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Hilke Rosenboom • Das falsche Herz des Meeres

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE AUTORIN

 

Foto: © Volker Hinz

Hilke Rosenboom stammt aus einer uralten Seemannsfamilie. Sie verbrachte ihre Kindheit auf den Inseln Juist und Baltrum, studierte in Kiel und besuchte die Journalistenschule in Hamburg. Nach 15 Jahren als Reporterin beim »Stern« und ausgedehnten Reisen in viele Ecken der Welt begann sie, Romane für Kinder und Jugendliche zu schreiben.

 

Weitere lieferbare Bücher von Hilke Rosenboom bei cbj/cbt:

cbj: Die Teeprinzessin (13089)

 

 

Hilke Rosenboom

 

Das falsche Herz
des Meeres

 

 

 

 

 

 

 

cbt – C. Bertelsmann Taschenbuch
Der Taschenbuchverlag für Jugendliche
Verlagsgruppe Random House

 

 

Datenkonvertierung eBook:
Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

 

 

 

 

1. Auflage
Erstmals als cbt Taschenbuch August 2008
Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2006 cbj Verlag, München
Alle Rechte dieser Ausgabe bei cbj/cbt Verlag, München
st · Herstellung: ReD
ISBN 978-3-641-01259-5

 

 

 

 



Im Angedenken an meinen Großvater,
den Seemann Friedrich Rector,
und an meinen Großonkel,
den Kapitän Heinrich Free,
und in inniger Liebe zu den beiden Seemannswitwen,
meiner Großmutter Hilda Rector
und meiner Großtante Gesine Free,
die mich weitgehend großgezogen haben.

Vorrede der Autorin

Abenteuerromane, die zum Teil auf hoher See spielen, bedingen auch Erkundungen in einem Berg von Seemannsgarn und in Berichten der Abkömmlinge von Zeitzeugen, deren Taten oft gute Geschichten ergeben, ohne jedoch der Wahrheit allzu nahe zu sein. In meiner Familie wurden immer Geschichten erzählt: von seefahrenden Urvätern, strandenden Schiffen und Wogen, so hoch wie Berge. Wenn alles stimmte, wäre unser altes Haus auf der Insel mehrfach ein Raub der Wellen geworden, Schwestern von Urahninnen wären auf Nimmerwiedersehen verschleppt worden, Vettern der Vorväter beim Kampf mit Walen ums Leben gekommen, wackere Seeleute hätten Segel im Sturm gesetzt und die Seefahrt trotzdem überlebt, andere hätten der Meeresoberfläche ihre Schätze ansehen können. In meiner Familie wurden leichte Krankheiten mit kaltem Salzwasser vom Strand geheilt, Säuglinge mit Meerwasser getauft, kranken Kindern brachte man Meeresleuchten in einem Wassereimer ans Bett, und die Kunst des Schwimmens durften noch meine Mutter und ihre Cousine niemals erlernen, damit sie es im Falle eines Schiffsunterganges nicht so schwer hätten. Dass wir nur ein- oder zweimal im Monat mit einem Dampfer ans Festland fuhren, spielte dabei keine Rolle.

Beim Entwirren von Massen von Seemannsgarn und bei der korrekten Beschreibung des Lebens und Segelns auf Traditionsschiffen wie der Schwarzen Helena hat mir der eine oder andere Sailor geholfen. Ihrer Geduld ist es mitzuverdanken, dass die Helden dieses Buches ihr Ziel erreichen, nicht nur zu Land, sondern auch zu Wasser, und dass, wie ich hoffe, nun wirklich ein bisschen echte Salzluft zwischen den Zeilen weht. Alle Handlungen der Personen sind frei erfunden, die beschriebenen Manöver auf See sind nicht zur Nachahmung empfohlen, vielleicht funktionieren sie nicht einmal, oder wären zumindest lebensgefährlich. Doch es wäre ein Jammer, sie nicht zu erzählen, nur weil sie aus dem Land der alten Geschichten kommen.

Eine eventuelle Ähnlichkeit mit realen Personen oder ihren Abenteuern ist insofern ebenfalls rein zufällig. Die Schwarze Helena ist niemals zwischen den ostfriesischen Inseln und Rabat gefahren, ein Mädchen mit Namen Leevke Magnussen hat es nicht gegeben, sie hat sich nicht auf den Weg in die weite Welt gemacht und wir wissen auch nichts über ihre Liebe zu Hanrib el Aniil. Das Meer jedoch erzählt seine eigenen Geschichten und es hat seine eigene Wahrheit.

ERSTES BUCH

Die Tochter des Walfängers

Insel Wangerooge
4. Oktober 1854 nachmittags
bis 25. Dezember 1854, nautische Dämmerung

1

In der Nacht hatte der Wind auf West gedreht – ein feuchter Atlantikwind, nicht kalt genug für den Oktober. Der Wind jagte über die kleine Insel und zauste an den letzten Blättern, die noch an den gedrungenen Büschen hingen. Der schmale Weg ins Dorf stand schon jetzt fast unter Wasser. Es war, als ob die Feuchtigkeit von überall her kam, aus dem nassen, weichen Boden, aus der schweren Luft und vom Meer her, auf dem sich schon eine lang gestreckte schwarze Dünung erhob.

Leevke Magnussen stemmte sich gegen den Wind, als sei er ein leichter Gegner, einer, der freiwillig Platz machen würde, wenn sie kam. Sie musste nicht erst in den Himmel mit den dahinjagenden Wolken schauen, um zu sehen, wie sich das Wetter entwickelte. Sie fühlte es mit jeder Faser ihres Körpers. Ein Sturm zog auf. Der Mond nahm zu. Noch zwei Stunden, dann würde die Flut auflaufen, und das würde den Sturm noch weiter anschwellen lassen.

Aber dann hätte es die Mutter auch etwas leichter mit dem kleinen Bruder von Leevke, den sie heute zur Welt bringen würde. Leevke selbst war auch während eines schweren Sturmes und bei auflaufendem Wasser geboren worden, das hatte ihr die Mutter immer wieder erzählt. Genau wie Ebba, ihre kleine Schwester, das zweite Kind der Eheleute Magnussen. An die Geburt von Ebba in der Weihnachtsnacht vor acht Jahren konnte Leevke sich noch gut erinnern. Der Vater war mitten in der Nacht mit der Viktoria ans Festland gesegelt und zwölf Stunden später mit Eis im Bart und dem verfrorenen Doktor im Schlepptau zurückgekehrt. Doch als die Männer im Haus angekommen waren, hatte Leevke schon mit ihrer in einen festen wollenen Puck gewickelten Schwester im Arm vor dem Ofen gesessen und ihr ein Lied vorgesungen.

Leevke seufzte, als sie an die kleine Ebba dachte, und ein Eisenring schien sich um ihr Herz zu legen. Ebbas schlimmes Bein, wie sie es nannten, schmerzte bei einem Wetter wie diesem. Wahrscheinlich würde das blonde Mädchen niemals richtig laufen lernen. Wenn Ebba doch wenigstens gern lesen würde. Leevke fand, dass es ganz leicht war, alles um sich herum zu vergessen, wenn man mit einem der dicken Naturkundebücher des Vaters vor dem Kachelofen im Hörnstuhl saß oder die schweren bunten Seiten der Folianten umblätterte. Afrika, Asien, Amerika, der Vater hatte als Kapitän die ganze Welt bereist und er war bis vor zwei Jahren als Kommandeur eines holländischen Walfängers in jedem Frühling ins Nordmeer aufgebrochen. Er galt als der bärbeißigste und unnachgiebigste unter den Walfängern an der Küste, wurde wegen seiner Klugheit und Erfahrung jedoch überall gerühmt. Nur seiner Familie gegenüber ließ er vieles durchgehen und konnte seiner Frau und den beiden Töchtern fast gar keinen Wunsch abschlagen.

Leevke kniff die Augen zusammen und ließ den Blick über die feuchten Hellerwiesen schweifen, die die Siedler dem Meer abgetrotzt hatten.

Sie zog das dicke, warme Wolltuch fester um die Schultern. Vielleicht hätte sie die Ziegen doch schon am Morgen von der Weide holen sollen, so wie der Vater es gesagt hatte. Andererseits durfte sie das Geld für die Ziegenmilch und für den zarten weißen Käse, den sie daraus machten, selbst behalten, für ihre Aussteuer. Und Ziegenmilch wurde nun mal fetter, wenn die Tiere noch die weichen, salzgetränkten Pflanzen fressen durften, die zu Beginn des Herbstes zwischen den Brackwassergräben des Vorlandes wuchsen.

Leevkes weiten, mit blauen Blumen bestickten Winterrock hatte die Mutter ihr genäht. Die immer und immer wieder weich gekämmte weiße Wolle für ihren Pullover stammte von ihren eigenen Schafen. Nur die ungebändigten langen Haare passten nicht zu dem Bild einer wohlhabenden und stolzen Kapitänstochter. Leevke fuhr sich mit einer schnellen Bewegung über den Kopf und riss das Samtband herunter, das rutschte, wohin es wollte. Die wütend aufspringenden rötlichen Locken führten wohl ein Eigenleben. Sie fielen auf ihre schmalen Schultern und kringelten sich über ihrem Schal.

Warum durfte sie bei einem aufziehenden Unwetter keinen pechgetränkten Mantel tragen, so wie die Männer auf dem Schiff des Vaters? Warum machte er letztlich doch immer einen Unterschied zwischen Willem und Simon, den Söhnen seines Steuermanns Kattrepel, und Leevke, seiner eigenen Tochter? Konnte sie nicht genauso gut arbeiten wie die Jungen? Oder war sie etwa ungeschickter mit der Viktoria? Wenn die wüssten, wie oft Kapitän Magnussen seiner Tochter schon das Ruder des schweren Schiffes übergeben hatte, wenn sie außer Sichtweite der Insel waren.

»Suchst du deine Ziegen? Die haben sich bestimmt in die Kuhle geflüchtet!«

Leevke fuhr herum, als sie die Jungenstimme hörte, und blickte in das frische rötliche Gesicht von Willem, dem älteren der beiden Kattrepel-Brüder. »Hab dich gar nicht kommen gehört.«

Willem grinste sie an. »Weil du in Gedanken bist. Wie sieht es bei euch zu Hause aus? Ist deine Mutter... Ich meine, wie geht es ihr?« Das Lächeln auf seinen sommersprossigen Wangen erstarb.

Leevke zuckte mit den Schultern, um ihre Befangenheit zu verbergen. »Weiß nicht. Sie haben mich schon heute Mittag weggeschickt. Ich war die ganze Zeit bei Johanna. Ich denke, dass es meiner Mutter gut geht. Frau Ingwersen hat gesagt, dass es beim dritten Kind immer ganz leicht geht.« Sie spürte selbst, dass sie redete wie ein Blinder über Farben. »Sonst hätte ich auch schon was gehört«, schloss sie und schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals bildete. Natürlich hatte sie Angst um die Mutter. Wenn sie doch nur nach ihr sehen dürfte. Aber das hatte die Ingwersen ihr heute Morgen schon verboten. »Nächstes Jahr«, hatte sie gesagt, »wenn du fünfzehn bist, da musst du sogar mal mithelfen, wenn hier wieder ein Lüttje geboren wird, damit du später selbst nicht überrascht bist, wenn du auch mal ein Kind bekommst.«

Leevke hatte das Gefühl, dass Gedanken dieser Art in der Gegenwart eines sechzehnjährigen Jungen mehr als unschicklich waren. Vor allem wenn er sie so ansah wie jetzt. Seine Art, sie anzublicken, hatte sich seit einiger Zeit verändert, das war Leevke schon mehrfach aufgefallen. »Hilfst du mir jetzt mit den Ziegen oder willst du hier festwachsen?«, fragte sie und gab Willem mit der Hand einen Stups auf den Arm.

Willem biss sich auf die Lippe. »Zwei oder drei habe ich unten beim Dorfteich gesehen. Sie spüren, dass ein Unwetter aufzieht!«

»Tatsächlich?« Leevke schenkte ihm ihren abfälligsten Blick. »Wie klug du bist!«

Für gewöhnlich knuffte Willem sie, wenn sie ihn so neckte. Oder er zog sie an den Haaren. Wenn sie im Spätsommer zusammen mit dem Muschelschiff aufs Wattenmeer hinausfuhren, spritzte er ihr Wasser aus der Pütt ins Gesicht, wenn sie ihn zu sehr ärgerte. Einmal hatten sie so gerauft, dass beide fast über Bord gegangen wären.

Doch jetzt verzog Willem keine Miene. Er bewegte sich nicht einmal. Er starrte aufs Wasser hinaus in Richtung des kleinen Hafens. Leevke folgte widerwillig seinem Blick.

Als größtes Schiff der Insel lag die Viktoria wie immer an der hölzernen Mole. Sie war wegen des aufziehenden Sturmes fest vertäut. Das sah Leevke nicht, das wusste sie. Doch nun schien sich die Viktoria langsam vom Molenkopf zu lösen. Einen Augenblick später wurde die Sturmfock hochgezogen und das schwere dunkle Schiff drehte sich leicht wie eine Feder in den Wind.

Der Wind briste auf und schickte einen kalten, fast waagerecht herniedergehenden Regen. Leevke war im selben Augenblick durchnässt. »Siehst du ihn, Willem?« Sie hatte die Hand über die Augen gelegt und versuchte, unter nassen Wimpern zu erkennen, ob es ihr Vater war, der mit der Viktoria losfuhr.

Willem nickte und ergriff ihren Arm. »Ich kann ihn nicht erkennen, aber ich weiß, dass nur er es sein kann. Niemand anders als er würde bei dem Wetter lossegeln.«

Leevke spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. »Er holt Hilfe vom Festland«, sagte sie leise. »Für meine Mutter.«

Als sie bei dem weißen Kapitänshaus ankamen, in dem Leevke ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, waren beide außer Atem und bis auf die Haut durchnässt. Willem hatte ihr auf der Hälfte des Weges seinen schweren schwarzen Seemannsmantel um die Schultern gelegt. Aber der hatte sich nur mit Wasser voll gesogen und war nun innen genauso nass wie außen.

Rund um das Haus herum herrschte bedrohliches Schweigen. Nicht einmal der Hund kam Leevke freudig bellend entgegen wie sonst immer. Bootsmann lag winselnd unter der hölzernen Außentreppe und hob nicht einmal seinen Kopf, als Leevke näher kam.

Willem wollte ihren Arm nehmen, als sie den dämmrigen langen Flur betraten, aber sie schüttelte ihn nur ab. Haltung, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Und eine andere sagte, nun hast du alles verloren.

Frau Ingwersen kam eben aus der Stube, in der sie schon in der Nacht ein Lager für die Mutter zurechtgemacht hatten. Trotz des schummrigen Lichtes sah Leevke, dass die Augen der herben alten Frau mit Tränen gefüllt waren. Im Arm trug sie ein kleines Bündel, das in eine weiße Decke eingeschlagen war. Leevke streckte die Hand aus und zuckte im selben Augenblick zurück.

»Sie hat ihn mit sich genommen«, stieß Frau Ingwersen mit erstickter Stimme hervor. »Es ist eben erst passiert. Sie hat ihn noch gesehen und mit einer Träne getauft, dann sind sie gegangen. Beide. Mutter und Sohn.« Die alte Frau beugte den Kopf und drängte sich mit dem Bündel an Leevke vorbei. »Ich habe die Wiege schon ins Kapitänszimmer gebracht. Wenn dein Vater zurückkommt, soll er den Jungen wenigstens einmal sehen.«

Leevke Magnussen stand im Flur ihres Elternhauses und stellte fest, dass die Zeit nicht stehen blieb und dass die Welt nicht unterging. Es war schlimmer.

2

Bis zu diesem Tag war das Leben von Leevke Magnussen sehr regelmäßig verlaufen, so regelmäßig, dass es ihr manchmal schon zu eintönig vorkam, verlässlich und ruhig wie das Ticken der mit Walen, Seehunden und Meeresungeheuern bemalten Pendeluhr, die der Vater als junger Mann aus Norwegen mitgebracht hatte und die jetzt in seinem Zimmer neben dem dicken braunen Friesensofa stand.

Als sehr kleines Mädchen hatte Leevke die stillen Nachmittage geliebt, in denen sie auf dem chinesischen Fußhocker im Kapitänszimmer saß und den Geschichten ihres Vaters lauschte, während die Mutter ihnen lächelnd zusah. Aber in letzter Zeit fragte sie sich immer öfter, ob sie nicht auch selbst einmal die fernen Länder bereisen könnte, von denen der Vater immer erzählte. Oder ob sie wenigstens ein einziges Mal eine Fahrt ans Festland machen könnte. In Bremerhaven, auf der anderen Seite des Wassers, legten die riesigen Segler an, die sie auch manchmal vom Strand aus beobachten konnte, wenn sie Kurs auf Amerika genommen hatten.

Seit der Vater nicht mehr in jedem Februar als Kommandeur auf einem der Amsterdamer Walfänger anheuerte und zu Beginn des Winters mit aufgerissenen Händen und scheinbar immer blaueren Augen zurückkehrte, führten sie ein beschauliches Leben. Magnussen trank nicht, so wie die anderen Seeleute das oft taten, und er sehnte sich auch nicht fortwährend nach seiner Zeit auf hoher See zurück. Er war mit seinen mehr als fünfzig Jahren ein recht alter Familienvater, und er wollte das Leben in seinem schmucken Häuschen und mit seiner kleinen Familie genießen, bevor die Gicht ihn ereilte oder irgendeine der anderen Krankheiten ehemaliger Seemänner.

Martin Magnussen hatte es mit Mut und Kraft und mit einer Reihe von besonderen Fähigkeiten zu einem gewissen Ruhm an der Küste und zu beachtlichem Wohlstand gebracht. Noch immer erzählten sich die Seeleute von Föhr bis Amsterdam von seiner Gabe, die Oberfläche des Meeres zu lesen, um Heringsschwärme, Wale, Schiffswracks oder gefährliche Untiefen zu erkennen. Und es verging kein Weihnachten, an dem nicht ein Brief von einem der Amsterdamer Reeder kam, der Magnussen noch einmal das Kommando auf einem Walfänger anbieten wollte.

Da er nun einmal keinen Sohn hatte, war Magnussen bemüht gewesen, einen Teil seiner Kunst an Leevke weiterzugeben. Oder war es doch eine Begabung, etwas, was man überhaupt nicht erlernen konnte? Wenn die Inselkinder in den letzten Sommertagen den Strand absuchten, um zu sehen, ob nicht einer der Sommerfrischler hier ein Geldstück verloren hatte, kam Leevke stets mit der größten Ausbeute zurück. Ihren Freunden erklärte sie immer, dass sie sich einfach vorstellte, wo genau ein Pfennig im Sand verschüttet war. Und dass es dann ganz leicht war, ihn auch zu finden. Wenn ihr Vater das hörte, brach er jedes Mal in so lautes Gelächter aus, dass sein ergrauender Bart zu wippen begann.

Magnussen musste nicht mehr zur See fahren und sich in Gefahr begeben, um Frau und Töchter zu ernähren und ihnen über Brot und Butter hinaus ein paar Annehmlichkeiten zu verschaffen. Es war ihnen immer gut gegangen und besonders Leevke nannte schon mehr Granatschmuck ihr Eigen als manche der älteren Frauen des Dorfes. Ihre Freundin Johanna bewunderte sie dafür so sehr, dass ihr buchstäblich die Spucke wegblieb, wenn die Mädchen gemeinsam über der kleinen Samtschatulle in Leevkes Zimmer saßen und sich die Anhänger aus Walknochen, die rot funkelnde Brosche oder die silberne Haarspange ansahen, die einst Leevkes Großmutter gehört hatte. Am schönsten aber war das Meeresherz, ein Gegenstand, von dem außer Johanna fast niemand auf der Insel etwas wusste. Der Vater hatte das herzförmige und kinderfaustgroße Bernsteinstück von seiner letzten Reise mitgebracht, nachdem er es in Spitzbergen einem baltischen Schiffsarzt abgekauft hatte. Es war wunderschön. In den klaren braunen Stein mit der Form eines Herzens war eine zarte, bis in alle Ewigkeit erstarrte Fliege eingeschlossen.

Angeblich besaß das Meeresherz heilende Kräfte, weswegen mancher dafür riesige Summen zu zahlen bereit war. Und es erfüllte den Menschen bisweilen auch ihre Wünsche. »Deine Mutter glaubt nicht daran, deswegen schenke ich es dir. Es soll dich beschützen«, hatte der Vater am Tag ihrer Konfirmation zu Leevke gesagt. »Und vielleicht führt es dich noch mal dahin, wohin du wirklich willst. Aber erzähle besser niemandem davon, dass du es hast. Ich möchte nicht, dass du eines Tages ein Speckmesser im Rücken hast, weil jemand das Meeresherz nötiger braucht als du!«

Neben dem Schmuck und den vielen kleinen Gegenständen aus geschnitztem Walbein, die der Vater immer von seinen Reisen mitgebracht hatte, durfte Leevke eine anständige Mitgift erwarten, wenn sie eines Tages einen der infrage kommenden Söhne der Insel heiraten würde. Oder würde sie gar einen der holländischen Kaufleute nehmen, die alle paar Monate auf der Insel vorbeischauten? Oder einen der bleichen Söhne der vereinzelten »besseren Leute« aus den Städten am Festland, die hier ihre Sommerfrische verbrachten, weil sie die gute Luft schätzten?

»Von unseren Jungs hier möchte man ja keinem wünschen, dass er sich mal mit dir abquälen muss«, sagte Frau Ingwersen immer, wenn Leevke wieder einmal die Zeit vergessen hatte, weil sie mit der Nase in einem Buch steckte. Oder wenn sie die Wäsche im Regen auf der Bleiche hatte liegen lassen, weil der Vater mit ihr in seinem Kapitänszimmer saß und seiner ältesten Tochter die Grundlagen des Englischen beibrachte, der Sprache der Seeleute.

Hauptsache, sie verliebte sich nicht eines Tages in einen Walfänger. Darauf hatte Leevkes Mutter immer bestanden. Denn die Frauen von Walfängern mussten fast das ganze Jahr lang alleine auskommen und lebten immer in Angst um ihre Männer. Rike Magnussen war während der langen Jahre, in denen sie auf ihren Mann wartete und ihre Sorgen in Berge voller bunter Tischdecken, Tücher und Gardinen einstickte, zu einer zarten, fast schon durchsichtigen Frau geworden, deren braune Augen tief in den Höhlen lagen. Es war eigenartig, dass sie bei einer so leichten Tätigkeit wie der Handarbeit ihre ganzen Kräfte verschlissen hatte. Nun reichten sie kaum mehr für ein müdes Lächeln oder einen leisen Seufzer, wenn Leevke laut rufend durchs Haus stürmte, um ihrem Hund einen Ball abzujagen.

Leevke liebte es, frühmorgens aufzuwachen, obwohl sie niemals die Erste war, die im Kapitänshaus munter wurde. Meist kündigte ein Hauch von Pfeifenduft an, dass der Vater schon in seinem Zimmer saß und in einem seiner dicken Bücher schmökerte. Wenn die ersten Sonnenstrahlen Leevkes Nase kitzelten, roch sie auch schon den Tee, den Frau Ingwersen frisch aufgebrüht hatte, damit Leevkes Mutter nicht in der Kälte aufstehen musste. Die Frau des Hauses und die kleine Ebba bekamen den Tee sogar ans Bett serviert. Leevke jedoch hielt es morgens so lange gar nicht in ihrem kleinen Zimmer mit den blau lackierten Wänden aus. Als Erstes musste sie morgens immer an die Luft, egal ob es stürmte oder schneite oder ob ein schneidender Wind ums Haus zog.

Als Leevke an diesem Oktobermorgen erwachte, war es still im Haus. Jemand hatte das Pendel der Uhr angehalten. Sie erinnerte sich, wie Frau Ingwersen sie am Abend zuvor gezwungen hatte, die beiden Spiegel mit schwarzen Tüchern zu verhängen, weil dies die Aufgabe des ältesten Verwandten eines Toten war. »Aber Papa kommt doch nachher vom Festland zurück«, hatte Leevke geflüstert. »Er kann das doch tun!«

Frau Ingwersen hatte ihr nur kurz übers Haar gestrichen und dann den Kopf geschüttelt. »Du musst jetzt tapfer sein, Kind.«

Draußen schlug der Regen ans Fenster, der Sturm war abgeflaut, aber der Wind hatte gedreht, und es schien kälter geworden zu sein. Leevkes weißes Leinenkissen mit dem geschwungenen Monogramm war nass geweint, das dicke Federbett lastete schwer auf ihr. Hatte sie vielleicht doch alles nur geträumt? Oder war wirklich ein Unglück über die Familie hereingebrochen? Und was war das für ein Geräusch?

Draußen graute ein kalter Morgen. Sie hatte Mühe, in dem dämmrigen Raum etwas zu erkennen. Die Tür zum Flur war nur angelehnt, doch auch von dort drang kein Lichtschein hinein, nichts. Da hörte sie wieder ein leises Schluchzen. Auf dem gehäkelten Bettvorleger lag eine kleine zusammengekauerte Gestalt.

»Ebba! Was machst du denn hier?« Leevke streckte die Arme aus und zog die kleine Schwester vorsichtig zu sich ins Bett. Leicht und fein wie ein Vogel war das kleine Mädchen, aber auch kalt wie der Regen draußen und fast genauso nass. Ihre langen blonden Haare waren verfilzt von Tränen. Das weiße Nachthemdchen, das die Mutter mit weißen Hasen und kleinen blauen Blütenblättern bestickt hatte, war klamm und verschwitzt. Das Kind schluchzte.

»Wie bist du hierher gekommen? Den ganzen Weg gekrochen?« Leevke fühlte, wie eine Woge von Liebe und Mitgefühl sie erfasste.

Ebba nickte und kauerte sich dichter an Leevke, die ein bisschen zur Seite rückte und das Federbett enger um ihre kleine Schwester schlang. »Ich will aber nicht, dass sie tot sind, Mama und der kleine Kerli. Und wo ist Papa? Frau Ingwersen hat gesagt, dass er wiederkommt, wenn der Sturm aufhört, aber nun hat er fast aufgehört, und er ist immer noch nicht wieder da!«

»Psst, ganz ruhig!« Leevke drückte die kleine Schwester an sich. »Du weißt doch, dass du nicht auf dem Boden im Flur herumrutschen sollst, es könnten sich Spleiße von den Dielen in deine Beine bohren, und dann kann sich die Wunde entzünden und dann... So lange, bis du eines Tages alleine laufen kannst, musst du uns rufen, wenn du etwas willst, hörst du?« Leevke hörte ihre eigene Stimme und fand sie unwirklich und fern. Aber die kleine Ebba nickte treuherzig und drückte sich näher an ihre große Schwester.

Leevke streichelte die zarte Stirn des kleinen Mädchens und strich ihr die Haare hinters Ohr, so wie die Mutter das immer getan hatte. Trotz ihrer fast acht Jahre war Ebba so zart und klein wie eine Vierjährige. Vom Nebenraum drang jetzt leises Gemurmel zu ihnen herüber. Die Nachbarinnen wechselten sich mit der Totenwache bei Rike Magnussen ab. Leevke hörte die Stimmen der beiden ältlichen Issing-Schwestern, schneidend und kalt, obwohl sie sich offenbar wenigstens Mühe gaben, nicht so laut zu reden wie sonst. Die Issings, zwei unverheiratete Schwestern und ein lediger Bruder, der es zum Inselvogt gebracht hatte, waren ihre nächsten Nachbarn. Trotzdem hatte Leevkes Mutter keinen nahen Umgang mit ihnen gepflegt. Man grüßte sich und half sich gegenseitig, wenn es sich gehörte, einander zu helfen. Ansonsten ging man einander möglichst aus dem Weg. Beide Issing-Schwestern galten als raffgierig. Diese Eigenschaft hatten sie zwar auch mit anderen Insulanern gemein, aber die Issings waren die Einzigen, denen es nicht einmal peinlich war, wenn sie sich beim Abendmahl in der Kirche vordrängelten. Oder wenn sie der uralten Almamöh ihre Hilfe aufdrängten und dafür deren Schafweiden im Osten der Insel überschrieben haben wollten. Gottlos hatte Leevkes Mutter die beiden stets gefunden.

Außerdem erkannte Leevke die warme, ruhige Stimme der Pastorsfrau. Sinje Saathoff war eine Zugereiste vom Festland, genau wie ihre Mutter es gewesen war, und sie spielte auch genauso gut Klavier. Die beiden dunkleren Stimmen waren die der Kaufmannsfrau Melchior und die Stimme von Frau Kattrepel, der Mutter von Willem und Simon. Sie waren jetzt auf dem Flur stehen geblieben, genau vor Leevkes Zimmertür.

»Wird wohl wirklich besser sein, wenn sie heute Nachmittag noch beerdigt werden«, flüsterte Anna Melchior. »Der Wind hat auf Ost gedreht. Wenn wir noch Eis und Schnee kriegen...«

»Und es ist auch für die Deerns besser, wenn die Toten schnell aus dem Haus kommen, sie sind ja ganz alleine hier«, antwortete Lisa Kattrepel.

Die brüchige Stimme, die sich nun zu Wort meldete, gehörte Metamöh, der Großmutter von Leevkes bester Freundin Johanna, einer Seemannswaisen. »Wenn der kleine Junge nicht getauft ist, kann er aber nicht mit in ihren Sarg, das bringt Unglück, sonst kriegen wir hier wieder eine große Flut!«

»Er ist notgetauft, das reicht. Und sie kriegt ihn in den Arm gelegt, so gehört sich das!«, wurde Metamöh nun von Frau Ingwersen beschieden, die als Haushälterin der Magnussens und als Hebamme des Ortes eine gewichtige Stimme hatte. »Das hab ich mit der Frau Pastor auch alles schon besprochen!«

Schritte erklangen und Leevke hörte wieder die beißende Stimme von Ilse Issing. »Kann ja auch nicht gut sein, mit fast vierzig noch ein Kind haben zu wollen. Und das, wo der andere kleine Wurm ja auch schon verkrüppelt ist. Was für eine Schande, sich so gehen zu lassen und Gott im Himmel so herauszufordern...!« Auch durch die geschlossene Tür hindurch war Ilse Issings Stimme die Empörung anzumerken. Und die Genugtuung.

Ebba drückte sich näher an Leevkes Schulter. »Ich will aber kein kleiner Wurm sein.«

Trotz ihrer Trauer spürte Leevke, wie eine kalte Wut auf die Issing-Schwestern in ihr hochstieg. Was bildeten diese alten Ziegen sich nur ein? Hatte ihre Mutter ihnen nicht mehr als einmal mit Mehl und Speck ausgeholfen, wenn die Vorräte des Landvogtes und seiner Schwestern wieder einmal zur Neige gegangen waren, weil sie vor lauter Gier nach Geld und Gut mit den kleinen Dingen nicht haushalten konnten? Und hatte sie sich nicht sogar damit ihrem Mann widersetzt, der die Schwestern verschwenderisch fand und Hilfe für sie unnütz? »Muss man sich keine bestickten Schuhe kaufen und sie im Regen am Strand anziehen, dann hat man im Januar auch noch was auf’m Brot«, war einer seiner stehenden Sprüche. »Und einen Mann zum Heiraten anlocken kann man damit ja auch nicht, wie man sieht!«

Leevke schlug die Bettdecke zurück, sprang aus den Federn und mummelte ihre kleine Schwester schnell wieder ein. »Du bleibst noch ein bisschen liegen, ich zieh mich schon mal an«, flüsterte sie und drückte Ebba einen Kuss auf die Wange.

Ebba nickte tapfer. »Und wann kommt Papa wieder?«

»Wir werden ihn bald wiedersehen«, murmelte Leevke, griff nach dem langen bestickten Rock, der ordentlich über dem Stuhl hing, und stopfte ihn in die weiße Kommode. Kleidung mit Blumenmustern würde sie lange nicht tragen dürfen. Leevke schloss für einen Moment die Augen und versuchte, sich vorzustellen, was ihre Mutter ihr in einem Moment wie diesem geraten hätte. Leevkes Mutter war eine zwar zarte, aber doch durch und durch realistische Frau gewesen. Und plötzlich war Leevke sich sicher, was sie gesagt hätte. Warum ziehst du nicht mein schwarzes Kleid an? Ich brauche es ja nun nicht mehr, und ich werde dich mit meiner Liebe umhüllen, während du es trägst.

Leevke unterdrückte ein trockenes Schluchzen und versuchte, ihrer Schwester ein tapferes Lächeln zu schenken. Doch Ebba hatte ihre Augen geschlossen, und ihre unruhigen Atemzüge zeigten an, dass sie in einen tiefen Erschöpfungsschlaf gefallen war.

3

In den folgenden Stunden hatte Leevke mehr als einmal das Gefühl, in einem Albtraum gefangen zu sein. Immer weitere Frauen aus dem Dorf kamen vorbei, traten mit gesenkten Köpfen in den dunklen Flur, drückten Leevke ein kleines Geldstück in die Hand oder stellten eine Tonschale mit schwerem Butterkuchen auf den Tisch, der die Bewohner des Trauerhauses bei Kräften halten sollte. Dann betraten sie meist zu zweit oder zu dritt die vordere Stube, in der Rike Magnussen in ihrem einfachen Sarg aufgebahrt lag. Ihr Gesicht war eingesunken, die Augen lagen tief in den Höhlen. In ihrem linken Arm hielt sie Leevkes namenlosen kleinen Bruder, der mit seinem bläulichen Gesichtchen und der spitzen Nase aussah wie eine Porzellanpuppe.

Leevke konnte den Anblick ihrer toten Mutter und des kleinen Bruders kaum ertragen. Im Schein der flackernden Kerzen hatte sie immer wieder das Gefühl, dass die Lider der Mutter zitterten und dass sie gleich doch die Augen aufschlagen würde. »Mama«, flüsterte Leevke und berührte die wächserne Wange ihrer Mutter zart mit einer Hand. Doch im selben Augenblick spürte sie den festen Griff von Frau Ingwersen auf ihrer Schulter. »Musst das nicht tun, liebes Kind, du musst jetzt Haltung bewahren. Alle glauben, dass du das kannst!«

Als endlich der alte Boterius erschien und den Sargdeckel auflegte, verspürte Leevke fast schon eine Art Erleichterung. Ebba hatte fast den ganzen Tag verschlafen. Wie Leevke erfuhr, verdankte sie das einem Trunk aus Tausendgüldenkraut, dunklem Bier und Honig, den Frau Ingwersen ihr zwischendurch verabreicht hatte, damit sie ein wenig zur Ruhe käme. »Die Kleine leidet nur, wenn sie das alles mit ansehen muss. Ein noch nicht einmal achtjähriges Kind kann nicht verstehen, was hier passiert. Es ist vielleicht auch besser, sie verschläft die Beerdigung, hab ich mir gedacht!« Frau Ingwersen sah Leevke fragend an, so als ob sie als die Älteste jetzt über ihre Schwester bestimmen könnte.

Leevke biss sich auf die Lippen. Am liebsten hätte sie sich auch in den Schlaf geflüchtet. Oder sie wäre weit weggelaufen. Was verstand sie denn selbst von dem, was sich hier abspielte? War sie etwa mit einem Mal erwachsen geworden? Und wieso berichtete keiner der Männer etwas von ihrem Vater? Warum war er immer noch nicht zurückgekommen? Der Sturm war lange abgeflaut. Es musste doch schon lange eine Nachricht von ihm geben! Ob sie ihr etwas verschwiegen?

Sie hatte Willem gefragt, ob er etwas Neues wüsste, als er am Nachmittag die Ziegen gebracht und in den Stall gescheucht hatte, aber er hatte sie nur traurig angesehen und mit den Schultern gezuckt. Auch bei seiner Mutter Lisa Kattrepel war jede Frage vergeblich. Die Frauen der ehemaligen Walfänger hielten sich viel darauf zugute, nicht wie die Frauen der »Landjes« in Tränen auszubrechen, wenn ein Boot nicht zur rechten Zeit zurückkam. Sie stellten selbst keine Fragen und duldeten auch keine nach dem Verbleib von Schiffen. »Wenn du ein Schiff nicht mehr sehen kannst, denke auch nicht mehr daran. Wenn du den Mast wieder am Horizont auftauchen siehst, ist noch genug Zeit, um sich auf die Ankunft vorzubereiten«, sagten sie immer.

Am Nachmittag ließ der Regen nach, aber eine frühe Dämmerung senkte sich über das Kapitänshaus. Vor dem Haus sammelten sich mehr und mehr Dorfbewohner, um den Sarg von Rike Magnussen und ihrem neugeborenen Sohn abzuholen und um Leevke auf ihrem schweren Weg zum Dünenfriedhof zu begleiten.

Leevke hatte das schwarze dicke Kattunkleid aus dem Schrank im Flur angezogen, das sie kein einziges Mal an ihrer Mutter gesehen hatte. Trotzdem duftete der weiche Stoff immer noch nach Veilchen und nach einem exotischen Öl, das der Vater für die Mutter extra aus Hamburg hatte kommen lassen. Das Kleid war Leevke etwas zu lang, aber mit dem schwarzen Samtband um die Taille ließ es sich ein wenig nach oben raffen. Wie schmal die Mutter gewesen war! Leevke widerstand dem Impuls, das Abdecktuch auch nur für einen kleinen Moment von dem großen Spiegel im Flur abzuhängen und sich zu betrachten. Sie hatte Mühe, die Knöpfe des Miederteils über ihrer Brust zu schließen. Hoffentlich sah sie würdig genug aus und stolz. Haltung bewahren. Das war der Mutter immer wichtig gewesen. Leevke schluckte. Schon schossen wieder die Tränen in ihre Augen.

Ebba schlief immer noch in Leevkes großem Eisenbett. Magda, die älteste Schwester von Lisa Kattrepel, die bei jeder Bestattung in lautes Geschrei ausbrach und die deswegen als nicht beerdigungsfest galt, war von Frau Ingwersen angewiesen worden, an Ebbas Bett Wache zu halten und ihr eventuell noch etwas von dem Kräutersud einzuflößen, wenn sie aufwachte.

Als Leevke nach draußen trat, sah sie die kleine Menschenmenge. Fast alle erwachsenen Dorfbewohner hatten sich vor dem Haus versammelt. Einige hoben die Köpfe und nickten ihr zu, andere hielten ihre Gesichter in stummem Mitgefühl gesenkt. Aus dem Haus hörte man nun die kräftigen Hammerschläge, mit denen Boterius den Sarg zunagelte. Leevke hätte am liebsten geschrien und sich die Ohren zugehalten, aber weder ihre Hände noch ihre Stimme gehorchten ihr mehr.

Steuermann Kattrepel löste sich aus der Menge und trat auf Leevke zu. Er machte eine hilflose Geste mit seinen roten rissigen Händen, so als ob er Leevke stützen wolle, aber nicht könne. Dann jedoch sah sie, dass er nur seinen Sohn Willem nach vorn winken wollte, der in seiner neuen Sonntagsjacke und mit der Mütze in der Hand ganz fremd aussah.

Kattrepel räusperte sich. Seine hellblauen Augen waren von Tränen überschwemmt. Leevke wusste, wie sehr er ihrem Vater und ihrer Mutter verbunden war und dass er auch ihr, Leevke, immer eine besondere väterliche Zuneigung entgegengebracht hatte. Er war es gewesen, der Leevke das erste Mal das Ruder der Viktoria übergeben hatte, als sie eine kleine Ausfahrt auf See machten, um ein neues Segel auszuprobieren, und als sie glaubten, der Kapitän schliefe in seiner Koje. »Wenn du keine Deern wärst, hättest du auch einen guten Jungen abgegeben«, sagte Kattrepel immer. »Schade, dass wir hier nicht mehr auf Walfang gehen.«

Jetzt aber schien der Steuermann auf eine eigenartige Weise befangen zu sein. »Ich rede nicht um den Brei herum, ich sag es, wie es ist. Du weißt ja, dass Willem dich gern hat«, hob er an. »Aber zum Heiraten ist es noch zu früh. Du bist gerade man vierzehn und er ist ja erst sechzehn. Deswegen wollen meine Frau und ich dir anbieten, so lange bei uns zu wohnen, bis du in zwei Jahren sechzehn bist und alt genug, deinen eigenen Hausstand zu haben. Und bis Willem so weit ist.« Er sah Leevke mit einem kurzen Blick an. Einige der Dorfbewohner kamen etwas näher heran, damit sie nur ja nichts vom dem verpassten, was Kattrepel der selbstbewussten Kapitänstochter zu sagen hatte.

»Und die lüttje Ebba nehmen wir natürlich auch mit auf«, schloss er. »Ihr beiden Deerns sollt es gut bei uns haben. Ich wollte nur, dass du das vor der Beerdigung weißt, damit du dich nicht so alleine fühlst. Vielleicht ist es auch nicht für lange. Sobald wir Nachricht vom Kapitän haben...« Er sah seine Frau an und brach ab. »Jedenfalls liegt das alles in Gottes Hand. Und der Kapitän hat schon ganz andere Sachen überlebt als ein bisschen Wind vor der Insel!«

Leevke fühlte den Blick von Lisa Kattrepel auf sich ruhen und sah, dass sie ihr ein flüchtiges Lächeln schickte. Willem stand stumm neben seinem Vater. Er drehte seine Mütze in den Händen und blickte zu Boden. Er war bis hinter beide Ohren rot angelaufen. Sein jüngerer Bruder Simon, der jetzt hinter ihm stand, hatte Mühe, sich ein Grienen zu verkneifen, bis er den Blick seines Vaters auffing und kreidebleich wurde.

Leevke hatte das Gefühl, dass sich die Welt um sie zu drehen begann. Warum machten sie Pläne für ihr Leben? Konnte sie das nicht alleine tun? Und warum konnte nicht alles bleiben, wie es war? Sie wollte protestieren, aber ihre Lippen waren trocken, und anstelle eines Satzes entrang sich ihrer Kehle nur ein Schluchzer. Einige der Dorffrauen zogen ihre gestickten Taschentücher hervor und schnäuzten sich.

Die Dorfbewohner bildeten nun eine Gasse, denn Boterius, zwei ältere Fischer und der Landvogt trugen den Sarg ins Freie. Der Pastor schlug den Weg ins Dorf ein, wobei der Wind seinen schwarzen Talar aufblähte. Die Sargträger folgten ihm. Leevke spürte die Hand von Frau Ingwersen unter ihrem rechten Arm, kurz darauf hakte die Pastorsfrau sich auf der linken Seite bei ihr ein.

Wo nur Johanna war, Leevkes allerbeste Freundin? Sie hatte sie seit dem Vortag nicht gesehen und auch keine Kraft gefunden, Frau Ingwersen oder gar die alte Metamöh nach ihr zu fragen. Sonst kam Johanna fast jeden Tag auf einen Sprung vorbei. Obwohl sie fast zwei Jahre älter war als Leevke und manche Dörfler meinten, dass sie nicht eben der richtige Umgang für eine Kapitänstochter war, hingen die beiden Mädchen sehr aneinander. Johanna war eine unverbesserliche Frohnatur, dem Leben zugewandt und sehr direkt. Und Leevke fand sie unterhaltsamer als zum Beispiel Miranda und Mausi, die beiden ungleichen Pastorentöchter, von denen es ähnlich wie von Johanna hieß, dass sie schon mit den Männern kokettierten, die aber beim Sprechen vor lauter Dünkel die Zähne kaum auseinander bekamen, oder die Tochter des Lehrers, die immer nur ihr Wissen referierte.

Auch Leevkes Mutter hatte die süße und etwas pummelige Johanna seit vielen Jahren nur mit einem hilflosen Kopfschütteln bedacht. Sie hätte Leevkes Umgang mit dem älteren Mädchen zwar nicht von sich aus gefördert. Aber sie hielt sich viel darauf zugute, diese eigenartige Freundschaft auch nicht zu unterbinden. Leevke sollte sich ihre Freundinnen selbst aussuchen, fand sie. Nur so könne ihr Charakter sich formen. Nachdem sie sich einmal zu dieser Haltung durchgerungen hatte, wollte sie Johanna auch ordentlich, wie sie es nannte, behandeln. Dazu gehörte, dass Rike Magnussen immer wieder Kleider für sie geändert oder darauf geachtet hatte, dass Johanna endlich anfing, etwas für ihre Aussteuer zu nähen. Von Erfolg gekrönt waren diese Erziehungsversuche allerdings nicht. Während Leevke zwar wild, aber von Natur aus leicht belehrbar war, schien sich Johanna allen gut gemeinten Ratschlägen zu widersetzen. Sie sagte nicht Bitte und Danke, sie flunkerte gern, und sie hatte Leevke kürzlich sogar anvertraut, dass sie sich von einem der holländischen Seeleute einen Kuss auf die Wange hatte geben lassen und dafür eine Perlmuttspange geschenkt bekommen hatte. Über Leevkes Empörung lachte sie nur. Das sei doch alles ganz harmlos, erklärte sie der jüngeren Freundin. Die Frauen am Festland zum Beispiel würden über die strenge Moral der Insulanerinnen nur den Kopf schütteln.

Seit Johannas Vater, ein einfacher und leider dem Alkohol sehr zugetaner Fischer, auf See geblieben war, gab es außer der alten Metamöh keine Verwandten mehr, die sich um Johanna kümmern konnten. Ihre Mutter war nach ihrer Geburt am Fieber gestorben und sonst gab es keine weiteren Verwandten. Das jedoch schien Johanna nicht weiter zu stören. »Irgendwann wird alles besser«, das war einer ihrer schlichten Wahlsprüche, und Leevke wünschte, sie würde ihr ihn jetzt ins Ohr flüstern. Warum war Johanna nicht hier, um Leevke an ihre Brust zu drücken?

Die Männer hatten ihre Mützen abgenommen. Ihre Haare wehten im Wind. Jetzt setzten sie die Mützen wieder auf, schauten sich nach ihren Frauen um und setzten sich in Zweierreihen langsam hinter Leevke und dem Sarg in Bewegung.

Obwohl sie den Weg hunderte, vielleicht tausende von Malen gegangen war, sah Leevke die Dünenlandschaft und die einzelnen verstreuten Häuschen heute mit anderen Augen, so als würde die Trauer ihre Wahrnehmung schärfen. Die Insulaner hatten ihre Hühner und Enten eingefangen und in den Ställen eingeschlossen, damit sie mit ihrem Gekrähe und Geschnatter die Totenruhe nicht stören konnten. Jetzt lagen die kleinen Gärten, die zum Schutz vor dem Wind in ausgeschachteten Wiesen angelegt waren, in tiefer Stille.

Von Ferne hörte man schon die helle kleine Totenglocke, und Leevke wusste, dass es der uralte Arkohm war, der sie läutete, einer der wenigen Dorfbewohner, der es mit seiner Gicht nicht zum Kapitänshaus geschafft hatte, um Rike Magnussen eine letzte Ehre zu erweisen.

Am Dorfteich lagen die beiden kleinen Boote fest vertäut. Hier übten die Jungen des Dorfes das Ansteuern auf einen Wal. Hier hielten sie das erste Mal eine Harpune in der Hand, während ihre Freunde aus Leibeskräften auf das alte Polstersofa zuruderten, das am anderen Ende des Teiches halb im Wasser stand und den Wal darstellen sollte. Wenn sie glaubten, dass niemand sie beobachtete, hatten Willem und sein jüngerer Bruder Simon das Boot auch oft für Leevke über das Wasser dahinschnellen lassen, während Leevke am Bug stand und die hoch erhobene Harpune in Richtung Sofa in Stellung brachte. Sie war gut, besser als viele der Jungen. Und obwohl Kapitän Magnussen Leevke jedes Mal eine Standpauke hielt, wenn er wieder einmal von ihren Übungen erfahren hatte, schmunzelte er doch heimlich über die Leidenschaft seiner ältesten Tochter.

Als sie an die Hellerwiesen kamen, versuchte Leevke, auf die Spitzen ihrer schwarzen Schnürstiefel zu sehen und nicht zum Hafen zu blicken. Die drei Masten der Viktoria waren sonst ein solch vertrauter Anblick an der kleinen Anlegestelle. Seit Martin Magnussen nur noch kleinere Fahrten unternahm, dienten die drei Masten des größten Seglers der Insel vielen kleineren Schiffen als Orientierung. Ohne die Viktoria indes sah der Hafen verwaist aus und traurig. Obwohl sie die Gesichter der Fischer nicht sehen konnte, spürte Leevke doch, dass alle das Gleiche dachten.

Sie hatten den Friedhof erreicht. Leevke hatte an diesem Tag schon mehrfach versucht, sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn sich der Sarg der Mutter ins Grab senkte, und sie war schon bei der bloßen Vorstellung in Tränen ausgebrochen. Die Wirklichkeit war jedoch weit schlimmer. Der Pastor konnte mit seiner kurzen Ansprache und der Aussegnungsformel kaum das Schluchzen der Frauen und das Schniefen der Männer übertönen, und als die rauen Stimmen gemeinsam das Vaterunser sprachen, versagten Leevke zuerst die Stimme und kurz darauf fast die Beine. Doch Frau Ingwersens Griff an ihrem Arm war eisenhart.

Und doch ertrug Leevke Magnussen das alles. Sie ertrug, wie der Sarg ihrer Mutter und ihres neugeborenen Bruders an den beiden Tauschlingen in die Tiefe gelassen wurde und wie der Pastor die ersten drei Hände voll Sand darauf warf. Sie schaffte es, allein und ohne Stütze ans Grab zu treten und »tschüs, Mama« zu sagen, woraufhin das Schluchzen der Frauen noch heftiger wurde. Sie versuchte, nicht an ihren Vater zu denken und daran, ob er wohl mit der Viktoria untergegangen war. Und sie überhörte die Trostformel des Pastors, der sagte, dass Rike Magnussen und Martin Magnussen vielleicht schon im Himmel wieder vereint wären. Leevke streckte die Hand aus und ließ sich kondolieren. Sie ließ sich an raue Seemannsjacken drücken und an ärmliche Wolltücher. Sie stand einfach da und wünschte, dass sie auch tot wäre. Tot oder weit, weit weg von hier.