Bettina Fahrenbach 33 – Wie Blätter im Wind

Bettina Fahrenbach –33–

Wie Blätter im Wind

Ist die Liebe denn nur eine Illusion?

Roman von Michaela Dornberg

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74091-559-9

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Das unerbittliche Schrillen ihres Weckers riss Bettina aus einem schönen Traum. Nein! Sie hatte keine Lust, jetzt aufzustehen, es war so gemütlich im Bett, ausserdem wollte sie sich gern an den Traum erinnern. Doch der war wie weggewischt. Bettina rekelte sich noch ein wenig, dann sagte sie sich, dass es keinen Zweck hatte, dem Tag auszuweichen. Es wartete viel Arbeit auf sie, denn eine Aktion für das Fahrenbach-Kräutergold war der volle Erfolg. Die Bestellungen regneten nur so herein, und bei der Bewältigung dieses Ansturms wurde jede Hand gebraucht.

Ein letztes Rekeln, dann öffnete sie die Augen.

Etwas war anders als sonst!

Bettina schlief am liebsten mit zurückgezogenen Vorhängen, da konnte sie nachts in den Sternenhimmel schauen, und morgens wurde sie häufig durch die Strahlen der Sonne geweckt und konnte fröhlich den Tag beginnen.

Aber heute …

Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und rannte zum Fenster. Sie konnte kaum glauben, was sie da sah. Über Nacht hatte es kräftig geschneit. Vor ihr lag eine märchenhafte Winterlandschaft, die in ihrer Unberührtheit ans Herz ging.

Sie hätte mit allem gerechnet, aber nicht mehr mit Schnee. Sie war schon der Meinung gewesen, einen Winter ohne Schnee erleben zu müssen. Und jetzt diese Pracht. Und es schneite noch immer munter weiter. Dicke Schneeflocken tanzten vom bleigrauen Himmel, der wirklich alle Schleusen geöffnet zu haben schien, um die Erde in ein weisses Kleid zu kleiden.

Als Kind hatte sie den Winter geliebt, war schon beim ersten Fallen des Schnees in den Garten gerannt, hatte Schneemänner gebaut. Konnte es kaum erwarten, mit ihrem Vater zum Rodeln zu gehen.

Ihr Vater …

Woran sie auch immer zurückdachte, in ihrer Kindheit und Jugend hatte stets nur ihr Vater eine Rolle gespielt. Er war immer für sie da gewesen, hatte sie getröstet, wenn sie Kummer hatte, mit ihm hatte sie gelacht, ihm ihre kindlichen Geheimnisse anvertraut, und auch später. Immer nur war es ihr Vater gewesen, der eine zentrale Rolle in ihrem Leben gespielt hatte.

Wo war eigentlich ihre Mutter gewesen?

Überall, aber ganz gewiss nicht bei ihren Kindern und ihrem Ehemann, den hatte sie eigentlich immer nur als Gelddruck-Maschine gebraucht, bis sie einen anderen Dukatenesel gefunden hatte, der ihr ein noch prächtigeres Leben bieten konnte.

Ob Carla eigentlich in ihrem Leben einen Menschen wirklich geliebt hatte? Vermutlich nicht.

Ihre Zwilingsschwester, von der vor Christians Auftauchen niemand etwas geahnt hatte, hatte sie als Mutter für ihren unehelichen Sohn missbraucht und ihn ihr einfach untergeschoben, um Hermann Fahrenbach heiraten zu können.

Sowohl ihre Schwester als auch ihren Sohn hatte sie forthin aus ihrem Leben ausradiert. Und auch später, als Christian nach dem Tod seiner vermeintlichen Mutter versucht hatte, Kontakt zu Carla aufzunehmen, hatte sie ihn nicht einmal vorgelassen. Aber wieso auch, ihre ehelich geborenen Kinder interessierten sie doch auch nicht. Seit sie mit dem reichen Südamerikaner verheiratet war, waren sie ein einziges Mal zusammengetroffen, und wenn Bettina daran dachte, bekam sie noch immer eine Gänsehaut, so gruselig war das gewesen.

Sie öffnete die Terrassentür, formte einen Schneeball und warf ihn auf den Hof, wo er in einer mehrere Zentimeter dicken Schneedecke versank und einen kleinen Krater hinterließ.

Ihrem Impuls, einen zweiten Schneeball zu formen und zu werfen, widerstand sie. Ihre Finger waren jetzt schon eiskalt. Rasch schloss Bettina die Terrassentür und ging in ihr Badezimmer.

Auf dem Weg dorthin erinnerte sie sich an das alte Kinderlied: Schneeflöckchen, Weissröckchen, jetzt kommst du geschneit …

Sie wusste nicht mehr, wieviele Schneeflocken sie auf ihrer Hand aufgefangen hatte, um an denen das weisse Röckchen zu finden. Ach ja, als Kind machte man schon komische Sachen.

Wenig später stand Bettina unter der Dusche. Die leise, wehmutsvolle Stimmung wollte aber nicht von ihr weichen. Durch den Schnee waren so viele Erinnerungen in ihr wach geworden, ganz speziell an ihren Vater, den sie so sehr vermisste. Warum nur war er so früh gestorben?

Wenn er noch am Leben wäre, stünde das Weinkontor noch 1A da, und es würde ihn so sehr freuen zu sehen, wie sie ihr Leben auf dem Fahrenbach-Hof, seiner über alles geliebten Heimat, meisterte.

Jörg wäre noch am Leben, ganz gewiss, denn ihr Vater hätte es nicht zugelassen, dass er als erwachsener Mann auf diese Weltreise gegangen war, die man in dieser Form, mit Rucksack und frei wie der Wind, nur in der Jugend unternahm. Und Grit hätte niemals gewagt, sich solche Eskapaden zu erlauben, ihren Mann zu verlassen, ihre Kinder zu vernachlässigen, Frieder wäre nicht grössenwahnsinnig geworden und hätte sein Erbe gegen die Wand gefahren, seine Frau Mona wäre nach all den Schönheitsoperationen nicht das reinste Ersatzteillager, und Linus wäre nicht davongelaufen.

Bettina stieg aus der Dusche, griff nach dem flauschigen cremefarbenen Badetuch, um sich abzurubbeln.

Ihr Vater hatte mit liebevoller Hand alles zusammengehalten, seit er tot war, waren sie wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm auseinandergeflogen. Familienzusammen­halt, Geschwisterliebe, das schienen bei den Fahrenbachs nicht mehr als nur Worte zu sein, dachte Bettina traurig.

Sie trat vor den Spiegel, bürstete ihr Haar, das glücklicherweise schon wieder ein Stück gewachsen war aber seine ursprüngliche Länge noch längst nicht erreicht hatte.

Was war nur in sie gefahren, als sie ihre Haare nach der bitteren Trennung von Thomas so raspelkurz hatte schneiden lassen. Sie hatte wirklich ausgesehen wie eine tibetische Nonne.

Als sie in ihr Schlafzimmer zurückging, hörte sie von draußen Geräusche. Das musste Arno sein, der mit seinem kleinen Schneepflug unterwegs war, um wenigstens Wege in den Schnee zu bahnen.

Glücklicherweise konnte man sagen, gab es derzeit keine Gäste im Gesindehaus, dann hätte der Arme auch den ganzen Parkplatz freischaufeln müssen. Der Hofkomplex war groß mit seinen vielen Gebäuden, die erreichbar zu machen war Arbeit genug.

*

Bettina hatte gerade ihr Frühstück beendet und saß jetzt noch bei einer zweien Tasse Kaffee an dem großen Holztisch, als das Telefon klingelte.

Sollte es Leni sein, die sie wegen des Schnees vorwarnen wollte? Nun, dann kam die Gute allerdings zu spät mit ihrer Neuigkeit, die für sie keine mehr war.

Fröhlich meldete sie sich, doch es war nicht Leni, die anrief, sondern Jan, was ihre Laune natürlich noch mehr verbesserte.

»Dein Anruf hat mir zum Glück gerade noch gefehlt«, lachte Bettina, »er ist sozusagen das Tüpfelchen auf dem i.«

»Schön und gut, und was ist die Vorgeschichte, meine Schöne?«

»Es hat geschneit«, rief Bettina. Ihre trüben Gedanken von vorhin waren wie weggewischt. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie wunderschön es aussieht, wie ein Wintermärchen …, und jetzt hat es aufgehört zu schneien, und die Sonne ist ein wenig hervorgekommen und lässt die Schneekristalle blitzen und blinken wie Diamanten.«

»Ich kann es mir gut vorstellen«, sagte er launig, »und vor allem dich mittendrin als Schneekönigin.«

»O nein, lieber nicht«, wehrte Bettina sofort ab, »die hatte doch ein kaltes Herz.«

»Also gut, keine Schneekönigin, sondern eine Schneeprinzessin, die ein so warmes Herz hat, dass der Schnee sofort schmilzt, wenn sie auch nur in seine Nähe kommt.«

Jetzt musste Bettina lachen.

»Ich glaub, Arno würde das heute begrüßen, der kurvt schon Ewigkeiten mit seinem Schneepflug herum, um Wege zu schaffen. Du siehst, die Realität sieht anders aus als Märchen.«

»Kann ich so nicht sagen«, war seine Antwort, »das mit uns kommt mir schon manchmal wie ein Märchen vor. Es ist so schön, dass man es überhaupt nicht beschreiben kann …, du fehlst mir so sehr, mein Liebes. Ich muss gleich wieder weg, aber vorher möchte ich dir ganz einfach noch sagen, dass ich dich liebe …, mehr liebe als du dir vorstellen kannst.«

Ein solches Kompliment schon in der frühen Morgenstunde!

Was der Tag auch immer bringen würde, sie würde ihn meistern, mit links, denn seine Worte würden sie begleiten.

»Ich liebe dich auch«, wisperte sie. »Und du fehlst mir auch so sehr. Wann kommst du?«

»Das weiß ich noch nicht so genau, ich habe da eine Sache, die mir sehr viel Kopfzerbrechen bereitet. Aber zur Hochzeit von Yvonne und Markus werde ich auf jeden Fall da sein.«

»Die ist doch erst in ein paar Wochen«, entsetzte Bettina sich.

»Nun reg dich doch nicht auf, mein Herz. Natürlich komme ich vorher auch noch, aber der Termin der Hochzeit war doch fraglich, und ich hatte viel Mühe, ihn klar zu bekommen. Ich weiß doch, dass du nicht allein in der Kapelle sitzen willst.«

Das stimmte, und Bettina war froh, dass er es einrichten konnte, auch da zu sein. Sie erinnerte sich daran, dass sie fast hysterisch gewesen war, als fraglich gewesen war, ob Thomas bei Lindes Hochzeit dabei sein könnte. Er hatte es zum Glück auch geschafft, und sie hatte glücklich und emotional bewegt an seiner Seite in der kleinen Kapelle gesessen und den Worten des Pfarrers gelauscht, der Martin und Linde schon getauft hatte.

Und sie hatte sich ausgemalt, selbst mit Thomas vor dem Traualtar zu stehen …

»Bettina, bist du noch da?«, drang Jans Stimme in ihre Gedanken hinein. Sie zuckte zusammen. Was war bloß los mit ihr an diesem Morgen? Sie wurde ja nur von Erinnerungen überwältigt.

»Ja, ja, ich bin da, und ich freue mich wirklich sehr, dass du zur Hochzeit von Yvonne und Markus da sein wirst. Du wirst es nicht bereuen, solche Momente in unserer kleinen Kapelle sind ein unvergessliches, ganz besonderes Erlebnis.«

»Mit dir an meiner Seite ist alles unvergesslich«, erwiderte Jan. »Und das ist nicht nur so dahergesagt, das meine ich ganz ehrlich.«

Sie zweifelte auch nicht an seinen Worten, weil Jan ein durchweg ehrlicher Mensch war, der sie aufrichtig liebte, ganz anders als …

Nein!

Nicht Thomas Sibelius! Wann hörte der endlich auf wie ein böser Geist durch ihr Leben zu geistern?

»Ich weiß Jan, und das macht mich auch so glücklich. Es ist ein zu beruhigendes Gefühl, einen Partner zu haben, auf den man sich verlassen und dessen Liebe man sicher sein kann. Du schwirrst nur in der Weltgeschichte herum, bist ein attraktiver Mann, der zudem noch immens reich ist. Die Goldgräberinnen umschmeicheln dich doch, aber ich bin nicht eifersüchtig, weil ich weiß, dass du mich niemals betrügen würdest.«

»Dessen bin ich mir bei dir auch sicher, mein Liebes«, war seine Antwort, »und nur gegenseitiges Vertrauen geht, das ist die Basis einer gut funktionierenden Partnerschaft. Und im übrigen, wenn hier einer eifersüchtig sein müsste, dann ja wohl ich, denn du bist die tollste Frau der Welt – schön, intelligent, warmherzig und auch nicht gerade arm. Wenn wir uns in einem Wettbewerb messen müssten, dann … nun, dann wärest du auf jeden Fall die Gewinnerin.«

Solche Worte sollte er ihr mal in Gegenwart ihrer Schwester Grit sagen. Für die war sie nur ein langweiliges, trutschiges Landei.«

»Du machst mich verlegen«, sagte sie.

»Du machst mich glücklich«, flüsterte er.

Dann wechselten sie noch viele verliebte Worte, ehe sie das Telefonat beenden mussten, weil Jan abgerufen wurde.

Was zu sagen war, um sie glücklich zu machen, hatte er gesagt.

Wie wundervoll es doch war, von einem kultivierten Mann wie Jan van Dahlen geliebt zu werden.

Und er würde bei der Hochzeit ihrer Freunde an ihrer Seite sein.

Wer weiß?

Vielleicht weckte dieser feierliche Augenblick in ihm ja doch den Wunsch, selbst in den Hafen der Ehe einzulaufen?

Einen kleinen Wermutstropfen gab es ja in ihrer Beziehung. Liebe und Ehe waren für Jan nicht unter einen Hut zu bringen.

Was wäre wohl gewesen, wenn sie seinen halbherzigen Antrag damals in dem Restaurant, so quasi zwischen zwei Gängen, angenomen hätte?

Er hätte sicherlich zu seinem Wort gestanden, aber eine Ehe, nur halbherzig geschlossen, wäre nicht glücklich geworden, dessen war Bettina sich sicher, und deswegen hatte sie ja wohlweislich auch abgelehnt.

Sie liebten sich, das war sicher, und vielleicht hatte Jan ja Recht, dass Liebe keinen amtlichen Stempel brauchte, und vielleicht war sie auch nur zu altmodisch und zu spießig, weil sie so gern verheiratet sein wollte, weil das bei ihr die Erfüllung einer Liebe war.

Bettina setzte ihre Tasse an den Mund und verzog das Gesicht.

Der Kaffee war mittlerweile kalt geworden und schmeckte nicht mehr.

Aber einen neuen Kaffee würde sie sich jetzt nicht mehr kochen. Oben in der Destillerie gab es auch eine Kaffeemaschine, und gewiss hatte Inge bereits Kaffee gekocht.