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Buch

Als kleines Mädchen verbrachte die Pianistin Julia Forrester jede freie Minute im Gewächshaus von Wharton Park, wo ihr Großvater die schönsten und exotischsten Orchideen züchtete. Als sie viele Jahre später eine schreckliche Familientragödie ereilt, führt das Schicksal sie wieder nach Wharton Park zurück. Inzwischen gehört das baufällige gewordene Anwesen Kit Crawford, den Julia bereits aus ihrer Kindheit kennt. Kit überreicht ihr ein altes Tagebuch, das bei den Renovierungsarbeiten gefunden wurde und womöglich Julias Großvater gehörte. Julia erzählt ihrer Großmutter Elsie von dem Fund, worauf die alte Dame erschüttert reagiert. Denn Elsie weiß, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, ihr jahrelanges Schweigen zu brechen. Sie weiht ihre Enkelin in das wohlgehütete Geheimnis ein, das seit Generationen auf ihrer Familie lastet. Eine tragische Liebesgeschichte aus den 1930er Jahren kommt ans Licht und Julia erkennt, wie auf schicksalhafte Weise ihre eigene Zukunft mit der Vergangenheit verknüpft ist.

Weitere Informationen zu Lucinda Riley sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Lucinda Riley

Das
Orchideenhaus

Roman

Aus dem Englischen
von Sonja Hauser

Die Originalausgabe erschien 2010
unter dem Titel »Hothouse Flower«

bei Penguin Books Ltd., London.


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43. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2010

by Lucinda Riley

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Irmgard Perkounigg

An · Herstellung: Str.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagillustrationen und -fotos: plainpicture / Arcangel; laif /Gunnar Knechtel;
istockphoto, Network! Werbeagentur

ISBN 978-3-641-06805-9
V004

www.goldmann-verlag.de

Siam, vor vielen Monden

In Siam sagt man, wenn ein Mann sich leidenschaftlich und unwiderruflich in eine Frau verliebe, sei er in der Lage, sie für sich zu gewinnen und sie dazu zu bringen, dass er ihr wichtiger sei als alle anderen Männer.

Es war einmal ein Prinz von Siam, der sich so in eine Frau seltener Schönheit verliebte. Er warb um sie und errang sie, doch wenige Nächte vor der Hochzeit, anlässlich derer landesweite Feiern stattfinden sollten, wurde der Prinz unsicher.

Er wusste, dass er ihr seine Liebe mit einer eindrucksvollen und heroischen Tat beweisen musste, um sie für alle Zeiten an sich zu binden. Dass er etwas finden musste, das genauso selten und schön war wie sie.

Nach langem Nachdenken rief er seine drei treuesten Diener zu sich und erklärte ihnen, was sie tun sollten.

»Ich habe von der Schwarzen Orchidee gehört, die in meinem Reich wächst, hoch oben in den Bergen des Nordens. Die sollt ihr für mich aufspüren und mir in den Palast bringen, damit ich sie meiner Prinzessin an unserem Hochzeitstag schenken kann. Den, der sie findet, mache ich zum reichen Mann. Die beiden, denen es nicht gelingt, werden meine Hochzeit nicht erleben.«

Die Herzen der drei Männer, die sich vor ihrem Prinzen verneigten, waren voller Angst, denn sie wussten, dass sie dem Tod ins Auge blickten. Die Schwarze Orchidee war eine sagenumwobene Blume. Wie die juwelengeschmückten goldenen Drachen an den Bugen der königlichen Barkassen, in denen der Prinz zum Tempel gleiten würde, um mit der Prinzessin den Bund fürs Leben zu schließen, gehörte sie ins Reich der Legenden.

An jenem Abend kehrten alle drei Männer zu ihren Familien zurück, um Abschied zu nehmen. Einer von ihnen, der in den Armen seiner weinenden Frau lag, war schlauer als die anderen.

Bis zum Morgen dachte er sich einen Plan aus und machte sich auf den Weg zu den schwimmenden Märkten, wo man Gewürze, Seide und Blumen erwerben konnte.

Dort erstand er eine prächtige, tiefrot-rosafarbene Orchidee mit dunklen, samtigen Blütenblättern. Mit ihr fuhr er durch die schmalen klongs von Bangkok, bis er einen Schreiber fand, der inmitten seiner Schriftrollen in einem dunklen, feuchten Arbeitsraum hinter seinem Laden saß.

Der Diener kannte den Schreiber, der einmal im Palast gearbeitet hatte, jedoch seiner mangelhaften Schrift wegen für unwürdig befunden worden war.

»Sawadee Krup, Schreiber«, begrüßte der Diener ihn und legte die Orchidee auf seinen Tisch. »Ich hätte eine Aufgabe für dich. Wenn du mir hilfst, kann ich dir Reichtümer bieten, von denen du bisher nur geträumt hast.«

Der Schreiber, der sich, seit er nicht mehr im Palast arbeitete, seinen Lebensunterhalt nur mit Mühe verdiente, sah den Diener an. »Was kann ich für dich tun?«

Der Diener zeigte auf die Blume. »Ich möchte dich bitten, dein Geschick mit Tinte an dieser Orchidee zu beweisen und ihre Blütenblätter schwarz anzumalen.«

Der Schreiber bedachte den Diener mit einem Stirnrunzeln, bevor er die Pflanze musterte. »Ja, das ist möglich, aber wenn sie neue Blüten treibt, sind diese nicht schwarz, und der Schwindel fliegt auf.«

»Wenn sie neue Blüten treibt, sind wir beide viele Meilen weit weg und leben wie der Prinz, dem ich diene«, erwiderte der Diener.

Der Schreiber nickte und dachte über die Bitte des Dieners nach. »Komm bei Einbruch der Nacht wieder, um deine Schwarze Orchidee zu holen.«

Der Diener kehrte nach Hause zurück, wo er seiner Frau sagte, sie solle ihre wenigen Habseligkeiten packen, und ihr versprach, dass sie sich bald schon alles leisten könne, was ihr Herz begehre. Außerdem werde er ihr einen wunderschönen Palast an einem Ort weit, weit weg errichten.

Als er am Abend zum Schreiber zurückkehrte, seufzte er beim Anblick der Schwarzen Orchidee auf dessen Tisch vor Freude auf.

Er betrachtete ihre Blütenblätter genau und erkannte, dass der Schreiber hervorragende Arbeit geleistet hatte.

»Die Tinte ist trocken und wird nicht an den Fingern Neugieriger haften bleiben«, erklärte der Schreiber. »Das habe ich ausprobiert. Versuch es ruhig selber.«

Der Diener versuchte es, und tatsächlich: Seine Finger wiesen keine Tintenflecken auf.

»Aber ich kann nicht beurteilen, wie lange die Farbe halten wird. Die Feuchtigkeit, die die Pflanze selbst erzeugt, wird die Tinte befeuchten. Und natürlich darf sie nicht in den Regen kommen.«

»Das genügt völlig«, sagte der Diener und nahm die Pflanze an sich. »Ich gehe jetzt zum Palast. Komm um Mitternacht hinunter zum Fluss. Dort wirst du deinen Lohn erhalten.«

Am Abend seines Hochzeitstages und der großen landesweiten Feier betrat der Prinz seine privaten Gemächer.

Die Prinzessin blickte von der Terrasse hinunter auf den Chao-Phraya-Fluss, der noch immer von dem Feuerwerk zur Feier ihrer Hochzeit erglühte. Der Prinz gesellte sich zu ihr.

»Liebste, ich habe etwas für dich, etwas, das deine einzigartige Schönheit und Vollkommenheit symbolisiert.«

Er reichte ihr die Schwarze Orchidee in einem juwelengeschmückten Topf aus reinem Gold.

Die Prinzessin betrachtete die Pflanze, deren nachtschwarze Blütenblätter mit der schweren Farbe zu ringen schienen. Sie wirkte müde und welk … und unnatürlich düster.

Doch die Prinzessin wusste, welchen Schatz sie in Händen hielt und was der Prinz für sie getan hatte.

»Mein Prinz, sie ist wunderschön! Wo hast du sie entdeckt?«

»Ich habe im ganzen Königreich danach suchen lassen. Und ich bin mir sicher, dass es keine zweite ihrer Art gibt, genauso wenig, wie es eine Zweite wie dich gibt.« Er sah sie voller Liebe an.

Sie streichelte sanft sein Gesicht, um ihm ihre ewige Liebe zu zeigen.

»Ich danke dir von Herzen.«

Er ergriff ihre Hand und begann ihre Finger zu küssen. Schon bald wollte er sie ganz besitzen. Es war ihre Hochzeitsnacht, und er hatte lange gewartet. Der Prinz nahm die Orchidee, stellte sie auf die Terrasse, schlang die Arme um die Prinzessin und küsste sie leidenschaftlich.

»Komm mit hinein, meine Prinzessin«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Sie ließ die Schwarze Orchidee auf der Terrasse und folgte ihm ins Schlafgemach.

Kurz vor Tagesanbruch erhob die Prinzessin sich von ihrem Nachtlager und ging hinaus, um den ersten Morgen ihres neuen gemeinsamen Lebens zu begrüßen.

Die Pfützen verrieten ihr, dass es in der Nacht geregnet hatte. Obwohl der neue Tag bereits heraufdämmerte, verbarg die Sonne sich noch zum Teil hinter den Bäumen auf der anderen Seite des Flusses.

Auf der Terrasse stand eine tiefrot-rosafarbene Orchidee in dem Topf aus reinem Gold, den der Prinz ihr überreicht hatte.

Die Prinzessin ließ lächelnd die Finger über ihre Blütenblätter gleiten, die, vom Regen gereinigt, so gesund wirkten und viel, viel schöner als am Abend zuvor. Die Pfütze rund um den Topf war leicht grau gefärbt.

Da begriff sie und hob die Pflanze hoch, um ihren himmlischen Geruch einzuatmen. Sie überlegte, was zu tun sei: War es besser, mit der Wahrheit zu verletzen oder mit einer Lüge zu schützen?

Wenige Minuten später schlenderte sie ins Schlafgemach zurück und schmiegte sich wieder in die Arme des Prinzen.

»Mein Prinz«, flüsterte sie, als er erwachte, »meine Schwarze Orchidee ist heute Nacht gestohlen worden.«

Der Prinz richtete sich entsetzt auf, um die Wachen zu rufen. Doch sie beruhigte ihn mit einem Lächeln.

»Nein, Liebster, sie wurde uns nur für eine Nacht geschenkt, für die Nacht, in der unsere Liebe erblühte und wir eins und Teil der Natur wurden. Wir durften nicht erwarten, dass wir etwas so Magisches für uns behalten könnten … Außerdem wird sie ohnehin irgendwann welken und sterben. Und das könnte ich nicht ertragen.« Sie nahm seine Hand und küsste sie. »Lass uns an ihre Macht glauben und daran, dass ihre Schönheit uns in der ersten Nacht unseres gemeinsamen Lebens gesegnet hat.«

Der Prinz dachte eine Weile nach. Und weil er die Prinzessin aus ganzem Herzen liebte und sich so sehr darüber freute, dass sie nun die Seine war, rief er die Wachen nicht.

Ihrer harmonischen Verbindung entsprang ein Kind, das in jener Nacht gezeugt wurde und auf das noch viele weitere folgten. Der Prinz glaubte den Rest seines Lebens, dass die sagenumwobene Schwarze Orchidee sie an ihrer Magie hatte teilhaben lassen.

Am Morgen nach der Prinzenhochzeit saß ein armer Fischer am Ufer des Chao Phraya, wenige hundert Meter flussaufwärts vom königlichen Palast. Da er in den vergangenen beiden Stunden nichts gefangen hatte, überlegte er, ob die Fische durch das Feuerwerk in der Nacht auf den Grund vertrieben worden waren. Er hatte nichts, was er verkaufen konnte, und seine große Familie würde hungern müssen.

Als die Sonne über die Bäume auf der anderen Seite des Flusses kletterte und sein Wasser erstrahlen ließ, entdeckte der Fischer etwas Glänzendes zwischen den grünen Schlingpflanzen. Er legte seine Rute beiseite und watete ins Wasser, um es zu holen.

Was für ein Anblick bot sich ihm, als er die Pflanzen entfernt hatte!

Der Topf bestand aus reinem Gold und war verziert mit Diamanten, Smaragden und Rubinen.

Der Fischer, der in der Aufregung die Rute vergaß, verstaute den Topf in seinem Korb und machte sich auf den Weg zum Edelsteinmarkt in der Stadt. Er wusste, dass seine Familie nie wieder hungern müsste.

Teil eins

Norfolk, England

Winter

1

Ich habe jede Nacht denselben Traum. Darin kommt es mir vor, als würde mein Leben in die Luft geworfen und regnete in kleinen Stücken wieder herab – verdreht und von innen nach außen gestülpt. Alles Teile meines Lebens und doch in der falschen Reihenfolge.

Es heißt, Träume seien wichtig und verrieten einem Dinge, die man vor sich selbst verheimliche.

Ich verheimliche mir nichts; ich wünschte, ich könnte es.

Ich lege mich schlafen, um zu vergessen und Ruhe zu finden, weil ich den ganzen Tag damit verbringe, mich zu erinnern.

Ich bin nicht verrückt, auch wenn ich in letzter Zeit viel darüber nachgedacht habe, was »verrückt« bedeutet. Abermillionen Menschen, jeder anders, mit seinem eigenen DNS-Profil, seinen eigenen Gedanken und seiner eigenen Wahrnehmung der Welt.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir Menschen letztlich nur das Körperliche teilen können, mit dem wir geboren wurden. Jeder reagiert anders auf Kummer, und keine dieser Reaktionen ist falsch. Manche Menschen weinen monate-, ja jahrelang; sie tragen Schwarz und trauern. Andere scheint ihr Verlust nicht zu berühren. Sie begraben ihn und leben weiter wie bisher, als wäre nichts geschehen.

Ich weiß nicht so genau, wie meine Reaktion aussieht. Ich habe seit Monaten nicht mehr geweint. Letztlich habe ich kaum geweint.

Aber ich habe es auch nicht vergessen. Das werde ich nie.

Unten höre ich jemanden. Ich muss aufstehen und so tun, als wäre ich bereit, dem Tag ins Auge zu blicken.

Alicia Howard lenkte ihren Landrover an die Bordsteinkante, schaltete den Motor aus und lief den kleinen Hügel zum Cottage hinauf, dessen Tür, das wusste sie, niemals verschlossen war. Sie öffnete sie und ging hinein.

Sie betrat zitternd das dunkle Wohnzimmer und zog die Vorhänge am Fenster zurück. Dann schüttelte sie die Kissen auf dem Sofa auf und brachte die drei leeren Kaffeetassen, die herumstanden, in die Küche.

Dort machte sie den Kühlschrank auf, in dem eine einzelne, halb leere Flasche Milch stand. Außerdem entdeckte sie einen abgelaufenen Joghurt, ein wenig Butter sowie eine verschrumpelte Tomate. Alicia schloss die Kühlschranktür und warf einen Blick in den Brotkasten. Wie vermutet leer. Alicia setzte sich seufzend an den Tisch.

Sie dachte an ihre eigene warme, gut ausgestattete Küche, den heimeligen Duft des Abendessens im Aga-Herd, den Klang von Kinderschritten und das fröhliche Lachen der Kleinen – das Herz ihres Zuhauses und ihres Lebens.

Wie anders dieser düstere kleine Raum war, entging ihr nicht. Letztlich illustrierte er sehr deutlich das gegenwärtige Dasein ihrer jüngeren Schwester: Julias Leben und Herz waren gebrochen.

Da hörte Alicia Schritte auf der knarrenden Holztreppe. Als ihre Schwester die Küchentür erreichte, war Alicia wie immer beeindruckt von ihrer Schönheit. Mit ihren blonden Haaren und der hellen Haut hätte Alicia sich nicht stärker von der dunklen, exotischen Julia unterscheiden können. Julias fein geschnittenes Gesicht wurde eingerahmt von einer dichten Mähne mahagonifarbenen Haares, und ihre mandelförmigen, bernsteinfarbenen Augen und hohen Wangenknochen traten jetzt, da sie ein paar Kilo abgenommen hatte, noch deutlicher hervor.

Julia trug, weil sie momentan nur wenige Sachen ihr Eigen nannte, nicht die richtige Kleidung für das Januarwetter: ein rotes, bunt besticktes Kaftanoberteil und eine weite schwarze Baumwollhose, die ihre dünnen Beine kaschierte. Alicia bemerkte die Gänsehaut an den nackten Armen Julias. Sie stand vom Tisch auf und nahm ihre widerstrebende Schwester in den Arm.

»Schwesterherz«, sagte sie, »dir ist kalt. Möchtest du dir selbst wärmere Kleidung kaufen, oder soll ich dir ein paar von meinen Pullovern vorbeibringen?«

»Ich brauche nichts«, antwortete Julia und löste sich aus der Umarmung ihrer Schwester. »Kaffee?«

»Es ist nicht viel Milch da; ich hab gerade in den Kühlschrank geschaut.«

»Kein Problem. Ich trink ihn sowieso schwarz.« Julia ging zur Spüle, füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein.

»Wie geht’s dir?«, erkundigte sich Alicia.

»Gut.« Julia holte zwei große Kaffeetassen aus dem Regal.

Alicia verzog das Gesicht. »Gut« war Julias Standardantwort, mit der sie neugierige Fragen abblockte.

»Hast du diese Woche mit irgendjemandem gesprochen?«

»Nein.«

»Willst du wirklich nicht wieder eine Weile zu uns kommen? Mir gefällt der Gedanke, dass du ganz allein hier bist, nicht.«

»Danke fürs Angebot, aber ich komme zurecht.«

»Julia, du siehst nicht gut aus. Du hast weiter abgenommen. Isst du überhaupt noch was?«

»Klar. Willst du nun Kaffee oder nicht?«

»Nein danke.«

»Okay.« Julia stellte die Milchflasche mit Schwung zurück in den Kühlschrank. Als sie sich umdrehte, funkelten ihre bernsteinfarbenen Augen zornig. »Ich weiß, dass du das alles nur tust, weil du dir Sorgen um mich machst. Aber ich bin keins von deinen Kindern, Alicia, und brauche keinen Babysitter. Ich bin gern allein.«

»Egal«, sagte Alicia in fröhlichem Tonfall, jedoch auch ein wenig ungeduldig, »hol mal lieber deine Jacke. Wir gehen raus.«

»Ich hab heut schon was vor.«

»Dann sag ab. Ich brauche deine Hilfe.«

»Wobei?«

»Dad hat nächste Woche Geburtstag, falls du das vergessen haben solltest. Ich würde ihm gern ein Geschenk kaufen.«

»Und dazu brauchst du meine Hilfe, Alicia?«

»Es ist sein fünfundsechzigster. Er geht in Rente.«

»Das weiß ich. Er ist schließlich auch mein Vater.«

Alicia hatte Mühe, Fassung zu bewahren. »Heute Mittag findet in Wharton Park eine Haushaltsauflösung statt. Ich dachte mir, wir könnten hingehen und sehen, ob wir gemeinsam etwas für Dad finden.«

In Julias Augen flackerte Interesse auf. »Wharton Park wird verkauft?«

»Ja, wusstest du das nicht?«

Julia ließ die Schultern hängen. »Nein. Warum?«

»Vermutlich die alte Geschichte: Schulden. Angeblich verkauft der gegenwärtige Eigentümer das Anwesen einem Typ aus der City, der gar nicht weiß wohin mit seinem Geld. Keine moderne Familie kann sich ein solches Haus leisten. Der letzte Lord Wharton hat es leider schrecklich herunterkommen lassen. Für die Renovierung ist ein Vermögen nötig.«

»Wie traurig«, murmelte Julia.

»Ja«, pflichtete Alicia ihr bei, die sich über Julias Interesse freute. »Es war ein wichtiger Teil unserer Kindheit, besonders deiner. Deswegen finde ich, wir sollten uns ein Erinnerungsstück für Dad sichern. Wahrscheinlich bieten sie sowieso nur Krempel an, und die guten Sachen landen bei Sotheby’s, aber wer weiß …«

Zu Alicias Überraschung nickte Julia. »Gut, ich hole meine Jacke.«

Fünf Minuten später lenkte Alicia den Wagen die schmale Highstreet des hübschen Küstenortes Blakeney entlang und dann nach links, um die fünfzehnminütige Fahrt nach Wharton Park zu beginnen.

»Wharton Park«, murmelte Julia.

Die Besuche in Großvater Bills Treibhaus gehörten zu ihren lebhaftesten Kindheitserinnerungen: der überwältigende Duft der exotischen Gewächse, die er darin züchtete, und die Geduld, mit der er erklärte, welcher Gattung sie angehörten und woher sie stammten. Sein Vater wie auch dessen Vater hatten als Gärtner für die Crawford-Familie gearbeitet, die Eigentümer von Wharton Park, einem weitläufigen Anwesen, bestehend aus vierhundert Hektar fruchtbaren Farmlandes.

Julias Großeltern hatten in einem heimeligen Cottage in einem hübschen Winkel von Wharton Park gewohnt, umgeben von all den anderen Bediensteten, die sich um den Grund, das Haus und die Crawford-Familie selbst kümmerten. Julias und Alicias Mutter Jasmine war in dem Cottage zur Welt gekommen und aufgewachsen.

Ihre Großmutter Elsie war genau so gewesen, wie man sich die perfekte Oma vorstellt, wenn auch ein wenig exzentrisch. Bei ihr hatten sie immer Trost gefunden und etwas Köstliches zu essen bekommen.

Wenn Julia an ihre Zeit in Wharton Park zurückdachte, fielen ihr der blaue Himmel und die bunten Farben der Blumen ein, die in der Sommersonne blühten. Wharton war einmal berühmt gewesen für seine Orchideenzucht. Seltsam, dass diese kleinen, empfindlichen Pflanzen, die eigentlich aus tropischen Gefilden stammten, im kühlen nördlichen Norfolk gediehen.

Als Kind hatte Julia sich das ganze Jahr über auf die Sommerferien in Wharton Park mit der Ruhe und Wärme der Gewächshäuser in einer Ecke des Küchengartens gefreut, wo sie vor den heftigen Nordseewinden geschützt waren. Für sie stellten sie wie das großelterliche Cottage einen Ort des Friedens dar. In Wharton änderte sich nie etwas. Hier gaben nicht Wecker und Stundenpläne den Takt an, sondern die Natur.

Sie erinnerte sich gut an die klassische Musik, die von morgens bis abends aus dem alten Bakelitradio ihres Großvaters erklang.

»Blumen lieben Musik«, sagte ihr Großvater Bill, wenn er sich um seine wertvollen Pflanzen kümmerte. Julia saß gern auf einem Hocker in der Ecke beim Radio, sah ihm zu und lauschte der Musik. Damals lernte sie Klavierspielen und entdeckte ihr Talent dafür.

Im kleinen Wohnzimmer des Cottage stand ein Klavier, auf dem sie nach dem Abendessen oft vorspielte. Ihre Großeltern sahen anerkennend und bewundernd zu, wie Julias zarte Finger über die Tasten glitten.

»Das ist eine von Gott gegebene Begabung, Julia«, stellte Großvater Bill eines Abends mit Tränen in den Augen fest. »Versprich mir, dass du sie nicht vergeudest, ja?«

Zu ihrem elften Geburtstag schenkte Großvater Bill ihr eine Orchidee.

»Die habe ich eigens für dich gezüchtet, Julia. Sie heißt Aerides odorata

Julia begutachtete die zarten, elfenbein-rosafarbenen Blütenblätter der Topfpflanze, die sich samten anfühlten unter ihren Fingern.

»Wo kommt die her, Großvater Bill?«, fragte sie.

»Aus Asien, genauer gesagt aus der Gegend von Chiang Mai im nördlichen Thailand.«

»Ach. Und welche Art von Musik, glaubst du, gefällt ihr?«

»Mozart scheint sie besonders zu mögen«, antwortete ihr Großvater schmunzelnd. »Und wenn sie zu welken droht, solltest du es mit Chopin versuchen!«

Julia pflegte im Wohnzimmer ihrer zugigen viktorianischen Wohnung in den Außenbezirken von Norwich sowohl ihre Orchidee als auch ihre musikalische Begabung und spielte der Pflanze fleißig vor, so dass diese immer wieder blühte.

Sie träumte von der exotischen Heimat ihrer Orchidee. Dann war sie plötzlich nicht mehr in ihrem Wohnzimmer in England, sondern in den Weiten fernöstlicher Dschungel, vernahm die Geräusche von Geckos und Vögeln und roch die berauschenden Düfte der Blumen, die auf den Bäumen und im Unterholz wuchsen.

Sie wusste, dass sie eines Tages selbst dorthin reisen würde, um alles mit eigenen Augen zu sehen.

Großvater Bill starb, als sie vierzehn war. Julia erinnerte sich deutlich an das Gefühl des Verlustes – er und die Treibhäuser waren für sie das einzig Sichere in ihrem jungen, bereits schwierigen Leben gewesen. Sie hatte ihn als klugen, freundlichen und aufgeschlossenen Mann empfunden, eher ein Vater, als ihr eigener es jemals war. Mit achtzehn bekam sie ein Stipendium für das Royal College of Music in London. Großmutter Elsie zog zu ihrer Schwester nach Southwold, und fortan besuchte Julia Wharton Park nicht mehr.

Jetzt, mit einunddreißig, lebte sie wieder hier. Während Alicia von ihren vier Kindern erzählte, erlebte Julia, als sie aus dem Rückfenster blickte, um Gate Lodge nicht zu verpassen, das den Eingang von Wharton Park markierte, wie früher im Auto ihrer Eltern die Vorfreude.

»Da kommt die Abzweigung!«, rief Julia aus, als Alicia fast daran vorbeifuhr.

»Mein Gott, stimmt. Mein letzter Besuch ist so lange her, dass ich fast den Weg vergessen hätte.«

Als sie in die Auffahrt einbogen, sah Alicia ihre Schwester an und entdeckte so etwas wie Erwartung in ihrem Blick.

»Du hast diesen Ort immer geliebt, stimmt’s?«

»Ja, du nicht?«

»Ehrlich gesagt, hab ich mich hier meistens gelangweilt. Ich konnte es gar nicht erwarten, wieder in die Stadt, zurück zu meinen Freunden, zu kommen.«

»Du warst eher ein Stadtmensch«, stellte Julia fest.

»Ja. Und was ist aus mir geworden? Mit vierunddreißig wohne ich in einem Farmhaus auf dem platten Land, mit einem Stall voller Kinder, drei Katzen, zwei Hunden und einem Aga-Herd. Wo, zum Teufel, sind die hellen Lichter der Stadt geblieben?« Alicia lächelte selbstironisch.

»Du hast dich verliebt und eine Familie gegründet.«

»Und am Ende hast du die hellen Lichter abbekommen«, sagte Alicia ohne Neid.

»Ja … Da drüben ist das Haus. Es sieht aus wie früher.«

Alicia richtete den Blick auf das Gebäude vor ihnen. »Ich finde, sogar noch besser. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist.«

»Ich nicht«, murmelte Julia.

Sie folgten der Schlange von Fahrzeugen, beide in ihre eigenen Gedanken versunken. Wharton Park war im klassischen Georgian Style für den Neffen des ersten Premierministers von Großbritannien erbaut worden, der allerdings starb, bevor der Bau vollendet war. Das fast völlig aus Aislaby-Stein errichtete Gebäude hatte im Lauf seines mehr als dreihundertjährigen Bestehens eine sanftgelbe Farbe angenommen.

Die sieben Erker und die Doppeltreppe, die zu einer Terrasse mit Blick auf den Park führte, verliehen dem Ensemble französischen Glanz. An jeder Ecke stand ein Kuppelturm, und der riesige Portikus wurde von vier hohen ionischen Säulen getragen. Eine bröckelnde Statue der Britannia, die fröhlich auf der Spitze hockte, gab dem Ganzen ein majestätisches, wenn auch ziemlich exzentrisches Aussehen.

Wharton Park war weder groß noch stilistisch rein genug, als dass man es als herrschaftliches Anwesen hätte bezeichnen können; die von späteren Crawford-Generationen in Auftrag gegebenen seltsamen Anbauten störten den Gesamteindruck. Doch aus genau diesem Grund besaß es nicht die abschreckende Kargheit, die anderen großen Gebäuden dieser Epoche anhaftete.

»Da drüben sind wir immer links gegangen«, bemerkte Julia, die sich an den Weg um den See herum zum Cottage ihrer Großeltern am Rand des Anwesens erinnerte.

»Möchtest du nach der Haushaltsauflösung noch einen Blick auf das alte Cottage werfen?«, fragte Alicia.

Julia zuckte mit den Achseln. »Schauen wir mal.«

Gelb gekleidete Parkwächter wiesen den Autos Plätze zu.

»Es scheint sich herumgesprochen zu haben«, sagte Alicia, als sie den Wagen abstellte. Dann wandte sie sich ihrer Schwester zu und legte ihr eine Hand aufs Knie. »Bereit?«

Julia fühlte sich überwältigt von so vielen Erinnerungen. Als sie aus dem Auto stieg, erkannte sie sogar die Gerüche wieder: nach feuchtem, frisch gemähtem Gras, dazu ein Hauch Jasmin an den Rändern des Rasens vor dem Haus. Sie folgten den Besuchern die Stufen hinauf zum Haupteingang des Gebäudes …