Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Prolog
  5. 1. Kapitel
  6. 2. Kapitel
  7. 3. Kapitel
  8. 4. Kapitel
  9. 5. Kapitel
  10. 6. Kapitel
  11. 7. Kapitel
  12. 8. Kapitel
  13. 9. Kapitel
  14. 10. Kapitel
  15. 11. Kapitel
  16. 12. Kapitel
  17. 13. Kapitel
  18. 14. Kapitel
  19. 15. Kapitel
  20. 16. Kapitel
  21. 17. Kapitel
  22. 18. Kapitel
  23. 19. Kapitel
  24. 20. Kapitel
  25. 21. Kapitel
  26. 22. Kapitel
  27. 23. Kapitel
  28. 24. Kapitel
  29. 25. Kapitel
  30. 26. Kapitel
  31. 27. Kapitel
  32. 28. Kapitel
  33. 29. Kapitel
  34. 30. Kapitel
  35. 31. Kapitel
  36. 32. Kapitel
  37. 33. Kapitel
  38. 34. Kapitel
  39. 35. Kapitel
  40. 36. Kapitel
  41. 37. Kapitel
  42. 38. Kapitel
  43. 39. Kapitel
  44. 40. Kapitel
  45. 41. Kapitel
  46. Nachwort

Eva Almstädt

OSTSEE-
TOD

Kriminalroman

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

Sie fürchtete sich nicht vor der Dunkelheit. Die Dunkelheit war ihr Freund geworden. Auch der Druck der Bodenbretter gegen ihren Hinterkopf, die Schulterblätter, den Po und die Fersen war tröstlich. Hier zu liegen gab ihr Halt.

Ihre Schultern passten genau zwischen die Seitenwände, die nicht nachgaben, so kräftig sie sich auch dagegenstemmte. Der schwere Deckel grenzte ihr Versteck nach oben hin ab. Er war mit einem Knall heruntergefallen. Vielleicht würde sie nie wieder hier rauskommen, bis sie irgendwann eine vertrocknete Mumie war? Sie zog die Unterarme unter ihren Körper und drückte sich hoch, bis sie mit dem Kopf die obere Begrenzung spürte. Sie versuchte, an sich hinunterzusehen. Es war so dunkel, dass sie weder ihr Kleid noch ihre weißen Strümpfe oder die Sandalen erkennen konnte. Ihre Sachen würden hier noch schmutziger werden. Das Kleid klebte ihr feucht an Brust und Bauch. Der Gestank überdeckte den Geruch nach Staub und altem Holz. Ihre Augen brannten, genau wie ihr Hals. Sie horchte auf ihre Atemzüge, ihren Herzschlag, das Scharren ihrer Füße, wenn sie sie nicht mehr stillhalten konnte.

Und sie horchte auf das, was sie so sehr fürchtete: das Geräusch seiner Schritte. Sie hatte Angst vor dem Moment, wenn er den Deckel öffnete. Wenn sie ihn ansehen musste, während er von oben auf sie herabblickte. Sie kannte jede Linie in seinem Gesicht. Die herabgezogenen Mundwinkel, die Kälte und Verachtung in seinen Augen … Sie konnte ihm nicht entkommen.

Dies hier war nur ein Aufschub.

1. Kapitel

Florian Warnke sah durch das Stallfenster auf den Hof hinaus. Er wollte sichergehen, in den nächsten Minuten nicht gestört zu werden. Der Vorplatz unter der Kastanie war menschenleer. Ebenso der staubige Fahrweg, der von der Dorfstraße zu seinem Gehöft führte. Er verkaufte Antiquitäten. Im Nebengebäude betrieb seine Frau Lucie ihre Ballettschule. Sie hatte ja Académie de Danse auf ihr Firmenschild schreiben wollen – in Grotenhagen auf dem Dorf! Lucie schien manchmal in einer Art Paralleluniversum zu leben. Durch die Brandschutzmauer hörte er gedämpft klassische Musik. Entweder dachte sie sich eine neue Étude aus, mit der sie ihre Ballettschülerinnen traktieren konnte, oder sie quälte sich selbst.

Mit einem Ächzen zog Florian das Biedermeiersofa vor. Er nahm das Ölgemälde mit der heiligen Elisabeth von Thüringen von der Wand und lehnte es gegen die Sofalehne. Der konzentriert-leidende Gesichtsausdruck der Heiligen ähnelte dem seiner Frau, wenn sie einen Spagat im Stehen machte. Hinter dem Bild befand sich die Revisionsklappe des stillgelegten Ofens. Florian horchte noch einmal, ob auch wirklich keiner kam, dann öffnete er die Klappe. Er tastete sich in den von ihm präparierten Hohlraum dahinter vor. Warum hatte er sich eigentlich noch keinen Tresor zugelegt? Verdammter Geiz! Und wo waren die zehntausend Euro, die er am Freitag von der Bank geholt hatte? Ein Schweißtropfen lief ihm den Rücken hinunter. Draußen fuhr ein Auto vor, er hörte eine Tür klappen. Florian ertastete die Geldscheine, griff zu und zog den Arm so rasch zurück, dass er sich an der rauen Oberseite des Hohlraums den Handrücken aufriss. Er stopfte das Geldbündel in die Hosentasche, knallte die Metallklappe zu, hängte Elisabeth wieder an den Nagel und schob mit einem weiteren Ächzen das Sofa zurück an seinen Platz. Das Glockenspiel über der Eingangstür erklang. Sein Schwager Rüdiger Dietz trat ein.

»Moin, Flo.« Er sah sich um. »Gar keine Kunden da?«

»Es ist Viertel nach zehn, Rüdiger. Das hier ist kein Baumarkt, wo man sich mal schnell ein paar Bretter besorgt.«

»Mein Schwesterchen arbeitet jedenfalls schon. Ich hab durchs Fenster geguckt und sie hüpfen gesehen. Ich will Lucie dabei lieber nicht stören. Also dachte ich mir, ich schau mal bei dem guten alten Flo herein.«

»Ich hab auch zu tun.«

»Ach ja?« Rüdiger stiefelte durch die Ausstellung, streifte die Schiffstruhe aus dem sechzehnten Jahrhundert, strich mit der Hand über die Lehne eines mit cremefarbenem Taft bezogenen Luis-Seize-Stuhls, rückte eine kristallene Weinkaraffe zurecht.

»Was willst du, Rüdiger?« Florian musste heute rechtzeitig in Polen eintreffen. Nicht, dass die Leute es sich anders überlegten und den Frankfurter Wellenschrank doch noch zu Brennholz verarbeiteten. Oder dass ihm jemand zuvorkam, der sich ebenfalls mit Antiquitäten auskannte.

»Du blutest ja. Hast du dich geprügelt?«, fragte Rüdiger.

Florian sah an sich hinunter. Ein Blutfaden lief über seinen Handrücken. Es tropfte auf den Steinfußboden. Florian ging in die Teeküche, wickelte sich ein Geschirrtuch um die Hand und gesellte sich wieder zu Rüdiger. Sein Schwager strich gerade über das polierte Zedernholz der Schiffstruhe mit den Intarsien.

»Suchst du was, Rüdiger?«

»Hast du hier Möbel umgestellt? Ganz allein?« Er wies auf die Schleifspuren auf dem Fußboden, dann auf das Biedermeiersofa. »Ich suche einen Job. Bin gerade ein bisschen klamm.«

»Ah ja?« Lucies Bruder hatte keinen Arbeitsvertrag mehr in den Händen gehalten, seit er vor einem Jahr aus Marbella zurückgekehrt war. »Klamm« bedeutete bei ihm, dass der Automat seine EC-Karte eingezogen hatte und Rüdiger im Dorfgasthof anschreiben ließ. »Du kannst morgen Abend wiederkommen und mir beim Ausladen und Zusammenbauen helfen. Eventuell hab ich sogar was zum Polstern und Neubeziehen da.«

»Aber nicht wieder was mit einem so ätzend empfindlichen Stoff wie neulich.«

Wie kam sein Schwager dazu, Forderungen zu stellen? War er in Marbella nicht daran gescheitert, Aufträge zahlungskräftiger Kunden an Land zu ziehen?

Rüdiger verlagerte sein Gewicht auf die Fersen und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich muss jetzt los. Neue Möbel holen«, sagte Florian.

»Du meinst alte.« Rüdiger grinste. »Soll ich nicht mitkommen?«

Das würde ihm so passen: Stundenlang gemütlich auf dem Beifahrersitz hocken, ihn ungefragt vollqualmen, alles dumm kommentieren und abends eine Hotelübernachtung und ein Abendessen schnorren. Andererseits kannte Florian seine Geschäftspartner noch nicht. Der Ort, wo er hinmusste, lag irgendwo zweihundert Kilometer hinter der Grenze im Nirgendwo. Er würde dort auf sich allein gestellt sein. Und diese Leute wussten, wie viel Bargeld er bei sich hatte. Florian wog die Vor- und Nachteile gegeneinander ab. »Nein, Rüdiger. Nicht nötig. Ich ruf dich an, wenn ich wieder hier bin.«

»Ich könnte auch so lange auf deinen Laden aufpassen.«

»Nein, danke. Es steht schon im Internet, dass ich geschlossen habe.«

»Ach so. Im Internet!« Rüdiger sah ihn abwartend an.

In Florians Brieftasche befanden sich fünfzig Euro. Er legte das Geschirrtuch beiseite, zog sie hervor. Das Geld hatte eigentlich einen Teil seiner Spesen abdecken sollen, doch er nahm den Schein heraus und hielt ihn seinem Schwager hin. »Wie wäre es mit einer Anzahlung? Ich rechne dann morgen Abend mit dir ab.«

Rüdiger starrte auf den Fünfziger. Er leckte sich über die Unterlippe zwischen den ungepflegten Barthaaren. »He, he, so nötig hab ich es nun auch wieder nicht!« Sein Blick wanderte zu dem Bild über dem Sofa. Elisabeth, die blassen Hände gefaltet, die Augen gequält gen Himmel gerichtet, hing etwas schief vor der Revisionsklappe.

»Dann bis morgen Abend«, sagte Florian. »Ich ruf dich an, sobald ich zurück bin.« Er ließ den Schein auf den Beistelltisch mit den Nussbaum-Intarsien fallen.

Rüdiger schnappte ihn sich und steckte ihn zusammengeknüllt in die Brusttasche seines karierten Hemdes. »Also gut«, sagte er gnädig.

»Ach ja. Ich an deiner Stelle würde Lucie heute lieber nicht behelligen. Sie ist wegen der Aufführung ihrer Kids ziemlich mit den Nerven runter«, ließ Florian ihn wissen.

»Lucies große Aufführung ist doch erst im Oktober.«

Florian hob die Schultern und versuchte einen »Weiber halt«-Blick.

»Du solltest deine Frau mehr unterstützen, Flo. Lucies Ballettschule wirft doch wohl mehr Geld ab als dein Gerümpel hier.« Rüdiger verschaffte sich einen lässigen Abgang.

Florian ballte die rechte Hand zur Faust, bis es in den Gelenken knackte. Sein Schwager brachte ihn jedes Mal zur Weißglut. Wenn er sich von Lucie trennen würde, wäre er auf einen Schlag auch diesen Kotzbrocken los. Wenn … Er fühlte eine leichte Erregung in sich aufsteigen, als er dabei an Sophie dachte. Sophie, die er nach seiner Rückkehr treffen würde. Mit der er Pläne schmieden wollte. Hatte Sophie eigentlich Geschwister?

Er wartete, bis das Geräusch von Rüdigers Toyota mit dem quietschenden Keilriemen verklungen war. Dann zog er das Sofa wieder vor, nahm das Bild ab, öffnete die Klappe und steckte die Hand noch einmal in den Revisionsschacht. Er zog eine Schachtel heraus. Darin befand sich, noch in der Originalverpackung, ein Elektroschocker.

»Kommen noch mehr Leute?«, fragte Kriminalhauptkommissar Heinz Broders, als sich zwei weitere Kollegen in den Besprechungsraum des K1 schoben und nach Pia Ausschau hielten.

»Ich hab keine Ahnung, woher die das alle wissen.« Pia Korittki stand in einer Menschentraube und nahm Glückwünsche entgegen. Sie hatte vor ein paar Tagen die Nachricht erhalten, dass sie nun Kriminalhauptkommissarin sei. Zur Feier des Tages hatte sie für ihre Kollegen belegte Brötchen und Getränke ausgegeben, auch weil sie es an ihrem Geburtstag vor ein paar Wochen versäumt hatte. Doch im Besprechungsraum im siebten Stock wurde es langsam eng. Immer mehr Kollegen, auch aus anderen Abteilungen, schauten vorbei, um ihr zu gratulieren und einen Klönschnack zu halten.

»Gib es zu, Broders: Du hast dem gesamten Polizeihochhaus einen Wink gegeben, dass ich einen ausgebe«, sagte Pia halblaut zu ihrem Lieblingskollegen.

»Klar. Und denen vom Finanzamt drüben auch«, scherzte Broders. Das Lübecker Finanzamt lag quasi gegenüber, in einem anderen Flügel des Behördenhochhauses.

»Wenn die Ersten hinten aus dem Fenster fallen, schreitest du aber ein, oder?«

»He, ich habe die Unmengen an Essen und Trinken gesehen, die du heute Morgen hier angeschleppt hast. Ich wollte nur möglicher Verschwendung lebenswichtiger Ressourcen vorbeugen.« Er griente.

»Danke für die Einladung, Pia«, sagte Bente Svenson, ein Kollege von der Schutzpolizei, ein Hüne mit rotblonden Haaren. »Ich habe Holly mitgebracht. Das geht hoffentlich in Ordnung. Mach Sitz, Holly!« Der rabenschwarze Labrador Retriever, ein Drogenspürhund der Polizeihundestaffel, gehorchte sofort.

»Klar. Eine unserer besten Mitarbeiterinnen. Ich hoffe, der Essensgeruch irritiert Holly nicht zu sehr«, sagte Pia mit Blick auf die Hündin. »Hundekuchen habe ich nämlich nicht besorgt.«

»Ein paar Steaks medium rare tun es auch.« Bente lachte schallend. »Keine Sorge, Pia. Sie ist ein Profi. Holly fällt bestimmt nicht unbeherrscht über dein Buffet her, selbst wenn ich sie von der Leine lasse. Ganz im Gegensatz zu einigen deiner Kollegen …«

»Das probieren wir jetzt aber nicht aus«, sagte Broders. Er mochte Hunde nur im Kleinformat, auf dem Schoß von irgendwem und am liebsten mit Halstüchlein oder einem Schleifchen auf dem Kopf.

Pia, die die vielen Gratulanten verlegen machten, kraulte Holly hinter dem Ohr. »Greift lieber zu, solange noch was da ist«, sagte sie. »Ich will das Zeug nicht wieder mit nach Hause nehmen müssen.«

»Wieso, hat dein Schatz denn abends keinen Hunger?«, fragte Bente.

»Nicht auf Brötchen«, sagte Broders. Er senkte die Stimme. »Die sind noch nicht so lange zusammen.«

Ein weiterer Kollege steckte den Kopf zur Tür herein. »Ich hab gehört, es gibt was zu feiern?«

»Ach nee, der Schelling! Ohne Overall und Maske hätte ich dich beinahe nicht erkannt«, begrüßte Bente den Kriminaltechniker.

Der Kollege vom K6 kam näher. »Glückwunsch zur Hauptkommissarin, Pia! Wie fühlt es sich denn an?«

»Na, im Grunde ändert sich nicht viel«, antwortete sie.

»Höchstens auf dem Bankkonto«, sagte Bente.

»Und wann übernimmst du den Laden hier?«, fragte Schelling.

Manfred Rist stand plötzlich neben Pia. »Vielleicht tanzt sie ja irgendwann einmal auf meinem Grab«, sagte er. »Aber bis dahin …« Rists Ton war scherzhaft, doch der Blick, mit dem er Pia bedachte, verriet seine Gefühle. Er war seit ein paar Monaten der Leiter des K1 und damit nun Pias direkter Vorgesetzter. Horst-Egon Gabler, der ehemalige Abteilungsleiter, war aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. »Ich hoffe, du denkst daran, hier hinterher alles wieder in Ordnung zu bringen, Pia.« Er schnappte sich eine Frikadelle vom Buffet. »Wirklich in Ordnung.«

»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, Manfred«, erwiderte sie.

»Ich sag es ja nur. Rein prophylaktisch.« Er drehte ihr den Rücken zu und verließ den Raum.

Schelling griff nach einem Krabbenbrötchen. »Ein Fan von dir, Pia?«

»Mein allergrößter.« Pia bemerkte Schellings besorgten Blick. »Entweder reißen Manfred und ich uns zusammen und kommen in Zukunft miteinander aus, oder einer von uns geht«, sagte sie.

»He, da hab ich auch noch ein Wort mitzureden, als Faktotum der Abteilung.« Broders stand nach einem Ausflug ans Buffet nun wieder bei ihnen. Holly, die bislang kreuzbrav neben ihrem Herrchen gesessen hatte, wurde unruhig.

»Du und ein Faktotum.«

»Ich weiß, die neuen Schuhe reißen es raus«, sagte Broders zufrieden. Die Blicke der Umstehenden gingen hinunter zu seinen neongrünen Sportschuhen mit den leuchtend gelben Schnürsenkeln.

»Broders, die brennen mir Löcher in die Netzhaut«, sagte Bente.

»Aber sie machen jung!«

Der Labrador streckte den Kopf vor und schnüffelte an Broders’ Schuh. Ein Knurren stieg in seiner Kehle auf.

»Ruhig, Holly«, sagte Bente. »Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.«

»Vielleicht hast du eine Scheibe Wurst unter der Sohle kleben?«, vermutete Pia.

»Oder du hast die Schuhcreme heute Morgen mit Leberwurst verwechselt«, sagte Schelling.

»Auf so etwas reagiert Holly nicht«, erwiderte Bente.

Betretenes Schweigen.

Broders lief rot an. Er atmete tief ein und aus. »Lass die Hundedame ruhig mal. Ich will das jetzt wissen.«

»Was willst du wissen?«, fragte Pia, die von einem weiteren Gratulanten abgelenkt worden war.

»Wie du meinst.« Bente lockerte die Leine, machte eine leichte Kopfbewegung, und die Hündin schoss vor. Holly schnüffelte an Broders’ Sportschuh, ein Beben ging durch ihren Körper, und ihr Nackenfell richtete sich auf. Der Labrador setzte sich vor Broders hin und gab Laut. Es war ein einziges »Wuff«, doch es reichte aus. Alle im Raum sahen zu ihnen hin.

»Na, so etwas!«, sagte Broders mit schmalen Augen.

»Ist gut, Holly. Hierher und Platz!«, kommandierte Bente. Er hob erstaunt die Augenbrauen. »Hey, was war das denn?«, fragte er Broders. »Auf die Story dazu bin ich gespannt«, sagte er zu ihm, als das Gespräch rundherum wieder anhob.

»Sicher. Aber vorher muss ich leider noch mal weg.« Broders entschuldigte sich mit einem Nicken bei Pia, bevor er den Besprechungsraum verließ.

»Das kann er dir ganz bestimmt erklären«, sagte Schelling beinahe beschwörend zu Bente. »Du kennst ihn doch. Es ist unser Heinz Broders.«

Bente nickte mit angespanntem Gesicht. »Natürlich kann er das. Sorry, Pia. Er hat mich darum gebeten. Ich wollte deine Feier nicht stören.«

»Schon gut. Ist ja nichts passiert.« Doch Pia fragte sich, was Broders’ überstürzter Abgang zu bedeuten hatte.

2. Kapitel

»Kann mich einer von euch zu Mia nach Wagau fahren?« Lara Eibholz steckte den Kopf wieder zur Küchentür herein. Das Mittagessen war beendet, und sie war vor fünf Minuten nach oben verschwunden, angeblich um ihre Hausaufgaben zu machen.

Thomas sah von seiner Zeitung auf, die aufgeschlagen auf dem Tisch lag. »Ich bin gleich wieder auf dem Trecker, Schätzchen. Das weißt du doch. Frag deine Mutter.« Er hatte einen Becher Kaffee in der Hand.

Sophie sammelte die benutzten Teller ein. »Tut mir leid, Lara. Heute nicht. Ich muss pünktlich um halb drei den Laden aufschließen.« Sie warf einen Blick zur Wanduhr. »Kannst du nicht den Bus nehmen?«

»Der nächste Bus fährt erst in einer halben Stunde«, entgegnete Lara.

Ihr Vater seufzte. »Ich verstehe sowieso nicht, weshalb du ständig unterwegs sein musst. Warum verabredest du dich nicht in Grotenhagen oder bittest deine Freundinnen zu uns? Hier ist doch Platz genug.«

»Weil ich jetzt aufs Gymnasium gehe. Da ist es doch normal, dass ich neue Leute kennenlernen möchte, die auch woanders wohnen als in Grotenhagen.«

»Wo wohnt deine neue Freundin noch mal?«

»Im Nachbarort, in Wagau.«

»Fahr Lara doch eben schnell dorthin«, sagte Thomas zu seiner Frau.

»Ich muss gleich wieder ins Geschäft, das sagte ich bereits«, erwiderte Sophie gereizt. Sie zog die Klappe des Geschirrspülers auf und räumte das Geschirr ein.

»Meine Mutter kann doch eben den Laden für dich aufschließen.«

Das altbekannte Thema. Sophie seufzte. »Ich freue mich, wenn Agatha mir ab und zu hilft, Thomas. Aber es ist mein Laden. Sie behandelt mich wie ihre Aushilfe.«

»Und was ist mit deinen Hausaufgaben, Lara?«, wandte Thomas sich an seine Tochter, um von diesem Thema abzulenken.

»Das meiste hab ich schon in der Schule erledigt.« Laras Blick ging noch einmal zwischen ihren Eltern hin und her. Dann verschwand sie aus der Küche.

»Und was machst du mit Mads, wenn du den ganzen Nachmittag im Laden stehen willst?«, fragte er.

»Mads ist gern mit mir im Geschäft. Er kann mir bei den Zwetschgen helfen oder mit seiner Eisenbahn spielen. Und Lara fährt die drei Stationen mit dem Bus. Wo ist das Problem?«

»Und wie soll sie zurückkommen?«

»Auch mit dem Bus.«

»Ich mag nicht, wenn unsere Tochter spätabends noch allein durch die Weltgeschichte gondelt.«

»Ich auch nicht.« Sophie zwang sich, ruhig und sachlich zu sprechen. »Aber davon kann nicht die Rede sein. Der letzte Bus fährt um zehn nach sechs.«

Thomas faltete die Zeitung zusammen und stand auf. »Also, dann sag ich Lara, dass du sie heute Abend auch nicht abholst.« Er betonte das, als hätte sie sich eben von der gemeinsamen Tochter losgesagt.

»Man muss seinen Kindern auch etwas zutrauen«, rief Sophie ihm hinterher. Obwohl … Sie bedauerte schon ein wenig, ihre Tochter nicht fahren zu können. Bisher war Laras neue Freundin erst einmal bei ihnen gewesen. Mia schien ein selbstbewusstes und sympathisches Mädchen zu sein. Es interessierte Sophie, wie und wo sie in Wagau wohnte und wer ihre Eltern waren. Sie hatte gehört, dass Mias sechzehnjähriger Bruder Lukas Arm in Arm mit der Nachbarstochter, Cäcilia Nagel, gesehen worden war. Cäcilia war, wohlgemerkt, nicht viel älter als Lara. Sophie war froh, dass Lara mit ihren elf Jahren etwas verträumt und immer noch sehr kindlich war. Aber die drei Stationen mit dem Bus zu fahren, das war nun wirklich kein Problem. Sie würde sie abends zusammen mit Mads an der Bushaltestelle abholen.

Wie um sie für ihren Entschluss, ihre Tochter nicht zu fahren, zu bestrafen, bescherte das Schicksal Sophie in der ersten Stunde keinen einzigen Kunden im Hofladen. Der Himmel war strahlend blau; der Hofkater lag faul in der Sonne. Die Spatzen balgten sich auf dem staubigen Parkplatz, und sie saß in der Remise fest. Trotz der aufwendigen Umbauten war der Raum dunkel und immer ein wenig fußkalt. Sophie kümmerte sich um die neu angelieferten Zwetschgen vom benachbarten Obsthof und half anschließend ihrem Sohn Mads, die Holzeisenbahn im Hinterzimmer des Geschäfts aufzubauen.

Gegen vier kamen zwei Touristinnen, fragten nach Kuchen, die Kinder quengelten, weil sie ein Eis wollten, und nach einer halben Stunde, in der sie alles angefasst und kommentiert hatten, kauften sie zwei Bananen und ein Rosinenbrötchen.

Wenig später schneite Agatha, Sophies Schwiegermutter, herein. »Was für ein Tag! Ich brauche jetzt erst mal einen Kaffee«, rief sie und verschwand in der Teeküche.

Agatha tat ihrem Sohn gegenüber gern so, als würde ihre freiwillige Mitarbeit in Sophies Laden über Gebühr ausgenutzt und überhaupt nicht honoriert. Gut, Geld bekam Agatha nicht dafür, aber ihre Rente, zusammen mit der Summe, die Thomas ihr monatlich für den Hof überwies, reichte doch wunderbar zum Leben, fand Sophie. Und auch das renovierte Altenteilerhaus mit neuer Einbauküche und frischem Laminat im ganzen Erdgeschoss ließ eigentlich keine Wünsche offen. Ihre Schwiegermama genoss es sichtlich, jeden Tag zu kommen und zu gehen, wie es ihr passte, mit den Kunden zu tratschen, sich wichtigzumachen und Sophie dabei auf die Nerven zu fallen.

»Mads, mein Engel!«, hörte Sophie Agatha rufen. »Na, langweilst du dich, kleiner Mann? Hat deine Mama mal wieder keine Zeit für dich? Willst du einen Schoko-Keks von der Oma?«

Ein großer schwarzer Kombi fuhr vor. Aus ihm schälte sich, mit Taschen, Baseballkappen, Sonnenhüten und Sonnenbrillen bewaffnet, eine vierköpfige Familie. Sie kamen lärmend herein und blinzelten in das trübe Licht in der Remise.

»Mir ist zu kalt hier drin«, klagte das Mädchen.

»Geh doch nach draußen, das liebe Mäh-Schaf streicheln«, sagte die Mutter, aber das Mädchen wich nicht von ihrer Seite. Kluges Kind, draußen stand ja auch nur Freddy, der Ziegenbock, im Gehege.

»Papa, warum sind die Kartoffeln so schmutzig?«, fragte der Junge.

»Das ist alles bio«, sagte der Vater und lächelte Sophie an.

»Kann ich Ihnen helfen?« Agatha trat hinzu. Sie hielt nichts von der Taktik, dem Kunden erst einmal etwas Zeit zu geben, um sich umzuschauen. Ihr vernachlässigter Enkelsohn und der dringend benötigte Kaffee waren vergessen, weil ihre Schwiegertochter ja augenscheinlich unfähig war, die Kunden richtig zu bedienen.

»Wir gucken erst mal, danke«, sagte die Mutter.

»Aber sicher doch. Wir haben wunderbare Rote Beete! Kennen Sie Kartoffel-Rote-Beete-Auflauf? Ein Gedicht!«

»Danke, wir wohnen hier an der Ostsee im Hotel, wir wollten nur nach frischem Obst schauen.«

»Die Mirabellen sind köstlich. Ich koche immer Mirabellenmarmelade ein. Zum Frühstück aufs Brötchen … mmh!«

»Agatha, kannst du mir bitte mal helfen?«, bat Sophie mit angestrengt klingender Stimme.

»Moment bitte. Meine Schwiegertochter braucht mich! Was ist denn schon wieder, Sophie?«

Sie musste Agatha außer Gefecht setzen. Also bat sie sie, die Marmeladengläser neu zu sortieren. Noch eine Rezeptidee von ihr, und sie würde schreien. Da huschte ein Schatten an der verglasten Eingangstür vorbei, Fahrradbremsen quietschten, und Friedlinde Hellbach zog mit ihrem Auftritt im Laden die Blicke der Touristen auf sich. Trotz des Sommerwetters trug sie praktische Schnürschuhe, einen wadenlangen Wollrock und eine Strickjacke, alles in Farben zwischen Kitt und Schlamm. Sie hatte ihr dünnes Haar zu einem Zopf gebunden, doch die Hälfte klebte ihr im erhitzten Gesicht. Sophie konnte sich denken, was die Kunden aus der Stadt jetzt über sie alle dachten. Landeier …

»Moin, Friedel«, grüßte Agatha sie. »Wie geht’s dir und deinem Vater?«

»Danke, Agatha. Es muss ja.«

»Wir haben heute schöne neue Rote Beete.«

»Rote Beete aus eigener Ernte? Mein Vater liebt Rote Beete. Ich meine nur … ich wollte morgen eigentlich Hühnerfrikassee kochen.«

»Dann machst du ihm einen Rote-Beete Salat dazu«, schlug Agatha vor.

Und hinterher Mirabellenmarmelade, dachte Sophie ketzerisch. Sie war mal wieder außen vor, doch sie hielt sich bereit, falls die Touristen vielleicht Obst in der Auslage fanden, das ihren kritischen Blicken standhielt. Gerade als die Entscheidung zwischen einer Melone und ein paar Nektarinen fallen sollte, kam Mads mit schokoladeverschmiertem Gesicht und laufender Nase aus dem Hinterzimmer und verlangte ihre Aufmerksamkeit. In diesem Moment entschloss sich die Familie zu einem Großeinkauf von Äpfeln, Kirschen und einer Wassermelone, den Agatha eilfertig ausführte.

Mit einem letzten halb verwunderten, halb mitleidigen Blick auf Friedlinde seitens der Mutter und einem Lächeln für Sophie seitens des Vaters verließen die Touristen schwatzend den Laden, um auch dem »lieben Schaf« noch einen Besuch abzustatten.

Agatha rieb sich die molligen Hände. »So, und nun zu dir, Friedel? Wie kann ich dir helfen?«

Friedlinde zog ihre Einkaufsliste, notiert auf einem gebrauchten Briefumschlag, aus dem Weidenkorb. »Also, ich …«

»Moin, die Damen«, ertönte eine raue Stimme von der Ladentür her. Rüdiger Dietz war ein seltener Anblick im Hofladen. Er gehörte eher zur Stammkundschaft des Gasthofs. Mit seinem fettigen Haar, dem aufgeschwemmt aussehenden Gesicht und dem Goldkettchen im Ausschnitt seines weit offen stehenden karierten Flanellhemdes passte er nicht in den Hofladen. Er passte auch nicht in dieses idyllische Dorf. Er passte ebenso wenig in Sophies Weltbild wie Friedlinde Hellbach. Doch auch Rüdiger Dietz wohnte hier. Genauer gesagt hauste er in einem verlotterten Wohnwagen auf dem Grundstück der Warnkes. Lucie Warnke, Laras Ballettlehrerin, war seine Schwester, aber die beiden hatten überhaupt keine Ähnlichkeit miteinander.

Sophie begrüßte ihn freundlich, denn sie wollte sich ihre Gedanken keinesfalls anmerken lassen. »Was kann ich für dich tun, Rüdiger?« Es ging außerdem auch um ihre Ehre. Diesen Kunden würde sie sich nicht von ihrer Schwiegermutter wegschnappen lassen.

»Drei Brötchen, Sophie.«

»Ich hab aber nur Vollkorn.« Sogleich ärgerte sie sich über sich selbst. Natürlich hatte sie nur Vollkorn. Dies war ein Bio-Laden. Vollkorn war das Maß aller Dinge. Sophie fürchtete allerdings, dass Rüdiger das anders sah.

»Solange sie mich satt machen.« Er grinste. »Kannst du sie mir gleich schmieren, mit Käse und Wurst oder so?«

»Gern doch.« Sie klärte ihn nicht über die diversen Bio-Käse-Sorten auf, sondern nahm den günstigsten aus der Kühltheke. Beim Preis rundete sie trotzdem ab. Ihr Mantra war, dass sie zu ihren Produkten stehen musste – jederzeit. Doch Rüdiger war zum einen unbelehrbar und zum anderen für ihren Geschmack zu grob und zu laut, als dass sie es auf eine Diskussion ankommen lassen wollte. Er reichte ihr einen zerknautschten Fünfziger über den Tresen, sodass sie beim Wechselgeld passen musste. Einmal mehr half Agatha ihr aus.

»Was war denn plötzlich mit Friedel los?«, fragte Sophie ihre Schwiegermutter, als sie wieder allein im Laden standen, schon um von ihrem unzureichenden Wechselgeldbestand abzulenken. »Sie war so schnell weg. Dabei hatte sie doch eine lange Liste dabei.«

Friedlinde Hellbach war, nur mit einem Laib Brot unter dem Arm und einer gestammelten Entschuldigung, gegangen.

»Ich glaube, sie hatte ein Problem mit Rüdigers Anwesenheit«, sagte Agatha.

»Das ist doch albern.«

Agatha zuckte mit den Schultern. »Sie kommt bestimmt morgen wieder. Die Rote Beete, die ich ihr empfohlen habe, lässt sie sich nicht entgehen.«

Um Viertel nach sechs setzte Sophie Mads auf sein Kettcar mit der Führungsstange und machte sich mit ihm auf den Weg zur Bushaltestelle. Sie war fünf Minuten zu früh und wartete, bis der Bus im Dunst eines lauen Sommerabends auftauchte. Vorsichtshalber fasste sie den Griff, mit dem sie Mads Kettcar steuern konnte, fester. Der Bus hielt, die Hydraulik der Türen gab einen Seufzer von sich. Zwei Teenager stiegen aus und schulterten ihre Schulrucksäcke. Sophie kannte die Jungen, allerdings nur vom Sehen. Sie wohnten in dem kleinen Neubaugebiet von Grotenhagen. Die Türen schlossen sich. Der Bus fuhr an. Sophie starrte ihm hinterher, bis er um die nächste Kurve der Dorfstraße verschwunden war.

Die Jugendlichen – sie waren etwa vierzehn oder fünfzehn Jahre alt – zündeten sich sogleich im Schatten des Haltestellenhäuschens eine Zigarette an.

»Hallo, ihr beiden!«

Sie zuckten zusammen und sahen Sophie mit abwehrend hochgezogenen Schultern an.

»War da noch ein Mädchen im Bus? Elf Jahre alt. Dunkelblond, mit einem Zopf, in Jeans und einem weißen T-Shirt? Lara Eibholz, die kennt ihr doch bestimmt.«

Der Größere der beiden stieß geübt den Rauch aus. »Klar kennen wir die. Da war aber außer uns nur noch eine alte Frau aus Wagau im Bus.«

»Ist Lara vielleicht schon vorher ausgestiegen?«

»Da war überhaupt kein Mädchen. Und wir sind schon an der Mühle eingestiegen.« Der Kleinere sah Sophie beinahe mitleidig an, während er die Zigarette in der hohlen Hand versteckte. Die Station an der Mühle lag vor Wagau. Das bedeutete, dass Lara gar nicht in den Bus eingestiegen war.

»Gut. Danke.« Nichts war gut. Sophie drehte sich um und starrte in die Richtung, aus der der Bus gekommen war. Der Griff des Kettcars ruckte.

»Wo ist Lara?«, fragte Mads.

Sophie kontrollierte ihr Handy. »Sie hat wohl den Bus verpasst.« Oder Mias Eltern fuhren sie nach Hause? Oder … das war jedenfalls der letzte Bus für heute gewesen.

Blöde Beklemmung, dachte Sophie. Kaum war ein Kind nur einen Moment aus den Augen oder tat etwas Unerwartetes, klopfte einem das Herz bis zum Hals, und der Magen wurde einem flau. Sie musste an ein Buch denken, das sie vor Jahren gelesen hatte: Es hatte von einer Mutter gehandelt, die nur dann glücklich gewesen war, wenn ihre beiden Kinder gesund und friedlich im Bett gelegen hatten. In Sicherheit. Damals hatte Sophie noch keine Kinder gehabt und die Gefühle der Frau irgendwie abartig gefunden.

»Mama, ich hab so ’n Hunger!«, maulte Mads.

»Wir gehen ja schon nach Hause«, sagte sie. »Bestimmt ist Lara längst da.«

Sie wünschte jetzt, Thomas und sie wären weniger konsequent, was die Computer- und Handy-Abstinenz ihrer Kinder betraf. Dann könnte sie Lara anrufen, die Sache klären, und alles wäre gut.

Zu Hause angekommen, schnappte sich Sophie als Erstes Laras Klassenliste und suchte nach Mias Nummer. Mia Höffner, Wagau.

»Wo ist Lara? Wollen wir nicht gleich essen?«, fragte Thomas, der schon den Abendbrottisch deckte.

»Sie war nicht im Bus«, sagte Sophie knapp.

»Wie jetzt, nicht im Bus?«

Sophie deutete auf das Telefon und wandte sich von ihm ab. Es meldete sich gerade jemand. Zwei Minuten später drehte Sophie sich mit aschfahlem Gesicht zu ihrem Mann um. »Mias Mutter sagt, dass Lara um kurz vor sechs Uhr das Haus verlassen hat, um zur Bushaltestelle zu gehen.«

»Was? Und nun?«, fragte er.

»Lara muss den Bus wohl verpasst haben. Vielleicht war es ihr unangenehm, und sie hat sich deshalb zu Fuß auf den Heimweg gemacht?«

»Von Wagau?«

»Oder es hat sie jemand mitgenommen?« Sophie wollte nicht in diese Richtung denken. »Einer der Nachbarn«, schob sie schnell hinterher. Sie sah die Angst in Thomas’ Gesicht. Bis eben hatte sie sich noch halbwegs einreden können, dass sie nur gluckenhaft und übertrieben besorgt reagierte. Thomas’ offensichtliche Aufregung war die Bestätigung, dass ihr innerer Aufruhr berechtigt war.

»Ich fahr sofort los«, sagte er. »Es gibt ja nur eine Straße von Wagau nach Grotenhagen.«

»Außer dem Weg durch den Wald.«

»Unsinn«, erwiderte er. »Bleib du hier bei Mads! Und ruf mich sofort an, wenn Lara in der Zwischenzeit kommt!« Er presste die Lippen zusammen und verließ den Raum.

3. Kapitel

Die aufgeheizte Luft stand in den Straßen und Höfen der Lübecker Innenstadt. Es roch nach Abgasen, warmem Asphalt, einen Hauch süßlich nach Müll und … Sonnenmilch. Pia hatte alle Fenster ihrer Altbauwohnung in der Adlerstraße aufgerissen. Noch war nicht mit einer Abkühlung zu rechnen, doch später am Abend würde die Nähe zum Wasser für eine frische Brise sorgen – hoffte sie. Im Moment drangen jedoch der Verkehrslärm der Fackenburger Allee und Stimmengewirr von der Eisdiele an der Ecke zu ihnen herauf. Vor dem Kiosk ein Stück weiter hatten sich bei dem schönen Wetter ein paar Nachbarn zu einem abendlichen Bier versammelt und lachten über irgendwas.

Pia und ihr Freund Lars saßen am Küchentisch, auf dem noch die Reste des Abendbrots standen. Keiner von ihnen hatte Lust abzuräumen. Keiner hatte Lust, sich über die Maßen zu bewegen. Nur Pias Sohn Felix hatte sich schon wieder tatendurstig in den Flur verzogen, wo er mithilfe von Bauklötzen, Legosteinen und schließlich allen greifbaren Baumaterialen wie Büchern, Schuhen und Klopapierrollen eine Rennpiste für seine Autos baute.

»Sehe ich das richtig? Baut er aus meinen neuen Laufschuhen eine Straßenbegrenzung?«, fragte Pia.

»Mehr Sicherheit im Autosport. Joggingschuhe federn so schön. Oder wolltest du gleich noch laufen gehen?«

»Radfahren steht auf meinem Trainingsplan«, gab Pia träge zurück.

»Der Wille zählt«, sagte er.

»Ja. Ich fühle mich schon viel fitter, seit ich den ausgetüftelten Trainingsplan ausgedruckt und an die Kühlschranktür gehängt habe.«

Pia hatte sich gleich nach der Arbeit umgezogen. Sie trug nun ein Trägerkleid und hatte die nackten Füße auf die Fensterbank gelegt. In dem Moment, in dem sie ihre Arbeitsklamotten nicht gegen Sportsachen, sondern ein luftiges Fähnchen getauscht hatte, war die Entscheidung, heute Abend faul zu sein, definitiv gefallen.

Lars erhob sich mit der beunruhigenden, katzenhaften Geschmeidigkeit, die im Kontrast zu seiner Körperlänge und den sichtbaren Muskeln stand. Er öffnete den Kühlschrank. »Jetzt stoßen wir aber auf deine berufliche Zukunft an«, sagte er. »Wo ist der Champagner?«

»Ich hab nicht einmal Sekt da. Ich wollte noch welchen kaufen, doch dann … hab ich es vergessen«, schloss sie lahm.

»Du vergisst, dass du Kriminalhauptkommissarin geworden bist? Mensch, Pia! Etwas mehr Enthusiasmus bitte angesichts der Tatsache, dass du eine weitere Stufe auf der Karriereleiter erklommen hast.«

»Ich nehm sowieso lieber ein Bier, wenn noch kaltes da ist.«

Lars kam mit den Flaschen zurück an den Tisch. Es machte zweimal »plopp«, und sie stießen die beschlagenen Bierflaschen gegeneinander.

»Auf dich! Was wünscht man sich bei der Polizei? Allzeit gut Schuss und ’ne Kugel im Bein?«

»Die Kugel wünscht man wohl eher einem anderen.« Pia hielt sich die Flasche gegen die Wange.

»Jemand Speziellem?« Lars lehnte sich auf dem Stuhl zurück, so weit es die hinter ihm befindliche Küchenzeile erlaubte. Er betrachtete müßig Pias Beine, die im warmen Abendlicht schimmerten, und strich mit seiner Linken ihr Schienbein hinunter bis zu ihrem Knöchel.

»Du weißt doch, dass ausgerechnet Manfred Rist den Posten als Leiter des K1 übernommen hat. Ich dachte, die Zusammenarbeit würde mit der Zeit schon besser werden. Aber momentan sieht es nicht nach einer Besserung aus.«

»Kann er dir denn schaden? Ich meine, du hast doch Rückhalt in eurem Team. Du kannst Erfolge vorweisen.«

»Ja. Und genau das nimmt er mir übel. Solange er nur offen feindselig ist und hier und da eine Bemerkung fallen lässt, kann ich damit leben. Aber ich weiß nicht, was er hinter meinem Rücken gerade ausheckt. Ich habe das dumme Gefühl, dass er irgendetwas plant.«

»Meinst du nicht, dass dein Kollege Broders oder einer der anderen dich dann warnen würden?«

Pia zuckte mit den Schultern. »Wenn sie es rechtzeitig mitbekommen. Außerdem: Broders warnt mich andauernd, doch es nützt ja nichts. Ich will im K1 bleiben, und Rist will das auch.«

»Vielleicht solltest du auch mal nach links und nach rechts schauen. Beruflich, meine ich.« Der Blick, mit dem Lars sie dabei bedachte, verursachte Pia ein Kribbeln auf der Haut.

»Wie meinst du das?«

Lars strich einen Tropfen von seiner Bierflasche. »Es gibt verschiedene Wege, um zum Ziel zu kommen.«

»Ich will aber nichts anderes machen.« Lars wusste doch, wie viel ihr Beruf ihr bedeutete.

»Ich weiß. Doch ich sehe auch, wie sehr dir das alles manchmal zusetzt.«

»Ich dachte, wir wollten feiern.«

»Schon okay.« Er hatte wieder diesen Gesichtsausdruck, den sie nicht ergründen konnte. War es wirklich okay für ihn, oder war es nur ein Aufschub der Diskussion? Wie gut kannte sie ihn? Wie gut kannte sie die wenigen Menschen, die sie so nah an sich heranließ, dass sie sie mühelos verletzen konnten, wirklich?

Felix ließ einen Monstertruck in die Küche fahren und umkurvte die Tischbeine, während er lautes Motorbrummen imitierte.

Lars legte die Hand wieder auf Pias Fußgelenk. »Vergiss es einfach.« Er lächelte ein wenig reumütig.

Die Sache mit Rist machte sie anscheinend gerade überempfindlich. Sie seufzte. »Ich glaube, es ist langsam Zeit fürs Bett«, wandte Pia sich an Felix.

»Aber die Sonne scheint noch«, protestierte Felix.

»Du willst doch morgen im Kindergarten fit sein?«

»Nö.«

»Dort habt ihr bestimmt viel mehr Platz und viel mehr Autos, um damit zu spielen«, sagte Lars.

Felix stand auf und presste sein Spielzeugauto an sich. Er schüttelte den Kopf.

»Komm, wir fahren den Truck jetzt in die Garage«, schlug Pia vor. »Dann ist morgen auch noch genug Benzin im Tank.«

»Nein, wir müssen vorher noch tanken!«, kam es prompt von ihrem Sohn.

»Okay, das müssen wir. Im Badezimmer ist die Tankstelle.«

»Er hat so gar keine Lust auf den Kindergarten«, sagte Pia, als sie Felix ins Bett gebracht hatte.

»Aber er hat ihn doch mit dir zusammen ausgesucht.«

»Da war das alles ja auch noch weit weg.«

»Das klappt morgen schon. Wenn es ihm einmal dort gefallen hat, wird es ihm auch wieder gefallen.«

Pia seufzte. »Ich hab damals aber die ganze Zeit danebengehockt. Und außerdem …«

Lars hatte sein Bier ausgetrunken und sah sie erwartungsvoll an. »Ja?«

»Außerdem hatte ich Felix da mit einem anschließenden Besuch in dem Restaurant mit dem großen M bestochen«, gab sie zu.

»Fast Food. Böse Mama! Aber Felix packt das. Er hat in den letzten Wochen einen riesigen Entwicklungsschub gemacht.«

»Ich hoffe, ich packe das. Zum richtigen Zeitpunkt zu gehen, meine ich. Er klammert manchmal noch ziemlich an mir. Zum Glück ist es auf der Dienststelle gerade eher ruhig.« Sie klopfte dreimal auf die Fensterbank.

»Das Klammern ist doch normal – bei kleinen Jungs.« Lars zog Pia näher zu sich heran. »Auch bei großen. Ich möchte mich morgens im Bett am liebsten auch an dir festklammern.« Pia stand jetzt direkt vor ihm, und er legte die Hände in ihre Kniekehlen. »Nur mein erwachsener Verstand und meine Selbstachtung halten mich davon ab, das auch zu tun.« Seine Finger fuhren langsam die Rückseite ihrer Beine hinauf unter das Kleid. Pia atmete tief ein und sah dann zum Fenster.

»Wollen wir ins Schlafzimmer gehen?« Lars zupfte an ihrem Slip. Sie trat noch einen Schritt näher zu ihm.

»Hier kann keiner reinschauen … glaube ich.«

Sophie betrachtete ihre Küche, die ihr an diesem Abend vertraut und doch fremd vorkam. Sie hatte Mads etwas zu essen gemacht und ihn mit den Schnittchen, den Gurkenscheiben und Tomatenschnitzen sowie einem Glas Milch vor den Fernseher gesetzt. Sophie hatte eine Biene Maja-DVD eingelegt, damit er nicht mit dem Quatsch berieselt wurde, der sonst so im Fernsehen lief. Das gab ihr eine halbe Stunde.

Mads war ein liebes Kind, das beinahe alles aß und selten Probleme machte. Lara war in seinem Alter viel schwieriger gewesen. Introvertiert, empfindsam, und gleichzeitig hatte sie zu Trotzanfällen geneigt. Aber jetzt, mit elf Jahren, war doch alles viel besser geworden, oder? Es passte überhaupt nicht zu ihrer Tochter, dass sie unzuverlässig war und sich nicht an Absprachen hielt. Sophie hätte erwartet, dass Lara zu Mia zurückging, wenn sie den letzten Bus verpasst hatte. Dass sie von dort ihre Eltern anrief. Dass sie Bescheid sagte!

Sie suchte nach einem Vorfall, einem unbedachten Wortwechsel, einem verstörenden Ereignis, das in den letzten Tagen stattgefunden hatte. Irgendetwas, das Laras Verhalten erklärte.

Hatte sie etwa den Streit zwischen Thomas und ihr mit angehört? Das war gestern gewesen. Gegen Mittag im Stall. Erst war es nur um den Hofladen gegangen und darum, dass sie sich nicht genügend von Thomas unterstützt fühlte. Ein Wort hatte das andere ergeben. Sie hatte ihm vorgeworfen, dass er sich wohl überhaupt nicht mehr für sie und ihre Angelegenheiten interessiere. Er hatte gekontert, dass seine Frau viel zu oft nicht auffindbar sei. Wo sie sich denn immer rumtreibe? Und dass es dann kein Wunder sei, wenn sie ihre Arbeit nicht allein schaffte … »Mama sagt auch, die Leute im Dorf reden schon über uns«, hatte er noch hinzugefügt.

Da war Sophie idiotischerweise in Tränen ausgebrochen und hatte ihm gedroht, sich die Kinder zu schnappen und zu gehen. Wie hatte sie das nur sagen können? Sophie hatte keine Ahnung, ob man sie auf dem Hofplatz oder anderswo gehört hatte. Was, wenn Lara da schon zu Hause gewesen war und es zufällig mitbekommen hatte? Das wäre gar nicht gut. Als Sophie zurück ins Haus gekommen war, aufgewühlt und mit verweintem Gesicht, hatte Lara jedenfalls schon in der Küche über ihren Hausaufgaben gesessen. Die letzte Unterrichtsstunde war ausgefallen. Doch Lara hatte sich nichts anmerken lassen. Sophie war zu dem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass das Mädchen den heftigen Wortwechsel zwischen den Eltern nicht mitbekommen hatte. Weil es einfacher gewesen war, als nachzufragen. Doch es war zumindest möglich, dass Lara in den Stall gekommen war und gehört hatte, was Thomas und sie sich alles an den Kopf geworfen hatten, und dann still und heimlich wieder gegangen war. Lara war sensibel. Sie hasste es, wenn ihre Eltern sich stritten. Und trotzdem – deswegen nicht nach Hause zu kommen, das passte einfach nicht zu Lara.

War sie vielleicht in Wagau noch zu einer anderen Freundin gegangen, um etwas für die Schule zu holen oder einem Mitschüler die Hausaufgaben zu bringen? Hatte sie dabei die Zeit vergessen? Sophie fiel keine andere harmlose Erklärung für Laras Verspätung ein. So musste es einfach sein. Sie ging in Gedanken die möglichen Freundinnen durch. Sie würde bei allen anrufen. Egal, was die Eltern der Mädchen dann denken mochten. Sie nahm das Telefon, Laras Klassenliste und ihr privates Telefonbuch zur Hand und wählte.

Den sechsten Anruf in Folge beendete sie mit vor Angst zittriger Stimme. Die Haustür klappte. Sophie lauschte mit angehaltenem Atem.

Eilige Schritte in der Diele, dann stand Thomas mit verzerrtem Gesicht in der Tür. »Ist Lara hier?«

Sophie schüttelte den Kopf. Ihr sank das Herz.

»Bei mir auch nichts«, sagte er. »Ich bin die Strecke zwischen Wagau und unserem Hof zweimal abgefahren. Mias Vater hat mit dem Fahrrad den Weg durch den Wald überprüft. Keine Spur von Lara.«

»Das kann doch nicht sein!«

»Ich rufe jetzt die Polizei an, Sophie.«

»Meinst du, die unternehmen schon was? Lara ist gerade mal eine Stunde überfällig.«

»Na und? Meine Tochter ist nicht da, obwohl sie da sein sollte. Die müssen was unternehmen, ansonsten werden die mich kennenlernen.«

4. Kapitel

Pia brachte Felix um acht Uhr in den Kindergarten. Sie hatte sich für seinen ersten Tag dort extra freigenommen, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.

Zunächst sah alles gut aus. Auf dem Weg dorthin plapperte Felix fröhlich vor sich hin. Als sie die Tür zum Kindergarten aufstießen und der Lärm von mindestens hundert Kindern zu hören war, blieb Felix abrupt stehen.

»Du bist in der ›Häschen-Gruppe‹. Erinnerst du dich, wo wir lang müssen?«, fragte Pia.

Felix schüttelte den Kopf.

»Komm, wir schauen mal, wo wir das Schild mit dem Häschen finden. Da war doch so ein Bild an der Tür.«

Sie nahm ihn an der Hand. Pia spürte seinen inneren Widerstand, als sie mit ihm zwischen den vielen Eltern und Kindern hindurchging. Die meisten hängten gerade ihre Jacke und ihren Rucksack auf; die Kinder tobten herum, zogen ihre Hausschuhe an oder warfen sie durch den Gang. Pia wich einem winzigen Filzschuh aus, der knapp an ihrer Schulter vorbeiflog. Mütter redeten auf ihre Kinder ein oder unterhielten sich miteinander. Erzieherinnen begrüßten Neuankömmlinge oder mahnten zur Ruhe. Im Vergleich zu diesem Tohuwabohu war es bei der Tagesmutter still wie in einem Shaolin-Tempel gewesen.

»Sind wir hier richtig?« Pia deutete auf das Schild an der Tür zur »Häschen-Gruppe«.

Felix betrachtete gleichgültig das Bild eines kleinen albern grinsenden Hasen, der einen Bund Möhren vor der Nase hatte, und nickte stumm. Sein Gesicht sagte: Mama, was soll der Mist?

Zugegeben, »Monstertruck-Truppe« wäre der attraktivere Name für Felix’ Gruppe gewesen.

Dani, die Erzieherin, begrüßte Felix überschwänglich und nahm ihn mit in den Raum, in dem er im kommenden Jahr viel Zeit verbringen sollte. Dani hatte bei ihrem letzten Termin mit Pia besprochen, dass sie sich ruhig und ohne viel Aufhebens von Felix verabschieden und dann gleich gehen solle. Zur Sicherheit gebe es ja Mobiltelefone. Felix schien jedoch den Braten zu riechen, denn als es so weit war, hielt er sich an Pia fest und brüllte nach Leibeskräften. Der verabredete Notfallplan kam zum Einsatz: Pia würde die nächste halbe Stunde noch bleiben. Sie sollte still in der Ecke sitzen und dabei nicht mit ihm spielen oder ihn unterhalten, bis Felix sich akklimatisiert hatte.

Es dauerte eine Dreiviertelstunde – inzwischen hatte Pia vom Sitzen auf dem Ministuhl schon Rückenschmerzen –, bis Felix sich von ihr löste und sich ein wenig umsah. Irgendwann war seine Neugierde größer als die Scheu, und er schlenderte zur Auto-Ecke und sah einem Jungen zu, der selbstvergessen mit einem Trecker spielte. Felix nahm einen Schaufelbagger aus der Kiste, und die Jungen kurvten mit ihren Fahrzeugen einträchtig umeinander herum, ohne ein Wort zu sagen. Unter Vierradfreunden bedurfte es nicht vieler Worte, um sich zu verstehen.

Pia beobachtete das Spiel eine Weile. Als Felix einmal zu ihr herübersah, winkte sie ihm und deutete an, dass sie nun gehen würde. Es schien für ihn in Ordnung zu sein. Als sie die Tür des Gruppenraums hinter sich schloss, atmete sie tief durch.

Ein durchdringendes Brüllen ertönte. Mist! Dani hatte sie beschworen, in diesem Fall keineswegs zurückzukommen, sonst würde Felix das als kleinen Sieg verbuchen und immer wieder so reagieren. Die Erzieherin wusste sicherlich, wovon sie sprach. Als Pia das Gebäude verließ, fühlte sie sich wie eine Verräterin.

»Ein elfjähriges Mädchen, Lara Eibholz, ist gestern Abend auf dem Nachhauseweg von einer Freundin verschwunden.« Manfred Rist hielt sich nicht mit langen Vorreden auf. Er hatte seine Leute im Besprechungsraum versammelt, knapp eine halbe Stunde, nachdem die Nachricht von dem vermissten Kind bei ihm eingegangen war. »Das K11 ist zurzeit aufgrund einiger Krankheitsfälle unterbesetzt. Alle hier heute Anwesenden gehören ab sofort der Ermittlungsgruppe ›Lara‹ an. Wir arbeiten mit den Kollegen vom K11 zusammen.« Er suchte Blickkontakt zu jedem Einzelnen von ihnen. »Die Eltern haben gestern eine Stunde nach dem Ausbleiben ihres Kindes das zuständige Polizeirevier informiert. Wenn es sich um eine Entführung handelt, bleibt dem vermissten Mädchen nicht viel Zeit.«

»Gibt es Hinweise auf eine Entführung?«, fragte Broders.

»Bisher nicht. Es sind keine Lösegeldforderungen eingegangen, und die Eltern oder andere Verwandte des Kindes sind auch nicht außergewöhnlich wohlhabend.«

»Was ist bisher unternommen worden?« Pia war als Letzte in den Besprechungsraum gekommen. Ihr Kollege Heinz Broders hatte sie angerufen, als sie auf dem Weg vom Kindergarten zum Supermarkt gewesen war. Der Wocheneinkauf musste warten. Wenn etwas Wichtiges anlag, Gefahr für Leib und Leben bestand, war es bei der Polizei irrelevant, ob einer der Mitarbeiter zufällig dienstfrei hatte oder nicht.

»Da es sich um ein elfjähriges Kind handelt, das seinen gewohnten Lebenskreis verlassen hat, haben die Kollegen vor Ort gestern sofort reagiert. Es gab unter anderem schon eine erste Suchaktion in der näheren Umgebung sowie die üblichen Maßnahmen wie die Nachfrage bei Freunden und Verwandten des Kindes. Ohne Erfolg. Von Lara Eibholz fehlt auch jetzt, fünfzehn Stunden nach ihrem Verschwinden, jede Spur.«

»Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir es mit einer Ausreißerin zu tun haben?«, wollte Pias Kollegin Juliane Timmermann wissen.

»Die Eltern halten diese Möglichkeit für höchst unwahrscheinlich. Lara ist erst elf Jahre alt, und sie hat nach ihren Angaben auch keine Probleme in der Schule oder in ihrem Elternhaus. Es ist, wie es bisher aussieht, auch kein Fall von Kindesentziehung.«

Bleiben ein Unfall oder ein Verbrechen, dachte Pia. Die schlimmstmöglichen Varianten.

»Polizeihauptmeister Roland Maurer ist unser Ansprechpartner vor Ort«, sagte Rist. »Er hat gestern die erste Suchaktion geleitet. Unter anderem die Durchsuchung des Gebietes zwischen dem Elternhaus und dem Ort, an dem das Kind zuletzt gesehen wurde. Die Eltern des Mädchens haben einen landwirtschaftlichen Betrieb. Das ist ein weites Feld zum Suchen – viele gefährliche Ecken für Kinder.«

»Wo wohnen Laras Eltern?«