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Titelseite

 

Für Finn, Séan, Grace, Jeremy und Joe

Bedford Square, Bloomsbury, London. 1898

Jahrelang ist Riley bei Meister Garrick in die Lehre gegangen und heute ist der Tag der Abschlussprüfung. Lautlos schleichen die beiden durch das Schlafzimmer des alten Mannes und Riley hebt die Hand mit dem Dolch. Soll er wirklich zustechen? Denn Meister Garrick ist ein Auftragkiller und der Mord ist Rileys Gesellenstück. Doch plötzlich leuchtet orangefarbener Nebel auf und Riley verschwindet mitsamt dem Opfer …

Bedford Square, Bloomsbury, London. Heute

Was soll es anderes sein als eine Strafversetzung? Nachdem ihr erster Auftrag in Los Angeles granatenmäßig schiefgelaufen ist, wurde FBI-Junior-Agentin Chevie Savano nach London geschickt, um im Auftrag von WARP eine merkwürdige alte Metallkapsel zu bewachen. Das war vor neun Monaten. Und seitdem sitzt sie vor dem Ding und wartet darauf, dass irgendjemand oder etwas da rauskommt …

Powergirl

Bedford Square, Bloomsbury, London. Heute

Chevron Savano hatte noch nie viel von der Parabel über den verlorenen Sohn gehalten. Genau genommen hasste sie diese Geschichte, und sie knirschte jedes Mal mit den Zähnen, wenn jemand davon anfing. Im Himmel ist große Freude, wenn ein verlorener Sohn in den Schoß der Familie zurückkehrt.

Ach ja? Tatsächlich? Und was war mit dem Sohn beziehungsweise der Tochter, die im Schoß der Familie geblieben war und die Ferien und Wochenenden durchgearbeitet hatte, um besagte Familie vor Korruption und organisiertem Verbrechen zu beschützen? Was war mit der Tochter, die so ziemlich alles geopfert hatte, um zu verhindern, dass die Familie in Gefahr geriet? Hm? Tja, die Tochter wurde quer um die halbe Welt nach London abgeschoben, um auf ein Zeugenschutzhaus aufzupassen. Nicht gerade ein karrierefördernder Einsatz, so viel war klar.

Spezialagent Lawrence Witmeyer, ihr Chef beim FBI in Los Angeles, hatte ihr versichert, das sei keine inoffizielle Strafe für ihren blamablen Auftritt, den sie vor Kurzem in aller Öffentlichkeit hingelegt hatte.

»Das hier ist ein wichtiger Auftrag, Chevie. Sehr wichtig sogar. Das WARP ist schon seit über dreißig Jahren ein zentraler Teil des FBI.«

»Wofür steht WARP überhaupt?«, hatte Chevie gefragt.

Witmeyer ging gerade die Mails auf seinem Bildschirm durch. »Äh … Witness Anonymous Relocation Programme – anonymes Zeugenschutzprogramm.«

»Wieso ›anonym‹? Na, wahrscheinlich haben sie das nur reingenommen, damit man die Abkürzung aussprechen kann. Sonst hieße es WRP, und das klingt, als hätte sich jemand verschluckt.«

»Ich nehme an, es sollte cool klingen. Sie wissen doch, wie die Jungs sind, wenn es um Namen geht.«

Chevie war stocksauer. Es war offensichtlich, dass das FBI sie nach London abschob, damit die Presse sie nicht fand.

»Ich habe doch nur meinen Job gemacht. Ich habe Leben gerettet.«

»Das weiß ich.« Für einen Moment wurde Witmeyers Miene weicher. »Chevron, noch können Sie wählen. Die anderen aus der Gruppe haben die Abfindung genommen. Sie sind sechzehn, Sie können tun, was immer Sie wollen.«

»Außer weiter FBI-Agent sein.«

»Sie waren nie ein echter Agent, Chevie. Sie waren eine offizielle Geheimdienstquelle. Das ist etwas ganz anderes.«

»Aber auf meinem Ausweis stand Agent. Mein Betreuer hat mich Agent Savano genannt.«

Witmeyer lächelte Chevie an, als wäre sie fünf Jahre alt. »Wir dachten, der Ausweis würde euch Freude machen. Euch das Gefühl geben, wichtig zu sein. Aber ein Ausweis macht noch keine Agentin, Chevie.«

»Ich war auf dem besten Weg, ein richtiger Agent zu werden. Sie haben mir gesagt, ich müsste nur meine Aufgabe erfüllen, dann würde ich einen Platz an der Akademie in Quantico kriegen.«

»Gesagt, ja«, erwiderte Witmeyer. »Aber es gibt nichts Schriftliches. Nehmen Sie das Angebot an, Miss Savano. Es ist gut. Und wenn Sie schön in der Spur bleiben, können wir in ein, zwei Jahren noch mal über Quantico sprechen.«

Das Angebot interessierte Chevie nicht die Bohne, aber wenn sie eine echte Spezialagentin werden wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als nach England zu gehen.

»Ich berichte dann also an das Londoner Büro?«