Mami 1865 – Ein Baby bleibt nicht allein

Mami –1865–

Ein Baby bleibt nicht allein

Viele Herzen schlagen für Wölfchen

Roman von Isabell Rohde

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74091-569-8

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Obwohl Luitgard Spanholz nie geheiratet oder ein Kind bekommen hatte, hielt sie sich in allen Bereichen des menschlichen Daseins für eine absolute Expertin. Und was die Säuglingspflege und Kindererziehung betraf, machte ihr erst recht keiner was vor.

Schon vor mehr als dreißig Jahren hatte sie bei der Familie von Professor Bergmann als Kindermädchen begonnen und die drei Kinder des Ehepaars, Albrecht, Ilse und Anna gepflegt und gehegt und sie zu strebsamen jungen Menschen aufwachsen sehen. Jahre später, als erst Albrecht und dann seine jüngeren Schwestern flügge wurden, hatten der Professor und seine Frau sie gebeten, als Haushälterin bei ihnen zu bleiben. Sie stimmte zu, aber nun gab es nicht mehr viel für sie tun. Da sie aber respektiert und geschätzt wurde, ertrug sie die Langeweile, die sich nur zu schnell in einem Haus ohne Jugend breitmacht, recht gut.

So gingen die Jahre dahin. Und nicht selten kam es Luitgard so vor, als sei die Zeit trotzdem stehengeblieben und das Schicksal, das es doch immer gut mit ihr meinte, habe sie einfach vergessen.

Aber dann, es war vor gut anderthalb Jahren, zeigte sich, daß Albrecht, den sie doch schon als fünfjährigen kennengelernt hatte, über ein besseres Gedächtnis verfügte als die Macht des Schicksals. Luitgard hatte immer sehr viel für den aufgeweckten und zielstrebigen Jungen empfunden. Nun war er ein richtiger Mann und gerade zum Staatssekretär berufen worden, stand kurz vor seiner Eheschließung mit einer schönen, eleganten Frau und bat seine alte Vertraute Luitgard, als Hausdame zu ihm zu kommen.

Eine Hausdame war etwas feineres als eine Haushälterin. Luitgard hätte sich eine dumme Kuh nennen müssen, wenn sie nicht auf sein Angebot eingegangen wäre.

Daß ihr Liebling dann vor vier Monaten ganz unerwartet zum Landesminister der Finanzen ernannt wurde, damit hatte allerdings keiner gerechnet. Und so kam es, daß sie nun einen richtigen Ministerhaushalt vorstand und sich manchmal in die runden Wangen kniff, um ja nicht zu vergessen, welche verantwortungsvolle Aufgabe ihr das Schicksal doch noch aufgeladen hatte.

Natürlich machte Luitgard ihre Sache gut. Sie kontrollierte die Arbeit der Zugehfrau und ließ Köchin und Diener, die zu besonderen Anlässen engagiert wurden, keine Minute aus den Augen. Und Karl, der einmal wöchentlich im Garten für Ordnung sorgte, hatte unter ihrem Regime auch nicht viel zu lachen.

Aber heute, an diesem trüben Nachmittag im Oktober, war plötzlich alles anders – denn Luitgard zweifelte an ihrem Verstand. Schon seit einer Viertelstunde stand sie wie gelähmt am Küchenfenster und schaute in den herbstlichen Garten des Ministerbungalows hinaus.

Währenddessen wurde der Tee für die junge, gnädige Frau, der nur drei Minuten ziehen sollte, schwarz und schwärzer und der Zeiger der Uhr bewegte sich langsam, aber erbarmungslos auf das Ende der Teezeit zu.

Luitgard starrte weiterhin wie benommen aus dem Küchenfenster. Dabei fragte sie sich, ob sie nicht einfach im Ministerium anrufen, Albrecht verlangen und ihn über die seltsamen Vorgänge in seinem Heim informieren sollte.

Nein, dazu fehlte ihr denn doch der Mut. Albrecht war kein Bübchen und kein Jüngling mehr, sondern ein bedeutender Mann! Außerdem – eine Hausdame jammerte ihrem Chef doch nicht so einfach die Ohren voll! Die Zeiten hatten sich geändert. Sie mußte selbst einen Weg aus dieser entwürdigenden Situation finden.

Und so grübelte sie weiterhin darüber nach, was die gnädige Frau um Himmels Willen dazu brachte, sich so ausgiebig mit dieser unangenehmen und fremden Besucherin im Salon zu unterhalten.

Sonja Kubelik hatte sich die aufdringliche Person genannt, sich mit ihrem Baby in einer großen Tasche am Sicherheitsbeamten vor dem Haus und ihr, der Hausdame vorbei gekämpft und frech behauptet, sie sei eine Freundin von Frau Bergmann. So hatte Luitgard wie gelähmt vor Entsetzen mit ansehen müssen, wie sie dann tatsächlich mit der gnädigen Frau allein im Salon verschwunden war.

Sie, als würdige Hausdame hätte sie gleich zu Anfang zum Teufel schicken sollen. Aber dazu war es zu spät. Und nun saß diese Person immer noch im Salon.

Nein, so ein Benehmen paßte Luitgard nicht. Aber was sollte sie tun?

In diesem Moment drang ein quäkendes Geräusch in die Küche. Luitgard wußte sofort, daß es das Baby dieser Frau Kubelik war. Wahrscheinlich hatte der Kleine Hunger. Geräusche von Kindern aller Altersgruppen waren ihr ja vertraut.

Da wurde die Küchentür aufgestoßen. Maja Bergmann, schlicht, aber exquisit gekleidet wie immer wenn sie sich zu Hause aufhielt, stürmte mit einem Glas in der Hand herein.

»Können Sie das aufwärmen, Frau Spanholz?«

»Das da?!« fragte Luitgard und verzog das Gesicht. »Was ist denn da drin, gnädige Frau?«

»Babynahrung. Bananenbrei mit Honig steht drauf.«

»So’n neumodisches Futter kriegt der Kleine? Na, bei der Mutter wundert mich gar nichts mehr.«

Maja überhörte das. »Und dann servieren Sie uns bitte den Tee. Frau Kubelik möchte noch ein Täßchen trinken, bevor sie uns verläßt.«

Luitgard machte sich kopfschüttelnd an die Arbeit. Na, wenigstens verzog sich diese Person mit ihrem Winzling, wenn sie ihren Tee bekommen hatte. Der Anruf bei Albrecht im Ministerium blieb ihr erspart.

Kurz darauf trug sie das Tablett mit dem frisch aufgebrühten Tee, zwei Tassen, dem Gebäck und dem Glas aufgewärmten Babybrei in den Salon.

Der Salon war ein wunderbarer Raum. Moderne, edel gestaltete Möbel bildeten mit den Antiquitäten aus Albrechts Elternhaus und einigen farbenfrohen Werken zeitgenössischer Maler ein wunderbares Ganzes. Nein, dachte Luitgard, diese Frau Kubelik paßt hier wirklich nicht herein. Merkt die gnädige Frau das denn nicht?

Wortlos servierte sie den Tee und stellte der Fremden das Glas hin. Dabei vermied sie es, die Besucherin anzusehen. Viel lieber suchte ihr Blick den von Albrechts Frau, um so etwas wie beruhigende Zustimmung darin zu erkennen. Aber Maja Bergmann sah unentwegt zu dem Baby in der Tasche hinüber, die auf dem Sessel neben ihr stand. Und was dieser Blick verriet, stürzte Luitgard in noch größere Verwirrung. Denn dieses gewisse Leuchten, was sich auf dem Gesicht von Albrechts Frau ausbreitete, war ihr nur zu gut bekannt.

Verriet es nicht ein ganz bestimmtes Glücksgefühl, wie es junge Mütter beim Anblick ihres Babies überwältigte? Aber Albrechts Frau war keine Mutter. Und soviel Luitgard von ihr und der jungen Ehe Albrechts wußte, wurde sie das auch nicht so schnell.

Also verließ sie den Salon noch verwirrter, als sie ihn betreten hatte, stellte sich in der Küche wieder ans Fenster und grübelte erneut über das Verhalten der gnädigen Frau nach.

Maja Bergmann hatte lange gewartet, bis sie Albrechts Frau werden konnte. Er setzte sich ja immer Ziele, so daß er erst vor dem Altar treten wollte, wenn er sich Staatssekretär nennen konnte. So war es auch geschehen, aber Luitgard wußte, daß er seiner schönen Frau, die ihn doch so grenzenlos liebte, vor der Ehe eine Bedingung gestellt hatte. Bevor er nicht sein letztes Ziel, nämlich ganz oben an der Spitze der Landesregierung zu stehen, erreicht hatte, wollte er auf keinen Fall Kinder. Und deshalb mußte auch Maja darauf verzichten.

Benahm sie sich deshalb so seltsam?

Nachdenklich sah Luitgard in den Garten hinaus, der den Ministerbungalow weitläufig umgab. Noch an diesem Vormittag hatte sie sich laut über zwei Gegenstände aufgeregt, die die Kinder der Familie Rehm vom Ende der Straße wieder über die Mauer auf das Grundstück geworfen hatten.

Jetzt ließen sie die knallgrüne und schlaffe Luftballonhülle im Zweig der Silbertanne und der knallgelbe Ball im Schatten der Rotbuche völlig kalt. Das Leuchten auf Maja Bergmanns Gesicht beschäftigte sie viel mehr.

Natürlich konnte es sein, daß dieses Leuchten ein Audruck feierlicher Vorfreude war.

Denn das junge Paar feierte heute seinen ersten Hochzeitstag, und mit ein bißchen Glück kam Albrecht noch vor Mitternacht heim. Das geschah ja nicht alle Tage.

Luitgard wußte nicht, wie lange sie hinausgeschaut hatte. Wenigstens zuckte sie zusammen, als es wieder klingelte. Maja Bergmann hatte die kleine Glocke im Salon gedrückt. Hoffentlich bedeutete es, daß diese Frau Kubelik endlich verduftete!

Darum betrat Luitgard den Salon diesmal mit einem höflichen Lächeln. Die gnädige Frau hatte sich aus ihrem Sessel erhoben und stand neben dieser Person. Und die hielt ihr Baby im Arm und fütterte es mit dem Obstbrei aus dem Glas.

»Bitte, kommen Sie näher, Frau Spanholz«, bat Maja und winkte sie neben sich. »Schauen Sie sich Wölfchens Augen doch mal gründlich an. Sind sie nicht ganz die von Albrecht?«

Was wollte die gnädige Frau? Luitgard rang nach Atem, dann neigte sie den Kopf wie zum Gebet. Hilf uns, dachte sie, jetzt ist Albrechts Frau durchgedreht! Und dann, dann sah sie doch hin. Und es durchrieselte sie.

Ja, Wölfchen oder wie der Winzling hieß, war ein hübsches Baby. Groß und braun richteten sich seine Augen auf sie, als erwarte er ein mildes Urteil oder als ahne er, was für eine wunderbare Kinderfrau sie mal gewesen war. Ja, wahrhaftig, so aufmerksam und voller Vertrauen hatte Albrecht auch immer geschaut. Aber das durfte nicht sein!

Sie schüttelte den Kopf. »Über so etwas sollte niemand Witze machen, gnädige Frau.«

»Aber das ist kein Witz, Frau…«, entgegnete die Kubelik, die natürlich nicht wußte, daß eine Hausdame in vornehmeren Häusern bei ihrem vollen Nachnamen angesprochen wurde. »Der Kleine hier ist Albrecht Bergmanns Söhnchen! Ich hab’s gleich in die Geburtsurkunde eintragen lassen. Das war in Nizza.«

Sonja Kubelik entging nicht, wie blaß die vornehme Hausdame wurde. Und vielleicht fuhr sie deshalb mit unverhohlener Schadenfreude fort:

»Und später fand ich ’ne alte deutsche Illustrierte in der Klinik-Caféteria, blättere die durch und lese doch tatsächlich, daß Albrecht Minister geworden ist. Was sagen Sie nun?«

Luitgard sagte gar nichts. Auf diesen Unsinn zu reagieren war unter ihrer Würde.

»Ich hab’ Frau Bergmann schon erklärt, warum mein Kleiner jetzt über den Winter hier besser aufgehoben ist«, fuhr die Person unverfroren fort. »Und sie versteht auch, daß es einen Skandal geben kann, wenn Albrecht sich dagegen sträubt. Aber das wird er ja nicht. Als Minister kann er sich das nicht leisten. Und außerdem ist der Kleine ja wirklich sein Sohn. Nicht wahr, mein Wölfchen?«

Da war es um Luitgard Spanholz geschehen. »Albrecht der Vater von dem? So eine Frechheit!« schnaufte sie. »Setzen Sie diese Person doch bitte endlich an die Luft, gnädige Frau!«

»Nein, Frau Spanholz.«

Maja nahm das kleine Kind ganz behutsam auf die Arme und drückte es sanft an sich. Sie lächelte. »Wölfchen bleibt bei uns. Seine Mutter vertraut ihn mir an.«

Voller Hingabe blickte sie den Jungen wieder an und fügte dabei leise, aber entschieden hinzu: »Ich bitte Sie nur, noch schnell Papierwindeln zu besorgen. Frau Kubelik hat nur vier mitgebracht.«

»Papierwindeln…«, stammelte Luitgard.

»Ja, Papierwindeln. Die Zeiten haben sich geändert. Nur eins ist geblieben… kleine Babies brauchen immer noch alle unsere Liebe. Sie werden mir doch helfen, Frau Spanholz, damit Wölfchen es gut bei uns hat?«

»Aber… das geht doch gar nicht, gnädige Frau.« Sie bekam kaum noch Luft. Noch nie hatte sie Albrechts Frau widersprochen. »Also, ich würde mal sagen, das kommt doch auf den Herrn Minister an!«

»O nein. Es kommt nur auf mich, mich ganz allein an. Denn ich, nur ich, muß ihm verzeihen.«

»Was? Ihm verzeihen? Was denn? Um Gottes Willen, wenn der Kleine wirklich sein Söhnchen ist…«, fiel Luitgard ein. »Ich dachte immer, Sie lieben Albrecht!?«

»Das sieht man doch, wie Frau Bergmann ihren Mann liebt!« trumpfte Sonja Kubelik auf. »Und er, der Herr Minister, liebt seine Frau ja auch. Vorgemacht hat er mir nichts. Kein Schmus oder Gefasel von Liebe oder so. Er ist ja ein honoriger Typ. Was das anbelangt, laß ich nichts auf ihn kommen. Sehr anständig war er zu mir.«

»Aber Albrecht tut so etwas nicht! Und mit Anstand hat das nun wirklich nichts zu tun!« keuchte Luitgard mit letzter Kraft und stapfte aus dem Salon durch den langen Flur bis in ihr geräumiges Zimmer im Ostflügel des Bungalows.

Dort sackte sie in den geblümten Ohrensessel, den ihr die Frau des Professors vermacht hatte, und schlug die Hände vors Gesicht.

»Albrecht, tu mir das nicht an! Wenn das dein Vater, der Professor wüßte!« schluchzte sie auf.

Der Schock über die Erkenntnis, daß Albrecht etwas getan hatte, das lieber für immer und ewig unentdeckt geblieben wäre, hatte sie mit aller Wucht getroffen.

*

Stunden später stand Maja Bergmann allein in ihrem Ankleideraum vor dem Spiegel. Sie hatte das Kleid, das Albrecht am liebsten hatte, ausgewählt. Es war schwarz, eng und lang. Der sündhaft tiefe Ausschnitt und die Arme wurden von hauchzarter schwarzer Spitze bedeckt. Durch das feine Gewebe schimmerte ihre noch immer sonnengebräunte Haut. Und um ihren nackten Hals lag eine kunstvoll gearbeitete Silberkette, aus deren vielen winzigen Anhängern es violett blitzte und blinkte. Diese Vielzahl klitzekleiner Achat-Steinchen waren es, die dem Schmuckstück einen besonderen Zauber verliehen und es so einmalig machten.

Maja konnte mit ihrem Aussehen zufrieden sein. Aber immer wieder sah sie die Kette an und fuhr dann mit ihren zarten Fingerspitzen daran entlang, als sei sie nicht sicher, ob sie sie wieder abnehmen sollte. Und jedesmal stellte sie sich dabei dieselbe Frage.

War sie wirklich so glücklich, wie sie sich vor Luitgard gegeben hatte? Heute war ihr erster Hochzeitstag. Mußte sie nicht vor Wut toben und schreien, ihre Koffer packen und Albrecht verlassen? Oder fand sie wirklich die Kraft, diese nachmittägliche Teestunde mit Sonja Kubelik als glückliche Wendung ihres Lebens hinzunehmen?