewohnt hatte. Nachdem Adams gegangen war, schob Slocum den Sattel unter das Bett. Dann verließ er das Zimmer, schloss die Tür ab und steckte den Schlüssel ein. John Adams hantierte in der Küche.

»Gehst du jetzt, Clay?«, fragte er. »Sag mal, ritt Slater sein eigenes Pferd?«

»No, John. Nur der Sattel gehörte ihm, ich bringe ihn Sheriff Stokes.«

Slocum trat aus der Hintertür. Im Anbau neben dem Stall brannte noch Licht, und der alte Ferguson, Adams Gehilfe, streckte den Kopf aus der Tür.

»Clay, sie sind versorgt«, meldete er sich hüstelnd. »Ich habe deine Pferde in den Stall gestellt – die Tür ist offen.«

»Ich hole nur Slaters Sattel«, erwiderte Slocum. »Hast du ihn neben die Tür gelegt?«

Wenig später verließ Slocum mit Slaters Sachen den Hof. Als sich seine Schritte verloren, hob der Mann auf dem Dach des Wagenschuppens den Kopf. Dann kroch er blitzschnell bis zur hinteren Dachkante. Unter ihm lag ein schmaler Gang mit einer Ecke voller Gerümpel, durch den man zur Gasse kommen konnte. Der Gang wurde von Adams nicht mehr benutzt. Ein Brettertor schloss ihn zur Gasse ab.

»Ssst«, zischelte der Mann leise. »Was ist – wollen wir es jetzt tun? Ich weiß, in welchem Zimmer er schlafen wird. Er nahm den Sattel und schob ihn unter das Bett.«

»Und der Alte – der Stallhelp? Hast du nicht gehört, was er sagte? Wir warten.«

»Boss, jetzt ist die beste Zeit. Ferguson stopft seine Socken, der schließt nicht so schnell ab. Wir müssen es tun, ehe Slocum zurück ist.«

»Mein Gott, mein Gott«, würgte der mittelgroße Mann hervor. Er stand an der Rückfront des Schuppens und schwitzte vor Angst. »Das ist doch Wahnsinn, Blacky, gib es auf.«

»Fünfzehntausend beschissene Dollar?«, knirschte der Mann mit den dunklen Augen. »Das wäre Wahnsinn, Mann. Du hast nichts weiter zu tun, als die Augen offen zu halten.«

Sie waren schon seit einer Stunde hier und hatten Slocum kommen sehen. Es war ihnen gelungen, ihm auf den letzten Meilen in einem Gewaltritt zu überholen. Dass der Vormann der Star-Wheel-Ranch nach Abilene reiten und nicht zum San Saba River wollte, hatten sie in Camp Supply erfahren. Einer von ihnen kannte sich in Abilene gut aus. Sie hatten jetzt die Chance, an den Sattel zu kommen, ohne etwas zu riskieren.

»Blacky, tu es nicht«, stöhnte der mittelgroße Mann. »Es ist zu gefährlich. Wenn uns jemand sieht?«

»Bei der Dunkelheit?«, spottete Blacky. »Bleib hier stehen. Nähert sich jemand, gibst du Zeichen. Los, die Leiter!«

Er griff nach der an der Schuppenwand hängenden Leiter und sah über sich das Gesicht an der Dachkante.

»Ist sie lang genug?«, fragte er. »Los, komm runter.«

»Sie reicht zweimal«, erwiderte der Mann auf dem Dach und rutschte über die Kante. »Achtung, ich lasse mich fallen.«

Als er dicht neben der Gerümpel­ecke landete, stockte Charly der Atem. Beim Aufprall gab es ein hässliches lautes Knacken. Der Mann war auf ein morsches, von Gras überwuchertes Brett gesprungen. Das Geräusch ließ sie alle erstarren. Blacky lauschte, doch es rührte sich nichts.

»Charlie«, zischte er, indem er dem Mittelgroßen in das blasse Gesicht sah, »eines Tages wirst du noch vor Angst sterben.«

Er hatte keine Ahnung, wie recht er behalten sollte.

*

Einige Sekunden rührten sie sich nicht. Blacky hatte sich noch neben der Leiter ducken können. Der zweite Mann war an der Hausecke zu Boden gesunken. Schlimmer war es für den dritten auf der Leiter. Er hatte das Fenster gerade mit seinem Messer aufgedrückt, als das Licht hinter einem der unteren Fenster aufflackerte und binnen Sekunden heller wurde. Das Haus besaß einen Seitenflügel, in dem John Adams schlief.

Adams Schlafzimmerfenster war kaum zehn Schritt entfernt. Das Licht beschien die Rückfront des Hauses, an der die Leiter lehnte. Einige Atemzüge lang wagte sich niemand zu bewegen. Der Mann auf der Leiter hielt den Fensterflügel fest und sah von oben nur Adams Füße. Dafür konnte Blacky Adams von der Brust aufwärts sehen. Blackys Schreck dauerte jedoch nicht lange. Das Licht war nicht hell genug. Adams konnte sie unmöglich sehen.

»Weiter!«, zischte Blacky scharf. »Schnell!«

Der Mann über ihm handelte sofort. Er schwang sich lautlos über das Fensterbrett in Slocums Zimmer. Behutsam setzte er die Stiefel auf, als er  zum Bett schlich. Dann zog er den Sattel langsam hervor. Es schnurrte leise auf den Dielen. Indem er die Steigbügelriemen packte, hielt er sie vom Sattel ab, damit die Bügel nicht zusammenschlugen. Gleich darauf war er wieder am Fenster. Jetzt richtete sich Blacky neben der Leiter auf und hob die Arme. Blacky blickte dem langsam herabschwebenden Sattel entgegen, schielte dabei aber zu Adams. Der verließ in diesem Augenblick sein Schlafzimmer.

»Lass los«, zischte Blacky. Er hatte den einen Steigbügel zu packen bekommen und fing den Sattel auf. Der andere Steigbügel knallte ihm auf die Schulter. Er hatte Mühe, einen Schrei zu unterdrücken, ließ den Sattel sinken und erstarrte.

Die Tür des Stallanbaus knarrte.

Ferguson, dachte Blacky entsetzt, der alte Stallhelp kommt.

Die schlurfenden Schritte des alten Ferguson wanderten zur Stalltür. Ferguson brummelte vor sich hin, der Türriegel klapperte leise, das Schließgeräusch war deutlich zu hören.

Ferguson rüttelte noch einmal an der Stalltür, ehe er sich dem Hoftor zuwandte. Charlie brach der kalte Angstschweiß aus. Er wusste, dass Ferguson nach wenigen Schritten dicht an der Hausecke vorbeigehen würde. Vielleicht sah der Alte nicht nach rechts, doch tat er es, musste er die Leiter und die drei Männer sehen.

Ich hab’s gewusst, dachte Charlie und begann am ganzen Leib zu zittern, es geht schief. Der Alte sieht sie. O mein Gott, Ferguson ist kein Narr, der schreit sofort los. Blacky, jetzt bezahlst du für deinen Wahnsinn!

*

Der dritte Mann hielt ebenfalls den Atem an. Er kauerte im Fenster und sah den Alten zum Tor gehen. Im gleichen Moment stieß sich Blacky von der Hausfront ab. Jetzt zeigte sich die ganze Kaltblütigkeit des großen dunkeläugigen Mannes. Blacky holte ihn kurz vor dem Tor ein, schwang den Arm hoch und wollte zuschlagen, als sich Ferguson jäh umsah. Der Alte hatte das Knirschen von Leder hinter sich gehört.

Ferguson sah nur noch einen Schatten und die Leiter an der Hauswand. Es war ein einziger, kurzer Blick, der dem Alten noch blieb. Den Bruchteil einer Sekunde später löste sich das Bild vor Ferguson in einem grellen Blitz auf.

Blackys Hieb ließ Ferguson auf der Stelle zusammenbrechen. Der große Mann fing den Alten auf, ehe er zu Boden schlug. Dann sah er sich kurz um und winkte.

Sie sprachen nicht, als sie Ferguson hochhoben und davontrugen. Der andere Mann folgte Blacky bis zum Anbau. Dort hielt er den Alten fest. Blacky öffnete die Tür, deutete auf das Bett und knurrte: »Leg ihn hin, gib ihm einen Knebel und binde ihn fest. Da ist ein Strick.«

Draußen wartete schon der dritte Bursche.

»Blacky, der Sattel liegt im Gang. Hilf mir die Leiter wegschaffen.«

»No«, zischte der große Mann. »So geht es nicht. Wenn Slocum kommt, sieht er todsicher nach dem Sattel. Der Kerl ist schlau, er wird sofort sein Pferd nehmen und mit einer Laterne eine Runde um die Stadt reiten. Dann findet er die Spur von fünf Pferden und weiß genug. Kein Risiko mehr.«

Der andere erstarrte und schluckte.

»Du hast doch zu Charlie gesagt, du würdest dir nur den Sattel nehmen, Boss.«

»Das sagte ich, um ihn zu beruhigen. Der Narr hat keine Nerven«, flüsterte Blacky. »Ich riskiere nichts.«

Er ging kaltblütig über den Hof um die Hausecke. Als er die Leiter hochstieg, blieb der Dritte unten stehen und presste die Lippen zusammen. Er kannte seinen Boss.

Clay Slocum war schon so gut wie tot.

*

Sie legten die Leiter hin und sahen ihn an. Sie wussten, dass er ein Feigling war, der nie etwas geleistet hatte. Er war ein Versager gewesen, solange er denken konnte. Jetzt begann er zu zittern. Sein Gesicht war aschgrau, sein Mund blieb offen. Er versuchte krampfhaft die Kiefer zusammenzupressen, doch es gelang ihm nicht. Die Angst, jene gemeine Furcht, die sein zweites Ich geworden war, schüttelte ihn durch.

Charlie fror wie ein Hund, den man in eine Winternacht hinausgejagt hatte. Dabei hatten sie Mai. Es war die Zeit der großen Hitze in Texas.

»Sei ruhig!«

Der stämmige Mister, dessen Aufgabe es gewesen war, in Slocums Zimmer einzusteigen und den Sattel zu holen, machte einen langen Schritt. Er wusste, dass Charlie leicht die Nerven verlor. Charlie drehte durch, weil er gesehen hatte, wie Blacky in das Fenster geklettert war und es geschlossen hatte. Es gab keine Leiter mehr, die Slocum hätte sehen können.

»Wenn du durchdrehst«, sagte der stämmige Mister drohend. Seine Hand schnappte plötzlich nach dem Revolver. Dann zuckte der Lauf der Waffe hoch und saß Charlie am Kinnwinkel. »Ich schwöre dir, Charles, ich hau dich um. Und was danach mit dir passiert, ist nicht mehr meine Sache. Er sagt, er muss es tun.«

»Nein …, nein!«

Er schrie fast. Erst der wilde Druck der Revolvermündung ließ ihn ruhiger werden.

»Nein, das könnt ihr nicht machen. Davon war nie die Rede. Um Gottes willen, es geht schief, ich bin ein erledigter Mann, ich bin am Ende, wenn das herauskommt. Keinen Mord, bitte, Joe.«

»Du brauchst niemanden umzubringen«, zischte Joe. »Slocum ist kein Narr. Wenn der rechnen kann, dann weiß er, dass wir uns in Abilene ausgekannt haben müssen, sonst wären wir nie in das Zimmer gekommen. Er oder wir, verstanden?«

»Großer Gott, nur das nicht – das nicht«, stammelte Charles. »Meine Existenz –, ich bin erledigt, wenn es herauskommt.«

Charles starrte auf den Revolver. Seine Kinnladen zitterten, seine Knie waren weich wie Pudding.

»Einen Schluck …, bitte, einen Schluck.«

Der dritte Mann war schon da. Sie wussten, dass der »Schluck« schon immer Charles letzte Rettung gewesen war. Er ertränkte seine Feigheit und sein Versagen im Brandy. Manchmal hatte er danach sogar so etwas wie eine Spur Mut.

»Da!«

Der dritte Mann hielt ihm die Flasche hin. Charles setzte sie an. Er trank bis die kleine Blechflasche leer war.

Sie hörten plötzlich Schritte. Jemand kam die Gasse herauf.

»Ssst, runter!«

Gleich darauf kauerten sie am Boden, hatten Charles in die Mitte genommen. Joe hielt dem zitternden Trinker den Colt vor das Gesicht.

»Keinen Laut, sonst …«

Der Mann näherte sich, bog an der Zaunecke um und trat an das Hoftor.

Es war still und friedlich hier. Im Anbau schlief der alte Ferguson schon. Das Licht war erloschen, und der Mann ging quer über den Hof auf die Hintertür des Hauses zu. Sie rührten sich nicht, aber sie spürten, wie Charles zitterte. Sie brauchten ihn, sonst hätten sie ihn längst abgeschoben.

»Clay?«

Die Stimmen waren durch die geschlossene Hintertür zu hören.

»Ja, ich bin es. Alles in Ordnung, der Sheriff weiß Bescheid. Ich rede noch mal morgen früh mit ihm.«

Im Haus klappte eine Tür. Dann hörten sie, wie die Schritte die Treppe ins Obergeschoss hochwanderten.

Oben wartet der Boss, dachte Charlie, er bringt ihn um. Großer Gott, hätte ich mich doch nie mit ihnen eingelassen.

Es war zu spät, es gab keine Umkehr für ihn. Er hatte das Gefühl, dass sie einen Fehler machten, der sie alles kosten konnte.

*

Slocum kam herein und ahnte nichts. Er sah nicht einmal den Schatten, der sich blitzartig drehte.

Der Mann  mit den dunklen Augen schlug die linke Hand flach gegen Slocums Hals. Es war ein Hieb, der niemand mehr schreien ließ.

Gleichzeitig stieß der Mann die Rechte vorwärts. Er wusste, dass er genau traf und der Stich absolut tödlich war.

Clay Slocum sah plötzlich einen gleißenden Feuerball aus weiß glühendem Licht. Er stand still, er war zu keiner Abwehrbewegung gekommen. Das grelle Licht schwand und machte Bildern Platz, die aus seiner Vergangenheit kamen und wieder verschwammen. Er sah den Fluss und das Haus am Ufer. Dann tauchten Rinder auf. Sie lagen sterbend am Boden. Vor ihm stand ein Mann, breitschultrig und dunkelblond. Der Mann schoss auf die kranken, langsam verendenden Rinder. Dann drehte er sich um.

»Wir müssen arbeiten«, sagte der Mann mit den hellen Augen. »Clay, wenn wir jemals wieder Rinder auf unserer Weide haben wollen, müssen wir uns trennen. Du wirst Sam Wheelers Vormann sein. Ich gehe mit Gypsum wieder zur Armee. Eines Tages haben wir genug Geld zusammen, um uns Hereforder kaufen zu können, denen keine Texaszecken-Seuche etwas mehr anhaben kann. Bruder, das gibt ein paar harte Jahre, aber wir werden sie durchstehen!«

»Ja«, sagte Clay. »Einige harte Jahre, Ben. Ben, halt mich fest. Ich falle, Ben. Ben …«

Was sagt er, dachte der Mann mit dem Messer, was redet der? Er verstand ihn nicht, er hielt ihn und ließ ihn dann sacht gleiten.

Clay Slocum hatte noch etwas gesagt, aber sein Mörder hatte es nicht verstanden.

Er wusste nicht, dass es noch einen Slocum gab.

*

Das blonde Mädchen in der Tür der US-Mail-Station von Fort Mason, Arizona, begann zu lächeln. Das Lächeln galt nicht dem Major, der vor seiner Schwadron ritt. Das Girl sah den Mann hinter dem Major und hob die Hand.

»Sie kommen«, sagte Laureen Benton, indem sie den Kopf wendete. »Ben ist wieder da, Dad.«

Der Alte hinter ihr humpelte ins Freie. Sein Holzbein tackte über die Steinplatte vor der Tür. Dann kniff er die Augen zusammen. Hinter dem Scout Ben Slocum kam der Wagen. Auf dem Bock saß Gypsum Long, den uralten Hut mit der Krempe, an der Ratten genagt zu haben schienen, schief auf dem runden Kopf. Die Plane des Covered wehte hinten hoch, und der alte Benton sah die beiden Köpfe. Am Endbrett saßen zwei Männer mit verbissenen Gesichtern.

»Alle Teufel«, stieß Benton hervor. »Graddison und Wrigley, die beiden Burschen? Warum sitzen sie denn, he?«