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Uli Wohlers

Projekt Rahanna

Roman

ULI WOHLERS

PROJEKT

RAHANNA

Roman

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1. Auflage 2017

Coverfoto: © iStock/gremlin

ISBN E-Book: 978-3-99200-178-1

Hugin und Munin müssen jeden Tag
Über die Erde fliegen.
Ich [Odin] fürchte,
dass Hugin nicht nach Hause kehrt;
Doch sorg ich mehr um Munin
.

Aus dem Grímnismál,
einem Götterlied der Lieder-Edda

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel l0

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

1

Das Drachenboot stob bei achterlichem Wind durch die schwarzen Wellen der Baltischen See nach Osten. Es hieß „Naglfar“ wie das Schiff der Feuerriesen – das Totenschiff, das, nur wenn der Meerespegel vor dem Weltuntergang steigt, Wasser unter den Kiel bekommt und zu schwimmen beginnt. Das Schiff, das nicht aus Holz gezimmert war, sondern aus den Finger- und Zehennägeln ehrlos und einsam Verstorbener. Gischt wallte auf. Der Wind drückte enorm auf das Rahsegel mit dem Odinsrad und bog den Mast. Kein Licht erhellte den Rumpf des hölzernen Schiffes. Kein Licht ging von den anderen Schiffen gleichen Typs aus, die backbord und steuerbord der Naglfar durch das düstere Meer pflügten. Einzig das Licht des zunehmenden Mondes quoll durch die Wolkendecke, verlieh den Frauen auf den Duchten fahle Konturen und schien das Tintenschwarz des Meeres noch zu verstärken. Die Naglfar flog über die Brandung wie ein Geisterschiff auf der Jagd nach unruhigen Seelen, die tiefe Schuld auf sich geladen hatten. Wenn der Rumpf auf einer hohen Welle zu surfen begann, korrigierte die Rudergängerin leicht den Kurs, sodass das Schiff etwas abfiel. Giftig strahlte das Weiß der Brandung. Fahlen Glanz verströmten die Brustpanzer und Helme aus Messing. Die vielköpfige Mannschaft klammerte sich an den Duchten fest, wenn das Schiff die Welle herabglitt und dem Ruder nicht gehorchen wollte. Immer wieder drohte es, sich quer zur Dünung in die brechende Welle zu legen und zu kentern. Allein die schnelle Fahrt erlaubte es, den Kurs zu halten.

„Da ist das Feuer vom Hammerturm. Halt darauf zu“, befahl Rahanna, die dicht neben der Rudergängerin stand. Der Schaum der Wellen glomm auf. Weiß wie die unbekleideten Arme und Beine der Frauen auf den Duchten. Rauschende, unendliche Dunkelheit drohte sie alle zu verschlingen. Das kurz aufflammende, helle Funkeln des Ystad-Leuchtfeuers, das in regelmäßigen Abständen hinter ihnen aufglühte wie ein kalter Diamant in der Ferne, zerriss die Schwärze der Nacht.

„Reicht das Licht? Sind die Akkus noch voll?“, wollte Rahanna wissen.

Solveig, die neben ihr kauerte, nickte. „Die Saga vom letzten Kampf der Drachenfrauen hat begonnen“, sagte sie. „Und die Götter in Walhalla sollen unsere Zeugen sein!“ Wetterleuchten flackerte und ließ die Armada aus Langbooten so grell vor dem schwarzen Meer aufblitzen, dass sie jenen, die nicht rechtzeitig die Augen schlossen, noch lange als Nachbild auf der Netzhaut glomm. Es war warm. Seit sie von Oslo ausgelaufen waren, hatte es viele Tage und Nächte mit Windstärke sechs bis sieben auf See gegeben. Kalte Mahlzeiten, Wasser und ein Eimer für die Notdurft. Es waren Tage und Nächte gewesen, in denen sie alle gehofft hatten, irgendwann einmal an der Küste von Hammershus zu landen. Am Nordzipfel der dänischen Insel Bornholm.

„Ich hätte das Kettenhemd nicht anziehen sollen“, sagte Solveig und nahm den Blick nicht von der Kimm. „Ich werde wie eine Katze ersaufen.“

„Das bringt dich nicht an Freyas Tafel“, sagte Rahanna und nahm das U-Boot-Fernglas aus dem Zweiten Weltkrieg, das sie um den Hals trug, vor die Augen. „Ohne goldenen Ohrring gibt es nicht einmal ein christliches Begräbnis, fürchte ich.“ Sie hielt sich mit einer Hand an Solveigs Schulter fest und versuchte das Glas gerade zu halten. „Aber wenn du Glück hast, kommen wir bald an Land und du wirst im Kampf sterben. Dann gibt’s für die Ewigkeit Met in Walhalla.“

„Sehr beruhigend, Schwester“, sagte Solveig. „Man lebt verkehrt, wenn man nicht bereit ist, für etwas zu sterben.“

„Für jede Gelegenheit die richtigen Klamotten. Genau dein Ding, Süße“, sagte Rahanna und starrte dabei durch das Glas in die Nacht. Dann ließ sie es wieder vor der Brust baumeln. Sie stand am Heck und konnte die Steigung des Rumpfes durch minimale Bewegungen auffangen und ohne sichtbare Regung ihres Körpers ausgleichen. Als wäre sie mit dem Eichenholz des Rumpfes verwachsen. Keiner sprach mehr. Für einige Zeit blieb nur das Rauschen der Wellen und des Rumpfes, der durchs Wasser pflügte.

„Glaubst du, auf die Jungs vom Bereitschaftscenter ist Verlass?“, fragte Solveig schließlich.

Rahanna hatte das Glas wieder vor den Augen. „Die Jungs vom Bereitschaftscenter … das wäre doch mal was. Jungs, die immer bereit sind.“

„Ein Widerspruch in sich. Das ist wohl auch wieder mal nur eine der vielen, vielen Sagas“, kicherte Solveig. „Aber wo landen wir an, wenn sie uns auch heute Nacht wie üblich enttäuschen?“

„Zur Not laufen wir den Hammerhavn an. Aber das würde Aufsehen erregen. Da können wir unsere Drachen nicht verstecken. Aber wir bekommen, glaube ich, Thors Hilfe.“

„Ja, heute ist Onsdag, der Odins-Tag“, sagte Solveig. „Ich spüre einen Sommerorkan mit 12 Windstärken hinter uns aufkommen, der alles platt walzen wird, was wir hassen. Wer könnte sich uns und Odin noch in den Weg stellen?“

Angestrengt starrten die Frauen, die in den Ruderduchten hockten, in die Finsternis. Rahanna schwieg. Ihnen blieb nur noch eine gute Stunde bis zum Tagesanbruch. Dann musste die Fahrt beendet sein. Dann mussten sie das Meer verlassen haben, denn hinter ihnen würde die Hölle losbrechen. Sie wusste so etwas. Sie liefen Gefahr wie viele Schiffe vor ihnen, an der felsigen Nordküste von Bornholm zu zerschellen und gemeinsam zu ersaufen.

„Da, an Steuerbord. Endlich!“

Fahl flammte ein rotes und ein grünes Flackern am Horizont auf.

„Steuerbord, Loki“, befahl Rahanna der Rudergängerin. „Blast das Horn. Segel runter. Klar bei Riemen!“

2

Es ist eine besondere Eigenart der dänischen Polizei, schnell, unbürokratisch und niedrigschwellig zu reagieren, dachte Kriminalkommissar Ole Rasmussen von der Polizeiwache Rønne voller Stolz, als er durch den Waldweg tappte, der von seinem Haus zum Strand führte. In Kopenhagen hatte man zum Beispiel, nachdem eine Autobombe vor einem Rockerheim explodiert war, einfach Halteverbotsschilder aufstellen lassen. Wenn kein Auto parken kann, muss die Bombe eben woanders detonieren. Er hatte nie verstanden, warum es in all den arabischen Ländern ständig zu einer Massierung solch unerfreulicher Anschläge kam. Ob man das Problem, das sich im Wirkungsbereich seiner Gestaltungsmöglichkeiten abzeichnete, auch so genial lösen konnte, war allerdings ungewiss. Er hatte deswegen auch nur kurz schlafen können. Wetterleuchten hatte ihn geweckt. Vor dem Morgengrauen war er hellwach gewesen und hatte es nicht geschafft, wieder Ruhe zu finden. Kurzerhand hatte er, obwohl der Wind recht kräftig blies, sein Angelzeug gepackt und war nun auf dem Weg zum Wasser. Es war gerade hell genug, um dem sandigen Weg durch die düsteren Kiefern folgen zu können. Mit großen Händen schienen die niedrigen Äste nach ihm greifen zu wollen. In der letzten Woche hatte es eine Anzahl von Todesfällen gegeben, die zu großer Unsicherheit und erheblichem Verdruss in der Bevölkerung geführt hatten. Die Befürchtung, dass die meist älteren Menschen am H1N1-Virus, der sogenannten Schweinegrippe, gestorben waren, konnte bis jetzt noch nicht widerlegt werden. Man hatte den Erkrankten verboten, das Haus zu verlassen, weil sie dabei die Krankheit zu leicht auf andere übertragen konnten. Das war ihm ziemlich herzlos erschienen, denn die paar Ärzte auf Bornholm konnten die vielen Patienten, darunter auch alte Menschen und schwangere Frauen, die besonders gefährdet waren, nicht so schnell abarbeiten. Graffiti-Schäden, eingeschlagene Fensterscheiben und sogar zwei brennende Autos waren die Folge gewesen. Selbst die konservative und eher betuliche Tageszeitung „Bornholms Tidene“ hatte auf einmal radikale Töne angeschlagen und vom Versagen der Behörden gesprochen. Ole Rasmussen war ernsthaft besorgt, als er den Strand erreichte. Das Wasser der Ostsee, das die Insel Bornholm umgab, für die er mit seinen Polizeikollegen verantwortlich war, war aufgewühlt. Ole Rasmussen war kein guter Angler. Er hatte in Wirklichkeit noch nie einen Fisch gefangen und wusste noch nicht einmal, ob gerade Schonzeit war. Aber er genoss es, manchmal mit Wathosen im Meer zu stehen, die Angel auszuwerfen und nachzudenken. Es war seltsam schwül und der Wind war plötzlich moderat. Obwohl er wegen der heftigen Dünung bestimmt nicht ins Wasser gehen würde, überprüfte er sorgsam seine Angelrute. Ein zusätzlicher Sorgenfaktor, den er gerne für einen Moment vergessen würde, waren die Großveranstaltungen, die ausgerechnet jetzt stattfinden sollten und bereits Tausende von meist jungen Menschen auf die Insel gelockt hatten. Ein Mittelalter-Treffen, eine Goa-Party sowie ein Kongress für ökologischen Landbau waren ausgerechnet gleichzeitig genehmigt worden, weshalb sogar der Zoll aktiv geworden war. In Rønne war jede ankommende Fähre überprüft worden. Sie hatten die vielen Autos nach Drogen und nach Waffen untersucht. Sie hatten Personenkontrollen durchgeführt und eine Reihe von vorbestraften Personen ausgemacht. Für keine Person hatte ein aktueller Haftbefehl bestanden. Das einzig wirklich Auffällige war gewesen, dass es ein paar Transporter gegeben hatte, die ausschließlich mit Salz beladen waren. Einige waren überladen und deswegen mit empfindlichen Geldbußen belegt worden. Aber Salz war, selbst wenn man Tonnen davon mitführte, nichts Illegales. Mit der Kontrolle der „Wikinger“ – Drachenboote, die von überall kamen und praktisch an jedem Strand landen konnten – war die örtliche Polizei allerdings vollkommen überfordert. Man konnte nur hoffen, dass sie außer illegalem Met und einem Haufen von Säufern nichts enthielten, was die öffentliche Ordnung stören konnte. Ole Rasmussen besah angestrengt die Kimm und konnte in der Ferne die Bö eines aufkommenden Sturmes ausmachen. Mit der Angelei würde es an diesem Morgen einmal mehr nichts werden. Er brachte die Ausrüstung in die Dünen und beschwerte sie mit Steinen. Von einer Senke aus beobachtete er das Heranbranden eines heftigen Sommersturmes.

3

Oberst Bertel Albertsen vom Aufklärungsbataillon Bornholm hatte nie unter Schlafstörungen gelitten. Jeden Abend befestigte er sorgsam seine Uniform am stummen Diener, sorgte dafür, dass die Dienstpistole entsichert war, und schlüpfte dann in den hellen Frotteepyjama, den ihm ein in Afghanistan gefallener Kamerad vererbt hatte. Er war ein kleiner drahtiger Kerl – immer sonnenverbrannt. Er war es gewohnt, sich auch im Dunkeln bettfertig zu machen. Sobald er die Kissen unter seinem Kopf fest wie Steine gestopft hatte, schlief er ein. Sollte es keinen offiziellen Alarm geben, so würde ihn nicht einmal der Dritte Weltkrieg vor sechs Uhr dreißig aus der Ruhe bringen. Auch der gerade einsetzende Orkan konnte seinen Schlaf nicht stören. Sturm war man auf der Insel gewöhnt, und dass die Jahreszeit – es war Anfang Juni – dafür nicht passend war, darum scherte sich das Unterbewusstsein offenbar einen Dreck. Der Soldat schlief, wann immer es der Dienst erlaubte. Er verließ sich hundertprozentig auf die Wachen, die am Schlagbaum der Kaserne ihren Dienst taten. Schüsse hätten ihn sofort geweckt. Und wenn diese grundlos abgefeuert wurden, dann konnte sich der Rekrut auf etwas von ihm gefasst machen, das sicher schlimmer war als ein Orkan. Umgeben von tapferen Kameraden, sollte einem Kommandeur wohl Ruhe gegönnt sein – und seine Jungs hatten nicht nur Bosnien, den Kosovo, Serbien und Afghanistan überstanden. Doch diesmal gab es einen Grund, schon um vier Uhr morgens die Augen zu öffnen. Er merkte sofort, dass er nicht allein in seinem Schlafraum war. Er spürte etwas Kaltes am Hals. Das spärliche Licht einer Kerze flammte auf und er blickte in ein Gesicht, das nur aus blonden Haaren, Bart und stahlblauen Augen zu bestehen schien. Er griff nach dem kalten Gegenstand an seinem Hals und der Druck gegen seine Kehle wurde prompt stärker.

„Ist das etwa eine Hellebarde?“, flüsterte er.

„Ja, Bertel“, antwortete der Mann, der unmöglich ein Soldat sein konnte, denn er war langhaarig, unrasiert und sah aus wie ein Wikinger. „Und sie ist rattenscharf und wartet nur darauf, deinen müden Schädel vom Leib zu trennen!“, sagte die Stimme.

Der Oberst mochte die Hand nicht von der Waffe nehmen und tastete sie vorsichtig ab.

„Ist das etwa das Exponat aus dem Verteidigungsmuseum in Rønne?“

„Du kennst dich aus in deinem Mörderberuf. Das ehrt dich.“

„Die darf auf keinen Fall aus der Vitrine genommen werden“, insistierte Oberst Bertel Albertsen. „Sie hat einmal König Knud dem Gnadenreichen gehört.“

„Ich bin Blut-Eigil, König Knuds Hauptmann. Es wird mir eine Ehre sein, dich faltigen Rosinen-Bruce-Willis damit zu enthaupten, denn du bist ein verdammter Verräter“, sagte die Stimme. König Knuds Hellbarde schnitt wie zur Probe in die Haut des Soldaten. Warmes Blut rann auf die Kissen, und dem Oberst wurde bewusst, dass er unrasiert in einem lächerlichen Frotteepyjama sterben würde, wenn er nicht tat, was dieser Mann verlangte.

„Ich bin Knud vom Nordfjäll und bin mit meinen Getreuen gekommen, um zu fordern, was unser ist. Wir sind die einzigen Erben von König Knud“, sagte ein weiterer Eindringling, der nicht in seinen Gesichtskreis getreten war, ruhig. „Willst du weiter den verdammten Skrælingern folgen oder willst du deinem Land von jetzt an die Treue halten und tun, was ein echter Däne dir befiehlt?“ Bertel Albertsen blickte zu Blut-Eigil. Er konnte nicht erkennen, dass die beiden einander so ähnlich sahen, als wären sie Brüder. Es gab keinen Grund, Eigils Entschlossenheit infrage zu stellen, und der Schmerz, den die Klinge seinem Hals zufügte, sprach gegen einen Albtraum. Das, was er erlebte, war Wirklichkeit, auch wenn die Eindringlinge – die scharf nach Tierfett rochen – aus einer anderen Welt zu kommen schienen. Der Orkan brüllte um die Mauern der Kasernengebäude, fegte über den Hof, trieb Äste, Büsche und Müll vor sich her. Würde die Fahne wehen, der stolze Dannebrog – die älteste Fahne der Welt –, die er beim Abendappell hatte einholen lassen, dann würde dieser Wind sie in Stücke reißen. Oberst Albertsen nickte. Er war sich seiner lächerlichen Lage bewusst und doch auf einmal von Patriotismus erfüllt. „Ja, das werde ich“, hörte er sich sagen. Gemurmelte Beifallskundgebungen erfüllten den Raum. Die beiden Wikinger, deren Stimmen er gehört hatte, waren offenbar nicht allein gekommen.

„Dann höre, wie du deine Schande wiedergutmachen kannst“, sprach Knud vom Nordfjäll.

4

Der Hafenmeister Jens Ole Hansen blickte von seinem Büro hoch über dem Hafen auf das Meer und die Hafeneinfahrt. Dann betrachtete er beunruhigt die Wettervorhersage auf dem Monitor. Sogar sein mechanisches Barometer fiel beständig. Sollten die Wellen bis sechs Uhr noch signifikant höher werden, dann musste die Autofähre „Villum Clausen“ im Hafen bleiben. Das bedeutete jede Menge Ärger mit den Passagieren. Aber er trug nun einmal die Verantwortung. In ein paar Stunden konnte viel passieren. Er zündete sich eine Zigarette an und sah wieder auf das Meer. Das Wetter änderte sich schnell. Der Vorabend war bei kräftigem Wind sehr warm gewesen. Im goldenen Licht der Abendsonne hatte er zugesehen, wie fünf Drachenboote in den Hafen geglitten waren. Sie konnten eine Sondergenehmigung vom Tourismusbüro vorweisen. Erst hatte er sich darüber geärgert. Der Hafen war kein Spielplatz, sondern ein gefährlicher Arbeitsplatz, wo er für die Sicherheit der Menschen verantwortlich war. Da konnte er keine Verrückten gebrauchen. Und als Verrückte bezeichnete er heimlich die Typen in diesen Wikingervereinen, in denen so getan wurde, als gebe es die modernen Zeiten mit ihren technischen Errungenschaften nicht. Aber als die Drachenboote wirklich in den Hafen eingelaufen waren, war er aufgestanden und hatte sie gebannt betrachtet. In perfekter Seemannschaft flogen sie nacheinander durch die Hafeneinfahrt und bargen die düsteren Rahsegel. Die goldenen Helme und Schilde reflektierten das Licht der untergehenden Sonne. Halb nackte Hünen manövrierten die Schiffe ohne Befehle. Jeder wusste, was zu tun war. Lange Haare wehten in der Abendbrise. Die Zeit schien wirklich zurückgedreht worden zu sein. Mit dem Eintauchen der Ruder ins grüne Wasser schien fast eine hypnotische Gewalt von den Drachenbooten auszugehen. Jedes Eintauchen war wie ein tiefer Atemzug. Ein Gleiten in eine andere Welt, in der die Menschen ein Teil der Natur waren. Waren diese Schiffe nicht bis nach Amerika gesegelt? Hatten sie nicht überall in Europa Handel getrieben und die Strecke von Nordnorwegen bis nach Schleswig in anderthalb Wochen bewältigt? Auch die Schiffe in seinem Hafen kamen von überall. Aus Schweden, Russland und dem Baltikum. Aus Polen, Deutschland und Holland. Jens Ole Hansen drückte die Zigarette aus. Er stand auf und ging ans Panoramafenster. Er hatte andere Sorgen, als sich mit nostalgischen Gefühlen zu zerstreuen. Die Wikingerschiffe lagen gut vertäut im Hafen und ihre Besatzungen schliefen hoffentlich ihren Rausch aus. Schwarz türmten sich die Wolken im Westen auf, fraßen den kommenden Morgen und spien Blitze. Der Sturm ließ die dreifach verglasten Scheiben erzittern. Für einen Moment blickte der Hafenmeister in das gelbliche Licht eines Streichholzes und sog den Rauch einer weiteren Zigarette ein, als die immer verschlossene Tür zu seinem Büro komplett aus dem Rahmen gerissen wurde. Zwei große Wikinger schoben sich in den Raum. Ihre Haut glänzte fettig. Sie hatten Streitäxte in den Fäusten. Eine Sturmbö trieb den Regen so stark gegen die Glasfronten, dass sie wie dickes Eis aussahen.

„Seid gegrüßt“, sagte der Größere von ihnen. „Und mach jetzt genau das, was wir dir sagen – sonst wird dein Blut den Boden tränken!“

5

Der Bedienstete Polizeiwachtmeister Lund von der Dienststelle in Rønne sah auf, da er ein Klappern gehört hatte. Es war kurz nach vier. Er erhob sich vom Wachtresen und musste sich eingestehen, kurz eingenickt zu sein. Es war schon hell gewesen, als er weggedämmert war, und jetzt, eine gute halbe Stunde später, schien es wieder Nacht zu werden. Er trat müde zur Tür, öffnete sie und musste sie festhalten, da eine Windbö sie ihm aus der Hand zu reißen drohte. Ein Unwetter war aufgekommen. Der Lärm hatte von einem Bananenkarton hergerührt, der immer wieder gegen die Mauer der Polizeiwache stieß, als wollte er sich ein Loch in die Fassade klopfen. Lund fror auf einmal. Er schloss die Tür und setzte hinter dem Tresen die Kaffeemaschine in Gang. Sein Kollege, der Bedienstete Polizeiwachtmeister Kofoed, würde ihn bald ablösen. Der freute sich, wenn er bei Dienstbeginn frischen Kaffee bekam. Lund setzte sich wieder. Heimisch röchelte die Kaffeemaschine. Das Brüllen des Sturmes wurde immer lauter. Die Tür wurde aufgerissen und Kofoed trat ein. Er hatte die Hände erhoben und war weiß im Gesicht. Der Wind fuhr in die Wachstube und ließ die herumliegenden Papiere aufstieben wie einen Möwenschwarm. Der Wachtmeister wurde von Wikingern begleitetet. Ein rothaariger Hüne mit Messinghelm drückte ihm die Spitze eines Speeres zwischen die Schulterblätter. Bevor Lund seine Dienstwaffe hervorgekramt hatte, zeigten drei Schwertspitzen in sein Gesicht. Die Wikingergruppe füllte den Raum. Lange Haare. Lange Bärte. Es roch nach Schweiß und abgestandenem Bier.

„Für euch ist hier Feierabend“, sagte der Mann mit dem Speer. „Es sei denn, ihr wollt, dass wir mit euren Köpfen Fußball spielen.“

„Was seid ihr denn für ein komischer Verein“, rutschte es Lund entgeistert heraus. „Gehört ihr zu der Volkstanzgruppe Rutsker Højlyng? Was soll der Mummenschanz?“

„Ich bin Hauptmann Blut-Eigil. Sie nennen mich den Schlächter. Willst du wissen warum, du armer Apfel?“

„Wegen dem Mittelaltermarkt seid ihr wohl nicht hier? Wollt ihr vielleicht trotzdem einen Kaffee?“, fragte Lund. „Ich weiß nicht, ob er für alle reicht, aber er ist frisch.“

„Ich würde einen nehmen“, sagte Kofoed und nahm die Hände herunter. „Für dich gibt es gleich Met an Odins Tafel, du Skrælinger Büttel!“ Blut-Eigil, der Schlächter, stieß Kofoed die Speerspitze in den Rücken. Kofoed spürte warmes Blut.

„Na, dann eben nicht“, sagte Kofoed, nahm langsam die Hände hoch und kratzte sich mit abgespreiztem Daumen hinter dem Ohr seinen Schädel. „Für Alkohol ist es mir aber dann doch noch ein bisschen zu früh.“

„Das solltest du überdenken, mein bleicher Freund. Es könnte leicht dein letzter Morgen sein“, sagte Blut-Eigil.

6

Das Aufklärungsbataillon war in voller Kampfstärke von 150 Mann auf dem Kasernenhof angetreten. Sturmböen rissen an den Zweigen der großen Fichten, die den Exerzierplatz umgaben. Oberst Bertel Albertsen hob zu einer Rede an.

„Kameraden“, sagte er, „wir müssen uns der Übermacht fügen. Das Kommando hat jetzt Knud vom Nordfjäll, der einige Worte an euch richten will. Es lohnt nicht, gegen die Übermacht zu kämpfen. Sie haben die Waffenkammern aufgebrochen. Wir müssen sinnloses Blutvergießen vermeiden.“

„Landsknechte“, begann Knud und hob seine zweischneidige Streitaxt. Er trug einen Messinghelm und sein Gesicht war schwarz gefärbt. „Wir sind die Befreier der Insel!“ Er wies auf seine Männer, die überall in losen Gruppen postiert waren. Im Gegensatz zu den Soldaten waren sie schlecht gekleidet. Halb nackt, nur mit Lendenschurzen, glänzenden Messinghelmen und Lederwesten angetan. Von ihren muskulösen Körpern, die vom Tierfett, mit dem sie sich eingerieben hatten, glänzten, perlte das Regenwasser ab. Das einzig Moderne an ihnen waren Sturmgewehre, Handgranaten und Funkgeräte. Die Maschinengewehre, die an einem mit künstlichen Blättern getarnten Geländewagen befestigt waren, zielten auf die Uniformierten.

„Jens Kofoed, Poul Anker und Villum Clausen haben sich am 8.12.1658 erhoben und ihr Leben riskiert, um die schwedische Knechtschaft zu brechen. Sie haben die Schweden besiegt und die Insel befreit. Hurra für die dänischen Helden!“

„Hurra!“, brüllten alle einhellig und eine Regenbö brauste fast horizontal auf die Männer herab.

„Seit über einem Jahrzehnt sind wir wieder in Knechtschaft geraten. Denn die jetzige Herrschaft ist noch viel schlimmer als die der Schweden!“, brüllte Knud, von dem das Wasser abperlte, gegen das Brausen des Sturmes. Die Wikinger standen starr im Regen, hoben nur ihre Waffen gegen das Aufklärungsbataillon, das wegen des Orkans aus dem Glied zu treten drohte.

„Eine sehr kleine Gruppe unserer eigenen Leute hat uns zu ihrem kleinlichen Vorteil versklavt. Die Gier ist ihre Religion und der Neid ihre Wissenschaft. Krämerseelen und opportunistische Speichellecker sind dabei, Ragnarök auszulösen und uns alle und selbst die Götter mit in den Weltuntergang zu reißen. Diese verdammten Skrælinger haben sogar schon Macht über unsere Träume!“, brüllte Knud und erhob seine Dänenaxt. „Damit ist es ab heute und für immer vorbei. Heute ist unsere letzte Chance, aufzustehen, um mit Gewalt unsere Insel zurückzuerobern. Wir befreien die Insel und werden sie unter unseren Familien aufteilen und sie wieder wie in alter Zeit beackern. Das Thing wird zu jedem Vollmond abgehalten und jeder und jede kann in geheimer Wahl seine Stimme abgeben. Wir treten jetzt an, um die Insel wieder in die Hand ihrer rechtmäßigen Bewohner zu bringen. Der Kampf wird hart, aber wir haben nichts zu verlieren. Der Tod ist gewiss, und einen Platz an Odins Tafel kriegt nur, wer sich wacker gewehrt hat und mit dem Schwert in der Hand stirbt. Lieber ein harter Kampf als ein Leben in Knechtschaft! Noch steht die Weltesche! Wollt ihr Kämpfer sein oder Diener? Krieger oder Schatten? Lebendig oder scheintot?“

„Hurra“, brüllten die Männer und auch einige Soldaten des Aufklärungsbataillons drückten in Sturm, Regen und im Gebrüll der Wikinger ihre Kreuze durch.

„Und wenn es nur diese kleine Insel ist, die wir befreien können. Es lebt nur, wer für etwas zu sterben bereit ist! Es ist kein Verrat, sich uns anzuschließen. Es ist Zivilcourage! Wir brechen die Knechtschaft und retten unsere kleine Insel. Wer sich uns anschließen will, wird als freier Däne bei der Teilung des Landes berücksichtigt. Die anderen kommen in Gefangenschaft, wo sie gut behandelt werden. Wer sich aber gegen uns stellt, wird sofort und ohne Gnade erschossen!“

Oberst Bertel Albertsen konnte es kaum ertragen, zu sehen, wie ein paar seiner Untergebenen die Hand hoben. Sie traten aus dem Glied und wurden mit wildem Gebrüll begrüßt. Eine Gruppe der Wikinger führte die Männer um Bertel Albertsen als Gefangene in die riesige hölzerne Turnhalle.

25 offene Kampfwagen donnerten auf den Hof. Von den Übungen, die sie im Süden der Insel gemacht hatten, waren sie alle mit künstlichen Zweigen getarnt. Sie sahen aus wie dichte Gebüsche. Teilweise waren sie wie die, die schon im Kasernenhof standen, mit leichten Maschinengewehren armiert. Ihre Fahrer schwärzten die bärtigen Gesichter, setzten Sturmbrillen auf. Ihre Helme und ihre Muskeln glänzten zwischen den Zweigen. Mit weißer Farbe schmierten einige Wikinger das Odinsrad an das dunkle Blech der Fahrzeuge. Landkarten wurden ausgeteilt.

„Aufsitzen! Schwärmt aus und befreit die Insel“, brüllte Knud vom Nordfjäll gegen das Brüllen des Sturmes und das Brausen der Motoren. „Wir werden jeden Widerstand brechen. Tod den Skrælingern! Freiheit für Bornholm!“

7

Kriminalkommissar Stig Tex Papuga von der Wache in Rønne hätte sich, wenn das möglich gewesen wäre, am liebsten selbst in den Arsch getreten. Bei aller Gelenkigkeit hätte er es schon deswegen nicht gekonnt, weil er in einem Schlafsack steckte, der wiederum in einem kleinen Zelt auf einer Isomatte lag. Wind zerrte am Ripstop-Nylon und schüttelte das Aluminiumgestänge. Er war allein und musste sich aus dem Tiefschlaf herausarbeiten, aus dem ihn die Sturmgeräusche geweckt hatten. Er brachte eine Hand aus dem Schlafsack und rieb sich die Augen. Wie hatte er sich nur von Pia überreden lassen können, eine Radtour zu machen, die ausgerechnet in die Dünen von Dueodde geführt hatte. Weit weg von der Stadt Rønne – seinem Dienstort. Aber es war ihr wirklich ernst gewesen. Pia hatte darauf bestanden, etwas mit ihm zu unternehmen. Sie wollte unbedingt in Ruhe mit ihm reden und so hatte er sich schließlich freigenommen. Dann waren sie einen halben Tag von Nordbornholm zum Jomfrugården herunter geradelt. Pia hatte mit ihrem neuen Elektrorad angegeben – den Motor aber freundlicherweise abgeschaltet. Das hatte sie zumindest behauptet. Als sie endlich am Strand waren, hatten sie im noch ziemlich kalten Wasser gebadet. Er dachte an Pias hellen Körper zwischen den toten Baumstämmen, die den Strand säumten. Wie sie beide aus dem türkisenen Wasser an den Strand gelaufen waren. An ihre kleinen, vom kalten Wasser festen Brustwarzen, an ihre glatten Oberschenkel. Stig richtete sich auf. Das Zelt wackelte im wild aufbrausenden Sturm. Er befreite sich aus dem Schlafsack. Nachdem sie miteinander geschlafen und noch eine Weile am Feuer gesessen hatten, waren sie ins Zelt gekrochen. Schließlich hatten sie sich aus irgendeinem für ihn nichtigen Anlass gestritten. Es ging ums Zusammenziehen. Sie verstand nicht, dass er nicht in ihre Land-WG an den Rand von Rønne ziehen wollte, und war schließlich beleidigt in die Dunkelheit gestapft und verschwunden. Er hatte eine Weile überlegt, ob er ihr nachgehen sollte, den Gedanken aber schließlich verworfen. Manchmal war es eben nötig, Distanz zu wahren. Er war im Zelt geblieben und wegen der Anstrengung am Nachmittag sofort eingeschlafen. Erst der Wind hatte ihn geweckt. Bei dem Streit war es auch um die Toten gegangen, die am Vortag ins Reichshospital nach Kopenhagen ausgeflogen worden waren. Der Tod dieser Menschen hatte der Polizei schon eine Menge Probleme bereitet. Möglicherweise war die Schweinegrippe für ihr Ableben verantwortlich. Auf einer Insel mit 40 000 Einwohnern und 400 000 Schweinen empfanden das einige Mitbürger als beunruhigend. Wenn hier wirklich die Schweinegrippe ausbrechen würde, könnte es Hunderte, ja Tausende von Toten geben. Es hatte spontane Demonstrationen und mehrere Übergriffe auf Bauern und Futtermittelverkäufer gegeben. Sogar die Fassaden einiger Banken waren beschmutzt worden. „Mörder“ hatte jemand an die Schaufensterscheiben gesprüht.

„Natürlich sind auch die Geldgeber Mörder“, hatte Pia gesagt. „Sie zwingen den Bauern Kredite auf, damit sie immer mehr expandieren. Sie setzen die paar Bauern, die sich das Land noch teilen, unter Druck, sodass sie industriell produzieren müssen. Tiere sind aber keine Ware, deren Produktion man immer billiger machen kann. Es sind komplexe Lebewesen wie wir selbst, und wenn man sie schlecht behandelt, entwickeln sie Krankheiten.“

„Bis jetzt ist es doch nicht erwiesen, dass es Schweinegrippe ist“, hatte Stig geantwortet. „Es kann alles Mögliche gewesen sein.“

„Und wenn schon. So kann es nicht weitergehen!“

Vor ein paar Monaten sah es so aus, als ob der Schlachthof in Rønne schließen müsste. Trotz Agrarsubventionen, trotz maximaler Umweltverschmutzungen und Tierquälerei war es offenbar nicht möglich, rentabel genug zu arbeiten. Stig hatte sich heimlich gefreut, dass der Laden dichtmachen musste. Die Fährgesellschaft hatte sich geweigert, lebende Schweine zu transportieren. Aufgrund des infernalischen Gestankes hätten Besatzung und Passagiere bald Gasmasken tragen müssen. Es sah für einen Moment so aus, als ob es der Schweineindustrie an den Kragen ginge, aber dann hatte man die 150 Arbeitsplätze mit Steuergeldern gerettet. Er mochte sich nicht einmal vorstellen, sein Leben lang Tiere zu töten – aber für die Regierung waren diese Leute eben Wähler, und so ging es jetzt sogar darum, die Stückzahlen noch zu erhöhen.

„Was würdest du denn tun, wenn zum Beispiel dein Kind qualvoll an Schweinegrippe sterben würde?“, hatte Pia wütend gefragt.

„Ich weiß es nicht“, konnte er nur antworten. „Ich habe kein Kind. Aber wir haben in diesem Land Gewaltenteilung und der Rechtsstaat ist eine Errungenschaft, für die Millionen Menschen ihr Leben gegeben haben“, hatte Stig geantwortet. „Ich werde diesen Staat immer verteidigen. Schwarz-Weiß-Malerei bringt uns kein Stück weiter.“

„Warum greift er denn jetzt nicht ein, dieser scheiß Rechtsstaat, sondern unterstützt die Mörder stattdessen noch?“

„Es wird ermittelt“, hatte Stig gesagt. „Die Leichen werden obduziert und dann sehen wir weiter. Wir brauchen Beweise und dann können und werden wir auch etwas tun!“

„Fick das System! Das einzig gute System ist ein Soundsystem!“, hatte Pia gesagt und den Reißverschluss ihres Schlafsackes geöffnet.

„Sagen das nicht auch die Rechtsradikalen?“

„Reicht es nicht, dass du Polizist bist? Kannst du nicht wenigstens eine eigene Meinung haben? Was glaubst du denn, was ich denke? Meinst du, dass es für uns noch eine gute Perspektive gibt?“

„Ich weiß, dass du mit deinen Freunden auf einem ökologischen Hof wohnst. Aber bist du nicht Bäckerin? Warum soll eine Bäckerin nicht mit einem Polizisten zusammen sein?“

„Nennst du das ‚zusammen sein‘? Wir pennen miteinander! Aber was ist, wenn ich mal schwanger bin? Würdest du für ein Kind Verantwortung übernehmen, wenn du es noch nicht einmal für deine Insel tust? Eine von den Toten ist meine Großtante. Du kannst dir ja mal überlegen, auf welcher Seite du stehst! Aber du solltest es dir schnell überlegen!“, hatte Pia geschrien und war aus dem Schlafsack gekrochen, aufgestanden und hatte das Zelt verlassen, nicht ohne den Reißverschluss des Zeltes sorgsam hinter sich zu schließen.

Stig zog sich an, während der Sturm das Zelt bereits flach an den Boden drückte. Heringe waren herausgerissen. Endlich draußen, konnte Stig sich kaum aufrichten. Er zog die Abspannleinen los und warf ein paar große Äste auf den Lappen, der Zelt und Schlafstatt gewesen war. Im Strahlbad der Sandkörner floh Stig Richtung Wald, die Augen dabei fast geschlossen. Der Himmel war graublau. Er schwang sich auf das Fahrrad und versuchte, den Udegårdsvej entlangzuradeln. Immer wieder musste er sich mit den Füßen am Boden abstützen, um nicht umgeworfen zu werden. Schließlich warf er das Fahrrad auf den Asphalt und kroch unter eine Hecke. Er schaltete sein Telefon ein und stellte fest, dass er kein Netz hatte. Der Sturm brüllte wie eine Horde von Loks, die durch einen Vorstadtbahnhof brauste. Er steckte das Gerät wieder ein und schob nun gebückt das Rad weiter. Er bückte sich dabei so tief, dass er sich fast wie ein Vierbeiner vorkam, während er dem unbarmherzigen Sturm trotze, und hoffte, nicht einfach wie ein zusammengeknülltes Stück Papier über die Straße geweht zu werden.

8

„Entschuldigt die Störung.“ Bürgermeisterin Winnie Paludan schreckte aus tiefem Schlaf auf. Das Erste, was ihr Bewusstsein erreichte, war der starke Geruch nach Tierfett. Sie setzte die auf dem Nachttisch bereitliegende Brille auf und verstand jetzt, wo sie alles scharf erkennen konnte, auch nicht viel mehr. In ihrem Schlafzimmer drängten sich ein paar halb nackte Männer mit Dänen-Äxten und kurzen Dolchen. Vermutlich war das ein sehr realistischer Albtraum.

„Aufstehen, Euer Gnaden“, sagte der Mann, der ihrem Bett am nächsten stand. „Ihr seid abgesetzt. Die Insel untersteht jetzt dem Thing, dessen kommissarischer Vertreter ich bin.“

„Ich bin die Bürgermeisterin“, sagte Winnie und nahm die dünne Sommerdecke beiseite. Sie trug ein blaues, langes Nachthemd.

„Lächerlich“, sagte der Mann, der offenbar der Anführer der Delegation war. „Ihr seid nur die Skrælinger Nutte der Gierlinge.“

„Verstehe ich nicht. Wer bist du und was willst du von mir?“

„Ich bin Knud vom Nordfjäll“, sagte der Mann ernst. „Und nach meiner Krönung möchte ich mit ‚Majestät’ angesprochen werden!“

Winnie glaubte, den Mann von irgendwoher zu kennen.

„Draußen wartet der Wagen mit Eurem Gefolge“, sagte Knud. „Ihr seid zu einer Seereise eingeladen.“

„Von wem? Und was ist, wenn ich nicht will?“

„Ich lud Euch ein, Euer Gnaden. Die Bewohner der Insel sind Eurer überdrüssig“, sagte Knud. Die anderen Männer nickten.

„Aber was ist mit der Demokratie? Ich bin die gewählte Bürgermeisterin. Wenn ihr mich zu etwas zwingt, macht ihr euch der Entführung schuldig und werdet so zu ganz gewöhnlichen Straftätern.“

„Wenn Wahlergebnisse fast nur noch Unrecht unterstützen, wenn trotz der schönsten Gesetze die freien Bürger zu Sklaven werden, wie sollen denn noch erträgliche Verhältnisse einkehren? Wann soll dann noch das Leben für alle besser werden?“

„Ich bin keine Demoskopin. Ich vertrete nur meine Partei.“