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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

DIE AUTOREN
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Katja Reider arbeitete als Pressesprecherin eines großen Jugendbuchwettbewerbs, bevor sie zu schreiben begann. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
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002
Constantin Kilian lebt als Autor und Regisseur in München. Neben Drehbüchern fürs Fernsehen schrieb er Romane und zwei Theaterstücke. Er hat einen sechzehnjährigen Sohn.
 
 
 
Der zweite Band unter dem Titel »Das erste Mal lieben – Das erste Mal streiten« erscheint im Januar 2005 bei cbt.

1
Marie, Telefon für dich! MARIE!«
Himmel, warum schreit Mama immer gleich so! Oder war ich etwa eingeschlafen? Leicht benommen schwinge ich mich vom Sofa, laufe die Treppe runter und schnappe mir den Hörer.
»Wieso hat das denn so lange gedauert?«
Robert. Natürlich. Und mal wieder mit diesem leicht quengeligen Unterton in der Stimme, der mich wahnsinnig macht.
»Ich war wohl eingeschlafen.«
»Kleine Schlafmütze, warst wohl gestern Abend noch länger unterwegs?« Er bemüht sich um einen leichten Ton, aber ich kenne ihn zu gut, weiß genau, was dahinter steckt.
»Ich war bei Sara, hatte ich dir doch erzählt.«
»Zu Hause?«
»Wir waren noch zusammen im Gipsy, aber nicht lange.«
Energisch streiche ich mir die Haarsträhne, auf der ich herumgekaut habe, hinters Ohr und wechsle das Thema.
»Und wie war dein Seminar?«
»Einführung in das Studium der Physik – ich könnte mir was Interessanteres vorstellen. Außerdem habe ich dich vermisst, Kleines.«
»Ach, komm«, ich versuche, den Spieß umzudrehen, »da waren doch bestimmt jede Menge toller Mädchen in deinem Seminar.«
Er lacht. »Du weißt doch, wie wenig Frauen Physik studieren, und außerdem schaue ich keine an außer dir.«
Manchmal kann ich es einfach nicht mehr hören. Dabei haben mir diese Beteuerungen noch vor einem halben Jahr, als ich Robert kennen lernte, unheimlich gefallen. Es klang so erwachsen… so sicher. Mit seinen beeindruckenden neunzehn Jahren schien Robert schon genau zu wissen, was er wollte – nämlich mich, Marie Färber, schlappe fünfzehn, mittelgroß, blass, blond, bisher ohne elementare Kurven, dafür mit einer Neigung zu hektischen roten Flecken am Hals …
»Was ist denn los? Bist du schlecht drauf?«
»Ist doch kein Wunder, morgen geht die Schule wieder los.«
»Na komm, du hattest volle sechs Wochen Ferien, kannst dich doch echt nicht beschweren.«
Manchmal klingt Robert wie mein Vater. Schweigen.
»Soll ich dich morgen früh abholen und zur Schule fahren – als kleines Trostpflaster sozusagen?«
»Aber dafür müsstest du doch extra aus Köln hierher kommen.«
»Na und? Du weißt doch, Autofahren macht mir nichts aus.«
Manchmal ist er wirklich unglaublich lieb. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich eben so abgenervt war. Robert ist tatsächlich bereit, morgen um sechs Uhr früh aufzustehen, um die Diva drei Kilometer zur Schule zu fahren.
»Du bist echt lieb, weißt du das?«
Er lacht. »Ja, weiß ich, also bis morgen! Ich bin gegen halb acht bei dir.«
 
Natürlich ist er pünktlich. Und natürlich ist er, im Gegensatz zu mir, frisch, gut gelaunt und ausgeschlafen. Er gibt mir einen Kuss auf die Nasenspitze und hält mir die Beifahrertür auf. Wohlig kuschele ich mich in den weichen Sitz. Das ist schon was anderes, als diese anstrengende Steigung zur Schule hochzuradeln. »Können wir noch Sara abholen? Ist doch auf dem Weg.«
Robert blickt auf die Uhr. »Die ist doch bestimmt schon unterwegs. Außerdem haben wir so wenigstens noch drei Minuten für uns.«
»Und außerdem kannst du Sara nicht besonders gut leiden.«
Ich beiße mir auf die Lippen. Dieses Thema wollte ich eigentlich mal zu einem günstigeren Zeitpunkt anschneiden.
Robert sieht mich überrascht an. »Quatsch, ich kenne deine Freundin doch kaum. Ich denke nur manchmal... ach, egal.« Schwungvoll fährt er die Auffahrt zur Schule hoch. »So, da sind wir. Tschüss, meine Süße.«
Robert zieht mich in seine Arme und küsst mich. Aber ich bin verkrampft, fühle mich viel zu sehr beobachtet. Jetzt, kurz vor Schulbeginn, rennen hier vor dem Portal jede Menge Leute rum.
Plötzlich bollert eine Hand gegen die Scheibe. »Darf ich auch mal?« Natürlich, Body-Bills feixendes Gesicht. Der Muskelmann der Schule muss mal wieder abnerven!
Ich löse mich von Robert, greife mir meine Tasche und drücke die Autotür so rasch auf, dass Bill zur Seite springen muss.
»Hey hey, sechs Wochen Ferien und immer noch so leicht reizbar...!«
Wie so oft fällt mir keine passende vernichtende Antwort ein und ich beschränke mich auf einen kurzen, und wie ich hoffe, eiskalten Blick. Diesen Blick habe ich letztens mit Sara stundenlang vor dem Spiegel geübt. Mit Erfolg. Darin schlage ich sie locker um Längen!
Ich versenke meine Hände in meiner Jackentasche und schaue mich suchend um. Aus irgendeinem Grund möchte ich den anderen in meiner Klasse heute Morgen nicht alleine begegnen. Immer dieses nervige Gerede und Geschwätz nach den Ferien. Besser zu zweit aufkreuzen. Ah, da vorn ist Sara. Ihre dunklen Locken leuchten rötlich in der Sonne. Unwillkürlich greife ich in meine langen blonden Strähnen und versuche, sie etwas aufzuplustern. Vergeblich, wie ich weiß. Himmel, was würde ich geben für Saras Haare! Ich kämpfe mich durch das Getümmel zu ihr hindurch. Sara. Seit fünf Jahren sind wir einfach unzertrennlich. Wenn sie zwei Wochen verreist ist, fühle ich mich wie auf einer einsamen Insel. Kaum auszuhalten!
Sara zieht mich hinter sich die Treppe rauf. »Wo hast du denn dein Fahrrad abgestellt?«
»Robert hat mich gefahren.«
»Wie reizend von ihm.«
Ich puffe sie in die Seite. »Wir hatten uns schließlich drei Tage nicht gesehen.«
»Wie schrecklich!« Sie grinst. »So, es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche willst du zuerst hören?«
»Angie ist mit ihren Eltern in den Ferien nach Timbuktu gezogen.«
Sara sieht mich irritiert an. »Hä?«
Ich zucke die Schultern. »Das wär doch mal’ne wirklich gute Nachricht.«
»Blödkopf! Nein, die gute ist: Wir haben heute nur vier Stunden, weil die Schostak krank ist. Die schlechte Nachricht: Der Nervkloß Body-Bill ist bei uns in der Klasse gelandet. Er ist hängen geblieben und zwei andere Typen auch.« Sara stößt die Tür zum Klassenraum auf. »Die beiden da hinten. Schau mal unauffällig rüber.«
Über Saras Schulter hinweg mustere ich die »Neuzugänge«. Den Größeren mit den dunklen Locken kenne ich vom Sehen. Er spielt in unserer Schulband. Tom heißt er, glaube ich. Aber der andere ist mir nie aufgefallen, er hat längere, glatte Haare und ist etwas kleiner als Tom. Im Moment steht er mit dem Rücken zur Klasse und scheint völlig in das Gespräch mit seinem Freund vertieft zu sein.
»Alles klar, Jungs?« Body-Bills Stimme ist immer so laut, als spräche er bei einer Massenkundgebung. Grob pufft er die beiden anderen in die Seite.
»Na, nicht übel, unsere Neuen, was?«
Ich brauche mich gar nicht erst umzuschauen. Diese betont rauchige Stimme ist unverkennbar. »Hallo, Angie, schöne Ferien gehabt?«
»Kann man wohl sagen.« Angie, die Klassen-Sirene, verdreht vielsagend die Augen. »Ich war mit meiner Kusine und ihrem neuen Lover in Südfrankreich. Ich sag euch, das ist echt was anderes als Urlaub mit Mami und Papi...«
Rasch holt sie einen Handspiegel aus ihrer Tasche, zieht sich sorgfältig die Lippen nach und zupft ihr knallenges, bauchfreies Top zurecht. Unauffällig schiele ich in ihren Ausschnitt. Ob sie einen Push-up-BH anhat? Bestimmt! – In meinem dunkelblauen T-Shirt und dem weiten hellen Rock fühle ich mich plötzlich wie beim Kindergeburtstag. Schnell schlüpfe ich auf meinen Platz zwischen Sara und Nils.
Sara deutet unauffällig rüber zu den drei Neuen, die noch immer am Fenster stehen und rumblödeln. »Das muss’ne ganz schön dämliche Situation sein für die, meinst du nicht?«
Ich zucke die Achseln. Body-Bill, wie gewöhnlich in Military-Hose und ärmellosem Shirt, scheint die allgemeine Aufmerksamkeit eher zu genießen. Aber die beiden anderen...?
Während ich noch rüberschaue, wendet sich der mit den längeren Haaren plötzlich um und begegnet direkt meinem neugierigen Blick. Rasch schaue ich an ihm vorbei und versuche, so zu tun, als gäbe es draußen was Interessantes zu sehen. Die drei brechen in ein unbändiges Gelächter aus. Body-Bills Hand knallt auf Toms Schulter.
»Mann, ist das ein öder Kindergarten hier! Kommt, wir verziehen uns in die hinteren Reihen. Da haben wir wenigstens unsere Ruhe!«
Ich schaue nicht mehr zu ihnen herüber, bis Rust, der neue Klassenlehrer, den Raum betritt.
 
 
 
 
Heute ist der erste Schultag in der neuen Klasse. O Mann, wie das wohl werden wird?
Ich hab mich auf die vorletzte Bank gesetzt, neben Tom, meinen Freund. Hinter uns sitzt nur noch Bill, er hat einfach die zwei letzten Bänke mit Beschlag belegt, ohne groß zu fragen. Die meisten Mädchen sitzen vorne, die Jungs eher hinten, nur zwei Bänke sind gemischt. Schräg vor mir sitzt ein großes Mädchen mit einem hautengen Pullover, der den Bauch frei lässt und über den Brüsten spannt. Sie wirkt älter und ist auch viel besser gebaut als die anderen Mädchen in der zehnten Klasse. Bill hat mich gleich in die Seite gerempelt, als wir hereinkamen und er die scharfe Frau entdeckte.
Body-Bill ist der Älteste von uns dreien, er ist schon achtzehn; bei ihm ist es bereits die zweite Ehrenrunde, Tom und ich müssen zum ersten Mal eine Klasse wiederholen, aber wenigstens bleiben wir so zusammen.
Der neue Klassenlehrer steht vorne am Pult und liest der Reihe nach die Namen der Schüler vor: »Angela Kossmann.«
Das Mädchen mit den scharfen Kurven erhebt sich ganz langsam und flötet: »Ich heiße Angie... Herr Rust, das müssten Sie doch langsam wissen.«
Ihre rauchige Stimme lässt mir einen Schauer über den Rücken fahren. Ihren Namen spricht sie aus wie »Äinschi«, dann schaut sie sich kurz um und wirft mir einen Blick zu. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Ich senke den Blick und schaue zu Boden. Mir ist ganz heiß, wahrscheinlich bin ich knallrot angelaufen. So ein Mist! Und ich habe gedacht, bei den Zwergen hier würde ich der King sein.
»Daniel Gering.«
Aua! Ein spitzer Ellbogen sticht mir in die Seite. Tom macht mir ein Zeichen, ich soll nach vorne schauen.
»Daniel Gering!!« Der Lehrer wiederholt meinen Namen. Ich stehe auf und murmele: »Ja, hier... anwesend.«
Die Hälfte der Klasse lacht. Auf meine Kosten.
»Sie scheinen mir eher abwesend zu sein. Wo haben Sie denn Ihre Gedanken?«
»Ja, äh... ich war... ich hab gerade an etwas anderes gedacht.« O Gott, jetzt fange ich auch noch zu stottern an.
»Passen Sie in Zukunft besser auf. Wenn Sie wieder das Klassenziel nicht erreichen, haben Sie nicht mal die mittlere Reife.«
Blödmann! Das weiß ich auch. Was muss der mich gleich beim ersten Mal so dumm anreden. Aber ich bin selbst schuld, warum stelle ich mich auch so bescheuert an.
»Marie Färber.«
»Ja, hier...« Ein Mädchen links von mir steht auf. Sie hat lange blonde Haare, trägt ein T-Shirt und einen weiten Rock, von ihrer Figur kann man nicht viel sehen. Hat sie meinen Tonfall nachgeahmt oder kommt mir das nur so vor? Sie sieht viel jünger aus als diese Angie. Fünfzehn, allerhöchstens sechzehn.
Ich bin vor zwei Wochen siebzehn geworden. Damit gehöre ich zu den Ältesten in der Zehnten. Die meisten sind fünfzehn oder grad mal sechzehn. Eigentlich bin ich ganz froh, nun zu den Älteren zu gehören, nachdem ich jahrelang einer der Jüngsten und Kleineren in der Klasse war. Oft waren die Mädchen einen halben Kopf größer als ich. Mädchen wollen doch von einem kleineren Jungen nichts wissen. Das ist Tatsache. Da führt kein Weg vorbei.
Ich finde es echt fies, dass die meisten Mädchen in unserem Alter fast zwei Jahre älter wirken. Kein Wunder, dass sie sich immer Freunde aussuchen, die älter sind als sie selbst.
 
Endlich ist die öde Vorstellerei vorbei, die ersten zwei Schulstunden sind überstanden. Mit Tom und Bill stehe ich im Pausenhof. Bill hat schon wieder’ne Kippe im Mund, er raucht Kette. Er rempelt mich an und grinst in Richtung der Mädchengruppe, die sich um Angie gebildet hat. Die vier, fünf Mädels stehen etwa zehn Meter von uns entfernt und äugen des Öfteren zu uns Neuen herüber.
»Schaut euch dieses Chassis an, das ist der Wahnsinn!«
»Hey, geht’s vielleicht noch lauter«, sage ich. »Muss doch nicht jeder hören, oder?«
»Was haste denn?«, sagt Bill. »Vielleicht steht die Braut auf direkte Anmache.«
Und tatsächlich dreht sich Angie genau in diesem Moment zu uns herum, als ob sie Bills Bemerkung gehört hat. Ganz langsam holt sie eine Packung Zigaretten aus ihrer Tasche, führt die Packung an ihren Mund, fischt mit den Lippen eine Zigarette heraus und blickt dann herausfordernd in unsere Richtung. Doch als ich genauer hinsehe, bemerke ich, dass sie nicht mich anschaut, sondern Bill. Sein Brustkorb scheint daraufhin noch ein Stückchen anzuschwellen, er stellt sich in Positur und lässt seine Muskeln spielen. In seinem schwarzen Muskel-Shirt macht er echt was her. Body-Bill trägt seinen Namen nicht zu Unrecht, seit etwa zwei Jahren geht er ins Fitnessstudio, macht Bodybuilding und schluckt irgend so ein komisches Pulver für den Muskelaufbau.
Er wirft uns einen stolzen Blick zu, greift in seine Hosentasche, holt sein Feuerzeug heraus und macht sich auf den Weg. Betont langsam geht er auf Angie zu und hält ihr sein Feuerzeug unter die Nase. Erst beim vierten oder fünften Mal funktioniert das Ding. Peinlich, peinlich.
Ich mag Bill gern, er ist ein netter Kerl, aber wenn’s um die drei großen M’s geht, Mädchen, Muskeln und Motoren, kann er echt nervig werden. Auch Tom verdreht schon die Augen. Ich ziehe ihn zur Seite.
»Komm, Tom, lass uns’n ruhiges Plätzchen suchen. Ich komm mir vor, als ob uns alle begaffen.«
»Hast Recht«, sagt Tom, »setzen wir uns auf die Mauer.«
Die Mauer ist ein beliebtes Plätzchen im Pausenhof. In der Mitte des steinernen Areals befindet sich eine riesige Eiche mit ein wenig erhöhter Grünfläche rundherum, die von einer kleinen Steinmauer umgrenzt wird. Wir finden noch einen freien Platz, setzen uns und lassen die Beine baumeln. Die Morgensonne wärmt uns das Gesicht.
Nach einer Minute blicke ich zu Tom, der die Augen geschlossen hat. »Wie findest du denn die neue Klasse?«
»Ach, geht schon«, murmelt er, »sind ein paar nette Mädels drin, glaub ich.«
»Hm.«
»Und du?«
»Glaub auch«, sage ich.
»Aber sind sie auch hübsch genug...«, sagt er mit einem leise lachenden Unterton.
»Hm.«
Nun haben wir beide die Augen geschlossen. Ich spüre, wie Tom leicht zu grinsen beginnt.
Tom und ich verstehen uns mit wenigen Worten. Seit drei Jahren sind wir die besten Freunde, über die wichtigen Dinge brauchen wir nicht mehr viele Worte zu verlieren.
Als ich die Augen wieder aufmache, fällt mein Blick auf das Mädchen mit den langen blonden Haaren. Sie geht gerade an uns vorbei. Unsere Blicke treffen sich. Hat sie mich etwa beobachtet? Bestimmt hat sie Bills Bemerkung über den Kindergarten gehört und fand mein lautes Lachen darüber blöd.
Neben ihr geht ein hübsches Mädchen mit dunklen Locken. Die beiden stecken immer zusammen, scheinen wohl Freundinnen zu sein. Jetzt fällt mir wieder ein, wie sie heißt: Marie... schöner Name, passt zu ihr.

2
Nur vier Stunden Schule und ich bin schon wieder völlig schlapp. Ich muss mich richtig anstrengen, um mit Sara Schritt zu halten.
Locker schiebt sie ihr Rennrad neben mir her. »Okay, du lahme Ente, ich gehe ja schon langsamer!«
Sara wohnt nur ein paar Häuser weiter, deswegen können wir den Nachhauseweg immer nutzen, um alle wichtigen und unwichtigen Schulereignisse direkt durchzuhecheln.
»Dass uns dieser Rust immer noch aufstehen lässt bei der Vorstellungsrunde, finde ich zu albern!« Ich streiche meine verschwitzten Haare nach hinten. »Da fühlt man sich wie unterm Scheinwerfer.«
Sara zuckt die Achseln. »Vielleicht hat er das heute für die drei Neuen gemacht. Damit die wissen, wer wer ist, verstehst du?«
»Ach komm, so weit denkt der Rust doch gar nicht! Der träumt heimlich von den Zeiten, als die Schüler noch respektvoll strammstanden, wenn er sie aufgerufen hat.«
Sara beginnt zu kichern. »Aber Angies Auftritt war ja mal wieder super...«
Aufs Stichwort stelle ich mich in Positur, reiße mein T-Shirt hoch und präsentiere Sara herausfordernd meinen weißen Bauch. »Ich heiße Äiiiingiee...«, hauche ich, »Herr Rust, das müssen Sie doch jetzt langsam wissen!«
Schmollend schiebe ich meine Lippen vor und drohe Sara neckisch mit dem Finger. Die kringelt sich über ihrem Fahrrad. »Hör auf, ich platze gleich!«
Immer noch kichernd, gehen wir weiter.
»Hast du gesehen, wie der Neue, dieser Daniel, auf Angie reagiert hat?«, fragt Sara.
»War ja nicht zu übersehen, ein Blick von ihr und er war hin. Dabei sieht er gar nicht so aus...«
Fragend schaut mich Sara an. »Wie meinst du das?«
»Na ja«, ich überlege, »als ob er auf primitive Anmache steht.«
Sara schüttelt energisch den Kopf. »Ach Quatsch: Viel nackte Haut, Busen und den Jungs das Gefühl geben, dass sie tolle Hechte sind... da stehen doch alle drauf, ob sie’s jetzt zugeben, so wie Body-Bill, oder nicht.«
»Ich vertraue darauf, dass es da noch ein paar seltene Ausnahmen gibt«, sage ich. »Hast du übrigens mitgekriegt, dass Bill uns als ›Kindergarten‹ tituliert hat?«
Sara zuckt die Achseln. »Den nehme ich gar nicht mehr ernst, aber dass sich die beiden anderen so an ihn dranhängen, finde ich blöd! Dieser Tom hat das doch echt nicht nötig, der ist wirklich süß mit seinen dunklen Locken, und Daniel...«
»...dem war Bills Spruch doch schweinepeinlich«, sage ich. »Ich hab das genau gefühlt, obwohl er mitgelacht hat.«
»Du immer mit deinen Gefühlen«, lacht Sara und schwingt sich auf ihr Rad. »So, ich muss los, holst du mich morgen früh ab oder kommt dein Chauffeur wieder?«
Ich strecke ihr die Zunge raus. »Nein, du Neidhammel, und guten Appetit bei...äh«, ich überlege, »was ist denn heute? Zweiter Montag, also: Fischstäbchen.«
Wir machen uns immer darüber lustig, dass es bei Saras Mutter Essen nach Plan gibt: vierzehn Essen im Zweiwochenrhythmus. Grausig! Muss denn alles im Leben so festgelegt sein? Langsam gehe ich auf unser Grundstück. Aber zugegeben, viel besser ist es bei uns auch nicht: einkaufen, essen, aufräumen, fernsehen... alles läuft nach dem ewig gleichen Plan ab. Wenn wir wenigstens mal einen richtig tollen Urlaub machen würden. So wie Angie – nach Cannes fahren... Stattdessen verbringen wir jedes Jahr drei Wochen in Holland oder Österreich. Ich würde lieber mal kürzere, spannendere Reisen machen, nach Rom oder Paris oder so. Aber da ist mit meinen Eltern nicht zu reden.
»Wir brauchen einfach die Erholung, Marie! Und außerdem sind diese Städtereisen furchtbar teuer, das können wir uns jetzt, wo wir das Haus abzahlen müssen, nicht leisten.«
Ja, ja, das Haus... immer muss es als Erklärung herhalten für all die Dinge, die ich mir verkneifen soll: die Esprit-Jacke, das neue Fahrrad, die Telefoniererei mit Sara...
»Hallo, Marie, schon zu Hause?« Mama steht am Herd und rührt hektisch in ihren Töpfen herum.
»Die Schostak ist krank.« Seufzend lasse ich meine Tasche auf den Boden fallen und sinke auf den nächstbesten Stuhl.
Mama wirft einen Blick über die Schulter. »Marie, tu mir den Gefallen, bring deine Tasche gleich nach oben und zieh die Schuhe aus, ja? Ich hab hier gerade...«
»… gewischt«, vollende ich ihren Satz. Oft weiß ich gar nicht mehr, ob wir diese immer gleichen Dialoge wirklich sprechen oder ob ich sie schon automatisch höre. Langsam gehe ich nach oben in mein Zimmer.
Manchmal betrachte ich meine Mutter ganz distanziert, wie eine Fremde. Ich bin schon froh, dass sie nicht so spießig aussieht wie Saras Mutter. Mama ist groß und schlank, das blonde, glatte Haar habe ich von ihr geerbt (dabei wäre mir das dunkle, buschige von Papa lieber gewesen) und leider auch ihre matschblasse Haut. Aber Mama kann sich gut schminken, nicht so auffallend wie Angie, sondern dezent und schick eben. Vor einem Jahr hat sie wieder angefangen zu arbeiten, als Teilzeitkraft bei Rickys Kinderarzt. Papa war erst nicht so begeistert von Mamas Job, obwohl er es nicht richtig zugegeben hat. Ich glaube, ihm hatte es gut gefallen, dass seine Familie ihn erwartete, wenn er aus dem Büro kam! Papa arbeitet als Beamter in der Stadtverwaltung, im Bauamt. Das ist sicher kein besonders schillernder Job. Aber ich bin froh, dass er nicht einer dieser Karriereväter ist, die fünfzehn Stunden am Tag arbeiten und dann mit fünfzig im Fitnessstudio einen Herzinfarkt kriegen. Und überhaupt: Wie sollten wir dann unser Haus abbezahlen? Ob Mama nur noch Schwarz tragen würde? Oder uns ratzfatz einen neuen Stiefvater präsentieren würde? Himmel, was überlege ich mir da schon wieder? Manchmal male ich mir so abartige Sachen aus, dass ich’s selbst kaum glauben kann... Nur gut, dass keiner meine Gedanken lesen kann.
Die Haustür klappt und Ricky kommt die Treppe raufgebollert. Vor meiner Tür stoppt sie einen Moment und klopft dann zaghaft an. Dieses Klopfen habe ich ihr mühsam beigebracht. Früher ist sie bei jeder Gelegenheit einfach in mein Zimmer geplatzt.
»Hallo, Marie, wie geht’s denn?« Unsicher schielt Ricky unter ihrem dicken Pony hervor.
Misstrauisch schaue ich sie an. »Ist was Besonderes?«
»Nö, eigentlich…«, sie zögert, »äh, Marie, hast du schon das mit deinem Puder gesehen?«
Ein Blick zur Seite und ich kriege fast einen Schreikrampf! Wie feiner Staub bedeckt mein nagelneuer loser Gesichtspuder die hellblaue Matte vor meinem Schminktisch. Mit einem Aufschrei hocke ich mich auf den Boden und versuche zu retten, was zu retten ist.
»Marie, ich hab’s nur ganz vorsichtig probiert!«, jammert Ricky hinter mir. »Ehrlich, und dann fiel das plötzlich alles raus. Ich hab nichts gemacht. Ehrlich!«
»Tausendmal habe ich dir verboten, an meine Sachen zu gehen!«, schreie ich. »Raus jetzt! RAUS!«
Ricky stürzt aus dem Zimmer und ich atme erst mal tief durch. Als meine Eltern vor zwei Jahren dieses Reihenhaus gekauft haben, war ich vor allem froh, endlich ein eigenes Zimmer zu haben. Ich glaube, in unserem alten Zwergenzimmer hätte ich meine achtjährige Schwester eines Tages erwürgt.
Jetzt kann ich wenigstens die Tür zumachen, wenn ich meine Ruhe haben will.
Vor allem nach dem Mittagessen rolle ich mich immer gern in die Decke auf meinem Sofa und träume ein bisschen vor mich hin. Aber heute dauert die Ruhe nicht lange. Schon nach fünf Minuten steht Mama in der Tür und blickt missbilligend auf mich hinunter. »Bist du schon wieder müde, Marie? Ich verstehe das nicht. Du schläfst doch nachts genug, oder? Das muss an der Pubertät liegen.«
Ich hasse es, wenn meine Eltern alles, was mich betrifft, mit der »Pubertät« in Zusammenhang bringen, so als wäre ich zeitweilig nicht zurechnungsfähig. Immerhin, seit ich mit Robert zusammen bin, hat dieses Pubertäts-Gelaber deutlich nachgelassen. Robert hat meiner Mutter von Anfang an gefallen. Er unterscheidet sich eben deutlich von den obercoolen Pickelzwergen in unserer Klasse. Robert ist immer höflich und gepflegt, fürsorglich und aufmerksam. Er ist das, was man in alten Filmen wohl einen Gentleman nennt.
»Der Junge trägt dich doch auf Händen, Marie«, hat meine Mutter mal geklagt, »und du bist oft so eklig zu ihm.«
Wenn meine Mutter diesen verwundeten Blick auflegt, könnte ich schreien. So als würde ich sie persönlich verletzen, wenn ich Robert gegenüber zickig bin. Ich frage mich wirklich manchmal, was dahinter steckt!
Nach der Schule stehen Tom und ich noch kurz bei den Fahrradständern zusammen. Er fährt seit ein paar Monaten Vespa; geiles Gefährt, hat er von seinem Vater bekommen.
»Wie findest du den neuen Klassenlehrer?«, frage ich.
»Weiß nicht so recht, scheint die harte Nummer durchziehen zu wollen.«
»Hm, vielleicht will er sich bloß am Anfang Respekt verschaffen?«
»Könnte sein. Aber sympathisch ist was anderes«, sagt Tom.
Bisher kannten wir Rust nur vom Hörensagen. Er ist erst voriges Jahr ans Gymnasium gekommen und gilt als ziemlich streng. Tom zieht sich den Helm über und bockt seine Vespa ab.
»Begleitest du mich noch’n Stück?«, frage ich und steige auf mein Mountainbike.
»Ne, Danny, geht nicht. Muss noch zur Gitarre und schauen, ob der neue Verstärker endlich da ist. Haben die mir schon seit drei Wochen versprochen.«
Tom ist Stammkunde in der Gitarre, dem einzigen guten Musikladen hier in der Stadt. Ein kleines Vermögen hat er dort schon gelassen. Seine Musikleidenschaft geht ihm über alles. Toms Eltern haben ordentlich Kohle, sein Vater ist so eine Art Baulöwe.
Tom tritt auf den Kickstarter, der Motor springt nicht an. Ich fasse ihn am Arm.
»Warte doch noch’n Moment.«
»Hm, was denn?«
»Ich wollte noch wissen, wie du sie findest.«
»Wen denn?«, fragt Tom.
»Na, die neuen Mädels.«
»Tja... sind paar nette drunter, glaub ich. Die schwarze mit den Locken find ich ganz passabel...«
Mann, wenn Tom so daherredet, dann bedeutet das schon viel. Ich kenne ihn, »ganz passabel« ist ein großes Kompliment für ihn.
»Und die andere, die mit den blonden langen Haaren?« Tom schüttelt den Kopf. »Zu dünn und zu blass.«
Ich muss schmunzeln, wie er mit zwei Worten die Mädchen so cool abstempelt.
Er boxt mir spielerisch in die Seite. »Und du... hast ja ganz schöne Stielaugen gekriegt bei dieser Angie!«
Hat er es also doch gemerkt, wie ich auf sie reagiert habe. Ich drehe mich zur Seite und winke lässig ab. »Hm, da ist doch Bill schon am Baggern.«
»Bill und Baggern ist doch ein und dasselbe«, sagt Tom. »Aber nichts als heiße Luft, wenn du mich fragst.«
»Ich frag dich aber nicht«, grinse ich ihn an und schwinge mich auf mein Fahrrad. »Ciao.«
 
Zehn Minuten später bin ich zu Hause. Als Erstes gehe ich zum Briefkasten und schaue nach der Post. Zwei Briefe für meinen Vater und da ist auch einer für mich. Von Mutter. Ihre geschwungenen großen Buchstaben sind unverkennbar.
An der Tür begrüßt mich Woody und streicht mir wie immer um die Beine. Woody ist die Katze meines Vaters, ein getigerter Kater und wahnsinnig verschmust, allerdings nur wenn er es selbst will. Seit drei Jahren wohne ich mit meinem Vater in einer Haushälfte eines schönen kleinen, allein stehenden Hauses. Seit wir von München hierher gezogen sind. Auf der Kommode im Flur liegt ein Zettel:
Hallo, Daniel,
ich komm so um eins, halb zwei. Warte doch auf mich.
Dann können wir zusammen was essen. Gruß, Dad.
Mein Vater ist noch nicht zu Hause, er inszeniert zur Zeit ein Theaterstück. Er ist so was wie der Hausregisseur am einzigen Theater hier in der Stadt. Das war auch der Grund, warum wir hierher gezogen sind. Anfangs ist es mir schwer gefallen, von München wegzugehen, aber jetzt habe ich mich an das Kleinstadtleben gewöhnt.
Ich gehe in mein Zimmer, werfe mich aufs Bett und reiße das Kuvert auf. Der Brief von meiner Mutter ist aus Gran Canaria. Aus beruflichen Gründen muss sie sechs Wochen dort sein. Sie schreibt von ihrem Job, wie erfolgreich sie dort ist und wie die Insel aussieht. Nur am Schluss schreibt sie zwei Zeilen über mich. Wie’s mir geht, wie die neue Klasse ist und ob Vater sich ordentlich um mich kümmert und ob es mir an Geld fehle?
Nein, Mama, an Geld fehlt es mir nicht...
Woody springt aufs Bett und legt sich auf meinen Bauch. Er mag es, wenn ich so ruhig daliege. Dann kommt er meistens zu mir. Die Sonne scheint auf das Bett und nach ein paar Sekunden beginnt Woody zu schnurren.
Mutter ist jetzt seit ein paar Jahren Immobilienmaklerin, früher war sie Schauspielerin, so hat sie auch meinen Vater kennen gelernt, aber in ihrem Beruf war sie nie so super erfolgreich. Und seit sie auf ihrem Karrieretrip als Maklerin ist, verstehe ich sie immer weniger.
Vor einigen Jahren, ich war so zehn oder elf, haben sich meine Eltern regelrecht um mich gestritten. Sie haben sich getrennt, zogen in verschiedene Wohnungen, und beide wollten unbedingt, dass ich bei ihnen wohne.
Was letztendlich ausschlaggebend war, dass ich zu meinem Vater gekommen bin, war wohl meine Aussage vor dem Jugendrichter.
Es war eine merkwürdige Situation. Der Richter hat mich in ein kleines Zimmer gerufen, meine Eltern mussten den Raum verlassen und dann hat er mich ausgefragt. Wie ich mich zu Hause so fühle? Wer öfter da ist, Mama oder Papa? Wie mich meine Mutter behandelt? Und wie mein Vater? Ob ich schon mal Prügel gekriegt habe? Er wollte alles ganz genau wissen. Ganz am Schluss hat er mich dann gefragt:
»So, Daniel, jetzt sag mir doch mal ganz ehrlich, bei wem würdest du denn lieber wohnen, bei Mama oder beim Papa?«
»Beim Daddy«, habe ich gesagt, ohne lange nachzudenken.