Butler Parker -99-


Trockene Katze


Roman von Günter Dönges

Durch das leistungsstarke Fernglas war jede Einzelheit genau zu erkennen. Am Steuer des schweren amerikanischen Straßenkreuzers saß eine Dame, vielleicht 60 Jahre alt. Sie trug einen turbanähnlichen Hut, ein Jackenkleid und schien sich als versierte Rennfahrerin der Formel 1 zu fühlen. Sie riß den weich gefederten, offenen Wagen verwegen durch die Kurven und störte sich nicht weiter daran, daß das Heck immer wieder ausbrach. Es beunruhigte sie auch nicht, daß die beiden Mitfahrer Blut und Wasser schwitzten.

Neben ihr auf dem Beifahrersitz befand sich ein Mann in den 50er Jahren. Er trug die Kleidung eines englischen Butlers, auf seinem Kopf saß eine schwarze Melone, die er mit dem Bambusgriff seines Regenschirms festhielt. Dieser Beifahrer machte einen sehr verkrampften Eindruck. Wahrscheinlich stemmte er sich verzweifelt gegen die auftretenden Fliehkräfte an.

Im Fond des Wagens war eine attraktive junge Frau zu erkennen. Sie war 20 bis 25 Jahre alt, hatte kupferrotes, sehr schönes Haar und ein angstverzerrtes Gesicht. In jeder Kurve flog sie von einer Wagenseite auf die andere. Sie hatte es offensichtlich nicht erreicht, sich einen festen Halt zu verschaffen. Der Straßenkreuzer fegte über eine sanft ansteigende Trasse auf einen kleinen Ort zu, der sich in der Nähe von Angers im Loiretal befand. Die Straße war zwar übersichtlich, aber es blieb doch unerfindlich, was die drei Touristen im Wagen ausgerechnet hier suchten.

Gewiß, es gab in der Nähe eine Reihe von altehrwürdigen Schlössern, doch sie waren meist verfallen und standen nicht auf der Liste jener Loire-Schlösser, die man als Tourist einfach gesehen haben mußte.

»Die werden sich noch den Hals brechen«, sagte der Mann, der von der Plattform eines Rundturms aus den Straßenkreuzer beobachtete. Er war mittelgroß, dick und schwitzte. Was aber keineswegs aus Mitgefühl für die drei Insassen im Wagen geschah. Monsieur Albert Claraud produzierte eigentlich ununterbrochen Schweißperlen, selbst im Winter. Es mußte mit seinem Kreislauf und Stoffwechsel Zusammenhängen.

Er war übrigens nicht allein auf der Plattform des kleinen Schlosses.

Neben ihm stand eine große, schlanke Frau, die ihn um einen Kopf überragte. Sie war überschlank, wirkte durchtrainiert und mochte etwa 40 Jahre alt sein. Sie hatte kühle, graue Augen und einen schmalen, harten Mund.

Sie nahm Claraud das Fernglas aus der Hand und beobachtete nun ihrerseits den Straßenkreuzer. Sie zuckte mit keiner Wimper, als der schwere, offene Wagen Sekunden später von der Straße abkam, sich drehte und dann in einer mächtigen Staubwolke verschwand.

»Sie dürften es geschafft haben, sich den Hals zu brechen«, stellte sie trocken fest und reichte dann das Fernglas an Claraud zurück, der übrigens in ihrem Alter war.

Albert Claraud schnaufte erregt, als er Einzelheiten unten auf der Straße entdeckte. Die Staubwolke hatte sich etwas gehoben und gab den Blick frei auf den Straßenkreuzer, der abenteuerlich schief im tiefen Straßengraben hing.

Die drei Insassen des Wagens schien es böse erwischt zu haben.

Die Fahrerin lag über dem Steuerrad, der Beifahrer war vom Sitz geschleudert worden und lag neben dem Wagen im Gras, und die junge Dame im Fond des Wagens hing leblos über dem Heck.

»Sie sind verletzt?« sagte Claraud hastig und produzierte Schweißperlen.

»Wahrscheinlich«, gab die schlanke Frau zurück. Das Schicksal der drei Insassen schien sie überhaupt nicht zu rühren.


*


»Sind Sie sicher, Mister Parker, daß wir beobachtet wurden?« erkundigte sich Lady Simpson, die über dem Steuer hing und optisch einen erbarmungswürdigen Eindruck machte.

»Mit letzter Sicherheit, Mylady«, gab der Butler zurück, »die Sonne spiegelte sich dankbarerweise in der Optik eines Fernglases.«

»Dann muß ich mich aber sehr wundem«, grollte Agatha Simpson, ohne sich zu rühren. »Warum unternimmt man dann nichts? Will man uns hier verkommen lassen?«

»Die Hilfsbereitschaft der Menschen dürfte nicht sonderlich ausgeprägt sein, Mylady.«

»Am liebsten würde ich aufstehen, hinaufgehen und diese Mitmenschen ohrfeigen«, sagte die Lady. »Wie kann man diesen Unfall nur ignorieren? Oder sollte man unsere Absicht durchschaut haben, Parker?«

»Mylady haben den Unfall ausgesprochen realistisch vorgetäuscht«, beruhigte Parker die Lady. »Verdacht dürfte auf keinen Fall erregt worden sein.«

»Die Plattform oben auf dem Rundturm ist jetzt leer«, meldete Kathy Porter vom Heck des Wagens her.

»Warten wir also noch ein wenig«, entschied Lady Simpson, die sich zusammen mit Butler Parker und ihrer Gesellschafterin wieder mal auf dem Kriegspfad befand. Die Initiative war diesmal von Lady Simpson ausgegangen. Sie war der festen Ansicht, einem organisierten Menschenhandel auf der Spur zu sein.

Die englische Detektivin war eine immens reiche Frau, die sich Extravaganzen jeder Art leisten konnte.

Nach dem Tod ihres Mannes vor vielen Jahren hatte sie ihre Beteiligungen an Fabriken, Brauereien und Reedereien in eine Stiftung umwandeln lassen. Daraus bezog sie ein beachtliches Jahreseinkommen, das sie völlig unabhängig machte.

Agatha Simpson war durch die damalige Heirat mit dem Hoch- und Geldadel Englands verschwägert und verschwistert. Überall in der Welt standen ihr Tür und Tor offen. Sie war wegen ihrer Skurrilität ein mehr oder weniger gern gesehener Gast, der sich sehr unkonventionell benahm. Die Lady paßte sich, wenn sie es nur wollte, jeder Situation an, aber sie konnte auch sehr deutlich werden. Dann verwandelte sie sich augenblicklich in ein Marktweib südländischer Prägung. Man brauchte sie nur ein wenig zu provozieren, um diesen Umschwung zu erreichen.

Josuah Parker war nur zögernd in ihre Dienste getreten.

Mike Rander, sein junger Herr, hatte ihn dazu überredet. Der Anwalt hatte sich notgedrungen wieder seiner Kanzlei in London gewidmet und mußte aus beruflichen Gründen auf seine Abenteuer mit Parker verzichten. Da er mit Lady Simpson gut befreundet war, hatte er seinen Butler gebeten, sich Lady Agatha zu widmen und auf sie ein wenig aufzupassen.

Auf was Parker sich damit eingelassen hatte, war ihm sehr schnell und nachhaltig aufgegangen.

Lady Agatha war nämlich eine leidenschaftliche Amateurdetektivin.

Sie ging hartnäckig jeder noch so vagen Spur nach und stürzte sich von einem Abenteuer in das andere. Dabei entwickelte sie die Naivität eines Kindes, die Hartnäckigkeit eines Profi und die Energie einer Dampfwalze. Angst schien sie überhaupt nicht zu kennen. Parker hatte stets alle Hände voll zu tun, um Lady Agatha vor einem schnellen, gewaltsamen Ende zu bewahren.

Kathy Porter, Myladys Gesellschafterin, stand ebenfalls unter Dauerstreß, seitdem sie sich Agatha Simpson angeschlossen hatte. Sie mühte sich ununterbrochen ab, jene Fettnäpfchen aus dem Weg zu räumen, in die Lady Simpson unbedingt treten wollte. Die ältere Dame genoß es nämlich, stets das zu sagen, was sie gerade dachte. Und genau das nahmen viele Mitmenschen sehr übel.

Kathy Porter hatte dann die undankbare Aufgabe, Korrekturen zu liefern und angedrohte Beleidigungsklagen abzuwehren. Dennoch war sie gern in Lady Simpsons Nähe. Ihr Leben war seitdem sehr abwechslungsreich.

»Noch immer nichts zu sehen?« fragte Agatha Simpson ärgerlich.

»Nichts, Mylady.« Kathy Porter konnte vom Wagenheck aus die Zufahrt zum Schloß sehr gut kontrollieren. Doch dort rührte sich nichts.

»Eine einzige Unverschämtheit«, stellte Lady Agatha fest. »Aber auf der anderen Seite sehr aufschlußreich, finden Sie nicht auch, Mister Parker?«

»Wie Mylady meinen«, gab der Butler ergeben zurück.

»Dann beginnen Sie jetzt mit den Rettungsarbeiten«, ordnete Lady Simpson an. »Ich werde in dieses Château hineinkommen, und wenn ich Dynamit verwenden muß.«


*


Josuah Parker schritt würdevoll, wenn auch ein wenig hinkend, über die hölzerne Fallbrücke und blieb vor dem bogenförmigen Tor des Schlosses stehen. Dieses Tor machte einen ungemein soliden Eindruck. Es wirkte abweisend und drohend und war natürlich fest verschlossen.

Parker suchte nach einer Klingel, konnte aber keine entdecken. Er gab sich übrigens ein wenig aufgeregt, denn immerhin suchte er ja Hilfe. Er hatte den sicheren Eindruck, seit dem Verlassen des Wagens beobachtet zu werden. So etwas fühlte er instinktiv.

Mit dem bleigefütterten Bambusgriff seines Universal-Regenschirms hämmerte er gegen die Torbohlen, doch dahinter blieb alles ruhig. Man ignorierte offensichtlich bewußt seine Notlage. Man war – aus welchen Gründen auch immer – nicht bereit, Hilfe zu leisten.

Dieses Château wirkte nicht so heiter wie die übrigen Schlösser an der Loire.

Die vier gedrungen wirkenden Rundtürme mit ihren Spitzdächern sahen irgendwie mürrisch aus. Das Schloß machte einen ungepflegten Eindruck. Zwei kleinere Türme zur Auffahrt hin waren im oberen Teil halb verfallen. Die Schieferdächer schrien förmlich nach einem Fachmann. Die hohen, schmalen Fenster zur Auffahrt hin waren zwar alle heil, aber blind vor Staub. Selbst die strahlende Nachmittagssonne war nicht in der Lage, dieses Schloß ein wenig freundlicher zu machen.

Josuah Parker verstärkte seine Anstrengungen und klopfte noch nachhaltiger gegen das Tor. Die Schläge hatten jenseits des Tors einen hohlen, unheimlichen Klang.

Parker, der sich nach wie vor beobachtet fühlte, zuckte jetzt ergeben die Schultern, als sei es hoffnungslos, hier noch mit Hilfe zu rechnen. Dann ging er, würdevoll hinkend, zurück zur Unfallstelle.

Agatha Simpson war inzwischen aus dem Wagen geborgen worden. Sie lag bequem im weichen Gras und ließ sich von Kathy Porter versorgen. Falls sie noch weiterhin beobachtet wurden, mußte unbedingt der Eindruck entstehen, daß Mylady doch erheblich unter den Folgen des Unglücks litt, sage ich Ihnen noch mal, Kindchen, daß diese Herrschaften im Schloß etwas zu verbergen haben, wiederholte Agatha Simpson gerade nachdrücklich. »Wir sind auf der richtigen Spur.«

»Vielleicht, Mylady«, gab Kathy Porter vorsichtig zurück.

»Vielleicht … vielleicht …« Agatha Simpson grollte ein wenig. »Ich weiß genau, was ich sage. Denken Sie an den Zettel, den man uns zugeworfen hat.«

Kathy Porter konnte sich an den Zwischenfall in Paris allerdings noch sehr genau erinnern. Sie waren vor wenigen Tagen von der Côte d’Azur gekommen und wollten in Paris für einige Wochen Station machen.

Während eines abendlichen Spaziergangs waren sie von einem Reisebus passiert worden, dessen Fenster bis auf wenige Ausnahmen zugehängt waren. Aus diesem Bus heraus war ihnen plötzlich ein kleines Papierknäuel zugeworfen worden. Parker hatte dieses Knäuel auf Myladys Wunsch hin geborgen und es Agatha Simpson überreicht. Damit hatte alles begonnen.

Der knappe Text auf dem Zettel hatte die Engländerin geradezu alarmiert.

Neben der Adresse des Schlosses, das sie jetzt vor sich sahen, hatte das Wort »Hilfe« gestanden. Und dazu der Vorname einer Frau, die Paulette hieß. Diese Paulette hatte offensichtlich noch versucht, auch ihren Nachnamen niederzuschreiben. Es war aber bei dem Versuch geblieben. Mehr als die Buchstaben »Chi« waren nicht zu Papier gebracht worden. Die weiteren Buchstaben waren zu einem langen, gekrümmten Strich geworden.

Josuah Parker und Kathy Porter hatten erst gar nicht versucht, Lady Simpson von ihrem Vorhaben abzubringen. Sie wußten aus Erfahrung, daß so etwas sinnlos war. Wenn Mylady sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie nicht mehr zu bremsen.

Leider hatte Parker sich nicht das Kennzeichen des Reisebusses gemerkt, dazu war alles zu schnell passiert. Jetzt kam er also vom Schloß zurück, allein und ohne Hilfe.

»Sehr schön«, freute sich Agatha Simpson, als Kathy Porter ihr die Rückkehr des Butlers meldete, »das ist doch der schlüssige Beweis dafür, Kindchen, daß man etwas zu verbergen hat. Ich muß schon sagen, daß ich mich äußerst angeregt fühle.«

Kathy Porter schloß die Augen.

Wenn Lady Simpson sich äußerst angeregt fühlte, war immer mit bösen Verwicklungen zu rechnen.


*


»Na, bitte, es geht also auch ohne uns.«

Die überschlanke Frau mit dem schmalen Mund verfolgte durch das Fernglas die Rettungsaktion. Neben dem in den Straßengraben gerutschten Straßenkreuzer stand ein kleiner Lastwagen, dessen beide Insassen sich bereits um die Verletzten bemühten. Der Mann, der wie ein Butler aussah, schien sich um die alte Dame ungemein zu sorgen, während die junge Frau mit dem kupferroten Haar schon wieder auf den Beinen war.

Annie Lorant, wie die überschlanke Frau mit dem harten Mund hieß, reichte das Fernglas an den kleinen schwitzenden Mann weiter und wandte sich ab. Für sie war der Zwischenfall unten auf der Straße bereits erledigt.

»Werden die da unten nicht erfahren, daß das Schloß bewohnt ist?« erkundigte sich Albert Claraud nervös.

»Natürlich werden sie’s.« Annie Lorant blieb an der Treppe stehen, die von der Plattform des Turms hinunter ins Schloß führte. »Was macht das schon? Wir sind eben nicht dagewesen.«

Albert Claraud wischte sich mit dem Rockärmel den Schweiß vom Gesicht und beobachtete weiter die Unglücksstelle. Er hatte kein schlechtes Gewissen, was die Verunglückten dort unten anbetraf. Um sie ging es ihm nicht. Er fragte sich nur, ob es ein Zufall war, daß der Straßenkreuzer dort unten erschienen war.

»Worauf wartest du noch?« hörte er hinter sich die Stimme seiner Partnerin, die ungeduldig und verärgert klang. »Willst du unbedingt entdeckt werden?«

Claraud duckte sich hastig nieder und wandte sich zögernd zu Annie Lorant um.

»Wir können ja mal vorsichtig nachforschen, wer sie sind«, redete die Frau mit dem harten Mund weiter.

»Hauptsache, du bist beruhigt, Albert. Offen gesagt, deine Angst geht mir langsam auf die Nerven.«

Claraud warf noch einen letzten Blick durch das Fernglas hinunter auf die Straße. Dort hatte sich inzwischen einiges getan.

Die ältere Dame wurde gerade in das Fahrerhaus des kleinen Lastwagens geleitet. Zu ihr setzte sich die junge Begleiterin mit dem kupferroten Haar. Der Butler nahm zusammen mit einem Fahrer auf der Ladefläche Platz.

Wenig später fuhr der Lastwagen behutsam an und nahm Richtung auf Brennes-sur-Sarthe, dem kleinen Städtchen, das nicht weit vom Schloß Brennes entfernt lag.

»Ich seh’ mir den Wagen da unten mal aus der Nähe an«, sagte Claraud, als er der Frau folgte, »Ich lass’ mich nicht unnötig auf ein Risiko ein.«

Claraud sah nicht, daß die Frau mit dem schmalen Mund verächtlich lächelte.

Claraud saß in einem 2 CV und fuhr hinunter zur Unglücksstelle. Es war ihm völlig gleichgültig, ob Annie Lorant ihn nun für einen Angsthasen hielt oder nicht. Bisher hatte er immer einen sicheren Instinkt für Gefahr gehabt.

Albert Claraud hatte eine panische Angst davor, noch weitere Jahre seines Lebens in einer Zelle verbringen zu müssen. Zu oft schon war er Gast französischer Gefängnisse gewesen. So machte er sich zum Beispiel überhaupt nichts aus der Kost, die in diesen Häusern gereicht wurde.

Claraud fürchtete, daß man ihm bereits auf der Spur war. Seit seinem letzten Aufenthalt in einer Zelle waren schon zwei Jahre verstrichen. Er konnte sich aber gut vorstellen, daß gewisse Behörden seinen Namen noch immer nicht vergessen hatten.

Er war immerhin eine Berühmtheit, deren Qualitätsarbeit ein Begriff war.

Claraud hatte sich vor gut einem halben Jahr überreden lassen, wieder aktiv zu werden. Das ihm gemachte Angebot hatte seine Bedenken zerstreut. Er hatte die Möglichkeit, in kurzer Zeit ein Vermögen zu verdienen. Diese Chance wollte er nutzen, um dann endgültig Schluß zu machen.

Daß seine gegenwärtige Qualitätsarbeit inzwischen wieder bemerkt worden war, lag auf der Hand. Zu intensiv und zu nachhaltig hatte er sie inzwischen ausgeübt. In den Sonderdezernaten der europäischen Polizei mußte Großalarm herrschen.

Man würde also versuchen, ihm auf die Spur zu kommen. Gewiß, er hatte seinen jetzigen Aufenthaltsort sehr gut abgesichert, doch er kannte aber auch die Findigkeit der Behörden. Sie arbeiteten genauso unkonventionell wie er. Sie würden sich gewiß nicht scheuen, so etwas wie dieses Trio samt Straßenkreuzer einzusetzen.

Albert Claraud hatte sogar seit einigen Wochen mit dem Gedanken gespielt, das Château Brennes zu verlassen. Nicht offiziell natürlich, sondern still und heimlich. Er sehnte sich nach einem stillen Fleckchen Erde irgendwo in Südfrankreich. Doch die Vernunft sagte ihm, daß seine Gastgeber dann wahrscheinlich sehr ungemütlich reagieren würden. Sie besagen alle Mittel, um ihn früher oder später aufzuspüren. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß sie ihn dann wahrscheinlich an die Polizei verraten würden.

Gegen seine Gastgeber hatte Albert Claraud überhaupt nichts in der Hand. Sie waren mobil. Wohnten sie heute im Château Brennes, saßen sie morgen vielleicht in Rom, Madrid oder Brüssel. Zudem waren sie der Polizei unbekannt und brauchten Clarauds Angaben nicht zu befürchten.

Nein, Claraud war gezwungen, sich weiterhin verwöhnen zu lassen. Dafür leistete er erstklassige, fast einmalige Spezialistenarbeit und verdiente sehr gutes Geld. Er mußte weiter mitmachen, wenn er nicht vorzeitig sterben wollte.

Albert Claraud hatte inzwischen die Unglücksstelle erreicht.

Er stieg aus seinem 2 CV und ging langsam auf den im Straßengraben hängenden Wagen zu. Nach einem verstohlenen, prüfenden Blick in die Runde kletterte er über die linke Wagentür in den Straßenkreuzer hinein und befaßte sich zuerst mit dem Handschuhfach.

Er erlitt einen besonders heftigen Schweißausbruch, als er in diesem Moment eine ungemein höfliche Stimme hinter sich hörte.

»Darf ich Ihnen meine bescheidene Hilfe anbieten?« sagte diese Stimme.

Claraud richtete sich auf und drehte sich langsam um. Er sah sich – fast hatte er es erwartet – dem Mann gegenüber, der wie ein Butler aussah. Dieser schwarzgekleidete Mensch lüftete höflich seine Melone.

»Mein Name ist Parker«, stellte er sich vor. »Josuah Parker, um genau zu sein. Ich habe die Ehre, der Butler Lady Simpsons zu sein.«

»Sie … Sie sind doch weggefahren«, stotterte Claraud.

»Nur bis zur nächsten Kreuzung«, erklärte der Butler. »Ich warte auf den Abschleppwagen.«

Albert Claraud hüstelte nervös, kämpfte seine Verlegenheit nieder und stieg über die Wagentür zurück auf die Straße.

»Sie … Sie sind verunglückt?« fragte er dann unnötigerweise.

»Sollten Sie das vom Schloß dort oben aus nicht gesehen haben?« wunderte sich Josuah Parker höflich.

»Nein … Das heißt … Wieso