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Die Darstellung des Lebens Balzer Nieburs, der sich seit 1659 Balzer Neubaur nannte, ist weitgehend fiktiv, wiewohl die Lebensdaten und die meisten genannten Personen seines Umfeldes, wie er selbst, tatsächlich im 17. Jahrhundert gelebt haben (s. »Personenverzeichnis«, S. 728 ff.). Die geschilderten Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges, der Zeit in Amsterdam sowie der Nachkriegszeit im Kurfürstentum Brandenburg folgen den historischen Quellen, die im Anhang (»Quellennachweis«, S. 722 ff.) benannt sind.

N e u b a u r · N e u b a u r

BALZER NIEBUR

Historischer Roman

Du leitest mich nach Deinem Rat
Und nimmst mich am Ende mit Ehren an.
Psalm 73,24
Aus Balzer Nieburs Leichenpredigt
am 3. Weihnachtstag
(27. Dezember 1702)

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Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.

Goethe, Faust II, 5. Akt, Szene VI

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Inhalt

I. EIN DORF VERSINKT IM BLUT

II. WOLFENBÜTTEL GEHT IN PEST UND WASSER UNTER

III. MAGDEBURG FÄLLT IN SCHUTT UND ASCHE

IV. HAMBURG LINDERT SCHMERZ UND KUMMER

V. AMSTERDAM SCHENKT LEBEN IN FRIEDEN, FREIHEIT UND TOLERANZ

VI. BRANDENBURG ‚RUFT

VII. EINDRÜCKE IN DER NACHKRIEGSZEIT

VIII. NEUER AUFBRUCH

IX. ÄUSSERER WOHLSTAND UND INNERE KRISE

X. WEG ZUM SÜHNEOPFER

QUELLENNACHWEIS

Primärliteratur

Sekundärliteratur

PERSONENVERZEICHNIS

I.

EIN DORF VERSINKT IM BLUT

21. bis 23. August 1626

Dort, wo die zerklüfteten Berge des Harzes nach Osten hin niedriger und lieblicher werden, tritt das sagenumwobene Bergflüsschen Bode in das nördliche Harzvorland aus. Es fließt an der alten Stiftsstadt Quedlinburg vorbei und wendet sich dann in einer großen Schleife nach Westen. In dieser Schleife liegt etwas südlich vom Kloster Gröningen das kleine Dorf Deestorff mit seinen fruchtbaren Feldern. Doch die Idylle der Landschaft, die dem Schauenden vom Harzrand her auffällt, trügt, denn Deestorff liegt direkt an der Ost-West-Heerstraße, und der Anblick eigener und feindlicher Truppen ist den Bauern bekannt, insbesondere zu der Zeit des niedersächsisch-dänischen Krieges, des zweiten Teiles des Dreißigjährigen Krieges.

Wie an jedem Abend saß die kleine Gemeinde, es war Freitag, der 21. August 1626, in der Dorfkirche, die bis auf den letzten Platz voll besetzt war. Der evangelisch-lutherische Pastor Conradus Lectius bat mit der Gemeinde im achten Kriegsjahr seinen Gott um Frieden. Bauer Hans Niebur saß auf seinem Platz, für den er vierteljährlich eine Gebühr an die Kirchenverwaltung entrichten musste, und dachte – innerlich fern der Worte des Pastors – über die Geschehnisse im Dorf und im Bistum Halberstadt nach. Alles war hier wohlgeordnet, und alles hatte seinen Platz bis hinein in die Kirche, wo auch heute die Männer auf der einen Seite, die Frauen mit ihren kleinen Kindern auf der anderen Seite und die Schüler – Knaben und Mädchen getrennt – auf ihren zugewiesenen und bezahlten Plätzen saßen. Sein Blick glitt mit einem leisen Lächeln zu seiner Frau: Er hätte glücklich sein können. Sein Leben war ebenfalls geordnet, das kleine Dorf überschaubar. Jeder kannte jeden, jeder hatte seinen Rang und Namen, und man lebte wie in einer großen Familie. Die Dorfbewohner waren wohlhabend, hatten sie doch die besten Äcker in der Börde, dem fruchtbaren Harzvorland.

Die Familien Niebur, Mumme, Wetzel, Becker und andere waren einst große Bauernfamilien in Deestorff, sie waren frei und hatten ihr Lehen vom Bischof von Halberstadt erhalten. Der gute, schwere Boden brachte Weizen, Gerste, Hafer, Dinkel und Hirse hervor, und die satten Wiesen der Bodeauen ernährten vor dem Kriege die Pferde, Rinder, Ziegen und Schweine. Große Schafherden zogen einst im Herbst über die abgeernteten Felder, und alles, was wuchs und gedieh, wurde verwertet und verbraucht. Die Ackerfrüchte und das Schlachtvieh wurden für gutes Geld auf den Märkten der Städte Halberstadt, Magdeburg, Braunschweig und Wolfenbüttel verkauft.

Aber der Krieg hatte die guten Jahre seit langem beendet. Unterernährung herrschte, die Menschen starben früher, und es wurden weniger Kinder geboren, so dass die Bevölkerung des Dorfes einen deutlichen Rückgang zu verzeichnen hatte. Die Menschen hatten das Dorf gegen die durchziehende, plündernde und mordende Soldateska nicht mit einer umgebenden Mauer und Schanzungen gesichert; dafür hatten sie nicht genügend Geld. Aber sie hatten ihre Höfe mit über drei Meter hohen und fast einen Meter dicken Mauern umgeben, und bei Gefahr wurden die schweren Eichentore geschlossen. Bauer Hans Niebur hatte im Giebel seines Hauses auf der Mittelstraße Schießscharten eingerichtet, aus denen er schon manchen Angriff streunender Soldaten erfolgreich abwehren konnte.

Der Krieg hatte sie zu ärmlich lebenden Bauern gemacht, die erdrückende Kontributionen an Wallenstein in Form hoher Geldbeträge und Grundnahrungsmitteln für dessen Heer zahlen mussten. Sie selbst mussten Hunger leiden in diesem Sommer, weil das Frühjahr kalt gewesen war, der Sommer feucht, kühl und regnerisch war. Im Juli hatte es sogar geschneit und das Getreide gedieh nicht und verfaulte unter dem Schnee. Die Nahrungsvorräte der Bauern waren verbraucht und auch der Notgroschen war zu Unwesentlichem zusammengeschmolzen. Das Vieh war von fremden Truppen fortgetrieben oder gleich im Dorf geschlachtet worden.

In den ersten Kriegsjahren hatte es auch Verluste unter den Menschen gegeben. Hans Niebur blickte zu seiner Schwester Katharina, die tiefschwarz gekleidet neben seiner Frau saß. Katharina war gerade 32 Jahre alt und war seit sieben Jahren Witwe. Ihr Ehemann war in den Wirren der ersten Kriegstage ums Leben gekommen, und für sie war eine Welt zusammengebrochen, denn ihre kurze Ehe war kinderlos und sie blieb allein zurück. Sie war damals zu ihrem Bruder Hans ins Haus gezogen und lebte seitdem in seiner Familie, half ihm auf dem Hof und führte dort die Mägde, wobei sie als Vorbild auch »kräftig mit zupacken« konnte, wie man so sagte. Im Laufe der Jahre, in der festen Bindung der Familie sowie in ihrem unerschütterlichen Glauben der evangelisch-lutherischen Konfession, hatte sie ihr seelisches Trauma, und damit ihr Unglück, überwunden. Ein wenig härter war sie geworden, aber das half, ihre gegenwärtige Stellung in der Dorfgemeinschaft zu festigen. Nebenher war sie ehrenamtlich in der Gemeinde tätig und unterstütze den Pastor bei seinen seelsorgerischen Pflichten. Auch hatte sie sich schon früh von ihrer verstorbenen Muhme diverses Kräuterwissen aneignen können, so dass sie Kranken und manchmal Gebärenden helfen konnte. Sie war eine angesehene Frau im Dorfe, und mancher Mann träumte wohl davon, sie zur Frau zu nehmen. Aber sie wollte keine neue eheliche Bindung eingehen, so sehr es sie auch schmerzte, keine eigenen Kinder zu haben. Sie liebte ihre Freiheit und das, wozu sie diese bewahrte und auch verteidigte.

Sie war klein, vielleicht 165 Zentimeter groß, und zierlich. Obwohl sie in ihrer Trauertracht, die sie immer noch nicht abgelegt hatte, recht streng aussah, war ihr schönes, ovales Gesicht mit den leicht geworfenen Lippen und den dunkelbraunen Augen ausgesprochen hübsch anzusehen und strahlte eine gewisse heitere Güte aus. Wie alle Nieburs hatte sie die markante Nase mit dem leichten Haken geerbt. Ihre schönen langen dunkelblonden Haare trug sie zu einem Zopf zusammengeflochten, den sie dann auch noch zu einem Knoten zusammensteckte und unter der strengen deestorffischen Haube verbarg.

Als Kinder hatte sie und ihr Bruder gemeinsam die Katechismusschule besucht, und Katharina war durch ihren Fleiß und ihre hohe Intelligenz aufgefallen. Hierdurch vermochte sie die Lebenssituationen schnell zu erkennen und einzuordnen. Ihre Handlungen waren wohldurchdacht, aber letztlich durch einen gewissen weiblichen Instinkt beherrscht. Diese Eigenschaft hatte sie oft schon vor unangenehmen, gar schlimmen Folgen bewahrt. Körperlich war sie nicht sehr stark, aber sie war gewandt und wusste, wenn es darauf ankam, sich ihrer Haut zu wehren. Dann war ihr jedes Mittel recht, dann zögerte sie auch keinen Augenblick, Gebrauch vom scharfen Dolch in ihrem Gewand zu machen.

Das einsetzende Orgelspiel riss Hans aus seinen Gedanken, aber es wollte ihm heute nicht gelingen, sich auf den Gottesdienst zu konzentrieren. Er wusste, dass zwei wesentliche Ereignisse die Situation hier im Lande im letzten Jahr verändert hatten: Der Administrator von Halberstadt, Christian von Braun-schweig-Lüneburg zu Wolfenbüttel, war am 16. Juni 1626 an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben. Sein Heer hatte sich aufgelöst und war zum großen Teil von feindlichen Heerführern übernommen worden. Das zweite Ereignis war die Schlacht zwischen Mansfeld und Wallenstein an den Dessauer Brücken am 25. April 1626. Mansfeld hatte die Schlacht verloren und war mit dem Rest der Truppen nach Süd-Osten, nach Schlesien gezogen. Wallenstein hatte die Versorgungsgebiete Halberstadt und auch Magdeburg aufgegeben und verfolgte Mansfeld.

Man sprach darüber im Dorf, und es gab Menschen, die der Meinung waren, dass dadurch die militärische Lage im Niedersächsischen Kreis verändert wurde. An der Weser, in der Nähe von Hameln, lag Tilly mit seinem Heer. In Wolfenbüttel und in der näheren Umgebung war das Heer von Christian IV. von Dänemark stationiert. Ursprünglich hatte man geplant, die Heere von Tilly und Wallenstein zu vereinigen, um wirkungsvoll gegen Christian IV. von Dänemark ins Feld ziehen zu können. Offenbar war der Abzug Wallensteins an Christian IV. verraten worden, denn in Wolfenbüttel hatte man gesehen – und Boten hatten es durch das Land getragen –, dass der König mit seinem Heer in Richtung Weser auszog, wo er offenbar Tilly zur Entscheidungsschlacht stellen wollte. Tillys Späher – so wussten die Boten in Deestorff zu berichten – erkannten die Truppenbewegungen Wallensteins und des Dänenkönigs, worauf Tilly von Wallenstein Truppenverstärkung anforderte. Von diesem waren 8.000 Mann zurück über die Elbe nach Süd-Westen zur Weser beordert worden, und Hans Niebur dachte jetzt, während der kirchlichen Andacht, an diese Truppen, die unweigerlich durch Deestorff ziehen müssten. Und er hatte eine schlimme Ahnung!

Nach dem Gottesdienst saßen die Männer unter der großen Linde vor der Kirche und reflektierten über die schlechte Zeit, während die Frauen an den Herd gegangen waren, um das kärgliche Essen zu bereiten. Hirsebrei und frische Augustäpfel waren noch vorhanden.

Plötzlich sprengte ein Reiter von Süden, aus Wegeleben kommend, die Dorfstraße herunter, stoppte das schäumende Ross auf dem Kirchplatz vor den Männern und rief ihnen zu:

»In Wegeleben plündern und morden fremde Soldaten! Sie vergewaltigen Frauen, haben überall Feuer gelegt und schwere Verwüstungen verursacht. Bauern, eilt nach Hause und schließt eure Höfe! Ich muss weiter nach Gröningen!« Sprach es und sprengte davon.

Innerhalb der nächsten halben Stunde waren die schweren Eichentoren verschlossen und die Höfe hermetisch abgeriegelt, die Dorfstraßen waren wie ausgestorben. Die oberen Fenster der meist zweistöckigen Bauernhäusern waren geöffnet, und im Hintergrund erkannte man Männer mit Musketen.

Die Soldaten, es waren Wallensteins Truppen zu Pferde mit dem Fähnlein der Kaiserlichen, jagten die Dorfstraßen hinauf und herunter. Als sie sahen, dass alle Tore verschlossen waren, saßen sie ab und warteten auf dem Kirchplatz. Es kamen immer mehr Reiter und jetzt auch Fußtruppen. Der ganze Platz füllte sich mit lärmendem Kriegsvolk, zu dem auch Wagengespanne mit Verpflegung, Munition und Waffen gehörten. Vor dem Dorf waren fünf Feldschlangen abgestellt, sie wurden von Soldaten bewacht. Dann standen dort gerade angekommene Gespanne mit Marketenderinnen und deren Kindern.

Der Anführer, ein Hauptmann, gab den Befehl, alle Nahrungsmittel, jedes Stück Vieh, Geld und Wertgegenstände zu beschlagnahmen und auf den Sammelplatz zu bringen. Bei Widerstand solle sofort von der Waffe Gebrauch gemacht werden. Die Ordnung innerhalb der Truppe fiel auf, es waren mit Sicherheit keine herumstreunenden Soldaten. Wie man später erfuhr, war es ein Teil der 8.000 Mann, die Wallenstein zur Verstärkung der Armee Tillys an die Weser geschickt hatte. Diese Truppen besorgten sich nach dem herrschenden Kriegsrecht Verpflegung und Geld. Bei Widerstand wurde die Landbevölkerung unter Androhung von Gewalt und Tod gezwungen, alles herauszugeben. Es kam dabei nicht selten vor, dass gemordet, vergewaltigt und niedergebrannt wurde.

Als die Soldaten die Hoftore verschlossen vorfanden, versuchten sie, diese mit Rammböcken zu öffnen. Dabei wurden sie von den Bauern aus den Häusern heraus mit Musketen beschossen, und mancher Soldat musste sein Leben lassen. Die Soldaten brachten mit Gewalt die schweren Tore zum Bersten, strömten in das Hofinnere, rissen Ställe und Scheunen auf, trieben das letzte Vieh heraus, plünderten das Saatgetreide und stürmten schließlich die Wohnhäuser.

Jetzt wurde der Hof des Bauern Hans Niebur gestürmt. Seine Frau Margarete hatte sich mit ihren vier Kindern, Andreas zehn Jahre, Ilse sieben Jahre, Vinzens fünf Jahre und Balzer drei Monate alt, in den hintersten Winkel des Wohnhauses geflüchtet. Dabei half ihr Katharina, die kinderlose Schwester des Bauern. Sie nahm den Säugling Balzer, behielt ihn im Arm und schützte ihn mit ihrem Körper. Die Soldaten waren in das Wohnhaus eingedrungen. Bauer Hans Niebur stellte sich ihnen entgegen und erschoss mit seiner Muskete den ersten Angreifer. Mit dem Schwert erschlug er den zweiten, und den dritten, der die schmale Treppe heraufstürmte, verletzte er mit einem Hieb so schwer, dass er rücklings die Treppe hinunterstürzte und dort liegen blieb. Doch dann fühlte er einen heftigen, schmerzhaften Schlag gegen seine Brust. Den Knall der abgeschossenen Pistole hörte er nicht mehr, als er tot zusammenbrach. Die Soldaten stürmten weiter zu dem Versteck der Frauen und Kinder, und als sich ihnen die Mutter, Frau Margarete, mit einem Dolch bewaffnet entgegenwarf, schlugen sie ihr mit dem Säbel je einen Schmiss über Kopf und Schulter – an diesen Wunden starb sie in den nächsten Minuten. Als die Kinder aus dem Versteck zu ihrer toten Mutter eilten, wurde der fünfjährige Vinzens bei diesem Kampf die steile Treppe hinuntergestoßen, fiel dabei so unglücklich, dass er sich das Genick brach. Der zehnjährige Andreas und die siebenjährige Ilse waren verschwunden.

Der drei Monate alte Balzer wurde von Katharina in ihren Armen verwahrt. Sie konnte aus dem Haus fliehen, über den Hof laufen und sich in der Scheune mit dem Kind verbergen.

Dort wurde sie kurze Zeit später von einem jungen Soldaten entdeckt. Der kam auf sie zu, entriss ihr das Kind, schleuderte es zu Boden und stürzte sich auf sie. Mit einem starken Griff seiner Rechten riss er ihre Bluse auf und schleuderte sie auf einen Strohballen, dann riss er ihr den Rock hoch und warf sich zwischen ihre Beine. Doch vergewaltigen konnte er sie nicht mehr: Katharina stieß ihn plötzlich zur Seite; er blieb bäuchlings liegen, und auf dem Rücken links neben der Wirbelsäule spritze aus einer klaffenden Wunde pulsierend hellrotes Blut.

Katharina stand auf, säuberte ihren Dolch vom Blut, verbarg ihn sorgfältig unter ihrem Rock und eilte zu dem am Boden liegenden, wimmernden Säugling. Sie packte ihn und versteckte sich in der seit langem nicht mehr benutzten Räucherkammer hinter einem alten längsseits liegenden Tisch. Das Kind war zum Glück nicht verletzt, und nachdem sie es an sich genommen und gewärmt hatte, war es auch still. Angespannt verharrte sie in ihrem Versteck; die Stimmen draußen wurden leiser, die Soldaten und das wüste Geschrei schienen sich zu entfernen. Schließlich war es ganz still, und sie wagte sich hervor. Jetzt hatte sie etwa eine Stunde in ihrem Versteck verharrt, und nur noch vom Kirchhof her waren laute Stimmen zu hören.

Die Soldaten waren offenbar abgezogen, nachdem sie die letzte Habe der Familie geraubt, das letzte Vieh getötet und das Saatgut als Nahrung mitgenommen hatten. Vorsichtig wagte sich Katharina heraus. Auf dem Hof sah sie ihren Knecht Matthis und die Magd Liseke mit ihrem Kleinkind erschlagen in einer großen Blutlache liegen. Sie rannte auf die Straße und konnte in den Nachbarhof der Gerckes sehen: Auch dort lagen die Menschen tot auf dem Hof, Männer und entblößte, offenbar geschändete, ermordete Frauen und getötete Kinder. Fassungslos wandte sie sich zum Dorfrand, um über den Feldweg nahe der Bode das Haus ihres Onkels zu erreichen. Das schwere Eichentor am Hofeingang war auch hier geborsten. Vorsichtig spähte sie in den Hof. Es war ganz still. Sie lief auf die geöffnete Haustür zu und stürzte in das Haus.

»Hans!«, rief sie, »Hans, Anna!«

Keine Antwort. Wo waren die Kinder, wo der Knecht, die Magd? Vorsichtig schob sie die Stubentür auf, und es bot sich ihr ein Bild des Grauens. Sie konnte nicht hinsehen. In ihrer Verzweiflung rief sie wieder: »Hans, Anna?«, aber eine Antwort erwartete sie nicht mehr. Langsam, wie gelähmt, wandte sie sich um. Sie nahm den Säugling Balzer fester in den Arm und ging auf die Dorfstraße zu. Wie abwesend ging sie langsam in Richtung Kirchplatz – sie stand unter seelischem Schock. Im Vorübergehen fiel ihr Blick in die Höfe hinein, die schrecklichen Bilder nahm sie wohl nicht mehr wahr: Überall lagen erschlagene, halb entkleidete Menschen, Männer wie Frauen, in großen Blutlachen als Zeichen eines unvorstellbar grausamen Massakers. Überall brannten Häuser und Scheunen. Die Apokalypse war über das Dorf gekommen.

Katharina gelangte mit dem Kind auf den Kirchplatz. Dort begannen sich gerade die letzten beiden Wagen der Truppe in Bewegung zu setzen, als sie aus jener Richtung ein lautes Rufen vernahm. Es dauerte eine Weile, ehe sie merkte, dass der Ruf ihr galt. Es war eine Frau, die ihr bedeutete, dass sie mit ihnen ziehen solle. Als Katharina näher trat, schaute sie in das freundlich blickende Gesicht einer älteren Frau, die sie aufforderte, auf den Wagen der Marketenderinnen zu steigen und für das Kind und für sich Nahrung anzunehmen. Während sie noch überlegte, wurde sie plötzlich von hinten in Richtung Wagen gestoßen. Ein Soldat zwang sie mit den Worten, dass die Marketenderinnen »um frisches Weiberfleisch« ergänzt werden müssten, auf den Wagen zu steigen. Blitzschnell wandte sich Katharina um und schlug ihm ins Gesicht. Der Soldat lachte nur laut, packte sie und warf sie samt dem Kind auf den Planwagen, indem er ausrief, dass er bei der nächsten Rast der Erste sein wollte, der ihr wildes Temperament genießen werde. Sie solle sich auf ein »heißes Ding« gefasst machen. Dann gab er den Pferden des Wagens die Peitsche, und ab ging es mit dem Tross in Richtung Halberstadt.

Im Planwagen saßen Frauen und Kinder unterschiedlichen Alters, alle waren laut und fröhlich. Katharina sah sich unsicher um. Sie befand sich hier in Feindeshand! Ihre eigenen Angehörigen waren wohl alle tot, und die hier waren fröhlich! Wie in einem bösen Traum nahm sie es wahr, unfähig, etwas zu unternehmen. Balzer, der drei Monate alte Säugling in ihren Armen, wurde immer unruhiger und begann schließlich, laut zu schreien. Eine Frau, die gerade ein Kind stillte, bot ihr an, für ein geringes Entgelt auch ihr Kind zu stillen. Katharina nahm das Angebot – immer noch abwesend – an. Als sie das Kind weggab, fiel ihr Blick auf ihren Rock. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr Kleid zerfetzt und blutverschmiert war. Ihre Hände glitten zu ihrem Mieder. Ja, es war erhalten geblieben! Seit Beginn des Krieges und der schrecklichen Ereignisse hatten sich die Bauern in Deestorff angewöhnt, ihre wertvollste Habe auf dem Leib zu tragen, und so hatte Katharina – außer ihrem Dolch – auch ihr Mieder, in das sie viele Goldstücke eingenäht hatte. Aber was bedeutete das schon? Die Drohung des Soldaten bei ihrer Abfahrt fiel ihr wieder ein und angesichts des ihr Bevorstehenden seufzte sie tief.

Die freundliche Alte hatte es bemerkt, sie strich ihr behutsam über das Haar und flüsterte ihr zu, sie müsse sich und das Kind in Sicherheit bringen. Hier könne sie nicht bleiben, denn die Soldaten nähmen keine Rücksicht. Sie in ihrem jugendlichen Alter, sie sei doch sicherlich kaum dreißig Jahre alt, habe eine gute Figur mit kleinen festen Brüsten, einem muskulösen wohlgeformten Po und einem straffen Körper, dem man die Geburt dieses einen oder vielleicht mehrerer Kinder nicht ansehe, sie sei für die Männer eine willkommene Abwechslung, und schon bevor sie auf den Wagen gestoßen wurde, hätten die Soldaten die schönen langen dunkelblonden Haare, die fast bis zu den Hüften reichten, gesehen. Katharina griff erschrocken an ihren Kopf. Sie musste ihre Haube in der Scheune verloren haben! Behände flocht sie die Haare zu einem dicken Zopf. Die Alte reichte ihr Brot, Käse und Bier, und Katharina nahm es dankbar an.

Inzwischen erfuhr Katharina von den Marketenderinnen, dass die Truppen zum Heere Wallensteins gehörten und von Tilly zur Verstärkung für die Entscheidungsschlacht gegen den Dänenkönig angefordert worden waren. Es waren 8.000 Mann mit Tross, die sich allerdings auf ihrem Zug vom Heer Wallensteins östlich der Elbe nach Westen zur Weser selbst aus dem Lande verpflegen mussten. Dass es dabei »Übergriffe«, wie sie es nannten, gab, wäre nicht verwunderlich. Die Bauern würden ja nichts freiwillig herausgeben, und manches Mal würden sie ihr Hab und Gut auch noch mit der Waffe verteidigen. Da brauchte man sich nicht zu wundern, wenn es Mord und Totschlag gäbe. Natürlich hätten es die jungen Soldaten auch auf die Weiber abgesehen, und das besonders bei der ungewissen Zukunft, wo doch alle wüssten, dass eine große und schwere Schlacht bevorstehe, in der ein jeder zu Tode kommen könnte. Das bisschen Leben, das man noch hätte, wollte man jetzt genießen, so lange es ginge.

Katharina hörte sich das alles ruhig an und sagte kein Wort, war sie doch froh, dass sie für sich und den Jungen Nahrung bekam. Die Wegstrecke kannte sie genau. Sie war in ihrer Jugend oft genug mit ihrem Vater auf dem Ackerwagen nach Wolfenbüttel auf den Markt gefahren, um dort ihre ländlichen Erzeugnisse zu verkaufen. Der Treck war um Halberstadt herumgezogen und bewegte sich jetzt südlich am Huy, einem kleinen Vorharzgebirge, vorbei. Sie erkannte, dass sie sich Osterwiek näherten, das sie aber umfuhren. Die Sonne war untergegangen, und in der Dämmerung sah sie die Hügel des Großen Fallsteins am Horizont aufragen. Nach einer Stunde erreichten sie den Fuß des Höhenzuges, und Katharina merkte an der Verringerung der Zuggeschwindigkeit, dass die Truppe hier wohl für die Nacht lagern wollte.

Als der Treck hielt, sprangen die Frauen vom Planwagen und machten sich sogleich daran, Holz aus dem nahegelegenen Wald für ein Feuer zu sammeln. Katharina kannte den Großen Fallstein und überlegte, ob und wohin sie bei dieser Gelegenheit fliehen könnte. Nach Wolfenbüttel war es angesichts der bald einbrechenden Nacht zu Fuß mit dem Säugling zu weit. Andererseits gäbe ihr die Dunkelheit Schutz vor Entdeckung auf der Flucht. Im nahegelegenen Wald würde sie Unterschlupf für die Nacht finden. So nahm sie das Kind und schloss sich den holzsuchenden Frauen an. Sie ging neben der Frau, die sie im Dorf zu dem Wagen gerufen hatte. Diese war schweigsam und angesichts ihrer Ahnung, dass die junge Frau mit dem Kind sich mit Fluchtgedanken trug, schaute sie sehr bekümmert drein. Es gäbe eine Wegstunde von hier eine Köhlerhütte, wenn sie nach Norden gehen würde, dort würde ein Köhler mit seiner Frau leben, die würden sie sicherlich aufnehmen. Dankbar nahm Katharina den Rat an und war froh, dass die Frau ihren Fluchtweg sicherte.

Katharina war bald mit dem Kind tief im Wald verschwunden, und nach etwa einer Stunde Fußmarsch sah sie ein schwach flackerndes Licht auf einer kleinen Lichtung, das musste die Köhlerhütte sein. Sie hatte sich das Kind mit einem Tuch auf den Rücken gebunden und benutzte einen Knüppel als Gehstock, der ihr das Laufen auf dem unebenen Waldboden erleichterte. Das Kind war ruhig, etwas zu ruhig, aber sie würde in Kürze etwas Milch, am besten Ziegenmilch, für den Jungen bekommen. Sie selbst würde mit Wasser zufrieden sein, wenn sie nur das Kind versorgen könnte.

Nun war sie der Hütte auf Rufweite nahe gekommen, aber ihrem Rufen wurde nicht geantwortet. Seltsam, da die Tür offen stand, musste sie eigentlich gehört werden. Dann schaute sie durch die offene Tür, und es bot sich ihr auch hier ein Bild des Grauens: Vor dem noch glimmenden Feuer des offenen Kamins sah sie auf dem Boden in einer Blutlache den Köhler erschlagen liegen. Die Köhlerin war gefesselt und geknebelt, und ihre Nacktheit gab eine schwere Wunde am Bauch preis, aus der die Gedärme frei hervorquollen. Der Tod hatte ihre schmerzverzerrten Gesichtszüge erstarren lassen. Das Innere der Hütte war verwüstet, es war offenbar etwas gesucht worden. Lange musste Katharina sich überwinden, bevor sie sich aufraffte, etwas Essbares und Trinkbares zu suchen. Sie fand kein Brot und keine Milch. Sie hoffte auf den nahegelegenen Brunnen, aber im Schein einer Fackel sah sie einen Hundekadaver darin schwimmen. Ihre Sinne drohten ihr zu schwinden, und sie musste sich setzen, bevor sie darüber nachdenken konnte, was sie jetzt für ihre und für die Rettung des Kindes tun musste.

Fast wäre sie eingeschlafen, als ihr plötzlich völlig klar wurde, dass es ratsam wäre, diesen Ort aus Sicherheitsgründen sofort zu verlassen. Aber wohin sollte sie sich wenden? Zurück zu den Truppen konnte sie nicht, aus Furcht, das Leben des Kindes und ihr eigenes zu verlieren, und das obendrein auf schändliche Art und Weise. Sie musste weiterlaufen, durch den Wald, durch die dunkle Nacht, bis sie Nahrung und Rettung finden würde. Instinktiv wandte sie sich nach Nord-Westen, und da sie das Kind kaum mehr atmen zu hören glaubte, ging sie trotz aller Widrigkeiten des Waldbodens immer schneller. Eine unglaubliche Angst befiel sie plötzlich, weil klar wurde, dass das Kind es nicht mehr lange aushalten und sterben würde.

So lief und lief sie ohne Rast, bis im Osten der Morgen graute. Schließlich hatte der Wald einen Blick auf angrenzende Felder freigegeben. Lag da nicht im Frühherbstnebel ein Haus? Sie lief weiter und gelangte an den Rand einer Siedlung mit etwa drei oder vier Häusern. Zwei Häuser lagen dicht vor ihr. Zu welchem sollte sie sich wenden? In einem war Licht und es klangen Stimmen heraus. Das waren nicht Stimmen früh aufstehender, hart arbeitender Menschen, das erkannte sie wohl. Sie ging zu dem nicht beleuchteten, stillen Haus, klopfte und wurde kurze Zeit später von einer älteren Frau eingelassen, die schnell die Tür hinter ihr zuzog und den großen Riegel wieder vorschob. Sie wurde wortlos in einen warmen Raum geführt, in dessen Mitte in einem Herd ein wärmendes Feuer flackerte. Auf dem Herd stand ein Topf, in dem köstlicher Hirsebrei still vor sich hindampfte. An der Seite stand ein Eimer mit frischem Brunnenwasser und auf dem Tisch sah sie einen Tonnapf, gefüllt mit Milch – Ziegenmilch.

Katharina traute ihren Augen nicht, als sie all das Lebenserhaltende sah, und das erste, was sie tat, war, dass sie das Kind auspackte und auf den Tisch legte, es mit einem von der alten Frau gereichten warmen Wolltuch abrieb und mit warmem Wasser wusch. Es wurde in frische Tücher gewickelt und bekam mit einem Holzlöffel Schluck für Schluck Ziegenmilch. Es dauerte nicht lange, bis es dann auf einem großen Kissen einschlummerte. Erst dann aß Katharina von dem Hirsebrei, bis sie ihren größten Hunger gestillt hatte.

In der Zeit der lebensnotwendigen Verrichtungen wurde von keiner der beiden Frauen auch nur ein Wort gesprochen, aber jetzt fragte die Gastgeberin nach dem Schicksal von Mutter und Kind. Katharina erzählte von dem großen Unglück in ihrem Dorf, wie sie sich und ihren kleinen Neffen retten konnte, wie sie mit den Truppen verschleppt wurde. Sie erzählte von ihrer Flucht durch den Großen Fallstein und von dem Grauen in der Köhlerhütte. Sie erzählte, wie ihr die Kräfte schwanden und dass sie der Gedanke an das bedrohte Leben des Kindes weiter bis hierher getrieben hat. Sie habe das ruhige, dunkle Haus zur Einkehr gewählt, weil sie für das andere kein gutes Gefühl gehabt habe. Die alte Frau freute sich über die letzten Worte und erzählte, dass das Nachbarhaus von Soldaten und ihren gottlosen Weibern bewohnt wäre und dass sie sicherlich dort nicht gut aufgenommen worden wäre. Glücklich über ihre Rettung fiel Katharina nach einem Gebet auf dem Strohsack in tiefen Schlaf.

Als sie erwachte, dämmerte der Tag der Nacht wieder entgegen. Die alte Frau hatte den Säugling mit Ziegenmilch versorgt und ihn frisch gewindelt. Katharina war von ihr nicht geweckt worden. Jetzt aber war sie hellwach und dachte darüber nach, wie es mit ihr und dem Säugling weitergehen müsste. Dass sie hier nicht bleiben konnten, war ihr klar. Aber wohin nur sollte sie gehen? Nach Hause konnte sie nicht wieder, das Dorf war zerstört, die Menschen ermordet oder geflohen, wie sie selbst.

»Wo sind wir hier, wie heißt das Dorf?«, fragte Katharina die Alte und die erwiderte: »Am Großen Fallstein in dem Dorf Rhoden.«

Katharina erinnerte sich an die Fahrten mit ihrem Vater nach Wolfenbüttel. Der Weg führte sie damals hier am Großen Fallstein entlang nach Hornburg und von dort über Börßum, Dorstadt, Ohrum, Halchter nach Wolfenbüttel. Der Weg war weit, und sie würde in Friedenszeiten wohl einen ganzen Tag dafür benötigen. Jetzt in Kriegszeiten kam ihr zwar zugute, dass dieses Gebiet des Herzogtums Wolfenbüttel von verbündeten dänischen Truppen kontrolliert werden würde, aber in diesen schrecklichen Zeiten wusste man nie, wer die Straßen unsicher macht, und so musste sie wesentlich mehr Zeit einplanen. Sie dachte dabei an das Kind, das sie natürlich mitnehmen müsste und das sie natürlich ernähren müsste, und da sie nicht die leibliche Mutter war, benötigte sie zur Ernährung des Kindes Ziegenmilch. Jede Frau wusste, dass Säuglinge Kuhmilch nicht vertragen. Aber es gab ja auch keine Milchkühe mehr in diesem schrecklichen Krieg. Eine Ziege musste es aber geben, denn woher sollte sonst die Milch kommen, die dort noch auf dem Tisch stand. Während sie über all dieses nachdachte, kam die alte Frau mit dem freundlich dreinschauenden Gesicht herein.

»Die fremden Truppen«, sagte die Alte, »denen du gestern entflohen bist, sind westlich von uns über Vienenburg in Richtung Seesen weitergezogen. Sie bedeuten zwar keine Gefahr mehr für uns, aber man muss immer mit versprengten Soldaten rechnen, die Menschen in ungeschützten Dörfern überfallen. Ich bin eine alte Frau. Mein Leben ist ohnehin bald beendet. Du aber bist jung und hast Verantwortung für das Kind. Du musst irgendwo hingehen, wo du sicher bist. Am sichersten ist hier die Feste Wolfenbüttel. Der Herzog dort ist mit den Dänen verbündet und die Festung gilt als die stärkste in ganz Norddeutschland und ist uneinnehmbar. Es ist allerdings sehr schwer, da hineinzugelangen. Die Torwachen des Herzogs lassen kaum jemanden hinein, aber mit etwas Glück wirst du für dich und für dein Kind dort Unterschlupf finden. Dorthin musst du allerdings nachts gehen, damit du nicht so leicht entdeckt werden kannst.«

Katharina saß auf dem Strohsack und dachte über das Gesagte nach. Wie sie nach Wolfenbüttel käme, wüsste sie schon. Auch glaubte sie, dass man sie dort mit dem Kind einlassen würde, war doch ihr Vetter, Moritz Niebur, Kammerherr des Herzogs; der würde sicherlich etwas für sie tun können. Aber wie sollte sie auf der gefährlichen Reise das Kind ernähren? Es war sehr unwahrscheinlich, dass sie unterwegs Ziegenmilch bekäme, wo sie doch wusste, dass überall das Vieh von den Soldaten geraubt und geschlachtet worden war. Und Milch mitnehmen war nicht möglich. Vielleicht könnte sie eine Ziege kaufen? Aber eine Milchziege würde niemand verkaufen, schon gar nicht in diesen Zeiten des Hungers und der Entbehrungen.

Es wurde langsam dunkel und Zeit zum Aufbruch nach Wolfenbüttel. Sie gab dem Kind den Rest Milch aus dem Napf, trank selbst noch einen Schluck Brunnenwasser, band sich das Kind auf den Rücken und begann sich auf den Weg zu machen. Die Alte reichte ihr ein kleines Bündel: das seien ein paar Tücher für das Kind, ein Stück trockenes Brot, ein Löffel und der kleine Tonkrug. Mehr könne sie ihr nicht geben, da sie selbst nichts besitze. Sie ließ sie auf der Hinterseite des Hauses hinaus und sagte ihr, sie solle nicht durch das Dorf gehen, sondern dieses über die Wiese hinter dem Haus verlassen. Katharina verabschiedete sich, bedankte sich mit Tränen in den Augen für die Gastfreundschaft und ging über den kleinen Hof der Wiese entgegen.

Sie kam am Stall der Ziege vorbei, was unweigerlich am Geruch zu erkennen war. Plötzlich hielt sie inne und blieb still in der Dunkelheit stehen. Das Leben des Kindes konnte sie ohne die Ziege nicht retten. Aber sie konnte das Tier auch nicht einfach mitnehmen, das wäre Viehdiebstahl! Dann überlegte sie nicht mehr lange: Aus ihrem Leibchen zog sie aus dem Saum einen der dort versteckten Rheinischen Dukaten, ging leise in den Ziegenstall, löste den Strick von der Futterkrippe und führte das Tier behutsam aus dem Stall. Auf die Futtertruhe legte sie den Dukaten als Bezahlung und verschwand so leise wie möglich mit dem Kind und der Ziege in Richtung Waldwiese. Das Goldstück war für die arme Frau wie ein kleines Vermögen, aber die Ziege war für das Kind lebenswichtig. Im Weiterziehen machte sich Katharina schwere Vorwürfe wegen ihrer verwerflichen Tat.

Der Mond war inzwischen aufgegangen und ließ den wolkenverhangenen Himmel in einem milden Licht schimmern, das den Weg gut erkennen ließ, ohne dass sie selbst schon von weitem erkannt werden konnten. So zog sie, einem biblischen Bilde ähnlich, mit dem Kind auf dem Rücken, der Ziege am Strick in der rechten und einen Stock zum Gehen in der linken Hand, dahin.

Bald gelangte sie am Fuß des Galgenberges bei Hornburg an den kleinen Harzfluss Ilse. Es dauerte eine Weile, bis sie in dem trüben Licht einen Steg gefunden hatte, über den sie das andere Ufer des Flüsschens erreichen konnte. Nur dort konnte sie die nahe gelegene Hornburg umgehen. Es war beschwerlich, in dem feuchten, zeitweise morastigen Boden des Flussufers weiterzukommen, und manchmal blieb die Ziege einfach stehen und war minutenlang nicht zu bewegen, weiterzulaufen. Dann zog Katharina sie etwas an dem Strick, was sie durch leises, aber deutlich hörbares Meckern beantwortete. Wegen der dadurch entstehenden Gefahr, entdeckt zu werden, blieb Katharina nichts anderes übrig, als so lange zu warten, bis die Ziege sich bequemte, weiterzulaufen. So ging wertvolle Zeit für den Marsch verloren. Plötzlich stolperte Katharina in dem dämmerigen Licht über ein Seil, das vom Ufer her über ihren Weg gespannt war. Beinahe wäre sie gestürzt, konnte sich aber gerade noch auf den Beinen halten. Warum lag da ein Seil? Jetzt konnte sie es deutlich sehen. Es führte vom Ufer weg an einen kleinen Holzpfahl. Das andere Ende musste also zum Fluss hinunter führen. Als sie genauer hinsah, erblickte sie, im Uferschilf verborgen, einen Nachen, in dem auch eine Stange zum Staken lag.

Das Kind auf ihrem Rücken begann leise zu wimmern, als Zeichen dessen, dass es wieder hungrig geworden war. Jetzt war der Augenblick gekommen, da Katharina die Ziege zum Milchgeben brauchte. Sie band das Tier mit dem Strick an den Holzpfahl, an dem auch der Nachen festgemacht worden war, nahm aus ihrem geringen Gepäck die kleine Tontasse und machte sich daran, die Ziege zu melken. Anschließend nahm sie den Säugling vom Rücken und fütterte ihn Tropfen für Tropfen mit dem Holzlöffel.

Der Krieg hatte viele Bilder gezeigt. Hier war eine besondere Situation eingetreten, die zum tiefen Nachdenken anregte: Hier hatte eine junge Frau ihr eigenes Leben und das eines verwandten Säuglings gerettet, war nächtens auf der Flucht, musste zur Ernährung des Säuglings eine Ziege mitnehmen, die sie obendrein noch geraubt hatte, und saß jetzt mitten in der Nacht auf freiem Feld, molk die Ziege und gab dem Säugling die Milch …

Sie war an einem Harzfluss aufgewachsen, es war die Bode. Sie wusste mit einem Nachen umzugehen, sie konnte ihn staken und führen, besonders dann, wenn es in Fließrichtung des Wassers zu geschehen hatte. Sie hatte schon eine Ziege geraubt, wie wäre es, wenn sie sich den Nachen »ausleihen« würde, nur bis zu der Stelle, an der die Ilse in die Oker mündet. Am Okerufer würde der Weg etwas breiter und vielleicht auch etwas fester sein. Es wäre auch nicht mehr weit bis zur Einmündung der Ilse in die Oker, so dass der Besitzer seinen Nachen dort wiederfinden würde. Die bisher verlorene Zeit könnte sie so wieder aufholen. Ein Problem musste aber gelöst werden: Die Ziege musste mit in den Nachen, und ob das ohne Schwierigkeiten ablaufen würde, glaubte sie nicht.

So zog Katharina die Ziege dicht an das Ufer und an den Nachen. Dann stieg sie selbst in das Boot und zog das Tier am Strick an Bord. Es dauerte eine Weile, und es mussten mehrere Versuche unternommen werden, aber schließlich waren alle drei im Boot und auch das Bootsseil war vom Holzpflock gelöst worden. Katharina stand am Heck des Bootes und stakte es die Ilse flussabwärts in Richtung Oker.

Eine tiefe Ruhe lag über dem Land. Nur das Wasser plätscherte leise. Von Zeit zu Zeit meckerte die Ziege leise vor sich hin; vermutlich würde man es aber aus dem etwas tiefer liegenden Flussbett heraus oben nicht hören können. So legten sie in kurzer Zeit eine gute Strecke zurück, und bald kam die Einmündung in die Oker in Sicht. Hier wollte Katharina am rechten Ufer anlanden, weil sie wegen des besseren Weges am rechten Okerufer weiterziehen wollte.

An der Einmündungsstelle der Ilse bestand eine derartige Strömung, dass der Nachen an das linke Ilseufer gedrückt wurde. Verzweifelt versuchte Katharina, das Boot in die richtige Richtung zu lenken, aber es gelang ihr nicht. Plötzlich wurde das Boot von einer okerwärts drückenden Strömung erfasst, ohne dass Katharina das verhindern konnte, und kaum konnte sie es richtig erkennen, fuhr der Nachen okerabwärts. Ehe sie noch nach einer Stelle zum Anlanden Ausschau halten konnte, hatte das Boot durch die Strömung eine erhebliche Strecke zurückgelegt und bereits so viel Fahrt aufgenommen, dass es ihr nicht gelang die Fahrt zu verzögern oder gar den Nachen zu stoppen. Da sie die Fahrt nicht mehr beeinflussen konnte, musste sie sich ihrem Schicksal ergeben und nur dafür Sorge tragen, dass der Nachen geradeaus fuhr und nicht kenterte. Dabei meinte es dieses Schicksal gut mit ihr, denn als am östlichen Horizont ein heller Schein den neuen Tag ankündigte, war sie längst an Börßum, Dorstadt und Ohrum vorbeigefahren, und in der Ferne sah sie die Türme und schließlich die ganze Silhouette ihres Zieles: Wolfenbüttel.

Nun erreichte sie auch schon die ersten Häuser von Halchter. Jetzt galt es am linken Okerufer anzulanden. Es gelang ihr, das Boot in seichteres Wasser zu steuern und damit die Geschwindigkeit zu verringern. Mit Schwung warf sie das Bootsseil in einen Uferbusch, wo es sich zum Glück verfing und den Nachen mit einem Ruck stoppte. Dabei fiel die Ziege in das Boot hinein und begann laut zu meckern. Das lockte einen Hütejungen an, der in der Frühe die Gänse auf die Weide trieb. Er war Katharina beim Aussteigen behilflich, und auch die Ziege konnte schadlos aus dem Nachen geborgen werden. Katharina befestigte das Boot sicher am Ufer. Sie erklärte dem Jungen, dass das Boot in die Nähe der Hornburg auf die Ilse gehöre, gab ihm drei Pfennige und bat ihn, nach Möglichkeit den Besitzer ausfindig zu machen. Der Junge versprach es, und Katharina zog, froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, mit Kind und Ziege durch Halchter der Landwehr von Wolfenbüttel entgegen.

II.

WOLFENBÜTTEL GEHT IN PEST UND WASSER UNTER

23. August 1626 bis 31. Dezember 1627

Da lag sie, die große Festung, die Katharina schon von den Reisen mit ihrem Vater auf die Märkte der Stadt her kannte. Aber noch nie war sie ihr so groß, so massig und so drohend vorgekommen wie heute, da sie sich ihr zu Fuß näherte. Wenige hundert Meter auf ihrem Wege voraus begann die Landwehr mit ihrem Turm nach Süden, an dem sie vorbei musste. Dann sah sie einen breiten Strom, der wohl die ganze Feste umfloss. Weit außerhalb dieses Wassers floss ein zweiter Strom, die Oker. Über sie führte eine Brücke auf den Zingelwall, der den umfließenden Strom nach außen hin um die ganze Festung herum begrenzte. Hinter dem Strom ragte die Stadtmauer auf und sie schien riesig hoch zu sein. Katharina schätzte sie etwa so hoch wie den Kirchturm in Deestorff und der war über zwanzig Meter hoch. Dann waren da die sternförmigen Bastionen: Befestigungsanlagen, welche die Mauern nach oben und weit nach vorn überragten. Auf den Mauern und auf den Bastionen ragten überall Kanonenrohre drohend hervor. Der Anblick dieser Befestigungsanlage musste jeden potentiellen Angreifer abschrecken. Von ihrem Vater wusste Katharina, dass die Feste Wolfenbüttel einst im Schmalkaldischen Krieg erobert und teilweise zerstört worden war. Letztlich sei die Ursache des Falls aber die Uneinigkeit der Verteidiger gewesen. Die jetzige Feste war von den Herzögen Heinrich dem Jüngeren, dessen Sohn Julius und wiederum dessen Sohn Heinrich Julius zu einer der best befestigten Anlagen des Reiches ausgebaut worden. Sie galt als uneinnehmbar. In den Mauern erhob sich stolz die Stadt mit ihrer Residenz, ihren Türmen, ihren Kirchen, ihren Häusern. Man würde in einer solchen Stadt sicher sein, wenn man nur erst hineingelassen worden wäre.

Die Wolfenbütteler Landwehr begann kurz hinter Halchter auf der Goslarschen Heerstraße. Am ersten Wachturm erfolgte eine Kontrolle, die eventuell mitgeführten Waffen galt. Als der Wächter Katharina mit dem Kind auf dem Rücken und der Ziege genauer sah, ließ er sie unbehelligt in Richtung Stadt weitergehen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und so zog Katharina in der Dämmerung des Morgens. Links von der Straße lag außerhalb der Mauern die Siedlung »Im kalten Tale«. Sie ging an ihr vorbei und schwenkte auf die Brücke ein, die über die Oker zum Zingelwall führte. Jetzt lagen die riesigen Mauern mit den vier nach Süden gerichteten Bastionen direkt vor ihr und sie kannte ihre Namen noch aus ihrer Jugend: Von Westen nach Osten hießen sie »Krokodilsberg«, »Wunderlicher Heinz«, »Erichherzberg« und »Karlsberg«. Die beiden westlichen Bastionen schützten die Dammfeste, die beiden östlichen waren zum Schutze der »Heinrichstadt« erbaut. Auf dem Zingelwall angelangt, wandte sie sich nach Westen und erreichte nach etwa hundert Metern das Harztor.

Das Tor war von Wachen besetzt, aber da es immer noch vor Sonnenaufgang war, war es verschlossen. So musste Katharina warten und nutzte die Zeit, sich um den Säugling zu kümmern. An einem Pfahl band sie die Ziege fest und löste von ihrem Gürtel die kleine Tontasse. Dann begann sie die Ziege zu melken.

Als die Tasse mit der Ziegenmilch gefüllt war, nahm sie den Löffel und fütterte das Kind wieder tröpfchenweise mit der Milch. Die Sonne begann jetzt über dem Karlsberg aufzugehen und das schwere Eichentor wurde unter lautem Knarren und Quietschen geöffnet. Katharina schnürte sich das Kind erneut auf den Rücken, band den Becher an den Gürtel, nahm die Ziege und ging langsam dem geöffneten Tor entgegen. Als sie auf der Höhe der riesigen Torpfosten angelangt war, wurde sie von zwei Wächtern mit Hellebarden am Weitergehen gehindert.

»Wo kommt Ihr her, wo wollt Ihr hin? Habt Ihr einen Passierschein oder kennt Ihr jemanden in der Stadt, der für Euch bürgt?«, fragte der Torwächter und inspizierte die drei misstrauisch. Angesichts der Ziege rümpfte er die Nase, und während er um sie herumging, murmelte er: »In den schweren Kriegszeiten kommen allerlei Spione in irgendwelchen Verkleidungen und schleichen sich in die Festung. Dies ist aber wirklich eine Ziege. Der Herzog hat strickte Anweisung gegeben, das Einlassen in die Festung nur ehrlichem und ehrbarem Volk zu verstatten.«

Katharina ließ sich nicht noch länger fragen und bat den Soldaten, jemanden zum Kammerherren Moritz Niebur zu schicken; der sei ihr Vetter und der würde für sie gut sagen. Sie heiße Katharina Niebur und komme aus Deestorff.

Mit Erstaunen blickte der Mann sie an, offenbar verwundert darüber, dass eine derart »abgerissene Person« in ihren zerfetzten, blutbeschmierten Kleidern eine Verwandte des Kammerherrn sein sollte, gab dann aber einem jungen Soldaten den Befehl, zum Kammerherren des Herzogs zu laufen und ihm die Ankunft seiner Base Katharina Niebur am Harztor zu vermelden. Katharina wurde aufgefordert, sich inzwischen auf einen kleinen Holzschemel niederzusetzen und zu warten.

Die Ziege musste sie außerhalb des Tores an einem Ring in der Mauer festbinden. Die Wartezeit wurde lang. Katharina fror, ihre Kleider waren nass geworden; der Säugling war kaum mehr ruhig zu halten, und unter den abschätzigen Blicken der Soldaten wurde ihr bewusst, welch jämmerliches Bild sie abgab. Als die Sonne schon fast im Süden stand, kam der Soldat endlich zurück. Sein Auftreten verriet nichts Gutes: grölend und polternd kam er daher, und Katharina konnte bruchstückhaft seine Worte hören:

»… habe stundenlang warten müssen … für nichts und wieder nichts! Habe mir gleich gedacht, dass die Hure mit ihrem Hurkind nichts mit dem hoch verehrten Kammerherrn zu tun hat! Man sollte solches Pack gleich verjagen und nicht seine Zeit mit ihm vertun!«

Beim Wachoffizier angekommen, nahm er Haltung an:

»Habe zu vermelden: Der Kammerherr kennt keine Base Niebur aus Deestorff! Im Übrigen gäbe es überhaupt keine Nieburs mehr, diese seien alle umgekommen oder ausgestorben! Er, der Kammerherr, sei der einzige, der noch existiere!«, und zu Katharina gewandt fuhr er fort: »Und nun trollt Euch, Hurenpack, sonst mache ich Euch und dem Vieh Beine!«, und wollte im Wachturm verschwinden.

Katharina glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, als sie diese Worte hörte, und mit Zornesröte im Gesicht gab sie dem Soldaten zu verstehen:

»Geh Er sofort zurück zum Kammerherren und teile ihm mit, dass ich einen erbfähigen und lehensfähigen Spross der Familie, nämlich Balzer Niebur, mit mir führe. Es ist der Sohn des Ackermanns Hans Niebur, der leider bei einem Überfall Wallensteinscher Truppen auf das Dorf bei der tapferen Verteidigung von Familie und Hof erschossen worden ist. Weil ich als einzige Frau dieses Massaker überlebt habe, muss ich mich um dieses Kind kümmern. Wenn er, der Kammerherr, mich, Katharina, schon nicht passieren lässt, soll er wenigstens eine Amme schicken, die den Säugling in die Stadt holt und ihn versorgt. Es ist schließlich seine Pflicht dem Geschlecht der Nieburs gegenüber, seinem eigenen Geschlecht, einen männlichen, erbfähigen Spross der Familie zu retten. Ich werde nicht eher von diesen Mauern weichen, bis ich Balzer Niebur in Sicherheit und Geborgenheit weiß!«

Das alles sagte sie mit einem derartigen Nachdruck und mit derartiger Drohgebärde, dass der Soldat stehenden Fußes umkehrte und zum Kammerherren zurückmarschierte.