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Martina Violetta Jung

ICH KANN SO NICHT MEHR ARBEITEN!

FREUDE UND SINN
STATT SEELENINFARKT

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Der Großfamilie meines Herzens

eBook-Ausgabe

© 2011 Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, Berlin · München

Umschlaggestaltung und Motiv: David Hauptmann,

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz: Fotosatz Amann, Aichstetten

Konvertierung: Brockhaus/Commission

ePub-ISBN: 978-3-942166-74-4

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist

urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der

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und einzuhalten.

INHALT

SO MACHT DAS KEINEN SPASS MEHR …

WIE SICH DIE BERUFLICHE REALITÄT OFT ANFÜHLT

»Deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht, was nah vor deinen Augen steht.«

Herman Hesse

Die Frage ist nicht, ob wir etwas begreifen, die Frage ist nur, wann und wie weh es bis dahin tut. In meiner Zeit als junge Wirtschaftsanwältin lernte ich Eduard kennen, einen von zwei geschäftsführenden Gesellschaftern eines mittelständischen Unternehmens, das weltweit Abfüllanlagen konzipierte und installierte. Einige Jahre später hörte ich, dass das Unternehmen Insolvenz anmelden musste. Daraufhin verlor Eduard mit 56 Jahren große Teile seines Vermögens, sein Ansehen als Kaufmann, seine Familie und seine Gesundheit. Vor Kurzem sind wir uns erneut begegnetet. Eduard sieht sich heute mit Mitte sechzig gezwungen, als Fremdgeschäftsführer zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

»Hätte ich doch schon vor Jahren angefangen, zu tun, was mir guttut«, sagte er mit traurigem Blick. »Ich habe viel Schönes erlebt. Aber wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, habe ich immer nur die Erwartungen anderer erfüllt. Solange das Geld floss, stellte ich mein Treiben nicht infrage. Ich tauschte mein Leben für Geld, Gut und Ansehen ein. Was würde ich darum geben, noch einmal von vorn beginnen und bei allem, was ich tue, ich selbst sein zu können!«

Eduard scheint seine Chancen vertan zu haben. Jedenfalls bleibt ihm nicht mehr allzu viel Zeit, um nachzuholen, was ihm beruflich entgangen ist. Eduard bedauert rückblickend nur das, was er nicht gewagt hat.

Hans-Günther befand sich in einer anderen beruflichen Situation, als es an ihm zu nagen begann und er das erste Mal das Gespräch mit mir suchte. Hans-Günther, Ende vierzig, ist für den weltweiten Verkauf der Produkte eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens verantwortlich. Er hat eine klare Vorstellung davon, was Erfolg ist. Etwas leisten, sichtbar sein, bewundert werden, etwas gestalten, die Richtung vorgeben und wohlhabend sein. Seine Umgebung liest seinen Erfolg an dem ab, was er erreicht hat: sein Direktorentitel, sein Firmenwagen, sein prächtiges Haus, seine Vielflieger-Karten, die Events, zu denen er eingeladen wird, seine internationalen Geschäftskontakte, seine Harley, die Orte, in die er geschäftlich reisen und das Business dirigieren kann. »Wo ich bin«, sagt Hans-Günther regelmäßig stolz, »da ist vorn.« Er bestimme, wo für ihn und andere die Messlatte liege. Die gesellschaftliche Anerkennung und die Annehmlichkeiten, die seine Position mit sich bringe, vermittelten ihm das Gefühl, Spaß bei seiner Arbeit zu haben. Trotz all der Plackerei, der endlosen Stunden im Dauereinsatz, meist sieben Tage die Woche, der vielen einsamen Momente in immer wechselnden Hotelzimmern und trotz der regelmäßig wiederkehrenden Gefechte zur Erhaltung seiner Macht, gehe er davon aus, ein beneidenswertes Berufsleben zu führen. Zugegeben, er habe keine Zeit für seine Frau und die beiden Kinder, für Freundschaften aus alten Zeiten und für ein Hobby schon gar nicht. Aber das ergehe allen auf seinem beruflichen Level so. Das müsse man als notwendiges Übel in Kauf nehmen.

Hans-Günther bezeichnet sich als Realist. Die allermeisten Menschen in unseren Unternehmen, so sagt er, sorgten erst einmal für sich selbst, denn es sei nicht genug für alle da und da müsse man sehen, wo man bleibt. Man müsse hart arbeiten, um besser zu sein als die anderen, rennen, machen, tun und kämpfen, um seine Ziele zu erreichen. Menschen aus seinem Arbeitsumfeld beschreiben Hans-Günther als selbstbewusst, energisch, freundlich und verbindlich, aber innerlich distanziert und gefühlskalt. Irgendwie unnahbar. Wo er keine eigenen Interessen zu verteidigen habe, engagiere er sich nicht. Stattdessen kommentiere er in epischer Breite, was bei den Kollegen und der Konkurrenz schieflaufe, um sich auf diese Weise selbst darzustellen. Dieses Feedback seiner Kollegen hält Hans-Günther für richtig, auch wenn es ihn schmerzt.

Hans-Günther konsumiert seit Jahren Tabletten und Alkohol, um Schmerzen, Schlafstörungen, Ohrengeräusche, Nervosität und dauerhafte Unruhe im Körper zum Schweigen zu bringen. All das soll um Himmels willen nicht auffallen. Schwäche zu zeigen oder zuzugeben, dass man verwundbar oder gar krank ist, wäre der Anfang vom Ende der Karriere. Beruflich, sagt Hans-Günther, sei er gezwungen, mit Kunden zu essen und zu trinken, und zwar regelmäßig und viel. Das werde erwartet. Dass er dabei weit mehr als nötig in sich hineinstopfe und einige Kilos zu viel auf die Waage bringe, sei akzeptiert. Berufskrankheit sozusagen. Die ständige Fliegerei treibe seinen Blutdruck in die Höhe, sagt sein Internist, und jeder Jetlag störe den Biorhythmus des Körpers empfindlich. Er brauche sich also nicht zu wundern, wenn die Leistungsfähigkeit seines bewegungsfaulen Körpers stetig abnehme, seine biologische Uhr schneller ticke, als sein Lebensalter es aussage, und er ein deutlich erhöhtes Risiko trage, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu bekommen oder an Diabetes zu erkranken.

Hans-Günther befindet sich seit dieser ärztlichen Warnung in einer Art innerem Alarmzustand. Er weiß nicht, wie er aus dem Hamsterrad aussteigen oder zumindest auf andere Weise arbeiten kann, ohne seinen Selbstwert, sein gutes Einkommen und sein Ansehen zu verlieren. Also macht er erst einmal weiter wie bisher. Mulmig sei ihm dabei schon. Ein vierzigjähriger Kollege, Vater von drei kleinen Kindern, tolle Frau und traumhaftes Haus in bester Lage, habe vor Kurzem einen schweren Schlaganfall erlitten. Halbseitig gelähmt verbringe er nun den Rest seines Lebens im Rollstuhl in einem Pflegeheim. Das habe ihn schon schockiert und ihm gezeigt, dass es auch ihn jederzeit treffen könne. Und um ganz ehrlich zu sein, mache ihm seine Arbeit auch schon seit einiger Zeit keinen rechten Spaß mehr. Die Marktbedingungen seien mit den Jahren immer härter, brutaler und unmenschlicher geworden. Fressen oder gefressen werden. Als Verkäufer müsse man stets auf der Hut sein, sagt er. Selbst auf jahrelange Beziehungen zu Kunden sei kein Verlass mehr in diesem mörderischen Verdrängungskampf.

Warum tue ich mir diese Arbeit überhaupt noch an? Warum mache ich nicht etwas, das mir guttut? Wer gibt mir endlich den Spaß an der Arbeit zurück? So viele Menschen stellen sich diese Fragen. Daran schließt sich die noch schwierigere nächste Frage an: »Was würde ich am liebsten tun, wenn ich angenehm davon leben könnte?« Ihnen geht es wahrscheinlich ähnlich. Sonst hätten Sie dieses Buch nicht in die Hand genommen oder es von jemandem in die Hand gedrückt bekommen.

Zwingen Sie sich schon länger aus finanzieller Notwendigkeit zu einer Arbeit, die Ihnen keinen Spaß mehr macht, Energie raubt oder deren Sinn Sie nicht mehr erkennen? Fehlt Ihnen die Perspektive, stockt Ihre Karriere oder ist sie sogar unerwartet zu einem Ende gekommen? Klemmt es, hakt es, tut es körperlich, geistig oder seelisch weh? Hat Arbeiten einen ernsten und leidvollen Beigeschmack erhalten? Verteidigen Sie eine erworbene Position, Verantwortungsbereiche, eine Hierarchiestufe oder einen erarbeiteten Status mit aller Hartnäckigkeit? Halten Sie nur irgendwie bis zur Rente durch? Zwingen Sie sich mit Disziplin, Ihre Arbeit zu erledigen? Opfern Sie sich auf? Machen Sie gute Miene zu einem bösen Spiel, in dem Sie sich ausgebeutet fühlen, aber aus dem es kein Entkommen zu geben scheint? Denken Sie tief in Ihrem Innersten »Ihr könnt mich alle mal« und warten darauf, dass ein Wunder geschieht?

Ein lieber Freund schenkte mir das Buch 1000 Glücksmomente des Unternehmers Florian Langenscheidt. Das Buch listet eintausend Momente auf, für die es sich nach Meinung des Autors zu leben lohnt und von denen man lange zehren kann. Als ich das Buch las, öffnete sich mein Herz und Erinnerungen strömten durch meinen Körper, Bilder aus meinem eigenen Leben. Es fühlte sich an wie eine warme, wohltuende Welle, belebend und beruhigend zugleich. Mit allergrößtem Wohlwollen habe ich unter den 1000 Glücksmomenten nur achtzehn gefunden, die mit Beruf und Arbeit zu tun haben oder haben könnten, darunter beispielsweise: »Lob vom Chef«, »die lang erwartete Beförderung bekommen«, »eine ordentliche Gehaltserhöhung« und »bei einer wichtigen Ausschreibung vor harter Konkurrenz den Zuschlag bekommen«. Alle haben damit zu tun, dass sich in der Außenwelt etwas ereignet, das ein kurzfristiges Gefühl des Wohlbefindens auslöst. Es gibt unter den achtzehn genannten beruflichen Glückmomenten nur drei, die sich auf den eigentlichen Inhalt der Arbeit beziehen. Lassen Sie das bitte mal eben sacken. Ein Buch über Glücksmomente und drei von tausend haben mit dem Inhalt der Arbeit zu tun. Wie sähe Ihre Bilanz aus?

Die meisten Menschen, die ich im Laufe meiner Berufstätigkeit kennengelernt habe, verbringen rund ein Drittel ihrer Zeit bei der Arbeit, seien sie nun angestellte Fachkräfte, Experten oder Manager, Unternehmer, selbstständige Gewerbetreibende oder Freiberufler. Sie arbeiten zwischen fünfzig und achtzig Stunden die Woche. Selbst wer als Angestellter offiziell nur eine begrenzte Anzahl von Stunden arbeiten muss, bringt häufig sehr viel mehr Einsatz. Von der Zeit, die wir auf dem Weg zum Arbeitsplatz oder Einsatzort, zu Besprechungen oder Veranstaltungen verbringen, will ich hier gar nicht reden. Rechnen Sie einmal nach. Eine Woche hat 168 Stunden. Wie viele dieser Stunden verbringen Sie mit Ihrer Arbeit und dem, was zu ihrer Ausführung nötig ist? Wer viel in seine Arbeit investiert, sollte auch viele Glücksmomente und viel Herzerwärmendes aus ihr schöpfen können. Finden Sie nicht auch?

Mit diesem Buch will ich Ihnen einen Weg aufzeigen, wie das gelingen kann. Freuen Sie sich auf verblüffende Gesetzmäßigkeiten, wissenschaftliche Erkenntnisse und jahrtausendealte Weisheitslehren aus der ganzen Welt sowie praktische Anleitungen für Ihren eigenen Weg. Gewürzt ist das Ganze mit inspirierenden Geschichten über die Berufswege prominenter und bisher noch unbekannter Leistungsträger.

Es bedurfte vieler Jahre, um all dies zusammenzutragen, zu durchschauen, Verknüpfungen zu erkennen und Erkenntnisse umzusetzen. Es gab kein Buch, das mir den Weg hätte weisen können. Meine Ausbildung und mein Berufsleben waren viele Jahre lang geprägt davon, dass ich zähneknirschend durchhielt und mich selbst verleugnete, dass ich mir alles abverlangte und Autoritäten glaubte, die es angeblich besser wussten, dass ich meine Ideale und Überzeugungen enttäuscht sah, dass ich die heftigen Konsequenzen zu spüren bekam, die all das für mein Privatleben hatte, dass ich meine Emotionen unterdrückte, obwohl eine undefinierbare Unzufriedenheit über den eigenen Berufsweg an mir nagte, und dass ich immer wieder aus mir unerträglich erscheinenden Situationen flüchtete.

MEIN WEG

VON ÜBERZEUGUNGEN UND STOLPERSTEINEN

»In bin mein Himmel und meine Hölle.«

Friedrich Schiller

»Sie sind nicht ehrlich sich selbst gegenüber, aber Ihr Körper ist es. Deshalb gebietet er Ihnen nun Einhalt «, sagte die ganzheitlich arbeitende Internistin, die es auf sich nahm, mich im Alter von zweiunddreißig Jahren gesundheitlich aus dem größten Tal meines Berufslebens zu führen. Mithilfe der traditionellen chinesischen Medizin brachte sie innerhalb von vier Wochen wieder Energie und Lebenskraft in meinen Körper. So merkte in der Anwaltskanzlei niemand, dass mein Körper den Dienst verweigert hatte, weil ich dort eigentlich nicht hingehörte. Meine Behandlung bestand aus fast täglichen, anfangs extrem schmerzhaften Akupunkturbehandlungen, widerwärtig schmeckendem Tee aus schrecklich aussehenden, übel riechenden Zutaten, viel Schlafen und Ausruhen.

Als ich nach drei Wochen wieder ansprechbar war und sich meine Körperfunktionen zu normalisieren begannen, gab mir die Ärztin eine unmissverständliche Botschaft mit auf den Weg: »Lassen Sie den Anwaltsberuf los. Ihr Talent sind Menschen, nicht intellektuelle Konstruktionen.« Wie kam sie dazu, so etwas zu sagen? Konnte ich mich so in mir selbst getäuscht haben? Meine Erfolge sprachen doch für sich, oder etwa nicht? Womit sollte ich mein Geld verdienen? Was würden mein Chef und meine Familie sagen? Ich fühlte mich in meiner Existenz und in meinem Selbstwert bedroht. Innerlich wusste ich, dass sie recht hatte, aber es tat schrecklich weh, mir das einzugestehen. Und ich hatte absolut keine Vorstellung, was nun kommen sollte.

Angefangen hatte mein Berufsweg im zarten Alter von fünfzehn Jahren. Mein ursprünglicher Wunsch, Richterin zu werden, entsprang einer zutiefst inspirierenden Begegnung mit einem Richter am Landgericht Wuppertal. Er unterrichtete in der zehnten Klasse unserer Schule Rechtskunde. Dieser Mann hatte einen Funken in mir entzündet. Er ging seinem Beruf aus innerer Überzeugung nach und geleitet von dem Gedanken, dass selbst der kleinste Beitrag zur Gerechtigkeit einen Unterschied machen kann. Das dachte ich jedenfalls und es verleitete mich dazu, anzunehmen, dass Rechtsprechung bedeute, für Gerechtigkeit zu sorgen. Spontan und voller Überzeugung verkündete ich meiner Mutter, dass ich das Abitur machen und anschließend Jura studieren wolle. Noch hatte ich keinen Schimmer davon, was mir das außer Schulwechsel und Studium abverlangen würde und ob es überhaupt zu mir passte. Ich war damals nur felsenfest davon überzeugt, dass alle Richter so dachten und handelten wie mein Lehrer vom Landgericht. Wie er wollte auch ich meinen Beitrag zur Gerechtigkeit leisten. Ich wusste, dass ich auf dem Weg dorthin auf mich allein gestellt sein würde. Meine Eltern waren in den Kriegswirren nicht über die neunte Volksschulklasse und eine Lehre hinausgekommen. Sie konnten mich weder beim Abitur noch im Jurastudium unterstützen. Ich musste alles selbst organisieren und finanzieren. Doch ich hatte mein Ziel deutlich vor Augen. An Hindernisse und mögliche emotionale Nöte verschwendete ich keinen einzigen Gedanken. Ich agierte kindlich naiv und suchte so lange den geeigneten Weg, bis ich ihn gefunden hatte.

Nach dem Abitur begannen meine durch eine logisch-analytische Ausbildung geprägten Lehr- und Wanderjahre: Studium der Rechtswissenschaften nebst Promotion in Passau, Münster und Wuhan (VR China), Praktikum in Belfast, Rechtsreferendariat in Münster mit Ausbildungsstationen in Hamm, Hamburg und Hongkong, anschließend Tätigkeit als Wirtschaftsanwältin.

Während meiner Ausbildungsjahre zur Volljuristin zeigten sich Risse im Idealbild von Recht und Gerechtigkeit aus den Tagen meines Rechtskundeunterrichts. Obwohl es nicht zu übersehen war, wollte ich es nicht wahrhaben. Das Studium empfand ich als trocken, zäh, wenig lebensnah und vor allem nicht den Menschen dienend. Hier wurden von Professoren, die teilweise sämtliche Details dessen, was in den Prüfungen abgefragt werden sollte, aus einem Manuskripttext ablasen und dies als Vorlesung bezeichneten, mit allen Feinheiten vertraute angehende Richter herangezüchtet. Das hatte für mich keine fühl- und nachvollziehbare Verbindung zum Alltag. Kurzum, ich fand mich hier nicht wieder. Diszipliniert und innerlich angespannt absolvierte ich das Studium nach dem Motto: »Beende, was du begonnen hast.« Eine Stelle als studentische Hilfskraft und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin meines Doktorvaters an einem international ausgerichteten Forschungsinstitut für Wirtschaftsrecht in Münster eröffneten mir während der Ausbildung indes neue Horizonte.

In meinem Doktorvater entdeckte ich einen gebildeten, bescheidenen und fokussiert arbeitenden Menschen, der sich mit Vorliebe der Praxis und seinen Studenten widmete. Er brachte seine Mitarbeiter frühzeitig mit namhaften Rechtsanwaltskanzleien in Kontakt und verschaffte uns Lehraufträge an Berufsakademien. Von uns erwartete er, dass wir uns mit Fachaufsätzen in einem selbst gewählten Spezialgebiet profilierten. Damals schrieb ich zum ersten Mal gezielt für andere Menschen – Abhandlungen zum chinesischen Außenwirtschaftsrecht für Praktiker – und bekam dafür mein erstes Autorenhonorar. Ein erhebendes Gefühl. In dieser Zeit wandelte sich mein Berufswunsch, bedingt und inspiriert durch das Umfeld am Institut. Rechtsanwalt in einer großen Wirtschaftskanzlei, das war das Idealbild, das der Professor uns fast täglich vor Augen hielt. Wer sich zum Partner einer international tätigen Wirtschaftskanzlei aufzuschwingen vermochte, hatte es seiner Ansicht nach zu etwas gebracht. Und ich übernahm diese Ansicht.

Zum Berufsweg eines international tätigen Wirtschaftsanwaltes gehörte nach seiner Vorstellung eine Doktorarbeit mit Auslandsaufenthalt und entsprechendem Bezug zu einer ausländischen Rechtsordnung. Während es meine Kollegen nach Nordamerika oder ins europäische Ausland zog, wählte ich die Volksrepublik China. Chinesisch lernte ich während der Semesterferien in einem Sprachinternat. Ich brannte darauf, in eine komplett andere Welt einzutauchen. Eine Welt, in der ich kulturell nichts verstand und nicht verstanden wurde. Meinen Forschungsaufenthalt an der Volksuniversität in Beijing bereitete ich sorgsam vor. Gemeinsam mit meinem Doktorvater knüpfte ich Kontakte zu wichtigen Hochschullehrern und dem Parteifunktionär der dortigen juristischen Fakultät. Doch das Leben hatte etwas anderes mit mir im Sinn.

Die Studentenproteste im Sommer 1989 und das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens machten mein Forschungsprojekt in dieser Stadt unmöglich. Die Chinesen akzeptierten in der Hauptstadt keine Ausländer, die Fragen stellten, nicht einmal wissenschaftliche. Eine Woche vor meiner Abreise nach China teilte der Deutsche Akademische Austauschdienst mir mit, dass ich mich zum Beginn des Studienjahres an der Universität in Wuhan einzufinden habe. Da ich über Beijing einreiste, sah ich die Spuren des mörderischen Kampfes mit eigenen Augen. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens wiesen die Steinplatten noch die schwarz-schmierigen Kettenspuren der Panzer auf, die den Freiheitsdrang der Studenten in Schach gehalten hatten. Die Menschen hatten als sichtbares Zeichen ihrer Gefühlslage einen versteinerten, angstverzerrten Ausdruck im Gesicht. Angesichts dieser gespenstischen Atmosphäre war ich heilfroh, nicht in Beijing bleiben zu müssen.

Wuhan, die damals sechs Millionen Einwohner zählende, lärmende, stickige, brütend heiße und staubige Provinzhauptstadt am Yangtsekiang, liegt mehr als eintausend Kilometer südlich von Beijing. Mir war noch nicht einmal bekannt, dass es dort eine Universität mit einer angesehenen juristischen Fakultät gibt. Zunächst war ich wütend, enttäuscht und fest davon überzeugt, dass aus meiner Doktorarbeit nicht viel werden könne. Die Lebensumstände waren hier zwar weniger bedrohlich als in der Hauptstadt, aber die auf dem Uni-Campus stationierten Soldaten bereiteten mir permanentes Unbehagen, denn sie überwachten zusammen mit den Parteifunktionären alles und jeden rund um die Uhr. Meine Post wurde gelesen und chinesische Studenten, mit denen ich in Kontakt kam, mussten sich Aufpassern gegenüber ausweisen. Das ließ mich zögern, selbst auf sie zuzugehen, denn ich wollte sie nicht noch zusätzlich in Gefahr bringen. Alle meine Schritte wurden aufmerksam verfolgt, selbst wenn ich nur irgendwo hinging, um etwas Essbares zu organisieren. Und in der Tat ging es oft einfach nur um die Befriedigung ganz banaler Grundbedürfnisse wie Wärme oder Kühle und trinkbares Wasser. Bei minus 15°C im Winter und plus 45°C im Sommer war nichts selbstverständlich.

Mit den Nachwirren des Studentenmassakers und der Alltagshärte vermochte ich mich zu arrangieren. In Wuhan angekommen, beklagte ich weiterhin die scheinbare berufliche Ungerechtigkeit, nicht in Beijing meinem Forschungsprojekt nachgehen zu können. Doch schon bald erwies sich meine Abschiebung nach Wuhan als wundersame Fügung. Denn hier begegnete ich jemandem, der mein Berufsleben und mein Weltbild entscheidend prägen sollte: Professor Han. Ein chinesischer Promotionsstudent, mit dem ich in den ersten Tagen Freundschaft geschlossen hatte, weil er mutig genug gewesen war, auf mich zuzugehen, brachte mich zu ihm nach Hause.

Professor Han betreute mich während meines gesamten Jahres an der Universität und eröffnete mir eine neue Welt des Verstehens. Er war damals zweiundachtzig Jahre alt und gehörte zu den wenigen Chinesen, die mehrere Fremdsprachen beherrschten und im westlichen Ausland studiert und geforscht hatten. Und dennoch hatte er die Wirren der kommunistischen Kulturrevolution überlebt. Aufgrund seiner beruflichen Leistung auf dem Gebiet des internationalen Privatrechts war er auch außerhalb Chinas sehr hoch angesehen. Bei unseren zweiwöchentlichen Gesprächen in seinem Arbeitszimmer hatte ich stets einen fröhlichen, bescheidenen Mann vor mit, etwa eins sechzig groß mit schwarzen, zurückgekämmten Haaren, rechteckiger Hornbrille, weißem Hemd und dunkler Hose. Wir sprachen selten über den Inhalt meiner Doktorarbeit. Er war vielmehr entschlossen, meine Denkmuster zu erweitern, damit ich ganzheitlicher auf mich und die Welt schauen konnte. Professor Han war nämlich der Ansicht, dass ich meine Doktorarbeit meistern würde, sobald ich einen besseren Zugang nicht nur zu mir selbst, sondern auch zu Chinas Eigenheiten und seiner Komplexität gefunden hätte.

Es brauchte einige Zeit, bis ich verstand, was Zugang zu mir selbst bedeutete. Ich sollte erst einmal verstehen, wer ich wirklich bin. Was blieb übrig, wenn ich all die Äußerlichkeiten und Attribute strich, über die ich mich intellektuell definierte? Es war mir peinlich, dass ich darauf keine Antwort parat hatte. Trotz all meiner Ausbildung, über die der ehrwürdige Duft von Kanzlei und Katheder schwebte, kam ich mir vor wie ein Einfaltspinsel.

Fachwissen zu meiner Doktorarbeit stand in Büchern und Aufsätzen, aber die Theorie erwies sich als klitzekleiner Auszug dessen, was wirklich vor sich ging. Mit Professor Han sprach ich über die Volksrepublik China, die Not der Menschen, die hier lebten, ihren bleischweren Berufsalltag und die unvorstellbaren wirtschaftlichen Herausforderungen, die das Land zu bewältigen hatte. Wir redeten über die bedrückende Atmosphäre auf dem Campus, die Schießübungen des aus einfachen Bauernjungen bestehenden Bataillons, die Verhaftungen von Studenten und Professoren, die Angst in den Gesichtern der Menschen, die sich an den Studentenprotesten beteiligt hatten. Wahrscheinlich wurden all unsere Gespräche mitgehört, aber das hielt ihn nicht davon ab, zu sagen, was er für richtig hielt. Er wäre bereit gewesen, für das zu sterben, wovon er überzeugt war. Gleichzeitig schien er sich vor nichts zu fürchten, denn seine Worte flossen so leicht, als führten wir eine schwerelose Plauderei. So jemand war mir in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Entsprechend beeindruckt und überwältigt zeigte ich mich von der inneren Ruhe und Kraft, die dieser schmächtige und bescheiden auftretende Mann ausstrahlte.

Er erzählte mir, wie er sich gefühlt habe, als er seine beruflichen Wünsche einige Jahre lang hatte unterdrücken müssen, um zu überleben. Er beschrieb, wie sich die Hoffnung auf Besserung anfühlte und was es heißt, die volle Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen. Und dann wies er mich auf etwas Fundamentales hin:

Jedes Vorhaben kann gelingen, wenn wir zu unseren Träumen stehen, konkrete Pläne schmieden und die Initiative ergreifen, sobald unsere Intuition uns sagt, dass die Zeit dafür gekommen ist.

Diesen Rat hatte ich damals bitter nötig, denn das Thema einer Doktorarbeit zum chinesischen Außenwirtschaftsrecht entpuppte sich vor Ort als in der Praxis irrelevant. Gelebtes Wirtschaftsrecht steckte in der VR China um 1990 noch in den Kinderschuhen, worüber wir Ausländer uns schnell durch im westlichen Stil formulierte Gesetzestexte hinwegtäuschen ließen. Also erweiterte ich meine Forschungsarbeit kurzerhand um die praktische Komponente. Statt meine Nase weiterhin in Bücher und Aufsätze zu stecken, reiste ich zu einem Gespräch mit einem chinesischen Wirtschaftsanwalt nach Hongkong und versehen mit entsprechenden Empfehlungsschreiben von Professor Han zu Behörden und Unternehmen in den Wirtschaftszentren Chinas. Ich wollte herausfinden, wie die Praxis tatsächlich aussah, auch wenn ich dafür einige Widrigkeiten in Kauf nehmen musste. Mich an der Uni bequem einzurichten, eine Doktorarbeit ohne praktische Relevanz zu verfassen, nein, dafür war mir mein Leben zu kostbar.

Immer wenn ich mit Professor Han über alles sprach, was ich unterwegs erlebt hatte und nicht einzuordnen vermochte, fiel mir auf, dass er Zugang zu einer Weisheit hatte, die mir logisch-analytisch und gradlinig gedrilltem Menschen gänzlich neu und fremd war. Als Jurist war er in der Lage, scharfsinnig zu denken, zu schlussfolgern und zu argumentieren, aber darüber hinaus verstand er auch etwas vom Wesen des Menschen, dem stetigen Wandel in der Welt und von universellen Gesetzmäßigkeiten. Das eine schloss das andere offenbar nicht aus. Erst Jahre später wurde mir klar, dass es das Wissen eines gebildeten Kosmologen war.

Das Wort Kosmologie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Lehre von der Welt. Sie erklärt und ergründet den Ursprung, die Entwicklung und die Struktur des Universums als Ganzes und bezieht dabei auch das ein, was mit unseren fünf Sinnen nicht wahrgenommen werden kann. Zahlreiche Wissenschaften und Wissensgebiete zählen zur Kosmologie. Für Professor Han gehörten quantenphysikalisches und mathematisch-geometrisches Wissen ebenso dazu wie das chinesische I Ging, das Buch der Wandlungen, das erklärt, wie sich die Dinge verändern, sowie das Tao Te-King, Das Buch vom Sinn und Leben, das darlegt, wie alles miteinander verbunden ist.

Professor Han sprach in anschaulichen Bildern über die Ereignisse in seinem Heimatland und forderte mich auf, selbst zu ergründen, zu hinterfragen, aber auch anzunehmen, was sich unerwartet zeigte, und es geschehen zu lassen. Er lehrte mich, meine eigenen Erfahrungen zu sammeln und daraus achtsam Erkenntnisse zu gewinnen, statt sein Wissen einfach zu übernehmen. Er machte mich auf die Unzulänglichkeiten und Schattenseiten der wirtschaftlichen Entwicklung in seiner Heimat aufmerksam, auf Korruption, Miss- und Vetternwirtschaft und den florierenden Schwarzmarkt. Gleichzeitig ermahnte er mich, diese wirtschaftlichen Missstände mit all ihrer Härte und den Widersprüchen nicht zu verurteilen und mich nicht darüber zu beklagen oder durch sie von meinem Weg abbringen zu lassen. Vielmehr sollte ich all dies als Wegweiser zu mir selbst sehen und mutig voranschreiten.

Professor Han hatte während der Kulturrevolution Jahre in einem Arbeitslager auf dem Land verbracht, wo er stumpfsinnige körperliche Arbeit verrichten musste und wenig zu essen bekam. Die Kommunisten hatten alle seine Bücher verbrannt, vor allem die ausländischen Fachbücher, die er wie einen Schatz gehütet hatte. Gleichwohl betrachtete er sich nicht als Opfer. Weder beklagte er sich über verpasste Chancen, noch jammerte er über scheinbar verlorene Jahre und erlittene Ungerechtigkeiten oder nährte Hass, Bitterkeit und Rachegefühle. Professor Han liebte sein Land, sein Volk und den Platz, auf den das Berufsleben ihn gestellt hatte. Vor allem aber gehörte er sich selbst. Er genoss jeden Tag, der ihm einigermaßen gesund vergönnt war, und nutzte seine Zeit, um zu forschen, juristische Fachbücher und Artikel zu schreiben und sich mit jungen Studenten wie mir zu unterhalten. Auf seine ganz eigene Art war er ein subversives Element auf dem Campus. Kein noch so agiler Studentenführer hatte einen ähnlichen Tiefgang. Ich fragte mich damals, ob ich je in der Lage sein würde, so in mir selbst zu ruhen und mein Berufsleben in einen größeren Kontext einzuordnen. Professor Han verriet mir nicht, wann er bei sich selbst angekommen war, wie viele Irrwege er gegangen war, was er erlitten hatte, wann er aufgehört hatte, zu urteilen und sich zu beklagen, und wie oft er auf seinem Weg hatte abbiegen oder umkehren müssen. Erst später verstand ich, warum.

Jeder von uns ist einzigartig und das gilt auch für unseren beruflichen Weg, oder nennen wir es besser Bewusstwerdungsprozess.

Professor Han öffnete mir das Tor zu einem tief gehenden Verständnis der Dinge einen Spaltbreit, ließ mich einen Blick auf die andere Seite werfen und machte mich neugierig. Und ich genoss meine Zeit in China trotz aller Härten und Unbilden.

Mit meiner Rückkehr nach Deutschland verfiel ich allerdings wieder in jenen Stechschritt, der auf rein materiellen Wohlstand zusteuert, in das logisch-analytische Kausaldenken und zielstrebige Handeln um des unmittelbar greifbaren Erfolges und Ansehens willen. Ich nahm mich selbst wieder äußerst wichtig, denn mein berufliches Umfeld bestand nur aus Menschen, die das auch taten. Schmerzlich vermisste ich die Gespräche mit Prof. Han und die Wegweiser, die ich ihnen entnahm. Ich beendete meine Doktorarbeit, die von einem namhaften Verlag veröffentlicht wurde, und schrieb weitere Fachaufsätze. Meine Welt in Deutschland schien von außen betrachtet in Ordnung, das Endergebnis meiner Forschungsarbeit in China gestaltete sich sogar besser als je erträumt. Niemand bemerkte indes, dass ich unter einem Kulturschock litt. Die über Wohlstandsprobleme und Freizeitstress lamentierenden Menschen in meiner Umgebung machten es mir schwer, mich emotional und geistig wieder in Deutschland zurechtzufinden.

Gleichwohl schloss ich meine internationale Ausbildung zur Volljuristin ab. Meine ursprüngliche Motivation, Richterin zu werden, löste sich während meiner Zeit als Rechtsreferendarin vollständig in Luft auf. Ich realisierte, dass meine Ausbilder am Landgericht und Oberlandesgericht sowie bei der Staatsanwaltschaft mehr mit sich selbst beschäftigt waren als mit den Inhalten ihrer Arbeit. Einer sagte mir sogar ins Gesicht, er habe sich für den Staatsdienst entschieden, weil er eine sichere Anstellung bevorzuge. Die Arbeit selbst interessiere ihn nicht. Ich wandte mich verwirrt und verständnislos ab. Mit absoluter Disziplin absolvierte ich diese, aus meiner Sicht dumpfesten drei Jahre meines Berufslebens und machte mein zweites juristisches Staatsexamen.

Dann begann meine Karriere als angestellte Wirtschaftsanwältin für Fusionen und Übernahmen mit Schwerpunkt China bei der Hamburger Sozietät Schön Nolte, die heute zu Latham & Watkins gehört. Ich war überzeugt, bei mir selbst angekommen zu sein. Hier blühe ich auf, dachte ich. Ein Denkfehler, wie sich herausstellen sollte. Ein Hamburger Kaufmann, sagt man scherzhaft, kann jeden Anzug tragen, Hauptsache er ist dunkelblau. Als Wirtschaftsanwalt gilt es bestimmte Verhaltensweisen zu leben, die dieser Farbe entsprechen. Ich bin eher der Frühlingsfarbentyp: bunt, fröhlich und vielfältig. Hier jedoch hatte ich mich auf dunkel, sprich detailliert, strukturiert, sachlich distanziert und perfektionistisch eingelassen. Ich arbeitete gegen mein Wesen an und tappte dabei in vier Fallen. Die erste Falle war mein Bestreben, alles perfekt machen zu wollen. Der Partner, dem ich zuarbeitete, beherrschte diese Disziplin, weil er ein natürliches Talent dafür hatte. Ich beherrschte sie nicht. Die zweite Falle war meine innere Überzeugung, als engagierte Juristin keine andere Wahl zu haben, als mein berufliches Zuhause in einer derart hochleistungsorientierten Umgebung zu suchen. Die dritte Falle bestand darin, dass ich ein unvollständiges Selbstbild aufrechterhielt, in dem Wesen, Talente, Fähigkeiten und Aufgaben einander zum damaligen Zeitpunkt nicht ergänzten. Die vierte und für den folgenden physischen Kollaps wahrscheinlich ausschlaggebende Falle war, auszuharren, keine Alternativen zu bedenken und nicht aktiv nach ihnen zu suchen, obwohl sich etwas in mir wehrte und dem widersetzte, was ich täglich viele Stunden lang tat.

Nach zehn Jahren juristischer Ausbildung kam ich nicht auf den Gedanken, dass ich auch auf eine ganz andere Art und Weise beruflich Spaß haben, erfolgreich sein und Geld verdienen konnte. Wirtschaftsanwalt war schließlich ein krisenfester und angesehener Beruf. Also trachtete ich über die jährlichen Messlatten der Angestellten auf dem Weg hin zum Partner der Kanzlei zu springen, teils mit letzter Energie, teils mit absoluter Disziplin und vielfach auch mit innerem Widerwillen. Ich war immer müde, kaputt und ausgelaugt. Während mein Mann am Wochenende gern etwas mit mir unternehmen wollte, hatte mein Körper nur das Bedürfnis, zu schlafen und auszuruhen. Gleichzeitig schlief ich unruhig, was mir noch mehr Energie raubte. Aber ich realisierte nicht, dass etwas mit mir nicht stimmen könnte, dass dies nicht normal und gesund war. Schließlich waren auch alle meine Kollegen viele Stunden jeden Tag und häufig auch an den Wochenenden vom Beruf vereinnahmt. Alle bezahlten dafür mit einem kaum, einige mit einem gar nicht existierenden Privatleben.

Als Wirtschaftsanwalt bewegte ich mich in einem Umfeld von analytisch und konzeptionell scharfsinnig denkenden Menschen. Mein Talent auf diesem Gebiet ist mittelmäßig ausgeprägt. Wer viel denkt, der denkt nicht automatisch auch analytisch exzellent. Während sich meine Vorgesetzen und Kollegen an fachlichen Fragestellungen begeisterten und darin aufgingen, juristisch und wirtschaftlich exzellente Verträge auszutüfteln und zu verhandeln, standen bei mir der Mandant als Mensch und das Umfeld, in dem die juristische Beratung einen erfolgreichen Beitrag leisten sollte, im Vordergrund. Ich war der Guide durch die chinesische Kultur und ein gänzlich anderes wirtschaftliches Verständnis, aber auch die deutsche Anwältin. Als Exotin unter den Hamburger Anwälten tat ich, was ich für richtig hielt, und schwamm als kleiner Fisch im Teich der großen Hechte irgendwo am Rande mit.

Was niemand sieht, sehen will oder worauf uns zumindest niemand anspricht, ist unser Innenleben.

Martina Violetta litt im Stillen. Martina, was »die Kämpferin« bedeutet, kämpfte mit sich, dem Anwaltsberuf und den Tränen, aber immer heimlich. Ich war hart und unnachgiebig mit mir selbst. Ich zwang mich, mich in juristische Fachgebiete einzuarbeiten, die mich nicht interessierten, und Fachzeitschriften zu lesen, deren Inhalt ich kennen musste, aber nicht kennen wollte. Disziplin ließ mich in der Außenwelt funktionieren und innerlich erstarren. Violetta, was »die Verletzliche« bedeutet, unterdrückte ihre Bedürfnisse und Gefühle, ihre Weiblichkeit und ihre verwundbare Seite. Ich erstarrte zunehmend emotional, denn meine Arbeitswelt war männlich, sachlich, faktisch, zahlenorientiert, dunkel gekleidet, distanziert und weitgehend emotionsneutral. Und ich passte mich an. Von Natur aus fröhlich und optimistisch, wurde meine unverwüstlich gute Laune bald zur perfekten Tarnmaske. Bei all meinen Erfolgen und dem bedingungslosen Einsatz im Beruf hatte ich etwas Wesentliches übersehen.

Niemand vermag dauerhaft und ungestraft sein wahres Wesen zu unterdrücken und sich immer wieder mit Disziplin und Fleiß zu etwas zwingen, was nicht seinem Talent und seinen Fähigkeiten entspricht, ohne ernsthaft Schaden zu nehmen.

Als ich zweiunddreißig Jahre alt war, holte mich der physische Kollaps von einem Tag auf den anderen unsanft aus meinen beruflichen Wolken. Ich wachte eines Morgens auf und mein Körper verweigerte physisch und intellektuell den Dienst. Nieren, Milz und Leber waren genauso in ihrer Funktion gestört wie mein Sonnengeflecht und mein Herzrhythmus. Ich vermochte mich nicht mehr zu konzentrieren, konnte nicht mehr allein aufstehen und mich nicht mehr selbst versorgen. Manchmal packte mich mein Mann vom Bett aufs Sofa vor den Fernseher. Aber ich begriff nicht einmal mehr, was der Nachrichtensprecher erzählte. Es war eine absolut beängstigende Situation. Ich, die immer alles allein geschafft, organisiert und geregelt hatte, war nun völlig hilflos.

Die Freundin, die mich am ersten Tag meines körperlichen Kollapses zu einer ganzheitlich arbeitenden Internistin gefahren hatte, schickte mich gegen Ende der medizinischen Behandlung zu ihrer besten Freundin Christa. Sie sollte mir die Angst vor dem nehmen, was ich nun zu bewältigen hatte, nämlich beruflich einen neuen Anfang zu machen. Christa ist eine in den verschiedensten Branchen erfahrene und hoch sensitive Geschäftsfrau mit dem herzerfrischenden Lachen eines kleinen Kindes und der Weisheit eines Professor Hans. Mit beruflichen Neustarts kannte sie sich bestens aus. Meine Zukunftsangst, so machte Christa mir klar, entsprang der sorgenvollen Gedankenflut in meinem Gehirn. Mehr aber auch nicht. Sie wies mich darauf hin, dass ich in meinem noch jungen Leben schon viele Herausforderungen gemeistert hatte. Nun allerdings war ich zum ersten Mal an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht selbst entschieden hatte, mich in eine bestimmte Richtung zu bewegen.

Unser Körper zwingt uns, innezuhalten, zu reflektieren und uns in eine andere Richtung zu bewegen, obwohl oder gerade weil wir uns davor fürchten.

So hatte ich meine Krise noch nicht betrachtet und schöpfte wieder Hoffnung. Christa empfahl mir, das Buch Gesundheit für Körper und Seele von Louise L. Hay zu lesen, um so das ängstliche Geplapper in meinem Kopf abzustellen, ruhig zu werden und zu mir selbst zu finden. Anschließend würde die Außenwelt schon an mich herantragen, wie es beruflich weitergehe. Aber erst sei es an mir, meine Hausaufgaben zu machen. Zaghaft fasste ich wieder Vertrauen in mich selbst. Noch etwas widerwillig verabschiedete ich mich gedanklich aus der Rolle des vom Schicksal gebeutelten Opfers.

In Windeseile las ich das empfohlene Buch und betrachtete mich darin wie in einem Spiegel. Dann fasste ich auf einem postkartengroßen Notizblock die wesentlichen Aussagen und Affirmationen zusammen, die mich auf den Weg zu mir selbst führen sollten. Affirmationen, so lernte ich, sind positiv formulierte Gedanken, mit denen ich eine bewusste Wandlung meiner gedanklichen Beschränkungen bewirken konnte. Durch ständiges Wiederholen verankerte ich neue Überzeugungen in meinem Denken und Sprechen. Jeden Morgen in der S-Bahn zum Büro und jeden Abend auf dem Weg nach Hause las ich meine Affirmationen wieder und wieder. Um meine Existenz- und Zukunftsängste loszuwerden hatte ich rund zwanzig Sätze aus dem Buch herausgeschrieben und mit selbst entwickelten Affirmationen kombiniert. Es waren einfache Sätze wie: Ich bin willens, mich zu verändern. Ich bin bereit, mir und anderen zu vergeben. Ich schaffe mir ein neues Bewusstsein für Erfolg. Ich lasse das Alte dankbar los. Und: Ich finde meinen neuen Berufsweg mit Leichtigkeit. Die richtigen Gelegenheiten kreuzen meinen Weg. »Nichts Dolles«, werden Sie jetzt denken. In der Tat. Aber es half und war frei von Nebenwirkungen. Ich lernte etwas Wesentliches:

Es ist möglich, sich selbst anzunehmen, wie man wirklich ist, sich zu verzeihen, etwas nicht geschafft zu haben, und zu akzeptieren, dass die Dinge sich anders entwickeln, als man es erwartet hatte.

Die täglichen Affirmationsübungen beruhigten meine ängstlichen Gedanken, öffneten meinen Geist für neue Wege und ließen mich das Vergangene Stück für Stück in Frieden loslassen. Ich lernte in dieser Zeit jeden Tag besser, auf die Signale meines Körpers zu hören, sie zu entschlüsseln und mich entsprechend zu verhalten. So arbeitete ich, nachdem ich vier Wochen körperlichen und seelischen Horror überstanden hatte, zunächst weiter als Anwältin und gab jeden Tag mein Bestes. Es dauerte neun Monate, bis ich meine Ängste beruhigt hatte und zu dem Schluss kam, dass ich mit meiner Leidenschaft für Menschen in ein Wirtschaftsunternehmen überwechseln könnte. Als ich diesen Gedanken nicht nur erwogen, sondern mich auch entschieden hatte, den Schritt zu wagen, und meine Pläne in meinem beruflichen Netzwerk zaghaft erwähnte, ging plötzlich alles wie von selbst. Innerhalb weniger Wochen bot mir die Reederei Hapag-Lloyd, die im internationalen Containerlinienverkehr aktiv ist, pauschal an, die Abteilungen Marketing für Europa zu leiten.

Ohne Vertrag in der Tasche, ja selbst ohne das Gehalt verhandelt zu haben und mit der nur vagen Zusage, nach erfolgreichem Quereinstieg in Hamburg eine Geschäftsführerposition in Asien zu erhalten, kündigte ich und ließ den Anwaltsberuf innerlich befreit hinter mir. Etwas schwer war mir das Herz allerdings schon, denn ich bewundere und schätze den Partner, der mich in die Kanzlei geholt und dort gefördert und gefordert hatte. War es ihm gegenüber fair zu gehen? Tief im Inneren wusste ich, dass ich an der richtigen Kreuzung abgebogen war, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wohin mich mein neuer Weg führen würde.

War dieser Schritt einfach? Nein, ich musste all meinen Mut zusammennehmen, um mich von dem durch meine Ausbildung und Erwartungen vorgezeichneten juristischen Berufsweg zu lösen. Verwundert stellte ich nach nur wenigen Wochen in der Reederei fest:

Es macht viel mehr Spaß, einen den individuellen Stärken und Neigungen entsprechenden Berufsweg zu verfolgen, als einen, der nur vernünftig, logisch, konsequent oder folgerichtig zu sein scheint.

Über die Jahre führte ich weitere Gespräche mit Christa. Sie nahm und nimmt bis heute die Rolle meiner geistigen Ziehmutter ein, ohne dass wir beide das je besprochen haben oder es beabsichtigt war. Die Unterredungen mit ihr brachten mich behutsam zurück an den Punkt, an dem die Gespräche mit Professor Han geendet hatten, und nahmen den Faden wieder auf. Seit dieser Zeit habe ich aus den unterschiedlichsten Quellen Wissen über Menschen, die Wirtschaft und die Welt aufgesaugt wie ein Schwamm das Wasser. Ich habe dieses Wissen gehegt wie einen kostbaren Schatz, es beständig erweitert und in mein Denken, Fühlen und Handeln integriert.

Mit meinem Wechsel ins Management begann die zweite Phase meiner Lehr- und Wanderjahre. Noch immer befand ich mich in einem Umfeld, in dem Logik, Analyse und materieller Erfolg weit über den Menschen, das Gefühl und die Intuition gestellt wurden. Aber hier hatte ich auch die Aufgabe, Menschen zu führen, und damit mehr und mehr die Möglichkeit, den Teil von mir in meine Arbeit einfließen zu lassen, den ich bisher unterdrückt hatte: meine Fähigkeit, Menschen zu helfen, sie selbst zu sein, sich ihren Talenten entsprechend zu entwickeln und Freude an dem zu haben, was sie tun. Nach der Zentralfunktion bei der Reederei in Hamburg übernahm ich Verantwortung als Managing Director von Hapag-Lloyd Belgium NV, als CEO der Ahlers Logistic & Maritime Services NV in Antwerpen sowie als Aufsichtsrätin in international aktiven Transport-, Venture-Capital- und IT-Unternehmen in Belgien und Luxemburg. Es war eine spannende, lehrreiche, menschennahe und dennoch zutiefst frustrierende Zeit. Die Ratio war nach wie vor allem anderen übergeordnet, ein großer Teil der gesamten Wirklichkeit wurde verleugnet, Zahlen und Fakten erschufen eine Welt, in der Menschen leiden mussten und der Marktplatz Wirtschaft zum Schlachtfeld degradiert wurde. Intuitiv spürte ich, dass ich meinem Berufsleben eine weitere Wendung geben musste. Die Zeit als angestellte Managerin war vorbei.

Nun begannen meine Lehr- und Wanderjahre als selbstständiger Leadership & Integration Coach. In diesem neuen Berufsabschnitt begleitete ich Leistungsträger darin, Menschen zu führen, Krisen zu überwinden, ihrem Wesen entsprechend zu arbeiten, Spaß dabei zu haben und ihre Leidenschaften auszuleben. Ich half, Managementteams nach Fusionen und Übernahmen neu zusammenzustellen und zu integrieren. Hier waren meine Begeisterung und mein Talent vereint. Solange die Menschen wirklich mitzogen und ihren Worten auch Taten folgen ließen, genoss ich jede Minute. Am meisten faszinierte mich die Arbeit mit Menschen, die ernsthaft ergründen wollten, wer sie sind und was sie besser können als jeder andere Mensch auf der Welt. Menschen also, die sich damit beruflich konkurrenzlos stellten. Ihnen zu vermitteln, nach welchen universellen und nicht nur ökonomischen Gesetzmäßigkeiten sich Unternehmen, die Wirtschaft und die Welt bewegen und wie sie dieses Wissen zielgerichtet für sich und andere einsetzen können, gab mir enorm viel Energie. Den meisten Menschen, die mir in diesen Jahren begegneten, war es allerdings zu mühevoll, sich selbst infrage zu stellen. Sie gingen lieber weiter gebückt unter der Last einer Arbeit, die ihnen nicht lag oder gefiel, aber momentan noch materielle Sicherheit und Status zu verheißen schien. Als Coach konnte ich den Verdurstenden ein Glas Wasser reichen, aber trinken musste jeder selbst.

Sich von der Außenwelt suggerieren zu lassen, was »man« tun sollte oder müsste, führt stets in die Sackgasse, wenn es nicht mit der eigenen Innenwelt übereinstimmt.

Als Starthelferin einer Neugründung im Immobilienbereich, als Mitinvestorin einer Internet-Plattform und als Partnerin eines Personal-Dienstleistungsunternehmens befand ich mich kurzzeitig auf beruflichen Abwegen. So lernte ich, dass es nicht ohne Blessuren geht, wenn man sich beruflich selbst finden will und dabei auf andere hört. Jeder, der laufen lernt, fällt ein paar Mal hin, bevor er sich sicheren Schrittes bewegt. Doch die Blessuren und Schrammen erwiesen sich als unbedeutend angesichts dessen, was ich verwundert und erstaunt über mich selbst herausfand.

Als Coach lebte ich zum ersten Mal den Großteil meines Wesens aus. Die intensive Arbeit mit den Menschen aus den verschiedensten Berufen, Unternehmen und Ländern begeisterte mich. Getrieben von einem unbändigen Wissensdurst erweiterte ich meinen Werkzeugkasten stetig: Quantenphysik, Kybernetik, Bioenergetik, Neurowissenschaften, Gehirn- und Bewusstseinsforschung, Psychologie, Philosophie, Yoga, Meditation, ganzheitliche Heilmethoden, Spiritualität, Mystik sowie Sprach- und Kulturkenntnisse. In Coaching-Gesprächen gab ich mein Wissen je nach Situation und Bedarf weiter. Weil mich meine Gesprächspartner immer wieder baten, all dies niederzuschreiben, entstand ein monatlicher Newsletter für rund 350 Leistungsträger in ganz Europa, in dem ich, verpackt in kleine Geschichten, Wissen, Weisheiten und Anregungen für den Arbeitsalltag weitergab. Es machte mir enorm viel Freude, die Texte zu verfassen und mich mit den eingehenden Bemerkungen und Kommentaren auseinanderzusetzen.

Meine Texte hielten mir aber auch vor Augen, was ich mir selbst nicht eingestehen wollte.

Wer zu sehr auf den Leistungsmenschen in sich fokussiert ist, vergisst, zu »sein« und sein Wesen zu leben.

Konkret hieß das für mich: Ich hatte mir nicht genug Zeit genommen für die Menschen, die ich liebte, Zeit für meine außerberuflichen Liebhabereien und Freunde, Zeit und Muße, zu reisen, zu schauen, zu staunen und die Welt zu erkunden.

Im Sommer 2008 endete die Beziehung zu meinen Mann als Ehepartner – nach 26 Jahren. Während unseres Urlaubs an der Küste der Normandie brach sich mein verletzlicher Teil in einer zutiefst banalen Situation völlig unerwartet mit einem Sturzbach von Tränen Bahn und ich sagte meinem völlig überraschten Mann, dass ich so nicht mehr weiter könne und wolle. Wir waren über die Jahre stillschweigend voreinander und vor den grundlegenden Konflikten in unserer Beziehung geflüchtet. Keiner konnte das Anderssein des anderen wirklich anerkennen und annehmen. In der Beziehung war jeder von uns innerlich weitergewachsen, allerdings ohne den anderen und allein mit seinen geheimsten Wünschen, Hoffnungen, Träumen, Bedürfnissen und Ängsten. Wir hatten einander nichts vorzuwerfen. Es gab nichts zu verzeihen und nichts zu beklagen, außer unserer jeweils eigenen Unfähigkeit, unsere Seelen vereint zu halten. Zurück in Belgien begannen Monate eines intensiven Dialoges zwischen uns beiden, der alle Ängste und wunden Punkte an die Oberfläche brachte. Wochenlang wussten wir nicht, wie es genau weitergehen sollte. Jeder brauchte seine Zeit, um in seinem eigenen Rhythmus mit dem Schmerz umgehen zu lernen und sich zaghaft daranzumachen, über ein berufliches und privates Leben ohne den anderen nachzudenken. In einem Punkt waren wir uns allerdings einig: Wir wollten alles bewahren, was wir noch gemeinsam hatten, und unsere Ehe liebevoll und dankbar loslassen.

Unerwartetes ereignet sich und wir begreifen oft erst Jahre später, wofür es gut war.