Franz Tischler

Glauben macht Sinn

Gedanken über Gott und die Welt
entlang der Sonntage des Lesejahres C

Eryn Verlag

1 Glauben macht Sinn
2 Sinn gibt Halt
3 Halt in Gott

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1. Auflage

Veröffentlicht im
Eryn Verlag UG (haftungsbeschränkt), Ingolstadt
Copyright © 2015 Franz Tischler
Lektorat: Stefan Hofbauer
Umschlaggestaltung: Christian Tischler

ISBN: 978-3-946962-05-2

Für die

Schwestern und Brüder

in meiner Gemeinde

St. Anton,

deren Gemeinschaft

mich trägt

und deren zahlreiche

wertschätzende Worte

mir erst den Mut

gegeben haben,

diese Bücher zu schreiben.

Zum Geleit

Der „Gedankenspaziergang” entlang der Schrifttexte der drei Lesejahre kommt mit diesem Band an sein Ziel.

Mit „Glauben macht Sinn” waren wir aufgebrochen und im Lauf der Zeit hat sich gezeigt, dass es unserem Leben gut tut, den Weg als Gläubige gehen zu dürfen. Glaube eröffnet uns ein Stück Lebensqualität, das mit keinem Geld der Welt erkauft werden kann. Er erschließt uns einen tiefen Sinn, der jenseits der Möglichkeiten dieser Welt verankert ist.

Dieser „Sinn gibt Halt” in einem Leben, das von Scheitern bedroht ist und immer nur unter dem Vorbehalt der Vorläufigkeit steht. Einen tragfähigen Halt können wir uns als beschränkte Wesen einer endlichen Welt nicht selbst geben. Wir können ihn nur von außen bekommen.

Nach und nach enthüllt sich, dass wir ihn geschenkt bekommen von dem einzigen absoluten Fixpunkt, von Gott, der uns so gern hat wie ein treu sorgender Vater und eine liebende Mutter (wie unser Pfarrer Matthias Blaha oft zu sagen pflegt).

Und darum öffnet sich dieser „Halt in Gott” jedem Menschen, der in seinem Leben einen Sinn erahnt, welcher ihm Kraft und Halt gibt, mag er von Gott wissen oder nicht. Denn in allem, was einem Menschen Halt gibt, streckt ihm dieser eine, liebende Gott seine Hand entgegen, jedem Menschen, gleichgültig, was ihn sonst an Religion, Rasse, Geschlecht ... unterscheidet. Es ist Teil von Gottes Liebeserklärung an uns.

An jedem von uns liegt es, darauf seine ganz persönliche Antwort zu geben.

Weihnachtsfestkreis

1. Adventssonntag: Sich Gott einbilden

Lesung: 1 Thess 3,12-4,2

Evangelium: Lk 21,25-28.34-36

Viele von uns, die noch Kinder haben, werden es in diesen Tagen vielleicht erleben: Da wüsste man einmal ein schönes Geschenk und tastet beim Kind vor, ob es denn daran Freude haben würde. Aber dabei zeigt sich, dass sich das Kind partout was anderes einbildet und auch durch alle Verlockungen dieser Welt nicht davon abbringen lässt.

Wenn ein Kind sich etwas „einbildet”, dann hat es innerlich ein Bild komponiert, eine Vorstellung, die es als so schön empfindet, dass es davon nicht mehr lassen möchte und durch nichts in der Welt sich davon abbringen lässt.

Ich kann mich an mehrere solcher Wünsche in meiner Kindheit erinnern: Situationen oder Spiele, die ich mir in Gedanken so schön ausgemalt hatte, dass sie damals zu einem Wunschtraum wurden.

Und man darf sich fragen: Wäre der Advent, die kommenden Wochen in der Vorbereitung auf Weihnachten, nicht eine gute Gelegenheit, um sich ein wenig mehr Gott „einzubilden”?

Also mit Hilfe der Besonderheit dieser Zeit sich ein Bild Gottes ins Herzen zu senken, an dem wir festhalten können wie ein Kind an seinem Wunschtraum, ein Bild, das schön ist und in uns wirken kann?

Gerade die vielen Bräuche und Gegebenheiten des Advent laden doch ganz besonders dazu ein:

Da kann man zum Beispiel die kaum zu zügelnde und immer mehr wachsende Vorfreude der Kinder auf Weihnachten, ihr tägliches, gespanntes Öffnen des nächsten Türchens am Adventskalender zur Anfrage werden lassen, ob wir noch etwas haben, auf das wir so voller Freude zugehen können.

In ihrer Freude kann man versuchen, sich selbst bewusst zu machen,

dass wir eine mindestens ebenso große und schwer zu zügelnde Vorfreude auf Gott in uns tragen würden, wenn uns nur genug klar wäre, auf welch ungeheuere Macht der Liebe und Geborgenheit wir zugehen dürfen.

Oder eine Kerze, die in der Dunkelheit brennt, auf dem Tisch oder am Adventskranz: Vermittelt sie uns nicht ein erstes Ahnen von der Geborgenheit, in der Gott uns nicht im Dunkel dieser Welt allein lässt,

sondern uns im Licht seiner Botschaft manches Dunkle enträtselt und manchen Weg erhellt?

Der Barbarazweig, voll von unsichtbarem, blühendem Leben, ermuntert er uns nicht, alles das der Wärme der göttlichen Liebe hinzuhalten, wovon wir meinen, es sei in unserem Leben schon erstarrt und abgestorben:

Den Wunsch nach der Nähe eines Menschen, den verlorenen Blick für die Schönheit dieser Welt, die Enttäuschungen und Verbitterungen, die uns den Mut nehmen, etwas noch einmal zu versuchen oder was immer sonst in meinem Leben verkrustet und verhärtet ist, abgeschlagen wie der Stumpf, die Wurzel Jesse, die plötzlich in Jesus eine neue Blüte treibt.

Der Duft vom Plätzchenbacken, durchzieht er nicht unser Fühlen und unsere Gedanken mit der Vorfreude auf etwas, das „in der Luft liegt”?

Eine stille Vorfreude und ein „Appetit machen”, das in sich selbst schon eine eigene Freude ist, Spiegelbild einer Erlösung, die uns versprochen, aber noch nicht vollendet ist.

Wenn der Erlöser kommt, so dachte man sich, dann werden Milch und Honig fließen. Alle Bitterkeit wird verschwinden und Berge voller Süßigkeiten, Honig und Honiggebäck sind Zeichen des Friedens und des Überflusses dieser neuen Zeit.

Der Advent will uns Hoffnung machen, dass es auch für uns und unser Leben eine bessere Zukunft geben kann: Die Freude über Gott, der in der Fülle seiner Gnade auf uns zukommt, das Licht des Glaubens, das manche Dunkelheit unseres Lebens erhellen kann, die liebende Zuwendung Gottes, die unsere innere Starre und Verkrustung zu neuem Leben erwecken kann, die ausstehende Vollendung unserer Erlösung, in der Gott uns mehr bescheren wird, als wir uns je vorstellen können.

2. Adventssonntag: High noon

Lesung: Bar 5,1-9

Evangelium: Lk 3,1-6

„High noon”, zu deutsch „12 Uhr mittags” zählt wohl zu den bekanntesten Western aller Zeiten.

Er zeigt Menschen, die sich entscheiden müssen, ob sie dem Marshal helfen, einer besseren Zukunft den Weg zu bereiten und dafür unter Umständen ihr Leben riskieren, oder ob sie den Kopf in den Sand stecken oder gar davon laufen. Zielstrebig führt der Film auf eine große Entscheidung zu. Die findet statt: Um 12 Uhr mittags, bei der Ankunft des Zuges.

12 Uhr, das ist für uns Menschen die Mitte des Tages. 12 Uhr, da hat die Sonne, seit dem Morgen aufsteigend, ihren höchsten Punkt erreicht, von da an wird sie sinken, bis sie am Abend unter geht.

Und man kann sich fragen: Wenn man die ganze Menschheitsgeschichte als einen großen Tag betrachten würde, wo wäre da die Mitte, der Höhepunkt, der Wendepunkt?

Im Jahr 525 hat der Mönch Dionysius Exiguus seine Zählung der Jahre „nach der Geburt des Herrn” vorgelegt. Indem sie übernommen wurde, indem wir unterscheiden zwischen „vor Christus” und „nach Christus”, erklären wir damit Jesus zur Mitte der Zeit, zum „12 Uhr Mittags” der Menschheitsgeschichte

Aber auf die Idee, Jesus zum „High noon” der Geschichte zu machen,

ist schon viel früher einer gekommen. Lukas hieß er, der Schreiber unseres heutigen Evangeliums. Nur hatte er nicht die Möglichkeiten zur Verfügung, die uns der geniale Einfall des Dionysius Exiguus eröffnet. Seine Zeit rechnet noch in Herrschaftsperioden. Kompliziert – und nur was für Fachleute.

Aber die Idee, dass hier ganz was Wichtiges passiert war, dass hier eine epochale Entscheidung, eine Wende der Menschheitsgeschichte sich abspielte, die hatte er zweifellos. Und so fasst er sie in die Form seiner Zeit und datiert sie so genau, wie es damals überhaupt möglich war.

Er zitiert das Regierungsjahr des Kaisers und zählt die ganzen Mächtigen im Land auf. Auch die geistige Obrigkeit wird erwähnt, denn für sie alle wird diese Zeitenwende, die nun passiert, ihre Bedeutung haben.

„High noon”, der Entscheidungs- und Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, bahnt sich an, als in der Wüste das Wort Gottes an Johannes ergeht.

Er ist der letzte der „alten Zunft”, der letzte der Propheten, Endpunkt einer langen Tradition, die auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken kann und die in seinem Tätigwerden das Ende und die Erfüllung ihrer Aufgabe sieht, sich selbst dabei zitiert und definiert in den uralten Worten des Propheten Jesaja: „Bereitet dem Herrn den Weg!”

Endpunkt und Wendepunkt.

1000 Jahre war die Geschichte Gottes aufs engste mit der Geschichte dieses Volkes verknüpft. 1000 Jahre wuchs in seiner gläubigen Reflexion das Wissen um diesen Gott, der durch die Zeit mit ihnen ging. Damit haben sie dem Herrn den Weg bereitet.

Nun „ist die Zeit reif”. Der Höhepunkt naht. Etwas Neues ist im Kommen. Etwas, mit dem Johannes und die Prophetie mit ihm abtritt:

Es kommt einer, der stärker ist als ich... Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.” (Lk 3,16f)

Mit ihm kommt ein fundamentaler Wendepunkt: „Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.”

Nun strahlt das Licht Gottes für alle Menschen auf. Nicht nur für die Kinder Israels, mit denen es bisher so eng verbunden war, nein, für die ganze Welt wird dieser Christus seine Arme ausbreiten, um alle an sich zu ziehen.

„High noon”, die Stunde der Entscheidung naht.

Und Johannes ruft die Menschen auf, ihm den Weg zu bereiten.

Das war damals, und die Geschichte zeigt: Lukas hat Recht gehabt. Mit Jesus hat wirklich eine neue Ära begonnen, ein neuer Abschnitt der Menschheitsgeschichte.

Inzwischen ist das längst geschehen. Wir leben – 2000 Jahre danach, gleichsam schon im Nachmittag der Menschheitsgeschichte. Und bei all der infantilen Panikmache, die sich immer wieder mit Weltuntergangsszenarien in den Vordergrund drängt, (2013 z.B. mit dem Maya-Kalender), möchte ich ausdrücklich betonen: Wir leben ganz bestimmt noch nicht am Abend der Menschheitsgeschichte!

Bei vielen, die sich da verrückt machen lassen, bewahrheitet sich halt wieder einmal das alte bayrische Sprichwort: „Wo der Glaube zur Haustür hinaus geht, da kommt der Aberglaube zur Hintertür herein.” Oder wie man anderswo sagt: „Wer nicht glaubt, der glaubt alles.”

Wir also leben im Nachmittag der Weltgeschichte. Aber auch, wenn der Wendepunkt der Zeit schon lange vorbei ist, so lässt uns diese Entscheidung, die damals gefallen ist, dennoch nicht in Ruhe. Denn sie ergreift seither jeden, der in ihrer Wirkungsgeschichte steht.

Weil Gott nun sein Heil jedem anbietet – ist jetzt eben auch jeder gefordert, eine Antwort – seine Antwort auf Gottes Angebot zu geben.

Für jeden einzelnen gilt nun: Bereite dem Herrn den Weg.

In dem Film „High noon”, da müssen verschiedene Personen ihre persönliche Entscheidung treffen, bevor um 12 Uhr mittags die große Entscheidung fällt.

Bei uns ist es umgekehrt:

Die große Entscheidung, die ist schon längst gefallen. Jesus hat durch sein Leben und Sterben bereits die Kluft zwischen Gott und Menschen aufgefüllt und die Arme für uns ausgebreitet,

Da sollte uns doch unsere persönliche Entscheidung nun viel leichter fallen: „Bereite dem Herrn den Weg!”

3. Adventssonntag: Was richten wir her für die Geburt?

Lesung: Zef 3,14-17

Evangelium: Lk 3,10-18

Zum Allergrößten, was Eltern erleben können, gehört die Geburt eines Kindes. Das Zittern bei all den Umständen, die ungewohnt und doch von so entscheidender Bedeutung sind, und dann das unfassbare Wunder des neuen Lebens, das uns im wahrsten Sinne des Wortes “ in die Hand gegeben” wird, dieses Gefühl ist unbeschreiblich.

Damit kommt eine oft recht intensive Zeit der Vorbereitung an ihr Ziel, in der man miteinander geredet und geplant, geträumt und gehandelt hat, um dieses Geschenk Gottes so liebevoll und geborgen wie möglich in die Familie aufzunehmen.

In einer Woche feiern wir eine Geburt. Und wir stehen mitten in der Phase der Vorbereitung. Aber: Ist es für uns wirklich ein „freudiges Ereignis”?

Es ist nicht überraschend, aber trotzdem erschreckend, was immer wieder in der Zeitung zu lesen ist: Dass viele, trotz all der aufwändigen und teuren Vorbereitungen, sich nichts von Weihnachten erwarten, ja dass nicht wenige damit rechnen, dass es in den Feiertage mehr Stress, mehr Streit und viel „dicke Luft” geben wird.

Und wir brauchen uns ja nur umzusehen in der Fußgängerzone oder in den Supermärkten: Immer mehr Lichterketten, immer mehr Christbäume und Leuchtsterne schaffen es nicht, die immer finsterer und gestresster werdenden Gesichter aufzuhellen.

So voll kann der Einkaufswagen gar nicht sein, dass er es schaffen könnte, trübe Sorgen aus dem Kopf zu verdrängen, und manchmal hat man wirklich den Eindruck: Je schwerer die Tasche, umso leerer das Herz.

Und ich denke, im Kern hängt es wohl damit zusammen, dass viele nur noch feiern um des Feierns willen, weil der Anlass dieses Festes, das „Freudige Ereignis”, die Geburt des Göttlichen Kindes, für sie keine Realität mehr darstellt. Und dann hat das Fest keinen Inhalt mehr.

Und die Feier von etwas, das man gar nicht feiert, wird zwangsweise, je nach Umständen, hohl, leer, unwirklich, peinlich oder gar verrückt wirken.

Oder ist es nicht verrückt, wenn z.B. in Japan, wo die Christen eine ganz unbedeutende Minderheit darstellen, von Buddhisten und Shintoisten nach amerikanischem Vorbild „Santa Clos” als eine riesige Einkaufsorgie im Supermarkt gefeiert wird?

Die Art, wie bei uns Weihnachten gefeiert wird, erinnert mich immer mehr an eine Geschichte, die ich in Nürnberg wirklich erlebt habe:

Dort konnte die Erstkommunion nicht am Weißen Sonntag gefeiert werden, weil mehr als die Hälfte der Kinder in den Osterferien weg war und so die unmittelbare Vorbereitung unmöglich wäre.

Einmal kam ein Vater zum Pfarrer und verlangte sehr nachdrücklich und aggressiv, die Kommunion müsse am Weißen Sonntag gefeiert werden. Das sei Tradition und immer schon so gewesen und wenn der Pfarrer dies nicht so mache, dann werde er trotzdem mit seinem Kind am Weißen Sonntag Erstkommunion feiern.

Nach den Osterferien erzählte dann das Mädchen auch, wie es Kommunion gefeiert habe, von dem schönen weißen Kleid und den vielen Geschenken, die die Verwandten mitgebracht hatten und es zeigte Bilder, die sie auf der Feier und im Park gemacht hatten.

Der Pfarrer fragte das Mädchen dann, in welcher Kirche sie denn gewesen seien. Da schaute es ihn mit großen, fragenden Augen an und sagte: „In der Kirche sind wir nicht gewesen. Warum?”

Die Familie hatte Erstkommunion gefeiert und alle Verwandten hatten mitgemacht, Geschenke gebracht, gratuliert, ohne dass es überhaupt eine Erstkommunion gab.

An diese Geschichte muss ich immer wieder denken, wenn ich mir den jährlich steigenden Aufwand anschaue, mit dem bei uns das Weihnachtsfest vorbereitet wird.

Aber wir haben nicht das Recht, auf andere zu zeigen, und es hilft uns auch nicht weiter. Vielmehr richtet es an uns die umso klarere Anfrage: Worum geht es dir, wenn du Weihnachten feierst? Was ist für dich das Wesentliche? Was ist für dich der Kern? Was willst du vorbereiten?

Es ist schön, wenn bei der Geburt eines Kindes auch Plätzchen und Kuchen hergerichtet sind für die Freunde und Verwandten, die kommen, um den neuen Erdenbürger zu sehen. Aber wichtiger ist es zweifellos, dass die Wiege hergerichtet ist.

Nächste Woche ist Weihnachten.

Was haben wir vorbereitet?

Was werden wir herrichten?

4. Adventssonntag: Eine stark vernachlässigte Aufgabe

Lesung: Mi 5,1-4a

Evangelium: Lk 1,39-45

Ein kurzer Abschnitt des heutigen Evangeliums stand Pate für den 2. Teil unseres bekanntesten Mariengebets. Da kommt er nämlich her, der Gruß der Elisabeth: „Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.”

Allen, die das ‚Ave Maria‘ noch lateinisch gelernt haben, war es damals nicht weiter auffällig, dass das Wort „benedicta” nicht übersetzt, sondern nur als „gebenedeit” ins Deutsche übertragen wurde.

Aber Generationen von Grundschülern sind seitdem schon über dieses ‚gebenedeit‘ gestolpert, besonders, wenn man dieses Wort auch noch schreiben mußte. Sie haben sich wohl geärgert, dass man nicht einfach das deutsche Wort ‚gesegnet‘ verwendet hat, so wie in der Übersetzung des heutigen Evangeliums.

Aber eine Übersetzung ist oft auch eine Engführung, die somit auch zu einer Verarmung in unserer Kirche führen könnte:

Würde man die Grundschulkinder fragen, warum denn Maria mehr gesegnet war als alle anderen Frauen, dann würden wohl einige – zumindest von denen, die überhaupt noch wissen, was in der Kirche passiert, auf den Schluss kommen, dass sie wahrscheinlich öfters in der Kirche war als die anderen und deshalb auch mehr gesegnet worden ist.

Denn schließlich ist Segnen etwas, das heutzutage – leider – fast nur noch in der Kirche stattfindet und zwar von dazu bestellten kirchlichen Vertretern.

Es ist durchaus in Ordnung, dass der Segen im kirchlichen Rahmen, im Bereich der Gemeinde, auch von jenen zu geben ist, die eben von der Kirche dazu bestellt sind. Aber es ist weithin das Wissen darum verloren gegangen, dass der Segen zuallererst seinen Platz im Bereich der Familie und der persönlichen Begegnung hat. Und wenn er dort nicht mehr „zuhause” ist, dann hängt er auch hier, in der Kirche, ziemlich in der Luft und muss mit der Gefahr kämpfen, zu einem mystischen Ritus zu verkommen.

Das ist keine gute Entwicklung, und sie ist auch nicht richtig. Ein paar Beispiele machen das vielleicht deutlicher:

1) Als ich noch ein Kind war, und ich bin sicher, viele von ihnen haben es ähnlich erlebt, da war es üblich, dass die Mutter oder Großmutter, bevor ich in den Kindergarten oder in die Schule abmarschierte, in den Weihwasserkessel griff und mir ein Kreuz auf die Stirn zeichnete.

Sie gaben mir ihren Segen mit.

Besonders wenn ich später für längere Zeit wieder in‘s Internat weg mußte, war ein Abschied ohne diesen Segen undenkbar.

Auch wenn ich mir damals keine tiefen theologischen Gedanken darüber machte, fühlte ich doch, dass sie mich einer anderen, größeren Macht anvertrauten. Das war spürbar und wurde mir damit mehr bewusst, als all die vielen Gebete, die sie sicher auch im Stillen für mich gesprochen haben.

2) Und auch wenn wir in der Heiligen Schrift nachlesen, dann können wir an vielen Stellen erkennen, welch hoher Wert oft dem Segen zugesprochen wurde.

Denken wir nur, was Jakob alles anstellt, um sich von Isaak den besonderen Vatersegen zu erschwindeln.

Auch wenn Menschen einander besonders intensiv begegnen, wie Elisabeth und Maria im heutigen Evangelium, und diese Begegnung aus dem Geist Gottes heraus erlebt wird, spricht die Bibel oft vom Segen.

Verglichen mit den zahlreichen Erzählungen in der Bibel, muss man sagen, dass wir mit dem Segen heutzutage geradezu „geizen”.

Das ist unverständlich, umso mehr, als gerade die Frohe Botschaft uns immer wieder auffordert, zu segnen:

→ Im Lukasevangelium (6,28) ermahnt Jesus uns, sogar die zu segnen, die uns verfluchen.

→ Und der erste Petrusbrief legt es uns ganz klar eine Aufgabe ans Herz: „Segnet, denn ihr seid dazu berufen, Segen zu erlangen.” (3,9)

Leider ist das Segnen inzwischen trotzdem ziemlich außer Mode gekommen.

Manche haben es aufgegeben, weil sie es für einen magischen Hokus Pokus hielten, wie es leider auch bisweilen zu hören war, etwa in dem Sinn: „Nimm ein Weihwasser, dann passiert dir nichts!”

Andere sehen den Segen als Ausübung einer magischen oder zumindest geistlichen Gewalt über andere. Und bestimmt gibt es auch die Versuchung, den Segen als eine Art Machtdemonstration auszuführen.

Aber im Grunde ist er die Bitte an Gott um seine besondere Zuwendung, ein einbetten in dessen Macht und unendliche Liebe.

Wir alle haben durch Taufe und Firmung, das ist offizielle katholische Lehre, Anteil am „allgemeinen Priestertum”. Und in diesem Anteil an Christus ist jeder von uns gerufen und befähigt, in seinem Bereich – Haus, Familie, Freundschaft – auch Segen zu spenden.

Nun ist es natürlich nicht jedermanns Sache, sich in Position zu stellen und Segen auszuteilen.

Aber vielleicht sollten wir das Ganze einfach wieder tiefer hängen und uns wieder mehr auf die Grundlagen besinnen: An den Stellen, die im Neuen Testament mit „gesegnet” übersetzt werden, steht im Originaltext „εὐλογητός” entsprechend lateinisch: „benedictus”. Das setzt sich zusammen aus „bene”, das heißt gut und „dicere”, das heißt sprechen.

„Benedicere” heißt also zunächst einmal: Etwas Gutes sagen. Es umfasst die ganze Bandbreite von „Gut gesagt” bis hin zu dem, was wir „segnen” nennen. Benedicere, das kann ein ganz schlichtes Wort sein, das einem einfach gut tut. Benedicere, das kann ein Lob sein, oder auch ein bombastisches Rühmen.

Und es kann natürlich auch einen Segen meinen, in dem Gottes Wohlwollen und Zuneigung einem Menschen zugesprochen, ja auf ihn gelegt wird.

Wenn wir also im biblischen Sinn von „segnen” sprechen, dann kann das auch schlicht bedeuten, ein Wort zu sagen, von dem ich weiß, dass es diesem Menschen jetzt gut tut. Ein Wort, das tröstet oder aufbaut oder stärkt, das Hoffnung schenkt oder Zuversicht.

Und wenn ich das aus meiner christlichen Nächstenliebe heraus tue,

oder wenn ich gar einfließen lasse, dass ich darauf vertraue, dass Gott helfen wird, was anderes ist es dann, als das so selten gewordene Segnen?

Benedicere, das ist auch ein: „Ich bete für dich, dass du wieder gut aus dem Krankenhaus heim kommst.”

Ja selbst ein „Gott sei Dank, dass du das so gut kannst” mag als benedictio allemal durchgehen.

Oder was wäre denn dabei, den verstaubten Weihwasserkessel neben der Tür wieder mit Sinn zu füllen? Es ist eine Kleinigkeit, neben dem schnellen Blick in den Spiegel, ob Frisur und Mantel richtig sitzen, auch gleich in den Weihwasserkessel zu greifen und sich im Kreuzzeichen bewusst zu machen: Du bist nicht allein. Gott geht mit dir hinaus, in die Welt.

Nicht umsonst erwähnt die Bibel so oft, wie „segensreich” ein Segen sein kann. „Bene dicere” ist nur ein kleiner Aufwand und kann doch oft so große Wirkung zeigen.

Und er ist extrem nachhaltig, sozusagen ein unendlich nachwachsender Rohstoff.

Warum, also, sollten wir damit geizen?

Am Heiligen Abend: Gott hat Interesse an uns

Lesung: Tit 2,11-14

Evangelium: Lk 2,1-14

Als ich letztes Jahr eine Frau im Altersheim besuchte, um ihr zum 85. Geburtstag zu gratulieren, da schien sie mit der Gratulation nicht recht was anfangen zu können. Wir unterhielten uns, und nach einiger Zeit sagte sie, dass sie nicht wisse, was sie hier noch soll und deshalb nur noch auf ihr Ende warte.

Ihr Mann war schon vor Jahren gestorben, Kinder hatten sie keine, sie selber auch keine Geschwister, und deshalb stand sie ganz alleine da. „Für mich interessiert sich doch niemand”, war ihre Bilanz.

„Ich bin für niemanden interessant.” Das ist auch die bittere Erkenntnis manches Jugendlichen nach der zigsten erfolglosen Bewerbung, manches Erwachsenen im besten Alter, der seinen Arbeitsplatz verloren hat und keinen neuen mehr findet.

Die Firmen interessieren sich da mehr für die Billiglohnländer, weil in diesen auf Kosten der Menschen günstiger produziert werden kann.

Wen interessiert dabei schon das Leben dieser Menschen? Familien, die auseinander gerissen werden, Kinder, die hungern, keine Ausbildung haben und keine Perspektiven.

Hat es einen Kaiser Augustus interessiert, welche Strapazen zahllose Menschen auf sich nehmen mussten, als er seinen Befehl zur Volkszählung verkündete? Er hoffte, dadurch hier und dort mehr Steuern herauszuholen zu können. Und außerdem ist es doch ein tolles Gefühl, wenn man weiß, wie mächtig man ist und über wie viele Menschen man herrschen kann.

Diesen unzähligen kleinen Leuten, hin und her gescheucht durch das Wort eines einzigen Despoten, das ihnen zugleich beweist, wie unwichtig sie sind, wie wenig es irgend jemanden interessiert, welche Umstände ihnen die Volkszählung macht, denen wird in jener Nacht ein Kind geboren.

Ihnen, für die sich auch keiner interessiert, den Hirten in der Einsamkeit einer Nachtwache auf freiem Feld, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht” sagen, Maria und Josef, abgewiesen in ganz Bethlehem, weil sie eben keine VIṔs sind, keine „Very Important Persons”, sondern höchst uninteressante „No Names”, ihnen wird zugesagt:

Aber Gott interessiert sich für dich!

Unvorstellbar „lebhaft” ist dieses Interesse Gottes für uns Menschen,

bekommt Hand und Fuß, gerade für jene, die denken oder spüren müssen: Für mich interessiert sich doch keiner.

Gerade für sie, gerade bei ihnen kann Gottes Gegenwart greifbar werden.

Und wenn wir heute, nach 2000 Jahren, diese Geburt immer noch feiern, dann doch auch, um zu zeigen: Gott hat sein Interesse an uns noch nicht verloren. Immer noch ist er an jedem einzelnen von uns interessiert. Ihm ist es nicht egal, wie es mir geht. Er möchte bei mir sein, in meiner Welt.

Aber wenn ich mir in dieser Welt jene 50 Jahre, die ich überblicken kann, anschaue, dann muss ich sagen, dass er eigentlich immer weniger präsent zu sein scheint, in dieser, unserer Welt.

Wenn wir früher etwas bekommen haben, dann sagten wir „Vergelt́s Gott” – und meinten es auch so. Heute sagen wir „Danke” – als ob das auch nur annähernd ein adäquater Ersatz wäre.

„Gott sein Dank”, das hat sich noch im Sprachgebrauch gehalten, aber das „Grüß Gott”– Gott möge dich grüßen, also sich dir freundlich zuwenden – kämpft hier und dort auch schon arg gegen das anonyme „Guten Tag”.

Und der wunderbare Wunsch „Pfüat Gott” – Gott möge dich behüten – hat längst gegen vollkommen sinnfreie Floskeln verloren wie „Ciao,” „Tschüss” oder „bis dann”.

Dabei geht es mir nicht um Brauchtumspflege.

Für mich sind das lediglich Indikatoren dafür, dass selbst auf der breitesten Ebene des alltäglichen Sprachgebrauchs eine Entwicklung angekommen ist, die dem heutigen Fest diametral gegenüber steht:

Wir feiern ja, dass Gott „lebhaftes Interesse” an uns hat, dass er an jedem von uns interessiert ist, je kleiner, um so mehr. Dem steht gegenüber, dass der Mensch immer weniger an Gott interessiert ist, immer mehr denkt, dass er auch ohne ihn ganz gut auskommen kann.

Und es kommt der Vermeidung eines schlechten Gewissens entgegen,

wenn man auch im alltäglichen Sprachgebrauch möglichst nicht mehr an ihn erinnert wird.

Denn, an ihm interessiert zu sein – das fürchten viele – das könnte unangenehm werden. Da müsste ich vielleicht dieses und jenes ändern, ihm öfter, auch am Sonntag, mehr Chancen geben, mich anzusprechen und dafür eventuell manche Bequemlichkeit aufgeben.

Ja, manches würde vielleicht überhaupt nicht mehr gehen.

Könnte man z.B. dann noch ertragbringende Werke schließen und tausende Familien in Existenzängste stürzen, um ein paar hundert Kilometer weiter östlich eine neue Fabrik aufzubauen, wo man durch Hungerlöhne ein wenig mehr Gewinn machen kann? Aber das sind nicht unsere Entscheidungen.

Was bringt es uns, mehr Interesse an ihm zu zeigen?

Es würde ihm die Gelegenheit geben, sein Interesse an uns wirken zu lassen. Und das ergibt für unser Leben einen unschätzbaren „Mehrwert.”

Ich bin überzeugt: Die aller-, allermeisten von uns, die ihm regelmäßig eine Chance geben, die haben alle ihre je eigenen Geschichten, ihre ganz persönlichen Erfahrungen, wie hier und dort ein Impuls von oben ihrer Beziehung mehr Tiefe,

ihrer Familie mehr Verständnis und Miteinander,

ihrem Platz in der Welt mehr Kraft,

ihrem Leben mehr Zufriedenheit

oder in einer tiefen Krise einen Halt gegeben hat.

Gott ist an uns interessiert. Ihn heraus zu halten, macht unser Leben nicht einfacher, vielleicht bequemer, solange keine Krise kommt, aber auf jeden Fall ärmer.

Wir feiern Weihnachten. Und Jahr für Jahr wieder sagt es uns:

Gott ist lebhaft an uns interessiert. Er klopft bei uns an, wie Josef an die Herberge. Wen das kalt lässt, dem geht es wie den Wirten in Betlehem: Die haben wahrscheinlich gar nicht gemerkt, was für eine Gelegenheit sie da versäumt haben.

Für die Hirten aber, bei denen hat es ihr Leben verändert.

An Weihnachten: Oftmals und auf vielerlei Arten

Lesung: Hebr 1,1-6

Evangelium: Joh 1,1-5.9-14

Bald, nachdem das Franziskanerkloster in Dietfurt als Meditationshaus eingerichtet worden war, habe ich für die dortigen Jugendlichen eine Führung organisiert, damit sie sich ein Bild machen konnten von dem, was hinter den hohen Klostermauern vor sich ging.

Auf dem Rundgang durchs Haus erzählte der Pater natürlich auch vom Beten und von den Stufen, in denen es wächst und intensiver wird. Aber von je fortgeschritteneren Gebetsarten er sprach, desto knapper wurden seine Erklärungen dazu.

Das fand ich ein wenig schade, denn ich hatte mir erhofft: Wenn man ausführlicher von dem Gebet erzählt, das den Beter möglichst nahe zu Gott führt, könnte man doch vielleicht Jugendliche neugierig machen, auch selbst in dieser Richtung weiter voranschreiten zu wollen.

Als wir dann wieder zur Pforte zurück gingen und ich ihn allein ansprechen konnte, fragte ich ihn, warum er sich da so knapp gehalten hatte.

„Natürlich”, sagte er mir darauf, „ist es interessant, von den intensiveren Stufen des Gebetes zu reden und viele Menschen sind ganz begierig darauf, davon zu hören.

Aber immer machen sie sich aus dem Gesagten dann im Kopf ihr ganz eigenes Bild davon und versuchen hinterher, dies zu erreichen.

Und weil sie dorthin kommen wollen, lassen sie auf dem Weg vieles unbeachtet, was nicht in diese Vorstellung passt, obwohl es für sie gerade in dem Stadium gut und hilfreich wäre. Sie finden gleichsam die nächste Stufe nicht, weil sie immer nur auf die obersten Stufen schauen.”

So ist es nun mal: Je konkreter für uns Menschen die Erwartungen sind, die wir an Gott haben, umso größer werden gleichsam auch die Scheuklappen, die uns hindern, viele andere Dinge zu bemerken, in denen er uns auch anspricht.

Dabei geht Gott täglich auf uns zu.

Die Einleitungsworte des Hebräerbriefes, unserer heutigen Lesung: „Oftmals und auf vielerlei Arten hat Gott einst zu den Vätern gesprochen”, die gelten nicht nur für damals und nicht nur für die Väter, sie gelten auch heute und für jeden von uns.

Oftmals und auf vielerlei Art hat Gott schon zu jedem von uns gesprochen. Aber leider lassen uns unsere Erwartungen, wie das geht, wenn Gott uns anspricht, wohl manches davon versäumen oder nicht als Wort Gottes an uns erkennen.

Dabei geben uns die Geschichten der Bibel doch schon so eine bunte Pallette von Erfahrungen an die Hand, zu erkennen, auf wie viele verschiedene Arten Gott Menschen ansprechen kann, so viele erstklassige Stimmmuster, um damit auch in meinen täglichen Erfahrungen Gottes Stimme heraushören zu können, eine so prall gefüllte Beispielsammlung an Gefühlen, von denen jedes auf seine Art spüren lassen kann, dass Gott darin ganz nahe ist.

Das alles können wir schon in der Bibel finden.

Und die Reflexionen eines Paulus oder, wie heute, eines Johannes, müssten es uns doch eigentlich ganz leicht machen, diese Worte an uns zurückzuverfolgen auf den, der das Wort in die Welt hinein spricht.

Vielleicht, so denke ich mir manchmal, haben es Menschen ohne diesen ganzen Hintergrund auf der ersten Stufe leichter, einfach das zu sehen, was ihnen gut tut und dem unbefangen nachzuspüren.

Denn kein Mensch lebt auf dieser Welt, den Gott nicht ansprechen würde. Und nicht wenige tragen eine dieser Botschaften mit sich, ohne zu wissen, wer sie da angesprochen hat, aber dennoch mit wirklich bewundernswertem Respekt:

Da gibt es zum Beispiel Menschen mit einer großartigen Ehrfurcht vor der Natur, welche vielleicht einmal mit der Schönheit eines Sonnenunterganges tief in sie hineingeleuchtet hat und sie eine große Ordnung ahnen ließ. Und jetzt kämpfen sie aufopferungsvoll dafür, die Natur zu schützen.

Andere bewundern die Majestät der Berge, deren Anblick sie Demut lehrt, indem sie erkennen, wie klein wir Menschen doch eigentlich sind und wie begrenzt unsere Möglichkeiten.

Oder wie viele Menschen lassen sich ansprechen vom Mitleid mit einem hungrigen Kind und teilen, was sie haben, oder vom Schrei hilfloser Kreaturen, für die sie sich dann einsetzen mit einem Engagement, das sie sonst nicht einmal für sich selber aufbringen würden.

Ja, Gott spricht jeden Menschen an, ob der das weiß oder nicht. Und viele antworten, auch wenn sie nicht wissen, wem.

Aber wir, liebe Schwestern und Brüder, wir haben da, trotz unseres großen Wissens um ihn oder vielleicht sogar gerade deswegen bisweilen ziemliche Blickverengungen:

Vorstellungen etwa, wie „normalerweise” wir mit Gott und Gott mit uns umzugehen hat, oder Vorgaben, wie ‚frommsein‘ ausschauen muss oder auch bestimmte Festtagsbräuche, in denen Gott uns schon einmal angesprochen und betroffen gemacht hat und die wir deshalb reproduzieren möchten, entweder, um selber wieder darin angesprochen zu werden oder aber, um sie wenigstens unseren Kindern und Enkeln zu vermitteln.

Das machen wir ja auch gegenwärtig wieder in den Bräuchen und Riten, die wir jetzt, an Weihnachten, uns gönnen.

Aber oft spüren wir dabei auch mit einem großen Bedauern:

Die Vorfreude unserer Kindheit, das Staunen damals, angesichts des Lichterglanzes, die Ergriffenheit, die uns vielleicht einmal ob des Wunders der Menschwerdung erfasst hat, das alles können wir nicht einfach wiederholen. Das wäre zwar schön, aber genau genommen wäre es vielleicht sogar ein Rückschritt.

Wir sind reifer geworden, und deshalb spricht auch Gott uns heute anders an als damals. Wie, das weiß ich nicht. Und Sie wissen das auch noch nicht.

Vielleicht liegt er heute nicht in der Krippe, sondern steht mit uns irgendwo im Kreis der Betrachter?

Oft und auf vielerlei Arten spricht er uns an. Wie, das wissen wir vorher nie.Aber dass er es tut, dessen dürfen wir uns sicher sein.

Denn das lehrt uns unser heutiges Fest:

Es ist sein Ziel, bei uns anzukommen.