Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Epilog
  39. Um 20 Jahre zurückgeworfen
  40. Mein Dank gilt

Über dieses Buch

Sandy Kuczinski reist in die Karibik, um nach ihrer Oma zu suchen. Die rüstige Rentnerin ist aus dem Altersheim geflüchtet und hat sich während einer Kreuzfahrt auf die kleine Insel Dominica abgesetzt. Nun ist sie spurlos verschwunden. Doch bevor Sandy die Trauminsel überhaupt erreicht, kommt die leidenschaftliche Pumps-Trägerin bereits der Mafia in die Quere. Das sollte für sie allerdings kein Problem sein, immerhin arbeitet sie als Sekretärin in einer Detektei! Zusammen mit dem drogensüchtigen Dackel Nestor und dem äußerst attraktiven Polizisten Cuffy begibt Sandy sich auf Spurensuche unter Palmen – und muss bald nicht nur ihre Oma retten, sondern einen ganzen Drogenring sprengen …

Über die Autorin

Laura Wagner, geboren 1981 in Essen, studierte Film, Medien und Theater in Frankfurt am Main und Bochum sowie Drehbuchschreiben an der Filmhochschule Lissabon. Seit 2008 arbeitet sie beim Fernsehen, mit Stationen in Düsseldorf, Köln, München und Berlin, und schreibt für verschiedene Serien. »Eine Frau für alle Fälle« ist ihr erster Roman.

Laura Wagner

EINE FRAU FÜR
ALLE FÄLLE

Ein Karibik-Krimi

beTHRILLED

 

Für
Madame Tiptiptip,
die wahre Oma K.,

und meine Mutter.
Ich wollte etwas schreiben, das sie gerne liest.

Kapitel 1

Immer auf den Horizont gucken, dachte Sandy. Sie starrte angestrengt durch das schmutzige Fenster in der Bordwand aufs Karibische Meer. Schaumkronen tanzten auf den dunkelblauen Wellen vor einem grauen Himmel. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest klammerte sie sich an ihre Handtasche. Da schlitterte die Fähre in ein Wellental. Sandys Magen hüpfte nach oben. Das Blut sackte aus ihrem Kopf, und sie krümmte sich in ihrem Sitz zusammen. Jetzt nur nicht … Sie schloss die Augen.

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, summte sie in Gedanken, um sich abzulenken. Verfluchte alte Schachtel.

Sandy war sich ziemlich sicher, dass es in dem Kinderlied um ihre Oma ging. Oma Kuczinski. Gut, sie hatte mit dem Motorrad keinen Hühnerstall verwüstet, sondern das Blumenbeet des Altenheims. Diese Reise war jedenfalls ihre Schuld.

Sechsundzwanzig Stunden dauerte dieser Höllentrip nun schon. Mit dem Flieger von Düsseldorf nach Miami, von Miami nach Puerto Rico und von Puerto Rico in einem Spielzeugflieger nach Guadeloupe. Das Ruckeln der Maschine hatte sich fast genauso schlimm angefühlt wie jetzt der Seegang auf der Fähre nach Dominica. Man sagte Dominiiica, hatte ihr der ständig quasselnde Sitznachbar erklärt, nachdem sie ihm ihr Ziel verraten hatte. Betonung auf der dritten Silbe. Die grüne Insel. Nature Island. Und nicht zu verwechseln mit der viel größeren Dominikanischen Republik.

Wie konnten Menschen nur davon träumen, in die Karibik zu reisen? Sandy beugte sich über den Tisch vor ihr und vergrub ihre Wange im braunen Leder ihrer Handtasche. Die langen blonden Haare fielen ihr wie ein Vorhang übers Gesicht. Sie wollte einfach so tun, als sei sie gar nicht da. Doch plötzlich schrillten die ersten Töne der Pink-Panther-Melodie in ihr Ohr. Stöhnend fischte Sandy ihr Handy aus der Tasche.

»Hallo?«, nuschelte sie benommen.

»Sandy? Bist du das?«

»Hm?«

»Hast du Oma schon gefunden?«

Sandy richtete sich auf, und eine neue Woge der Übelkeit rauschte von ihrem Kopf in ihren Magen.

»Mama, ich bin noch nicht mal da.«

»Du solltest doch um fünfzehn Uhr auf Dominica ankommen.«

»Die Fähre hatte Verspätung«, presste Sandy hervor und sank wieder zurück auf ihre Tasche. Es half nichts. In ihrem Kopf drehte sich trotzdem alles weiter.

»Hör zu, Mama«, stöhnte sie. »Ich kann jetzt nicht.«

»Ich verstehe immer noch nicht, wie sie uns das antun konnte«, fuhr ihre Mutter unbeeindruckt fort. »Erst macht sie, ohne was zu sagen, diese Kreuzfahrt. Und dann geht sie einfach von Bord und kommt nicht zurück. Als würden wir uns keine Sorgen machen.«

»Auf der Postkarte stand doch, dass es ihr gut geht«, sagte Sandy schwach.

»Ach, du bist genau wie dein Vater. Kümmert er sich darum, dass seine Mutter sicher zurückkommt? Nein. Alles muss ich machen.«

Eigentlich mache ja ich die ganze Arbeit, dachte Sandy, aber egal. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn.

»Du, ich ruf dich an, sobald ich was von Oma weiß«, brachte sie noch hervor, dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie unterbrach die Verbindung und schloss wieder die Augen.

»Geht’s der Frau nicht gut?«, fragte eine Mädchenstimme von der anderen Seite des Tisches auf Englisch. Na großartig. Sandy konnte regelrecht spüren, wie sich andere Passagiere zu ihr umdrehten. Auf Dominica sprach man Englisch. Da The Nature Island aber zwischen den französischen Inseln Martinique und Guadeloupe lag, waren auf der Fähre viele Franzosen. Sandy verstand kein Wort von dem, was sie sagten. Dafür malte sie sich aus, wie Ellbogen den Sitznachbarn anstießen und Finger in ihre Richtung zeigten. Schwankend richtete sie sich auf. Hier konnte sie nicht bleiben.

»Brauchen Sie Hilfe?« Ein dunkelhäutiger Mann stand von seinem Sitz auf der anderen Gangseite auf. Ein goldener Totenkopfanhänger an einer Goldkette blitzte aus seinem Hemdausschnitt hervor. Amerikanischer Gangsterstyle.

»Mir ist nur ein bisschen übel«, erklärte Sandy schnell. Ihre Tasche fest an den Körper gepresst, taumelte sie gekrümmt und mit gesenktem Kopf zur Treppe in Richtung Oberdeck. Sie brauchte unbedingt frische Luft und einen Ort, an dem sie sich ungestört tot stellen konnte.

Der lauwarme Fahrtwind zerrte an ihren Haaren und ihrem Sommerkleid, als sie nach draußen wankte. Unter der grauen Wolkendecke war es schwül. Sandy fühlte einen salzigen, klebrigen Film auf ihrer Haut. So viel zu frischer Luft. Sie schwankte über das Aussichtsdeck zur Reling. Die Absätze ihrer Pumps klackerten. Gischt spritze empor, als der große Katamaran in eine Welle stürzte. Eine Gruppe junger Leute juchzte. Verrückte! Sandy hangelte sich mit unsicheren Schritten an der Reling entlang Richtung Heck. Eine Kette versperrte die Treppe zum darunterliegenden Deck. Nur für Mitarbeiter. So einen Ort hatte sie gesucht.

Ein schlaksiger Mann, rotblond und sonnenverbrannt, stand breitbeinig vor dem Treppenaufgang und fluchte in sein Telefon. Er verstummte und machte irritiert Platz, als Sandy sich an ihm vorbeidrückte. Der Duft seines billigen Aftershaves kitzelte in ihrer Nase.

»Sorry«, nuschelte sie und krabbelte unter der Absperrkette hindurch und die Stufen hinunter. Er hielt sie nicht auf.

Auf der letzten Stufe blieb Sandy sitzen und nahm den Kopf zwischen die Knie. Keine anderthalb Meter weiter spritzte Gischt an der Reling auf. Hier war sie dem Wasser viel näher als oben. Es roch nach Meer und Öl. Vielleicht konnte sie ein bisschen dösen und das Auf und Ab des Schiffs ausblenden, bis sie in den Hafen von Roseau einliefen.

»Nein, er ist auf der Fähre.« Windböen wehten leise englische Satzfetzen vom Rotschopf zu ihr herunter. Ein Amerikaner, schloss sie aus seinem Akzent, bevor ihre Gedanken abdrifteten.

»… aber er wird sie finden.« Seine Worte drangen aus weiter Ferne an ihr Ohr. Wirkten etwa endlich diese Tabletten gegen Seekrankheit, die sie am Mittag genommen hatte? Sie vergaß, dass sie auf einem schaukelnden Schiff war, und sank langsam ins Nichts. Vergessen die Torturen der Reise, die Tiraden ihrer Mutter und …

»Hi.«

Sandys Herz machte einen Satz. Sie schreckte hoch.

»Willst du auch nach Dominica?«, fragte der Mann ohne Umschweife und ließ sich neben ihr auf der Stufe nieder.

»Ja«, brachte Sandy überrumpelt hervor.

»Gut.« Der Rotschopf fuhr sich mit der Hand durch das windzerzauste Haar und sah unauffällig zum Oberdeck. »Schöne Insel. Wie heißt du?«

Sandy schob es auf den Schrecken, die Seekrankheit und die lange Reise. Nur deswegen antwortete sie wie ein Schaf: »Sandy. Sandy Kuczinski.«

Sie sollte ihn lieber fragen, was zum Henker er eigentlich wollte. Doch bevor sie das nachschieben konnte, ließ eine neue Welle ihren Magen einen Hopser machen. Sandy kippte zur Seite. Sie konnte sich zwar abfangen, aber ihre Hand landete dabei hoch oben auf dem Oberschenkel des Fremden.

»Hey. Langsam.« Er grinste anzüglich.

»’tschuldigung, ich vertrage Bootfahren nicht besonders gut«, keuchte Sandy und rappelte sich auf. Ihre Wangen glühten. Warum musste so was immer ihr passieren?

Der Rotschopf ging nicht weiter darauf ein. Er stand auf. Sein Blick huschte unruhig hin und her, als fürchtete er, jede Minute könnte jemand von der Crew auftauchen und sie erwischen. Dann taxierte er Sandy.

»Urlaub?«, fragte er einsilbig.

»Nicht … wirklich.«

Er wollte doch nicht mit ihr flirten, oder? Das konnte sie nämlich nicht besonders gut. Was vielleicht daran lag, dass sie nur Idioten getroffen hatte, seit Alex sie vor einigen Monaten sitzen ließ. Die Art, wie der Rothaarige sie von oben bis unten musterte, sagte Sandy, dass er ebenfalls in diese Kategorie gehörte. Außerdem wollte sie einfach ihre Ruhe haben. Sie musste ihn loswerden.

Das Bild eines fetten Ausrufezeichens waberte durch ihr Bewusstsein. Ein Warnhinweis in ihrem Flirtratgeber. Es ging um irgendwas mit ungeschminkten Wahrheiten und ungeschminkten Frauen. Also schön.

»Meine verrückte Oma ist aus dem Altenheim ausgebüxt«, gestand Sandy. »Da ich als Einzige aus der Familie Englisch spreche, hat meine Mutter mich losgeschickt, um sie wieder nach Hause zu holen. Ach, und ich soll über die Trennung von meinem Freund hinwegkommen«, fügte sie schnell noch hinzu.

»Aha«, meinte der Rotschopf im unbeeindruckten Tonfall eines Mannes, der gar nicht zuhörte. Er schien wieder nach jemandem Ausschau zu halten. »Du reist alleine.«

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Sandy starrte ihn perplex an.

»Wir sollten mal was trinken gehen«, setzte er nach.

»Ähm.« Sandy suchte in dem weißen, wattigen Nichts, das sich in ihrem Kopf ausdehnte, nach einer schlagfertigen Antwort. »Nein, danke.«

Sie wollte die lahme Ablehnung wenigstens mit einem kühlen Lächeln unterstreichen. Doch die Kontrolle ihrer Gesichtsmuskeln fiel ihr schwer, während ihr Magen Purzelbäume schlug und sie kaum den Kopf aufrecht halten konnte. Am Ende brachte sie nur eine schiefe Grimasse zustande.

»Das wird lustig«, beharrte der Rotschopf.

Sandy spürte, wie eine große Welle gegen die Bordwand klatschte und das Schiff schlingerte. Eine Gänsehaut jagte ihr Rückgrat hoch und breitete sich in ihrem Nacken aus. Das war’s. Sandy beugte sich vornüber und nahm den Kopf zwischen die Knie.

»Gehen Sie weg«, nuschelte sie mit so viel Bestimmtheit, wie sie aufbringen konnte.

»Ich verstehe. Dir geht’s grad nicht so gut. Das wird schon wieder.« Er tätschelte ihren Rücken. »Ich bin übrigens Steve. Steve Rice.«

»Mhm«, machte Sandy, ohne den Kopf zu heben. Sie hörte ihn unruhig vor sich auf und ab gehen.

»Okay«, sagte er schließlich. »Dann sehen wir uns später. Hier, pass auf deine Tasche auf. Nicht, dass sie dir noch geklaut wird.«

Sandys Nackenhaare stellten sich auf. Sie vergaß ihren Zustand für einen Augenblick und sah hoch. Steve Rice hielt ihr die Handtasche hin. Plötzlich hatte sie ein ganz mieses Gefühl bei dem Kerl. Irritiert stand sie auf und riss ihm die Tasche aus der Hand. Doch das hätte sie besser nicht getan. Der Himmel, das Meer und das Schiff drehten sich in absurden Winkeln zueinander. Kaum stand Sandy auf den Beinen, wurde ihr schwarz vor Augen.

»Uööh«, brachte sie stöhnend hervor, ließ ihre Handtasche fallen und streckte auf dem Boden alle viere von sich. Vergeblich hoffte sie, dass die Welt aufhören würde, sich zu drehen. Das Auf und Ab des Boots wurde heftiger.

»Oh, wir kriegen richtig Seegang«, bemerkte Steve Rice. Sandy spürte, wie seine Hand unbeholfen an ihrem Arm rüttelte, aber das war ihr egal. Sie betete um einen schnellen Tod. Stattdessen schickte eine weitere Welle Gischt über die Reling.

»Willst du nicht aufstehen?«

»Nein.« Sandy hielt die Augen fest geschlossen.

»Hm. Okay.« Jetzt wusste er anscheinend nicht, was er tun sollte. »Ich geh dann mal wieder.« Plötzlich hatte er es eilig wegzukommen.

Juhu, dachte Sandy matt. Erster Donner grollte in der Ferne. Wann waren die Männer solche Pfeifen geworden? Sie ertappte sich bei einem wehmütigen Gedanken an ihren Ex Alex. Sie hätten sich auseinandergelebt, hatte er gesagt.

Und jetzt lag sie mit dem Gesicht nach unten auf einem öligen, schwankenden Schiffsdeck. Warum hatte sie sich nur überreden lassen, in die Karibik zu reisen? Sie hasste die Schwüle. Und die Krabbeltiere. Und das Meer. Während eine neue Welle Sandys Magen in Aufruhr versetzte, erfasste eine Windböe ihr gelbes Sommerkleidchen und legte ihren Micky-Maus-Schlüpfer frei. Es ist so weit, dachte Sandy. Ich bin am absoluten Tiefpunkt. Was konnte man schon erwarten, wenn man mit dreißig wieder in sein Kinderzimmer eingezogen war?

Nein, nein, nein! Sandy zwang sich, die Arme aufzustützen. Sie hievte sich hoch, ohne das flaue Gefühl im Magen und die Sternchen vor ihren Augen zu beachten. Auf allen vieren kroch sie zur Reling. Sie war eine starke Frau und würde nicht in Selbstmitleid versinken.

Sandy zog sich an der Reling hoch. Dunkle Wolken türmten sich am Himmel. Der Wind war stärker geworden, und die Wellen wurden immer höher. Umtost von Gischt und heftigen Böen fühlte sie sich einen Augenblick lang wie eine Abenteurerin auf dem Weg in eine ungewisse, aber glorreiche Zukunft. Sie würde Oma Kuczinski finden. Sie würden zusammen nach Hause fahren. Sie würde sich von ihren Eltern Geld leihen und wieder in eine eigene Wohnung ziehen. Und dann!

Dann sackte ihr das Blut aus dem Kopf. Ihre Knie wurden weich, und ihr Magen drehte sich in Spiralen. Oh nein … Automatisch lehnte Sandy sich weit über die Reling und sagte ihrem Mittagessen Adieu.

Keuchend schnappte sie nach Luft und hoffte, dass es ihr nun wenigstens besser gehen würde. Da krachte die Fähre in ein tiefes Wellental. Sandy verlor das Gleichgewicht. Unbeholfen grabschte sie nach der nassen Reling, bekam sie aber nicht zu fassen.

Hilfe!

Der verzweifelte Aufschrei blieb ihr im Hals stecken. Sie folgte ihrem Mittagessen ins Meer.

Kapitel 2

Kalt. Kopfüber tauchte Sandy ins Wasser. Das Meer schloss sich mit endgültiger Selbstverständlichkeit über ihr, und sie spürte den Sog der Strömung, der sie in die Tiefe zog. Sie sank wie ein Stein in die Dunkelheit. Es dauerte einen Moment, bis ihr Gehirn wieder arbeitete.

Schwimm! Panik erweckte ihre Arme und Beine zum Leben. Sie ruderte und strampelte, ohne zu wissen, wo oben war. Ihre Luftröhre zog sich zusammen. Sie wollte atmen. Dann, endlich, durchbrach sie die Wasseroberfläche.

Gierig sog Sandy die Luft ein und sah sich orientierungslos um. Wo war das Schiff? Der Rettungsring?

»Hier bin ich«, schrie sie unsichtbaren Helfern zu. Eine Welle hob sie in die Höhe, und sie sah, wie die mehrere hundert Meter entfernte Fähre unbekümmert ihren Weg nach Roseau fortsetzte. Hatte niemand sie über Bord gehen sehen?

»Steve«, kreischte Sandy über Wind und Wellen hinweg dem Rotschopf zu. Donner grollte. Salzwasser schwappte ihr in Mund und Nase. Sie hustete.

Ächzend versuchte Sandy, den Kopf über Wasser zu halten. Sie strampelte, wedelte mit den Armen, holte Luft und schrie sich die Seele aus dem Leib. Doch die Fähre entfernte sich und verschwand aus ihrem Blickfeld. Angst stieg in Sandy auf und schnürte ihr die Kehle zu. Sie schwamm mutterseelenallein mitten im Meer.

Nicht durchdrehen. Sie zwang sich zur Ruhe. Wie ein dunkles Urtier ragten die steilen Bergrücken von Dominica vor ihr aus dem Wasser. Ein Blitz erhellte sie in der hereinbrechenden Dunkelheit. Konnte sie die Insel schwimmend erreichen? Sie musste.

Sandy kraulte los und wünschte sich, sie hätte den Schwimmunterricht in der Schule nicht so oft geschwänzt. Den Kopf hielt sie hoch, wie eine dieser alten Frauen, die im Schwimmbad vorsichtig ihre Bahnen zogen, um sich nicht die frisch gelegten Locken zu ruinieren. Für Sandys Haare gab es zwar keine Rettung mehr, aber sie würde ihr Gesicht nicht freiwillig ins Wasser tauchen.

Man erschafft sich seine Wirklichkeit selbst. Diese Weisheit aus einem Lebensratgeber flammte in Sandys Kopf auf wie eine Neonwerbetafel. Sie stellte sich einen Augenblick vor, dass Wasser nicht nass war. Angesichts des riesigen Ozeans und des einsetzenden Regens erschien ihr das allerdings eher eine Aufgabe für Fortgeschrittene zu sein.

Neuer Versuch. Sie war der Starschwimmer Michael Phelps. Sie pflügte durch den Ozean. Sie war unbesiegbar. Kraftvoll holte Sandy aus, teilte das Wasser, zog sich vorwärts, Zug um Zug. Dann klatschte ihr eine Welle ins Gesicht, und sie schluckte Wasser. Sie ging unter, kämpfte sich wieder nach oben und hustete. Ihre Augen brannten vom Salz. Wassertretend versuchte Sandy wieder klare Sicht zu bekommen. Eine neue Welle verpasste ihr eine Breitseite. Sie spürte einen rauen, stechenden Kloß im Hals und musste einsehen, dass sie nicht Michael Phelps war. Ohne Schwimmbrille paddelte sie vorwärts wie ein wasserscheuer Straßenköter. Die Insel schien weiter entfernt zu sein als vorher.

Sandy blinzelte das Salzwasser aus den Augen, und die Erkenntnis fuhr ihr in alle Glieder. Die Insel war tatsächlich weiter weg. Sie wurde abgetrieben. Sandy warf sich erneut mit aller Gewalt in die Wellen, trat mit den Beinen aus und ruderte mit den Armen. Sie musste die Insel erreichen. Sie musste Oma Kuczinski finden. Sie musste … Lautes Donnern unterbrach ihre Gedanken. Blitze zickzackten über den dunklen Himmel. In ihrem verzweifelten Kampf gestand Sandy sich ein, dass die Sache wenigstens etwas Gutes hatte: Sie fühlte sich nicht mehr seekrank. Bei der Angst, die sie hatte, gab es dafür in ihrem Körper keinen Platz mehr. Nur das Überleben zählte.

So sehr Sandy sich auch anstrengte, die Insel kam nicht näher. Für jeden Schwimmzug, den sie auf Dominica zu machte, drängte das kalte Meer sie drei Schwimmzüge zur Seite. Regen prasselte auf sie nieder. Ihre Arme und Beine fühlten sich wie Gummi an, und ihre Pumps hingen wie Blei an ihren Füßen. Sandy streifte sie strampelnd ab und wühlte sich den nächsten Wellenberg hinauf. Nur nicht aufgeben. Sie würde ihren Schuhen nicht folgen und da unten zu Fischfutter werden. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihre Pumps in die Tiefe sinken. Ein Schwarm Clownfische testete, ob sie essbar waren. Gab es hier Clownfische? Hier gab es doch sicher eher …

Sandy versuchte, den Gedanken zurückzudrängen, aber es war zu spät. Haie! Bestimmt schwamm gerade ein großer Weißer Hai an ihren Schuhen vorbei und fragte sich, wo der Rest des Leckerbissens blieb. Hektisch paddelte Sandy vorwärts. Halt! Zogen Schwimmgeräusche diese Monster nicht an? Sie erstarrte und versuchte ängstlich, in den finsteren Tiefen unter sich etwas zu erkennen.

Da schoss plötzlich etwas großes Weißes mit einer Welle auf sie zu. Sandy schrie und tauchte ab. Angst pumpte durch ihren Körper, und sie schwamm los, ohne nachzudenken. Nur weg. Doch nach wenigen Metern wurden ihre Schwimmzüge bereits schwächer. Ihre Muskeln waren wie Kaugummi. Es gab kein Entrinnen. Wo blieben die rasiermesserscharfen Zähne, die sich in ihr Fleisch bohrten und sie in Stücke rissen? Sandy schaute sich um.

Im Stroboskoplicht der zuckenden Blitze sah sie den Schattenriss von Dominica in weiter Ferne. In der anderen Richtung schaukelte das große weiße Ding auf den Wellen. Sandy wischte sich Regen und Meerwasser aus den Augen. Das konnte doch nicht … Es war ein Fischerboot.

»Hey! Hilfe«, rief sie hinüber. Nichts rührte sich.

Sandy sah zwischen der Insel und der schwimmenden Nussschale hin und her. Das Boot war näher. Das konnte sie schaffen. Mit tauben Gliedmaßen strampelte sie darauf zu. Jedes Mal, wenn eine Welle ihr die Sicht auf ihre einzige Rettung versperrte, blieb ihr das Herz stehen. Bitte, lass es keine Fata Morgana sein.

Eine qualvolle Ewigkeit kämpfte sie sich durchs Wasser, aber dann, endlich, berührten ihre Finger das raue Holz. Es war ein flaches, offenes Boot, so lang wie ein Kleinbus. Bèl jou stand in roten Lettern an der Seite. Sandy hatte keine Ahnung, was das hieß, aber sie küsste den Schriftzug und hievte sich an Bord.

Danke. Die festen Planken unter ihrem Körper fühlten sich in diesem Moment mindestens so gut an wie ihr warmes, weiches Bett zu Hause, auch wenn das Boot schaukelte und dicke Regentropfen auf sie eintrommelten. Die schmerzenden Arme und Beine weit von sich gestreckt lag sie zitternd da und genoss einfach das beruhigende Wissen, dass nun alles gut werden würde. Nur komisch, dass sich niemand um sie kümmerte.

Sandy rollte ächzend auf den Rücken und öffnete die Augen. Das Boot bestand aus nacktem Holz und einer Sitzbank. Keine Ruder. Kein Mensch. Nur ein toter Außenbordmotor. Sie trieb hilflos und mutterseelenallein auf dem Meer.

Ungläubig klammerte sich Sandy an die blanken Planken. Wasser schwappte über den Rand herein. Das kleine Boot war ein Spielball der Wellen. Der Besitzer saß vermutlich irgendwo gemütlich im Trockenen und wusste gar nicht, dass es sich selbstständig gemacht hatte. Oder er war mitsamt Ruder über Bord gegangen.

Sandy zog am Riemen des Außenbordmotors. Er gurgelte nicht einmal. Ein kalter Knoten schnürte sich um ihre Eingeweide. Wie lange würde diese Nussschale dem Meer und dem Sturm standhalten? Ein Blitz durchzuckte die Dunkelheit, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner. In dem kurzen Lichtschein sah Sandy am Bug einen geschützten Bereich mit festgezurrten Kisten. Hoffnung flackerte auf.

Ich kann nicht nur Pech haben, wiederholte sie im Geist wie ein Mantra und kroch auf die Kisten zu. Da musste doch etwas Nützliches drin sein. Ein Funkgerät zum Beispiel. Oder eine Leuchtpistole. Von ihr aus auch Schokokuchen. Sie wollte nicht sterben, ohne noch einmal Schokokuchen gegessen zu haben. Den saftigen mit der dunklen Schokolade. Tränen liefen ihre Wangen runter und vermischten sich mit dem Regen. Mit zitternden Fingern löste sie die Verschlüsse der ersten Kiste. Kein Schokokuchen. Nur rechteckige Päckchen. Sandys Herz sank.

Sie öffnete die nächste Kiste. Und die nächste. Ihre Finger rissen, zogen und zerrten immer schneller, immer hektischer an den Laschen. Doch alles, was sie fand, waren noch mehr Päckchen. Sandy wollte es nicht glauben. Ihr Magen begann wieder, gegen das Auf und Ab der Wellen zu rebellieren. Diesmal ignorierte Sandy die Übelkeit. Sie stellte die Kisten auf den Kopf und schüttelte. Es blieb dabei. Kein Funkgerät, keine Leuchtpistole, kein Schokokuchen. Der Donner dröhnte so laut, dass Sandy das Boot vibrieren fühlte.

Das konnte doch nicht alles sein! Verzweifelt riss sie das braune Packpapier von den Päckchen. Weißes Pulver staubte auf, rieselte durch ihre Finger. Dann spülte der Regen es fort. Matschige Pfützen bildeten sich auf dem Boden. Verdammt! Sandy starrte fassungslos auf das Schlachtfeld. Was sollte sie damit anfangen? Sie war verloren. Das Boot schlitterte in ein Wellental, krachte gegen die nächste Woge und schoss wie ein Korken wieder in die Höhe. Sandy krallte sich an der Bordwand fest und nahm in Gedanken Abschied von ihrer Familie. Das war das Ende. Schade.

Plötzlich flammten grelle Scheinwerfer auf. Geblendet riss Sandy die Arme hoch. Helle Flecken tanzten vor ihren Augen.

»Polizei! Waffen weg«, schrie eine Megafonstimme auf Englisch.

Waffen? Sandy blinzelte in das helle Licht. Ein dunkler Schatten sprang in ihr Boot, und es schaukelte bedrohlich. Sandy griff panisch nach der Bordwand und versuchte die Nussschale auszubalancieren.

»Hände hoch«, brüllte die Megafonstimme sofort.

Sandy rührte sich nicht. Ihr Blick fiel auf die weiße Matsche, die über den Boden schwappte. Auf die halb aufgerissenen Päckchen. Irgendwo in ihrem Kopf formte sich eine Erkenntnis, die Sandy nicht zulassen wollte. Sie konnte nicht nur Pech haben …

Die dunkle Gestalt war ein Mann in militärischer Tarnkleidung. Er bewegte sich auf dem schaukelnden Boot so mühelos, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Mit wenigen Schritten war er bei ihr, die Waffe im Anschlag. Sandy wagte nicht zu atmen. Er zögerte kaum merklich angesichts des Chaos aus Kisten, Päckchen und weißem Brei. Dann löste er Sandys Hand von der Bordwand und drehte ihr den Arm auf den Rücken. Eine Handschelle schnappte zu, die andere Hand folgte.

„Sie sind festgenommen«, sagte der Polizist mit tiefer Stimme. »Sie haben das Recht zu schweigen.«

Sandys Eingeweide verflüssigten sich, und ihr Denken setzte aus. Das passierte nicht ihr. Nur am Rande nahm sie wahr, wie er sie auf die Füße zog und der glatte Stoff seiner kugelsicheren Weste ihren nackten Arm streifte. Dann stand sie vor ihm. Sein Gesicht unter der Baseballkappe war dunkel, aber im Licht der Scheinwerfer sah sie, dass er helle Augen hatte. Blau. Oder grün?

»Verstehen Sie, was ich sage?«

Sandy verstand kein Wort. Ihr Verstand wollte mit dem, was gerade geschah, nichts zu tun haben.

»Sie kommen mit.« Er drehte sie um und schob sie vorwärts. Da merkte Sandy erschrocken, dass sie kicherte. Sie wollte sich eine Hand vor den Mund halten, aber die steckten beide hinter ihrem Rücken in Handschellen. Hilflos biss Sandy sich auf die Lippen. Doch es platzte aus ihr heraus. Geschüttelt von Lachern wurde sie auf das Polizeiboot geschoben.

Sie war gerettet. Mehr oder weniger.

Kapitel 3

Seine Augen waren doch blau, nicht grün. Sandy konnte es ganz deutlich erkennen, denn Sergeant James Cuffy von der Drogenfahndung starrte ihr geradewegs ins Gesicht.

»Fangen wir noch mal von vorne an. Sie sind also wegen Ihrer Oma hierhergekommen.« Er lehnte neben ihr am Tisch und sah auf sie herab wie ein sprungbereiter Tiger. Die Tarnkleidung hatte er gegen Jeans und ein schwarzes T-Shirt eingetauscht. Trotzdem wirkte er immer noch einschüchternd, groß und athletisch wie er war. Mit seiner karamellbraunen Haut und dem markanten Gesicht hätte er ein sexy Calvin-Klein-Model abgegeben, dachte Sandy und gab sich gleich darauf im Geist eine schallende Ohrfeige. Wo war sie nur mit ihren Gedanken?

»Ja«, antwortete sie schnell und wandte den Blick ab. Stattdessen inspizierte sie die Tasse mit dampfendem Kaffee in ihrer Hand und zog die kratzige Wolldecke, die er ihr auf dem Polizeiboot gegeben hatte, fester um die Schultern. Ihr mittlerweile getrocknetes Kleid scheuerte seltsam steif auf ihrer Haut, und das harte Plastik der viel zu großen Flipflops, die jemand für sie aufgetrieben hatte, schnitt in das Fleisch zwischen ihren Zehen.

»Aber wir können Ihre Oma nicht bitten, Ihre Geschichte zu bestätigen?«, setzte Cuffy nach.

Sandys Mund klappte auf. Wie oft sollte sie das noch erklären? »Ich hab doch schon gesagt, sie hat keine Ahnung, dass ich hier bin. Und, na ja, ich hab auch keine Ahnung, wo sie ist, wenn ich ehrlich bin.«

Cuffy zog eine Augenbraue hoch. »Aha. Und was soll das Ganze dann?«

»Na ja.« Sandy rutschte unwohl auf dem unbequemen Metallstuhl hin und her. »Sehen Sie, es ist so. Sie hatte Ärger mit dem Altenheim, weil … sie einfach gern Ärger macht. Da hat sie ihre Sachen gepackt, um auf eine Kreuzfahrt zu gehen, von der sie nicht zurückgekommen ist. Meine Eltern haben sich Sorgen gemacht. Und dann kam diese Postkarte von Dominica, und meine Mutter meinte …« Sandy schnappte nach Luft.

»Trinken.« Cuffy nickte zu der Tasse, die sie in ihrer Hand hielt.

Sandy gehorchte. Der Kaffee schmeckte stark und bitter. Ihre Gedanken ordneten sich.

»Ich soll sie ausfindig machen«, erklärte sie seufzend. »Ich bin quasi sowas wie eine Privatdetektivin.«

Cuffy nickte ungerührt und kritzelte etwas in seine Unterlagen.

»Erzählen Sie mir noch einmal, was auf dem Meer passiert ist.«

Vor ihrem geistigen Auge sah Sandy wieder das Stroboskoplicht der Blitze. Sie spürte das Auf und Ab der Wellen, und der metallische Nachgeschmack des Kaffees vermischte sich mit dem von salzigem Wasser. Sie wollte nicht mehr daran denken. Scheppernd stellte sie die Tasse auf den Tisch.

»Ich habe Ihnen alles gesagt. Fragen Sie diesen Typen, Steve Rice. Der kann bestätigen, dass ich auf der Fähre war und keine Drogenschmugglerin bin.«

»Das werden wir«, versicherte Cuffy kurz angebunden. »Wie war das? Sie schwimmen durchs Meer und finden ein herrenloses Fischerboot? Wie stehen die Chancen dafür, was glauben Sie?«

»Das war wie ein Sechser im Lotto«, gab Sandy freimütig zu. »Hätte ich gewusst, dass Drogen an Bord sind, wäre ich niemals … ähm, ich meine, ich … Ähm.« Sie verstummte.

»Sie haben die Bèl jou also nie zuvor gesehen? Sie haben keine anderen Personen bemerkt? Nichts gehört? Und keine Ahnung, wie die Drogen an Bord gekommen sind?«

Sandy seufzte und stützte den Kopf in die Hände. Sie wollte Cuffy ja gerne helfen. Immerhin hatte er sie aus dieser schaukelnden Nussschale gerettet. Ohne ihn wäre sie tot. Der Gedanke ließ sie schaudern. Sie wäre fast gestorben. Er hatte ihr das Leben gerettet. Hatte sie sich eigentlich schon bedankt?

Plötzlich krachte Cuffys flache Hand vor ihr auf den Tisch. Sandy zuckte zusammen.

»Hören Sie mir überhaupt zu? Sie verstehen den Ernst der Lage wohl nicht. Sie wurden mit dreißig Kilogramm Kokain erwischt. Das bedeutet locker zwanzig Jahre Knast.«

Gefängnis? Sandy schüttelte den Kopf. »Aber ich habe nichts …«

»Haben Sie diesen Mann schon mal gesehen?« Cuffy knallte das Foto eines bulligen Schwarzen mit Schnauzbart auf den Tisch.

Sandys Atem flatterte. Sie spürte, wie ihr Unterkiefer zitterte. Der Mann auf dem Foto sah aus wie ein Walross. Woher sollte sie ihn kennen? Warum schrie dieser Polizist sie an?

»Nein«, presste sie trotzig hervor. »Wenn Sie mir etwas vorwerfen, möchte ich einen Anwalt. Ich will mit der deutschen Botschaft sprechen und Amnesty International und …«

Er schnitt ihr das Wort ab: »Das ist César. Wir nennen ihn auch den Kolumbianer.«

Sieht gar nicht aus wie ein Südamerikaner, dachte Sandy verwirrt. Weitere Fotos landeten vor ihr auf dem Tisch. Die zeigten finstere Latinos mit dunklen Sonnenbrillen, und häufig das Walross mittendrin.

»War es sein Kokain?«, fragte Cuffy knapp. Sein drohender Unterton stellte Sandy die Nackenhaare auf. »Es wird ihn nicht freuen, dass Sie es ins Meer gespült haben.«

»Ich habe doch nur …« Die Worte stolperten ziellos von ihrer ausgedörrten Zunge.

»Sie haben doch nur?«, echote Cuffy und legte ein weiteres Foto vor sie hin. Es zeigte einen weißen Mann Mitte dreißig mit rotblonden Haaren.

»Das ist er! Das ist der Mann von der Fähre. Er kann bestätigen, dass ich da war«, rief Sandy aufgeregt. Cuffy sah sie unergründlich an.

»Steve Rice. Ja.«

Sandy schluckte. Es war bestimmt kein gutes Zeichen, dass dieser Polizist ein Foto des Rotschopfs hatte.

Ohne Kommentar legte er ihr ein weiteres Foto vor. Ein Weißer mit dunklen, verwuschelten Haaren lächelte geschäftsmäßig in die Kamera. Irritiert sah Sandy den Polizisten an. Cuffy stand über den Tisch gebeugt und fixierte sie regungslos.

»Den kenn ich nicht. Und ich hab nichts gemacht«, beharrte sie.

»Monroe. David Monroe.« Cuffy tippte auf das Foto. Sein Blick bohrte sich durch ihre Haut.

Sandy schrumpfte zusammen. Sie hielt das nicht mehr länger aus. Das war Psychoterror.

Plötzlich flog die Tür auf. Ein glatzköpfiger Mann in Khakis und braungemustertem Hemd kam herein. Eine Reihe großer weißer Zähne blitzte in seinem tiefschwarzen Gesicht auf. »Oh. Hoffe, ich störe nicht.«

Cuffy verharrte einen Moment drohend über ihr, dann verschwand seine aggressive Anspannung schlagartig, und er schob die Fotos zusammen.

»Nein, Germaine. Ich war sowieso fertig.«

Sandy löste ihre verkrampften Finger von der Tischkante. Wann hatte sie sich daran festgekrallt? Sie wusste es nicht. Besorgt beobachtete sie, wie der zweite Polizist Cuffy einen Zettel gab. Ein Geständnis, das sie unterschreiben musste?

Cuffy überflog das Blatt, und Sandy hielt den Atem an, als er sie wieder ansah.

»Heute ist Ihr Glückstag«, verkündete er und wedelte mit dem Papier. Sandy erkannte, dass es eine Kopie ihres Reisepasses war.

»Die Crew der Fähre hat eine Handtasche auf dem Unterdeck gefunden«, erklärte Germaine.

»Sie können gehen.« Cuffy lächelte schmallippig und nahm seine Unterlagen.

»Aber der Kolumbianer! Diese Drogenleute …« Sandy sprang auf und griff nach seinem Arm. »Die sind doch sauer auf mich.«

Er drehte sich verwundert um. Dann lachte er. »Nein. Wir wissen nicht mal, ob das Césars Drogen waren. Und selbst wenn: Das Kokain wäre mit oder ohne Sie für ihn verloren gewesen. Also keine Sorge. Außerdem«, er ließ seinen abschätzenden Blick über sie gleiten. »Wenn Sie nur zufällig auf der Bèl jou waren, woher sollte der Besitzer der Drogen dann von Ihnen wissen?« Er verabschiedete sich mit einem Nicken und ging zur Tür.

Er hatte sie nur verarscht? Sandy starrte ihm fassungslos hinterher. Die ganze Sache, dass der Drogenboss wütend auf sie wäre, war reine Schikane gewesen. Und sie hatte sich schon ausgemalt, dass dieses Walross ihr den Kopf abriss und ihre Leiche auf einer Müllhalde ablud. Grimmig wandte Sandy sich ab und entledigte sich der Wolldecke. Auf ein Dankeschön für seine Rettung brauchte dieser Polizist jedenfalls nicht mehr zu hoffen.

»Nur noch ein bisschen Papierkram, dann sind Sie hier raus und können Ihren Urlaub genießen. Wandern Sie? Sie müssen unbedingt zu den Sari–Sari-Wasserfällen. Mitten im Regenwald. Ich hoffe, das sind nicht Ihre Wanderschuhe?« Germaine lachte amüsiert und deutete auf Sandys schmutzige Füße in den viel zu großen Flipflops. Augenrollend folgte sie dem Spaßvogel durch bunkerartige Betongänge. Mittlerweile war es fast Mitternacht, und die Flure lagen verlassen da. Er brachte sie in eines der wenigen Büros, in denen noch Licht brannte.

»Hey, Marla. Heute Nachtschicht?« Germaine lehnte sich über den abgewetzten Schreibtisch und zwinkerte der Frau dahinter zu. Sie war klein und kompakt, mit drallen Rundungen, die notdürftig von einer knallroten, weißgepunkteten Bluse zusammengehalten wurden.

»Kannst du ihre Entlassungspa…«, weiter kam Germaine nicht. Marlas Augen ploppten fast aus ihrem Kopf, als sie Sandy sah.

»Was hast du mit ihr gemacht?«, fuhr sie ihn böse an. Wie eine Posaune, die zum Angriff blies, tönte ihre Stimme durch den Raum. Das gewaltige Organ machte die geringe Körpergröße mehr als wett.

»Ich hab nichts damit zu tun. Sie gehört zu Cuffys Fall«, verteidigte sich Germaine schnell und schob ihr Sandys Akte rüber. Er lächelte Sandy zum Abschied zu und machte sich aus dem Staub, bevor die kleine Frau ihn einen Kopf kürzer machte.

»Jesus, Maria und Josef. Diese Jungs haben alle kein Benehmen«, rief Marla ihm hinterher. Sie zupfte Kleenex aus einer Box und reichte sie Sandy. »Alles okay?«, fragte sie besorgt und griff sich die Akte.

Sandy sah verwirrt auf die Papiertücher. Sie hatte das grässliche Gefühl, auf der Bühne zu stehen und ihren Text nicht zu kennen.

Da kreischte Marla plötzlich fröhlich auf: »Du bist die, die sich von der Fähre gestürzt hat. Kein Wunder, dass du so furchtbar aussiehst.«

»Das hat schon die Runde gemacht, ja?« Sandy strich schuldbewusst ihre wirren blonden Haare glatt.

»Lass die Haare, die lenken ein bisschen vom Rest ab«, sagte Marla und bedeutete Sandy, sich die Augen zu wischen. »Kein wasserfester Mascara, hm?«

Oh nein! Hatte sie Sergeant Cuffy die ganze Zeit im Waschbär-Look gegenübergesessen?

Die kleine Frau schien ihre Gedanken zu lesen. »Keine Sorge«, beschwichtigte sie. »Cuffy ist das sicher gar nicht aufgefallen. Er ist ein Schnittchen, was?« Sie zwinkerte Sandy zu.

»Er ist ein Idiot«, verkündete Sandy und dachte wieder an das Walross und ihren abgetrennten Kopf auf einer Müllhalde. Dass dieser César sauer auf sie war, hätte Cuffy ihr nicht vormachen dürfen.

»Er hat dich wohl ganz schön in die Mangel genommen?« Marlas Augen weiteten sich, und sie lehnte sich verschwörerisch vor. »Ich hab gehört, er war früher beim US-Militär. Einsatz im amerikanischen Drogenkrieg und so.«

»Er hat mich für eine Drogenschmugglerin gehalten.« Militär hin oder her, offensichtlich war er eine ziemliche Pfeife in seinem Job.

»Ein Jammer, dass du ihn so kennenlernen musstest. Glaub mir, Schätzchen, er hat eigentlich ein Herz aus Marzipan. Obwohl … Nikisha Trenton aus der Buchhaltung hatte mal was mit ihm, und sie würde ihm auch am liebsten den Kopf abreißen.«

»Er ist so ein Widerling«, brach es aus Sandy raus. Ihre Anspannung musste einfach irgendwohin.

»Männer sind Arschlöcher«, stimmte Marla spontan zu. »Von Polizisten sollte man sich sowieso fernhalten.«

Frustriert über diesen ganzen schrecklichen Tag schlug Sandy mit der Faust auf den Tisch. »Genau.«

Die kleine Frau lachte dreckig und laut. »Geht’s wieder? Du hast da noch ein bisschen Wimperntusche.« Sie zeigte auf Sandys rechte Schläfe. »Ich bin übrigens Marla Harris.«

»Sandy Kuczinski.« Sie rubbelte müde an ihrer Schläfe. Auch wenn sie wie das Monster aus dem Sumpf aussah, ging es ihr etwas besser. »Danke. Du bist der erste wirklich nette Mensch heute.«

»Du hattest nur einen schlechten Start. Dominica ist die Insel der netten Menschen.« Sie reichte Sandy einen Zettel. »Jetzt unterschreibst du hier und hier, dann kannst du gehen. Soll ich dir ein Taxi rufen?«

»Ja. Und ein anständiges Hotel brauch ich gleich noch dazu.« Sandy konnte es nicht erwarten, endlich in ein bequemes Bett zu fallen und sich die Decke über den Kopf zu ziehen. Und diese elenden Flipflops loszuwerden. Bestimmt hatte sie schon Blasen zwischen den Zehen. »Wo sind eigentlich meine Sachen?« Sie sah sich suchend um.

»Welche Sachen?«

»Na, mein Koffer. Meine Handtasche.«

»Keine Ahnung.«

»Wie soll ich dann ein Hotelzimmer bezahlen? Ich habe nichts bei mir.« Panik stieg in Sandy auf. Sie würde die Nacht frierend und allein durch die fremden Straßen wandern müssen. Zerlumpt und zerzaust wie eine Verrückte. Noch vor Sonnenaufgang hätte das Irrenhaus sie einkassiert.

»Diese Idioten haben nicht mal deine Sachen herbringen lassen? Haben die denn nur Grütze …« Marla brach ab und presste die rotgeschminkten Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Ihr Blick wanderte an Sandy vorbei.

Sandy drehte sich um und erstarrte. James Cuffy kam ins Büro, in Jeans und Lederjacke, bereit, neue Bösewichter zu jagen. Er legte ein paar Zettel in eine Ablage. Hastig wandte sie sich wieder Marla zu.

»Sergeant Cuffy«, bellte die durch den Raum und zeigte auf Sandy. »Wo sind ihre Sachen?«

Sandy spürte seinen Blick im Rücken und wollte im Boden versinken.

»Beim Zoll«, hörte sie ihn antworten, ohne dass er seine Schritte Richtung Tür verlangsamte.

»Und was soll das arme Ding heute Nacht ohne ihre Sachen und ihr Geld machen?«, schrie Marla ihm hinterher. »Soll sie auf ´ner Parkbank schlafen?«

Sandy sah aus den Augenwinkeln, wie Cuffy stehen blieb.

»Es ist mitten in der Nacht. Im Fährterminal ist niemand mehr.« Er hob entschuldigend die Hände und wandte sich an Sandy. »Morgen können Sie da Ihre Sachen abholen und die Einreiseformalitäten klären. Wenn Sie bis dahin keine Bleibe haben, findet Marla sicherlich ein leeres Büro für Sie.« Er räusperte sich verlegen und wandte sich zum Gehen.

»Was?« Marla sprang auf, und ihr beachtlicher Busen wogte im Takt ihrer Empörung. »Halt, stopp, James Cuffy. Wehe, du setzt auch nur einen Fuß vor diese Tür.«

»Problem gelöst«, wehrte Sandy bemüht fröhlich ab, aber sie sah, wie Cuffy am Ausgang verharrte.

»Willst du auf einem Stuhl schlafen? Kommt nicht in Frage. Ich rufe Edgar an, der soll den Zoll aufmachen. Und du«, sie streckte ihren Zeigefinger drohend in Cuffys Richtung. »Du wirst das Mädchen hinfahren, ihre Sachen abholen und sie dann zu einem Hotel bringen.«

»Nein.« Sandy wollte weder, dass Marla irgendwen aus dem Bett klingelte, noch, dass James Cuffy sie irgendwohin fuhr. Von diesem Polizisten hatte sie wirklich die Nase voll. Doch Marla hatte das Telefon schon am Ohr.

»Ich schlafe gern auf Stühlen«, versicherte Sandy und versuchte, ihr den Hörer aus der Hand zu winden. Marla wehrte Sandy ab wie eine lästige Fliege.

»Edgar«, fluchte sie in die Leitung. »Schieb deinen Hintern aus dem Bett und fahr zum Fährterminal. Wir haben einen Notfall.«

Cuffy seufzte schicksalsergeben.

»Kommen Sie.« Er hielt Sandy die Tür auf. »Wenn Marla schon alle Leute verrückt macht, können wir Ihre Sachen genauso gut auch abholen.«

Eine Lawine aus Müdigkeit und Widerwillen begrub Sandy unter sich. Schlimmer konnte diese Nacht nicht mehr werden.

Kapitel 4

Für einen harten Armee-Spezialausbildungs-Superidioten fuhr Cuffy definitiv nicht das richtige Auto. Sandy hatte einen bulligen Pick-up erwartet. Oder dass er, wie Magnum, mit einem Ferrari über die Insel bretterte. Stattdessen fand sie sich auf dem Beifahrersitz eines verbeulten roten Jeeps wieder. Tiefe, bequeme Kuhlen hatten sich über die Jahre in die Polster gedrückt, und es roch irgendwie nach Wald. Regen klatschte gegen die Scheiben und auf das Plastikverdeck, während sie durch die dunklen Straßen fuhren. Doch drin war es trocken und warm. Hätte Sandy nicht ständig Cuffys Seitenblicke gespürt, wäre sie wohl auf der Stelle eingeschlafen.

»Sie suchen also nach Ihrer Oma, ja?«, fragte er in die Stille. Sandy warf ihm einen säuerlichen Blick zu. Smalltalk konnte dieser Kerl sich abschminken.

»Wird das wieder ein Verhör?«, fragte sie bissig.

Cuffy stöhnte gequält auf. »Nein, ich glaube, das nennt man Konversation. Kommen Sie mal wieder runter. Ich hab nur meinen Job gemacht.«