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Inhaltsverzeichnis

Widmung
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
DANK
Copyright

DANK

Dank an alle für ihre Hilfe und Unterstützung:

Meinem Mann Niall dafür, dass er meine Obsession toleriert, im Haushalt göttliche Qualitäten beweist und sich mit der ersten Überarbeitung dieses Romans herumgeschlagen hat.

Meiner Chefin Lisa dafür, dass sie mich im vergangenen Jahr ertragen hat, als ich in diesen Wahnsinn vertieft war.

CCL, ich werde es nie verraten, aber danke.

Den »original bunker babes« für ihre Freundschaft und ihren unerschütterlichen Beistand.

SR für die wertvollen Ratschläge von Anfang an und für die Pionierdienste.

Sue Malone fürs Organisieren.

Amanda und allen bei TWCS, The Writer’s Coffee Shop Publishing House, dafür, dass sie das Risiko eingegangen sind.

EINS

Frustriert betrachte ich mich im Spiegel. Verdammte Haare, die einfach nicht so wollen, wie ich will, und verdammte Katherine Kavanagh, die krank ist, weswegen ich diese Tortur auf mich nehmen muss. Eigentlich sollte ich für die Abschlussprüfung nächste Woche lernen, aber was mache ich stattdessen? Ich versuche, meine Haare zu bändigen. Ich darf nicht mit nassen Haaren ins Bett gehen. Wie ein Mantra sage ich mir das immer wieder vor, während ich mich mit der Bürste abmühe. Verzweifelt schaue ich das blasse Mädchen mit den braunen Haaren und den viel zu großen Augen im Spiegel an und gebe mich geschlagen. In der Hoffnung, halbwegs passabel auszusehen, binde ich meine widerspenstige Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Ausgerechnet heute kämpft Kate mit einer Grippe. Deshalb kann sie nicht für die Studentenzeitung zu dem Interview mit dem megawichtigen Industriemagnaten fahren, von dem ich noch nie gehört habe, und ich muss für sie einspringen. Ich sollte für die Abschlussprüfung büffeln und eine Seminararbeit schreiben, aber nein: Ich muss über zweihundertfünfzig Kilometer nach Seattle fahren und mich mit diesem mysteriösen CEO von Grey Enterprises Holdings, Inc. treffen. Für einen Unternehmer und wichtigen Gönner unserer Universität wie ihn ist Zeit kostbar – bedeutend kostbarer als für mich. Dass er Kate einen Interviewtermin gewährt hat, ist ein echter Coup, behauptet sie. Verfluchte Studentenzeitung!

Kate lümmelt auf dem Sofa im Wohnzimmer herum. »Ana, tut mir echt leid. Ich hab neun Monate gebraucht, diesen Termin zu bekommen. Es würde noch einmal sechs dauern, einen neuen zu finden, und bis dahin haben wir beide unseren Abschluss. Als Herausgeberin der Studentenzeitung kann ich das nicht abblasen. Bitte«, krächzt sie.

Wie macht sie das bloß? Trotz ihrer Grippe sieht sie mit ihren ordentlich frisierten rotblonden Haaren und ihren strahlend grünen Augen, die momentan rot gerändert sind, auf androgyne Art umwerfend aus. Mein Mitleid verpufft in null Komma nichts.

»Ja klar fahr ich hin, Kate. Soll ich dir ein Aspirin bringen?«

»O ja, bitte. Hier sind die Interviewfragen und der Rekorder. Zum Aufnehmen drückst du auf den Knopf da. Und mach dir Notizen, ich schreibe später alles ins Reine.«

»Ich weiß nichts über ihn«, gebe ich zu bedenken und kann nur mühsam meine aufsteigende Panik unterdrücken.

»Halt dich einfach an die Fragen. Du musst los, du darfst auf keinen Fall zu spät kommen.«

»Okay. Leg dich wieder ins Bett. Ich hab dir eine Suppe gekocht. Die kannst du dir aufwärmen.« Für niemanden sonst würde ich das tun, Kate.

»Gut. Viel Glück. Und danke, Ana. Du bist ein Schatz.«

Ich schnappe mir meinen Rucksack, verabschiede mich und gehe hinaus zum Wagen. Ist das zu fassen, dass ich mich von Kate habe breitschlagen lassen? Aber Kate könnte jeden überreden. Bestimmt wird sie mal eine tolle Journalistin. Sie kann sich gut ausdrücken, besitzt Überzeugungskraft, ist willensstark, streitlustig und attraktiv – und meine allerbeste Freundin.

 

Als ich mich von Vancouver, Washington, zur Interstate 5 auf den Weg mache, ist auf den Straßen Gott sei Dank noch nicht viel los, denn um zwei muss ich in Seattle sein. Zum Glück hat Kate mir ihren spritzigen Mercedes CLK geliehen. Ob ich es mit Wanda, meinem alten VW-Käfer, pünktlich schaffen würde, ist fraglich. Doch mit dem Mercedes macht die Sache Spaß, und ich trete das Gaspedal durch.

Mein Ziel ist die Zentrale von Mr. Greys weltweit operierendem Unternehmen. Es handelt sich um ein zwanzigstöckiges Bürogebäude aus Glas und Stahl, die ultimative Phantasie eines Architekten von einem Zweckbau. Über den gläsernen Eingangstüren steht in diskreten Stahllettern GREY HOUSE. Um Viertel vor zwei betrete ich, erleichtert darüber, dass ich nicht zu spät dran bin, das riesige, ziemlich beeindruckende Foyer aus Glas, Stahl und weißem Sandstein.

Am massiven Sandsteinempfang lächelt mich eine ausgesprochen attraktive, gepflegte junge Blondine freundlich an. Sie trägt einen todschicken anthrazitfarbenen Blazer und eine makellos weiße Bluse.

»Ich habe einen Termin bei Mr. Grey. Anastasia Steele für Katherine Kavanagh.«

»Einen Moment, bitte, Miss Steele.« Sie taxiert mich und hebt die Augenbrauen.

Hätte ich mir doch nur einen von Kates Business-Blazern ausgeliehen, statt meine marineblaue Jacke anzuziehen! Ich trage meinen einzigen Rock, meine bequemen Kniestiefel und einen blauen Pullover. Für meine Verhältnisse ist das ultraelegant. Ich schiebe eine Haarsträhne hinters Ohr und bemühe mich, mich nicht von der Blondine einschüchtern zu lassen.

»Mr. Grey erwartet Sie. Bitte unterzeichnen Sie hier, Miss Steele. Es ist der letzte Aufzug auf der rechten Seite, zwanzigster Stock.« Sie lächelt freundlich und vermutlich auch ein wenig belustigt, als ich unterschreibe. Dann reicht sie mir einen Besucherausweis.

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es liegt auf der Hand, dass ich zu Besuch da bin; ich passe nicht hierher und komme mir völlig fehl am Platz vor. Das ist oft so. Ich stoße einen stummen Seufzer aus. Nach einem Dankeschön an die Blondine gehe ich an zwei Sicherheitsleuten vorbei, die in ihren gut geschnittenen Anzügen beide deutlich schicker gekleidet sind als ich.

Der Lift bringt mich mit Schallgeschwindigkeit ins oberste Stockwerk. Die Türen gleiten lautlos auf, und ich betrete einen weiteren riesigen Vorraum – ebenfalls aus Glas, Stahl und weißem Sandstein. Erneut sehe ich mich einer Rezeption aus Sandstein und einer jungen, makellos in Schwarz und Weiß gekleideten Blondine gegenüber, die sich zur Begrüßung erhebt.

»Miss Steele, würden Sie bitte hier warten?« Sie deutet auf eine weiße Ledersitzgruppe.

Hinter den Ledersesseln befindet sich ein geräumiges Sitzungszimmer mit Glaswänden, einem riesigen dunklen Holztisch und mindestens zwanzig dazu passenden Stühlen. Dahinter ein vom Boden bis zur Decke reichendes Fenster mit Blick auf die Skyline von Seattle und den Sund. Die Aussicht ist atemberaubend. Wow.

Nachdem ich Platz genommen habe, fische ich die Liste mit den Fragen aus meinem Rucksack. Dabei verfluche ich Kate innerlich dafür, dass sie mir keinen kurzen Lebenslauf beigelegt hat. Ich weiß absolut nichts über den Mann, den ich gleich interviewen soll. Er könnte neunzig sein oder dreißig. Diese Unsicherheit macht mich nervös. Interviews unter vier Augen sind mir nicht geheuer. Ich mag lieber Gruppendiskussionen, bei denen ich mich im Hintergrund halten kann. Offen gestanden, sitze ich am liebsten mit einem britischen Klassiker allein in der Unibibliothek. Viel lieber als in einem Monstrum aus Glas, Stahl und Sandstein.

Ich verdrehe die Augen. Reiß dich zusammen, Steele. Dem Gebäude nach zu urteilen, das ich zu steril und modern finde, ist Grey über vierzig: durchtrainiert, braungebrannt und blond, passend zu seinen Angestellten.

Noch eine elegante, makellos gekleidete Blondine tritt aus einer Tür zu meiner Rechten. Was hat es nur mit diesen makellosen Blondinen auf sich? Ich komme mir vor wie bei den Stepford Wives in dem Roman von Ira Levin. Ich hole tief Luft und stehe auf.

»Miss Steele?«, fragt die Blondine.

»Ja«, krächze ich und räuspere mich. »Ja.« Gut, das klang selbstbewusster.

»Mr. Grey wird Sie gleich empfangen. Darf ich Ihnen die Jacke abnehmen?«

»Ja, gern.« Unbeholfen ziehe ich sie aus.

»Hat man Ihnen schon eine Erfrischung angeboten?«

»Äh … nein.« Oje, kriegt Blondine Nummer zwei jetzt meinetwegen Probleme?

Blondine Nummer drei runzelt die Stirn und sieht zu der jungen Frau am Empfang hinüber.

»Möchten Sie Tee, Kaffee oder Wasser?«, fragt sie, wieder an mich gewandt.

»Ein Glas Wasser, bitte. Danke«, murmle ich.

»Olivia, bitte holen Sie Miss Steele ein Glas Wasser«, weist sie ihre Kollegin mit strenger Stimme an.

Olivia springt auf und huscht zu einer Tür auf der anderen Seite.

»Sie müssen entschuldigen, Miss Steele, Olivia ist unsere neue Praktikantin. Nehmen Sie doch bitte Platz. Mr. Grey ist in fünf Minuten bei Ihnen.«

Olivia kehrt mit einem Glas eisgekühltem Wasser zurück.

»Bitte sehr, Miss Steele.«

»Danke.«

Blondine Nummer drei marschiert zu ihrem Schreibtisch; das Klacken ihrer Absätze hallt auf dem Sandsteinboden wider. Sie setzt sich, und beide wenden sich wieder ihrer Arbeit zu.

Vielleicht besteht Mr. Grey darauf, dass alle seine Angestellten blond sind. Ich denke gerade darüber nach, ob das politisch korrekt ist, als die Bürotür aufgeht und ein groß gewachsener, elegant gekleideter, attraktiver Afroamerikaner mit kurzen Dreadlocks herauskommt. Ich habe mich eindeutig für das falsche Outfit entschieden.

Er fragt ins Zimmer gewandt: »Spielen wir diese Woche Golf, Grey?«

Die Antwort höre ich nicht.

Als der Mann mich bemerkt, lächelt er. Dabei legt sich die Haut um seine dunklen Augen in Fältchen.

Olivia ist aufgesprungen und holt den Aufzug. Immerhin scheint sie das Aufspringen vom Schreibtisch ja schon sehr gut zu beherrschen.

»Auf Wiedersehen, meine Damen«, verabschiedet der Afroamerikaner sich, bevor er durch die Tür verschwindet.

»Mr. Grey wird Sie jetzt empfangen, Miss Steele. Gehen Sie doch bitte hinein«, sagt Blondine Nummer drei.

Ich stehe mit zittrigen Knien auf, stelle das Wasserglas ab, stecke die Fragenliste zurück in den Rucksack und trete an die halb offene Tür.

»Sie brauchen nicht zu klopfen – gehen Sie einfach hinein.« Sie bedenkt mich mit einem freundlichen Lächeln.

Ich drücke die Tür auf, stolpere über meine eigenen Füße und falle hin.

Scheiße! Zwei linke Hände, zwei linke Füße! Ich lande auf Knien in Mr. Greys Büro und spüre sanfte Hände, die mir aufhelfen. Mein Gott, wie peinlich! Ich nehme all meinen Mut zusammen und hebe den Blick. Wow, ist der Mann jung!

»Miss Kavanagh.« Sobald ich wieder auf den Beinen bin, streckt er mir seine langfingrige Hand hin. »Ich bin Christian Grey. Alles in Ordnung? Möchten Sie sich setzen?«

Jung – und attraktiv, sehr attraktiv. Er ist groß, trägt einen eleganten grauen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte und hat widerspenstiges, kupferfarbenes Haar und wahnsinnig graue Augen, mit denen er mich mustert. Ich brauche einen Moment, um meine Stimme wiederzufinden.

»Äh … eigentlich …«, stammle ich. Wenn dieser Mann über dreißig ist, fresse ich einen Besen. Benommen lege ich meine Hand in die seine, und er schüttelt sie. Als unsere Finger sich berühren, habe ich das Gefühl, dass Funken sprühen. Verlegen ziehe ich die Hand zurück. War wohl statische Energie. Ich blinzle, ungefähr so schnell, wie mein Herz schlägt.

»Miss Kavanagh ist indisponiert und hat mich geschickt. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, Mr. Grey.«

»Und wer sind Sie?« Seine Stimme klingt freundlich, vielleicht auch belustigt. Wegen seiner Gelassenheit lässt sich das schwer beurteilen. Er wirkt halbwegs interessiert, vor allen Dingen jedoch höflich.

»Anastasia Steele. Ich studiere mit Kate … äh … Katherine  … äh … Miss Kavanagh Englische Literatur an der Washington State University in Vancouver.«

»Aha«, lautet sein Kommentar. Ein Lächeln spielt um seine Mundwinkel. »Möchten Sie sich nicht setzen?« Er dirigiert mich zu einer L-förmigen, weißen Ledercouch.

Sein Büro ist viel zu groß für einen einzelnen Menschen. Am Panoramafenster steht ein moderner Schreibtisch aus dunklem Holz, an dem bequem sechs Leute essen könnten. Er passt genau zu dem Beistelltisch neben dem Sofa. Alles andere ist weiß – Decke, Boden und Wände, nur nicht die Wand an der Tür, an der ein Mosaik aus kleinen Gemälden hängt, sechsunddreißig Stück, zu einem Quadrat arrangiert. Eine Serie banaler Objekte, so detailliert gemalt, dass sie aussehen wie Fotos. In ihrer Gesamtheit sind sie atemberaubend schön.

»Ein örtlicher Künstler, Trouton«, erklärt Grey, als er meinen Blick bemerkt.

»Toll. Sie verwandeln das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches«, stelle ich fest.

Er stutzt. »Ich bin ganz Ihrer Meinung, Miss Steele«, pflichtet er mir mit so sanfter Stimme bei, dass ich rot werde.

Abgesehen von den Bildern wirkt das Büro steril. Ich frage mich, ob es die Persönlichkeit des leibhaftigen Adonis spiegelt, der anmutig in einen der weißen Ledersessel sinkt. Ich schüttle den Kopf, beunruhigt über die Richtung, die meine Gedanken nehmen, und hole Kates Fragenliste und den Rekorder aus dem Rucksack. Dabei stelle ich mich so ungeschickt an, dass mir das Aufnahmegerät zweimal auf den Beistelltisch fällt. Mr. Grey wartet geduldig, während ich immer verlegener und nervöser werde. Als ich den Mut aufbringe, ihn anzusehen, merke ich, dass er mich beobachtet, die eine Hand locker im Schoß, die andere um sein Kinn gewölbt. Sein langer Zeigefinger zeichnet seine Lippen nach. Ich habe den Eindruck, dass er nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken kann.

»T…tut mir leid«, stottere ich. »Ich mache das nicht so oft.«

»Lassen Sie sich Zeit, Miss Steele«, sagt er.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre Antworten aufnehme?«

»Das fragen Sie mich jetzt, nachdem es Sie so viel Mühe gekostet hat, den Rekorder aufzustellen?«

Lacht er mich etwa aus? Was soll ich darauf erwidern?

»Aber nein, ich habe nichts dagegen.«

»Hat Kate, ich meine Miss Kavanagh, Ihnen erklärt, wofür das Interview ist?«

»Ja. Es soll in der letzten Ausgabe der Studentenzeitung erscheinen, weil ich dieses Jahr bei der Abschlussfeier die Zeugnisse überreiche.«

Ach. Das ist mir neu. Ich soll mein Zeugnis von jemandem bekommen, der kaum älter ist als ich? – Na ja, vielleicht sechs Jahre oder so und megaerfolgreich. Erstaunlich, denke ich, runzle die Stirn und zwinge mich, mich auf das Interview zu konzentrieren.

»Gut.« Ich schlucke nervös. »Ich habe einige Fragen an Sie, Mr. Grey.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, entgegnet er trocken.

Also macht er sich doch über mich lustig. Ich straffe die Schultern, als würde ich jeden Tag zehn solcher Interviews führen, und drücke den Aufnahmeknopf des Rekorders.

»Für ein solches Imperium sind Sie sehr jung. Worauf gründet sich Ihr Erfolg Ihrer Ansicht nach?« Ich sehe ihn an.

Er lächelt wehmütig und irgendwie enttäuscht. »Im Geschäftsleben geht es um Menschen, Miss Steele, und ich bin ein guter Menschenkenner. Ich weiß, wie sie ticken, was ihren Erfolg oder Misserfolg ausmacht, was sie antreibt und wie man sie motiviert. Ich beschäftige ein außergewöhnliches Team, das ich großzügig entlohne.« Er fixiert mich mit seinen grauen Augen. »Meiner Überzeugung nach lässt sich Erfolg auf einem bestimmten Gebiet nur erzielen, wenn man dieses Gebiet voll und ganz beherrscht, es bis ins letzte Detail erforscht. Dafür arbeite ich hart. Ich treffe Entscheidungen, die auf Logik und Fakten basieren, und besitze einen gesunden Instinkt, der gute, realistische Ideen und fähige Leute erkennt. Am Ende kommt es immer auf die fähigen Menschen an.«

»Vielleicht haben Sie einfach nur Glück.« Das steht zwar nicht auf Kates Liste, aber er provoziert mich mit seiner Arroganz.

Seine Augen blitzen erstaunt auf. »Ich verlasse mich nicht auf Glück oder Zufall, Miss Steele. Je härter ich arbeite, desto mehr Glück scheine ich zu haben. Im Endeffekt geht es nur darum, die richtigen Leute im Team zu haben und ihre Energie in die richtigen Bahnen zu lenken. Ich glaube, Harvey Firestone hat einmal gesagt: ›Die Entwicklung und das Über-sich-Hinauswachsen von Menschen sind das höchste Ziel fähiger Führung.‹«

»Hört sich an, als wären Sie ein Kontrollfreak.« Die Worte rutschen mir heraus, bevor ich es verhindern kann.

»Ich übe in der Tat in allen Bereichen des Lebens Kontrolle aus, Miss Steele«, bestätigt er ohne einen Funken von Humor in seiner Stimme und starrt mich an.

Mein Puls beschleunigt sich. Wieso bringt er mich so aus der Fassung? Liegt es an seinem unverschämt guten Aussehen? An seinem durchdringenden Blick? Oder daran, dass er mit seinem Zeigefinger andauernd seine Unterlippe nachzeichnet? Kann er damit nicht endlich aufhören?

»Außerdem erwirbt man sich große Macht, indem man seinen Traum von Kontrolle lebt«, fährt er mit sanfter Stimme fort.

»Haben Sie denn das Gefühl, große Macht zu besitzen?« Mr. Kontrollfreak.

»Miss Steele, ich beschäftige mehr als vierzigtausend Menschen. Das verleiht mir ein gewisses Gefühl der Verantwortung – und der Macht, wenn Sie so wollen. Wenn ich zu dem Schluss käme, dass mich das Telekommunikationsgeschäft nicht mehr interessiert, und ich es abstoßen würde, hätten zwanzigtausend Menschen Probleme, ihre Hypothekenzahlungen zu leisten.«

Sein Mangel an Bescheidenheit verblüfft mich. »Sind Sie denn nicht dem Vorstand und Aufsichtsrat Rechenschaft schuldig?« , frage ich erstaunt.

»Das Unternehmen gehört mir. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig.« Er hebt eine Augenbraue.

Natürlich wüsste ich das, wenn ich mich vorher informiert hätte. Ich wende mich einem anderen Thema zu.

»Haben Sie außer Ihrer Arbeit noch andere Interessen?«

»Eine ganze Menge, Miss Steele. Und sehr unterschiedliche.«

Abermals macht mich sein Blick nervös, denn in seinen Augen schimmert etwas Dunkles.

»Was tun Sie zum Chillen nach der Arbeit?«

»Zum Chillen?« Er lächelt. Dabei kommen ebenmäßige weiße Zähne zum Vorschein. Es verschlägt mir den Atem. Er ist wirklich unverschämt attraktiv. So gut darf kein Mensch aussehen.

»Zum ›Chillen‹, wie Sie es nennen, segle und fliege ich und genieße diverse körperliche Vergnügungen.« Er schlägt die Beine übereinander. »Ich bin ein sehr wohlhabender Mann, Miss Steele, und pflege äußerst teure Hobbys.«

Ich werfe einen Blick auf Kates Fragen, um von diesem Thema wegzukommen.

»Sie investieren in die Produktion. Warum?«, frage ich. Wieso fühle ich mich in seiner Gegenwart so unsicher?

»Ich schaffe gern Dinge. Mich interessiert, wie sie funktionieren, wie man sie zusammensetzt und auseinanderbaut. Und ich liebe Boote.«

»Das klingt eher nach dem Herzen als nach Logik und Fakten.«

Seine Mundwinkel deuten ein Lächeln an, er betrachtet mich abschätzend. »Möglich. Obwohl es Menschen gibt, die behaupten, dass ich kein Herz besitze.«

»Warum behaupten sie das?«

»Weil sie mich gut kennen.« Nun lächelt er spöttisch.

»Würden Ihre Freunde sagen, dass Sie ein offener Mensch sind?« Ich bedauere diese Frage, sobald sie heraus ist. Sie steht ebenfalls nicht auf Kates Liste.

»Ich lege Wert auf eine gesicherte Privatsphäre, Miss Steele, und gebe nicht oft Interviews.«

»Warum haben Sie sich auf dieses eingelassen?«

»Weil ich die Universität finanziell unterstütze und Miss Kavanagh nicht abwimmeln konnte. Sie hat meine PR-Leute ziemlich lange bearbeitet, und solche Hartnäckigkeit nötigt mir Bewunderung ab.«

Ich weiß, wie beharrlich Kate sein kann. Deshalb sitze ich ja hier und winde mich unter seinem durchdringenden Blick, während ich eigentlich für meine Prüfungen lernen sollte.

»Sie investieren auch in landwirtschaftliche Technologie. Warum?«

»Geld kann man nicht essen, Miss Steele, und auf diesem Planeten gibt es zu viele Menschen, die hungern.«

»Sie scheinen ja ein wahrer Menschenfreund zu sein. Ist es Ihnen tatsächlich ein Anliegen, die Armen der Welt mit Nahrung zu versorgen?«

Er zuckt mit den Achseln. »Es ist ein einträgliches Geschäft.«

Ich halte diese Antwort für unaufrichtig. Sie ergibt keinen Sinn – die Armen der Welt mit Nahrung versorgen? Ich kann den finanziellen Nutzen nicht erkennen, nur die idealistische Seite. Verwirrt werfe ich einen Blick auf meine Fragenliste.

»Haben Sie eine bestimmte Geschäftsphilosophie? Und wenn ja, wie sieht sie aus?«

»Nein, nicht im engeren Sinne, eher einen Leitsatz, der sich an Carnegie orientiert: ›Wer die Fähigkeit erwirbt, seinen eigenen Geist voll und ganz zu beherrschen, wird auch alles andere beherrschen, auf das er ein Anrecht besitzt.‹ Ich bin sehr eigen, ein Getriebener. Ich liebe Kontrolle – über mich selbst und die Menschen, die mich umgeben.«

»Dann besitzen Sie gern Dinge?« Kontrollfreak.

»Ich möchte ihrer würdig sein … Und ja, letztlich haben Sie Recht.«

»Sie klingen wie der ideale Verbraucher.«

»Der bin ich.« Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel, aber es erreicht seine Augen nicht.

Seine Aussage steht im Widerspruch zu seinem Wunsch, die Welt mit Nahrung zu versorgen, und ich werde den Verdacht nicht los, dass wir über etwas anderes reden, worüber, weiß ich allerdings nicht. Ich schlucke. In dem Raum ist es ziemlich warm, finde ich und sehne das Ende des Interviews herbei. Bestimmt hat Kate schon genug Material. Sicherheitshalber sehe ich mir aber die nächste Frage auf der Liste an.

»Sie wurden adoptiert. Wie sehr, glauben Sie, hat das Ihre Persönlichkeit beeinflusst?« Oje, das ist ziemlich persönlich. Hoffentlich nimmt er mir die Frage nicht übel.

Er runzelt die Stirn. »Das kann ich nicht beurteilen.«

Ach, wie interessant. »Wie alt waren Sie denn, als Sie adoptiert wurden?«

»Das können Sie auf Ämtern recherchieren, Miss Steele.« Er klingt streng.

Scheiße, ich hätte mich echt besser informieren sollen. Verlegen wende ich mich der nächsten Frage zu.

»Sie mussten das Familienleben der Arbeit opfern.«

»Das ist keine Frage.«

»Entschuldigung.« Ich rutsche unruhig hin und her, komme mir wie ein unartiges Kind vor, wage aber dennoch einen neuen Versuch. »Mussten Sie das Familienleben der Arbeit opfern?«

»Ich habe eine Familie, einen Bruder und eine Schwester und Eltern, die mich lieben. Und ich habe keinerlei Interesse, meine Familie darüber hinaus zu vergrößern.«

»Sind Sie schwul, Mr. Grey?«

Er holt deutlich hörbar Luft.

O Gott, wie peinlich! Mist. Warum habe ich die Fragen nicht vorher durchgelesen? Wie soll ich ihm das erklären? Verdammt, Kate!

»Nein, Anastasia, das bin ich nicht.« Seine Augen schimmern kühl.

»Entschuldigung. Es … äh … steht hier.« Zum ersten Mal hat er mich beim Vornamen genannt. Mein Puls rast. Nervös schiebe ich eine Haarsträhne hinters Ohr.

»Das sind nicht Ihre eigenen Fragen?«

Ich werde blass. »Äh … nein. Kate – Miss Kavanagh – hat sie zusammengestellt.«

»Sind Sie beide in der Redaktion der Studentenzeitung?« Oje. Ich habe nichts mit der Studentenzeitung zu tun. Die ist Kates Baby. Mein Gesicht glüht.

»Nein, ich lebe mit ihr in einer WG.«

Er reibt sich nachdenklich das Kinn und taxiert mich mit seinen grauen Augen. »Haben Sie sich freiwillig bereiterklärt, dieses Interview mit mir zu führen?«

Moment, wer soll hier wem Fragen stellen? Sein Blick ist so durchdringend, dass ich mich gezwungen sehe, die Wahrheit zu sagen.

»Nein, sie hat mich abkommandiert. Sie ist krank«, gestehe ich mit leiser Stimme.

»Das erklärt manches.«

Es klopft an der Tür, und Blondine Nummer drei tritt ein.

»Mr. Grey, entschuldigen Sie die Störung, aber Ihr nächster Termin beginnt in zwei Minuten.«

»Wir sind noch nicht fertig, Andrea. Bitte sagen Sie den nächsten Termin ab.«

Andrea sieht ihn mit großen Augen an. Er runzelt die Stirn. Sie wird tiefrot. Gut. Es geht also nicht bloß mir so.

»Wie Sie meinen, Mr. Grey«, murmelt sie und verschwindet.

Er wendet sich mir zu. »Wo waren wir stehen geblieben, Miss Steele?«

Aha, jetzt bin ich wieder Miss Steele.

»Bitte lassen Sie sich von mir nicht aufhalten.«

»Ich möchte mehr über Sie erfahren. Das ist, glaube ich, nur fair.« Er wirkt neugierig. Junge, Junge, wo soll das hinführen? Er stützt die Ellbogen auf die Armlehnen des Sessels und faltet die Finger vor seinem Mund. Sein Mund … verwirrt mich. Ich schlucke.

»Da gibt’s nicht viel zu erfahren.«

»Was haben Sie nach dem Abschluss vor?«

Ich zucke, verblüfft über sein Interesse, mit den Achseln. Mit Kate nach Seattle ziehen, mir einen Job suchen. Über die Zeit nach der Abschlussprüfung habe ich mir keine Gedanken gemacht.

»Ich habe noch keine genaueren Pläne, Mr. Grey. Zuerst muss ich die Abschlussprüfung bestehen.« Für die ich lernen sollte, statt in deinem protzigen, sterilen Büro zu sitzen.

»Unser Unternehmen offeriert ein ausgezeichnetes Praktikantenprogramm«, erklärt er.

Ich sehe ihn überrascht an. Ist das ein Jobangebot? »Gut zu wissen«, entgegne ich. »Allerdings glaube ich nicht, dass ich hierher passen würde.« O nein, wieso rutscht mir nur dieses ganzes Zeugs heraus?

»Warum sagen Sie das?«

»Das liegt doch auf der Hand, oder?« Ich habe zwei linke Hände, außerdem zwei linke Füße und bin alles andere als blond und gut gekleidet.

»Für mich nicht«, widerspricht er ohne die geringste Spur von Ironie.

Plötzlich ziehen sich mir bisher unbekannte Muskeln in meinem Unterleib zusammen. Ich wende den Blick von ihm ab und betrachte stattdessen meine ineinander verschlungenen Finger. Was läuft hier eigentlich ab? Ich muss hier weg – und zwar sofort. Ich beuge mich vor, um den Rekorder einzupacken.

»Soll ich Ihnen alles zeigen?«, erkundigt er sich.

»Sie haben sicher Wichtigeres zu tun, Mr. Grey, und ich habe noch eine lange Fahrt vor mir.«

»Sie wollen zurück nach Vancouver?« Er sieht überrascht, sogar ein wenig besorgt zum Fenster hinaus. Es hat zu regnen begonnen. »Seien Sie vorsichtig, fahren Sie nicht zu schnell.« Sein Tonfall ist streng, duldet keinen Widerspruch. Wieso kümmert ihn das? »Haben Sie alle Informationen, die Sie wollten?«, fragt er.

»Ja, Sir«, antworte ich und stecke den Rekorder in meinen Rucksack. »Danke für das Interview, Mr. Grey.«

»Das Vergnügen war ganz meinerseits«, sagt er, höflich wie eh und je.

Als ich aufstehe, erhebt er sich ebenfalls und streckt mir die Hand entgegen.

»Bis bald, Miss Steele.«

Das klingt wie eine Herausforderung oder Drohung. Ich runzle die Stirn. Wo sollten wir uns noch mal über den Weg laufen? Ich schüttle seine Hand und spüre wieder dieses seltsame Knistern zwischen uns. Das müssen meine Nerven sein.

»Mr. Grey.« Ich nicke ihm zu.

Mit geschmeidigen Schritten geht er zur Tür und hält sie mir auf. »Nur um sicher zu sein, dass Sie es durch die Tür schaffen, Miss Steele.« Er schenkt mir ein kleines Lächeln.

Offenbar denkt er an meinen alles andere als eleganten Auftritt, und ich kann nicht verhindern, dass ich knallrot werde.

»Danke, sehr zuvorkommend, Mr. Grey«, zische ich zurück.

Sein Lächeln wird breiter. Schön, dass du mich amüsant findest. Ich betrete das Vorzimmer und wundere mich, dass er mich begleitet. Andrea und Olivia heben ebenfalls perplex den Blick.

»Hatten Sie einen Mantel?«, erkundigt sich Grey.

»Eine Jacke.«

Olivia springt auf – das kann sie sogar ziemlich gut – und holt meine Jacke, die Grey ihr abnimmt, dann hilft er mir hinein. Einen Moment lang ruhen seine Hände auf meinen Schultern, so dass mir der Atem stockt. Falls er meine Reaktion auf seine Berührung überhaupt wahrnimmt, lässt er es sich nicht anmerken. Er betätigt den Aufzugknopf, und wir warten – ich unsicher, er kühl und selbstbeherrscht. Als die Lifttüren sich öffnen, schlüpfe ich erleichtert hinein. Endlich komme ich hier raus. Während er mich nicht aus den Augen lässt, schießt mir noch einmal durch den Kopf, wie unfassbar gut er aussieht.

»Anastasia«, sagt er zum Abschied.

»Christian«, antworte ich.

Gott sei Dank schließen sich die Türen.