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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Dedicated with great affection to
KARIN and HANS-JÜRGEN STÖVER
&
BÄRBEL and ELLIOT ›El Presidente‹ Puritz

»Weisheit hat damit zu tun,
wie das Leben einen Sinn gewinnt.
Weisheit hat aber auch damit zu tun,
wie das Leben voll von dem wird,
was dauert,
wie das Leben so wird, dass,
wenn einmal das Ende kommt,
der Mensch nicht das Gefühl hat:
Die Hände sind leer.«
ROMANO GUARDINI
 
»Sage mir dein Verhältnis zum Schmerz, und ich sage dir, wer du bist.«
ERNST JÜNGER

1
AUGENBLICKLICH wallte Angst in ihr auf, als Becky Brown die polternden Stiefelschritte auf dem Etagenflur ihres Mietshauses hörte.
Sie registrierte das Geräusch sofort, obwohl es doch nur eines von vielen in dem brodelnden Lärm war, der mit dem Gestank aus den Straßenschluchten aufstieg, aus den hoffnungslos überbelegten Wohnungen unter und über ihnen drang und der das berüchtigte New Yorker Einwandererviertel Five Points bei Tag und bei Nacht wie eine aufgewühlte See mit nie erlahmender Kraft umbrandete.
Es war das vertraute Geräusch, das ihr sagte, dass der Vater gleich in der Tür stehen würde! Und wieder einmal kehrte er viel zu früh am Nachmittag zurück, um dauerhafte Arbeit in den Docks an der Waterfront von Hudson und East River oder auf einer Baustelle gefunden zu haben.
Frustration und ohnmächtige Wut klangen deutlich aus dem harschen Aufstampfen seiner klobigen Stiefel heraus. Mit Beklemmung nahm Becky Brown auch den unregelmäßigen Rhythmus seiner Schritte wahr, der ihr so viel über sein körperliches Befinden und seinen Gemütszustand verriet, als hätte sie in sein Gesicht geschaut. Sie sah seine verbissene Miene förmlich vor sich. Der Vater hatte offenbar wieder Schmerzen in seiner linken Hüfte, denn er zog das linke Bein hörbar nach. Und wenn ihn Schmerzen quälten, suchte er sie mit Alkohol zu betäuben. Mit viel Alkohol.
»Becky, um Himmels willen, pass auf! Der Schweiß!«, rief die Mutter im selben Moment erschrocken. »Gleich tropft er dir aufs Hemd! Und dann gibt es Ärger mit Missis Greeley! Du weißt doch, wie genau sie es nimmt!«
Gerade noch rechtzeitig hob Becky den rechten Unterarm und wischte sich den Schweiß von Kinn und Stirn, bevor er auf das Hemd tropfen konnte, das sie gerade für Eleanor und Homer Greeley zusammennähte.
Vier Cent bekamen sie für jedes fertige Hemd. Doch für jeden Fleck und jede schlecht genähte Naht zog ihnen Eleanor Greeley einen Cent ab. So was konnte schnell passieren, wenn man bei der Arbeit nicht höllisch aufpasste. Besonders zwischen neun Uhr und Mitternacht, wenn die Mutter und sie nach zehn, zwölf Stunden Näherei mit der Müdigkeit kämpften und kaum noch die Augen offen halten konnten. So manche Naht musste dann wieder vorsichtig aufgetrennt und neu gesetzt werden. Denn sie brauchten jeden Cent, seit sich der Vater im letzten Herbst beim Einsturz eines Baugerüsts an der Hüfte schwer verletzt und dadurch seine feste Arbeitsstelle in der Baukolonne von Mister Keegan verloren hatte.
»Der Vater kommt!«, sagte Becky leise, als sich die Stiefelschritte ihrer Wohnungstür näherten.
»Ich weiß«, murmelte die Mutter und beugte sich noch tiefer über ihre Arbeit.
Doch Becky bemerkte sehr wohl, dass sie schluckte und dass ihre sonst so bewundernswert ruhige Nadelhand plötzlich zitterte.
Brütende Augusthitze lag über New York und in dem Mietshaus in der Mulberry Street mit seinen ein Fuß dicken Ziegelsteinwänden staute sich die Hitze wie in einem Backofen. Die Mutter und sie saßen in der Küche, die der Familie tagsüber auch als Wohnraum sowie nachts ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Daniel und ihr, Becky, als Schlafstätte diente. Sie hatten den Tisch an das weit geöffnete Fenster gerückt, um besser Luft zu bekommen. Aber viel Erleichterung hatte es ihnen nicht gebracht. Dafür nahmen sie jedoch den Gestank deutlicher wahr, der den Aborten in den Hinterhöfen entströmte und wie eine pestilenzartige Wolke über dem Einwandererviertel Five Points hing.
Eigentlich bestand ihre ganze Wohnung nur aus diesem einen Raum, der nur etwas mehr als vier Schritte im Quadrat maß. Denn bei dem zweiten Zimmer der schäbigen, schimmelbefallenen Wohnung handelte es sich um eine winzige, fensterlose Kammer, die gerade genug Platz für das Bett der Eltern und die alte, schmale Kommode bot. In der Küche machten ein Tisch mit vier Stühlen, ein gusseiserner Herd, mehrere selbst gezimmerte Wandborde und zwei Holzleisten mit Eisenhaken für die wenigen Küchenutensilien die ganze Einrichtung aus. Die mit Stroh und Lumpenfetzen gefüllten Jutesäcke, auf denen Daniel und sie, Becky, nachts schliefen, wurden tagsüber einfach aus dem Weg und in eine Ecke geschoben. Und das Wenige, was sie an Lebensmitteln besaßen, fand bequem Platz in den beiden Lattenkisten neben der Herdstelle.
Aber wie froh sie vor sieben Jahren gewesen waren, als sie nach der quälend langen Überfahrt im überfüllten Zwischendeck des deutschen Auswandererschiffes Prinz von Preußen in New York von Bord gegangen waren und sogleich diesen Unterschlupf in Five Points gefunden hatten. Hier wollten die Eltern einen neuen Anfang machen, nachdem die politischen Unruhen der gescheiterten Revolution von 1848, vor allem aber die Hungersnot auf dem Land sie über den Atlantik in die gelobte Neue Welt Amerikas getrieben hatten. Großartige Hoffnungen und ehrgeizige Pläne hatten die Eltern gehabt! Und wie stolz sie alle am Tag ihrer Ankunft im New Yorker Hafen auf ihren neuen, englischen Namen gewesen waren, den ihnen der ruppige Mann von der Einwanderungsbehörde ohne langes Nachfragen verpasst hatte. Denn als der Vater auf die Frage, wie er denn heiße, respektvoll mit »Friedrich Braun, aus dem Rheinischen!« geantwortet hatte, hatte der Beamte auf das Einwanderungsdokument kurzerhand »Frederik Brown« geschrieben, ihm das Papier in die Hand gedrückt und die nächste Familie aufgerufen. Und natürlich war dann aus ihrem Vornamen Rebekka im Viertel schnell Becky geworden. Nur die Mutter, die schon in Deutschland stets nur Lena und nicht Magdalena gerufen worden war, sowie Daniel hatten sich nicht an einen veränderten Vornamen gewöhnen müssen. Aber wie unendlich weit schien das schon zurückzuliegen!
Grob stieß der Vater die Tür auf, die vom Etagenflur direkt in die Küche führte. Ohne ein Wort des Grußes trat er an den Herd, wo der blecherne Wasserkübel stand, griff zur Schöpfkelle und trank. Die Hälfte spie er sofort angewidert wieder aus.
»Pfui Teufel, was für eine pisswarme Brühe! Ich hätte mir ja denken können, dass sich keiner die Mühe gemacht hat, frisches Wasser hochzuholen!«, schimpfte er voller Ingrimm.
»So früh haben wir noch nicht mit dir gerechnet, Frederik«, sagte die Mutter entschuldigend. »Ich wäre sonst ganz bestimmt...«
»Ich bin aber jetzt schon zurück!«, fiel er ihr ins Wort. »Oder muss ich vielleicht erst deine Erlaubnis einholen, wann ich zurückkommen darf?«
»Nein, natürlich nicht!«
»Da bin ich aber erleichtert!«, höhnte er.
»Hast du denn wenigstens für ein paar Stunden Arbeit gefunden, Frederik?«, fragte die Mutter wider besseres Wissen hoffnungsvoll und zwang ein gequältes Lächeln auf ihr schweißglänzendes Gesicht, das mit jedem Monat schmaler und von tieferen Linien durchzogen wurde.
»Nein, habe ich nicht!«, gab er kurz angebunden zur Antwort. Und dann fragte er herrisch und ohne jeden Übergang: »Wo ist das Geld?«
»Was für Geld?«, fragte die Mutter zurück.
»Das du vor mir versteckst!«
»Ich habe kein Geld!«, beteuerte die Mutter hastig und mit einem ängstlichen Aufflackern in den Augen. »Und schon gar kein Geld, das ich vor dir verstecke!«
»Du lügst!«, schrie der Vater, schleuderte die Kelle in den Wasserkübel und machte einen drohenden Schritt auf sie zu. »Ich weiß ganz genau, dass du irgendwo Geld versteckt hältst!«
»Frederik, bitte! Sei vernünftig!«, flehte die Mutter. »Du weißt doch selbst, wie schlecht es uns geht, seit du keine feste Arbeit mehr hast!«
»Jetzt ist es also meine Schuld, dass ich mir die Knochen gebrochen habe, weil dieser Verbrecher von einem Bauunternehmer sich einen Dreck um die Sicherheit gekümmert und an allen Ecken und Enden wichtige Stützstreben eingespart hat, ja?«, brauste der Vater auf.
»Um Gottes willen, nein!«, wehrte die Mutter ab. »Natürlich trifft dich keine Schuld, Frederik! Ich meinte ja nur, dass du doch wegen deiner Behinderung so schlecht Arbeit bekommst. Wir...«
»Andere Männer, die keine Behinderung haben und stark wie Ochsen sind, finden auch keine Arbeit!«, fiel er ihr ins Wort. »Und ich sorge schon dafür, dass niemand etwas davon merkt, wenn ich Schmerzen habe!«
Der Vater suchte den Streit, das sah Becky ihm geradezu an. Schon wie er die Augen zusammenpresste und das Kinn vorstreckte, machte jede Hoffnung auf Milde zunichte.
»Mach mir doch nichts vor!«, blaffte er los. »Mich hältst du nicht zum Narren! Ich weiß ganz genau, dass du hier einen Cent und dort einen Cent abknapst und irgendwo verschwinden lässt. Und ich will, dass du dieses Geld jetzt herausrückst. Wenigstens einen halben Dollar! Nun mach schon oder es wird dir Leid tun!«
Becky spürte ihr Herz rasen. Sie fürchtete sich vor dem, was der Vater gleich tun würde, wenn er das Geld nicht bekam, um seine Schmerzen und die Trostlosigkeit seines Lebens in der nächsten Taverne oder einem dieser finsteren Grog-Shops ersäufen zu können. Sie wusste auch, dass die Mutter log und sie sehr wohl ein Versteck hatte, wo ein kleiner Beutel mit Münzen lag. Es befand sich, wie sie einmal zufällig beobachtet hatte, in der elterlichen Schlafkammer unter dem lockeren Bodenbrett mit dem kleinen Astloch. Das hintere rechte Bein der Kommode stand auf diesem Brett. Viel konnte in dem Beutel nicht sein, aber es war Mutters Notgroschen, falls der Hunger einmal zu groß wurde oder mal wieder ein Dollar für die Miete fehlen sollte.
»Ich warne dich!«, zischte der Vater.
»Ich habe wirklich nichts versteckt, und wenn du mich grün und blau schlägst! Ich schwöre es bei der seligen Jungfrau und Gottesmutter!«, stieß die Mutter verängstigt hervor. Andererseits war sie fest entschlossen, lieber Schläge zu ertragen, als ihm ihren Notgroschen auszuhändigen und das mühsam zusammengesparte Geld noch in dieser Nacht an die Schankwirte von Five Points zu verlieren. Und was den falschen Schwur betraf, so vertraute sie in ihrem tiefen Glauben darauf, dass die Muttergottes ihr in ihrer unendlichen Güte und Barmherzigkeit diese Sünde nicht nur gnädig verzieh, sondern die Lüge zum Schutz der Familie sogar billigte.
Der Vater sah sie grimmig und mit unschlüssiger Miene an. Er wusste nicht, ob er sie schlagen sollte, weil er ihr nicht glaubte – oder ob er ihr glauben und sie dennoch schlagen sollte, um seiner Wut und Ohnmacht Luft zu verschaffen.
»Aber Daniel hat noch das Geld, das er sich heute mit dem Sammeln von Nägeln verdient hat!«, fiel es der Mutter noch rechtzeitig ein, und hastig sprach sie weiter: »Er wollte es mir sogleich geben, als er zurückkam, aber ich war da gerade mit der Bettwäsche beschäftigt. Er war ganz stolz. Ich glaube, er hat über einen Shilling zusammenbekommen. Du weißt ja, dass er heute Morgen schon vor Sonnenaufgang losgezogen ist.«
Becky fühlte sich trotz der angespannten Situation versucht, ein spöttisches Auflachen von sich zu geben. Denn was die Mutter »Sammeln von Nägeln« nannte, war in Wirklichkeit glatter Diebstahl. Daniel hatte sich in ihrer Not zu jenen Kindern aus dem Armenviertel Five Points gesellt, die sich auf Großbaustellen herumtrieben und sich in Lagerhäuser schlichen, um dort Nägel oder anderes Eisen zu stehlen. Nur wer gute Augen besaß sowie flink und schnell auf den Beinen war, hatte Chancen, den Wurfgeschossen, Prügeln und Fäusten wütender Bauarbeiter oder Lageraufseher unbeschadet zu entkommen. Und der Lohn der Angst bestand in einem Cent für jedes Pfund Nägel, das der Schrotthändler in ihrem Viertel zahlte. Einfaches Alteisen brachte sogar noch weniger. Um also mit einem Shilling in der Tasche nach Hause zu kommen, musste ihr achtjähriger Bruder Daniel demnach zwölfeinhalb Pfund Nägel zusammengestohlen haben.
»So! Und wo ist der Bursche jetzt mit dem Geld?«, fragte der Vater misstrauisch.
»Oben auf dem Dach«, sagte die Mutter. »Ich habe unsere beiden Bettlaken gewaschen. Er passt auf, dass sie uns nicht von der Wäscheleine gestohlen werden.«
Wäsche jeder Art, auch wenn sie noch so verschlissen war, konnte man in Five Points nicht unbeaufsichtigt lassen, schon gar nicht, wenn man zu jenen Mietern gehörte, die nach vorn zur Straße hinaus wohnten und daher keinen Anspruch auf eine der wenigen Wäscheleinen im Hinterhof besaßen. Die Wäschediebe, die oft in Banden arbeiteten, kamen mit Vorliebe über die Flachdächer der Backsteinhäuser. Und Wäsche einfach aus dem Fenster zu hängen, war nicht ratsam. Zu oft schütteten Bewohner aus den oberen Etagen Dreckwasser, manchmal sogar auch den Inhalt von Nachttöpfen einfach aus dem Fenster, egal ob unter ihnen jemand Wäsche herausgehängt hatte. Die alte, zahnlose Nelly Boyd, die mit ihrer versoffenen Tochter über ihnen im fünften Stock wohnte, machte das sogar regelmäßig. Und sie war nicht die Einzige, die keinen Anstand kannte und nichts auf das Geschimpfe der anderen Bewohner gab.
»Ich laufe hoch und hole Daniel!«, bot Becky sich an.
Der Vater hielt sie mit einer unwirschen Handbewegung zurück. »Ich gehe schon selbst zu ihm hoch. Seht ihr lieber zu, dass ihr mit eurer Näharbeit vorankommt!«
Becky hatte eine empörte Erwiderung auf der Zunge. Als ob sie beide nicht bis zum Umfallen schufteten! Diese elende Plackerei würde ihre Mutter, die in den letzten beiden Jahren erschreckend grau und hager geworden war, noch mal weit vor ihrer Zeit ins Grab bringen! Obwohl noch keine dreißig, sah sie doch schon wie eine alte, abgehärmte Frau aus! Und sie, Becky, hatte selbst längst aufgehört, die Zahl der Hemden zu zählen, die sie in den vergangenen Monaten Tag für Tag bis in die Nacht mit brennenden Augen und schmerzendem Rücken für Eleanor Greeley zusammengenäht hatte. Und da wollte der Vater ihr mangelnden Arbeitseifer vorwerfen?
Bevor sie jedoch protestieren konnte, fing Becky den warnenden Blick ihrer Mutter auf, die zudem auch noch kaum merklich den Kopf schüttelte, als wollte sie sagen: »Tu es bloß nicht! Du machst damit alles nur noch schlimmer!« Und so schluckte sie ihren Protest wie einen bitteren Kloß hinunter.
Etwas Unverständliches vor sich hin murmelnd, das nicht eben freundlich klang, stiefelte der Vater aus der Küche. Die Mühe, hinter sich die Tür zu schließen, machte er sich erst gar nicht.
»Nimm es dir nicht so zu Herzen, Becky«, sagte die Mutter sofort und mit gedämpfter Stimme. »Im Grunde seines Herzens meint er es gar nicht so, wie es manchmal herauskommt, wenn er... wenn er einen seiner schlechten Tage hat.«
»In letzter Zeit hat er nur noch schlechte Tage«, sagte Becky verdrossen.
»Es ist nicht leicht für einen Mann wie deinen Vater, dass er nur noch für ein paar Stunden die Woche Arbeit findet«, sagte die Mutter nachsichtig. »Er leidet sehr darunter, auch wenn er nicht darüber spricht. Dein Vater ist immer sehr stolz darauf gewesen, dass wir nach Amerika nicht dank der barmherzigen Spende von irgendwelchen Armenhilfsorganisationen auswandern konnten wie so viele andere Landsleute, sondern dass er unsere Überfahrt mit eigenem Geld bezahlt und immer gut für seine Familie gesorgt hat. Dass er seit letztem Herbst ohne feste Anstellung ist und seitdem viel von unserem Zuverdienst abhängt, setzt ihm hart zu.«
»Wenn ihm wirklich so viel an uns läge, würde er das wenige Geld, das wir uns mühsam erarbeiten oder zusammenstehlen...«
»Becky!«, fiel die Mutter ihr scharf ins Wort.
»Aber so ist es doch, Mom! Daniel sammelt die Nägel doch nicht von der Straße auf, sondern er klaut sie von Baustellen!«, sagte Becky mit wütendem Aufbegehren. »Jedenfalls würde der Vater, wenn er sich wirklich so viel Sorgen um uns macht, wie du behauptest, das wenige Geld nicht regelmäßig bei Joe Slocum, in Fatty Walsh’s Saloon oder in der Trogg’s Tavern versaufen und seinen letzten Penny bei einem dieser abscheulichen Hahnenkämpfe verwetten, die in diesen Spelunken stattfinden!«
»Genug, Becky! Ich will nicht hören, dass du in diesem Ton über deinen Vater...«, setzte die Mutter an, führte den Satz jedoch nicht zu Ende. Denn in diesem Moment hörten sie im Treppenhaus die wutentbrannte Stimme des Vaters sowie lautes Gepolter und angstvolle, schmerzerfüllte Schreie, die sich mit dem hässlichen Klatschen eines Lederriemens vermischten.
Becky krampfte sich der Magen zusammen, als sie das peitschende Geräusch hörte. Sie ballte die Fäuste und wurde ganz steif. Der Vater prügelte wieder einmal auf ihren kleinen Bruder ein!

2
AUGENBLICKE später stürzte Daniel durch die offen stehende Tür in die Küche, dicht gefolgt vom Vater, der mit seinem breiten Ledergürtel nach ihm schlug.
»Du verdammter Nichtsnutz! Auf dich ist so viel Verlass wie auf die Barmherzigkeit dieses adligen Lumpen, der sich damals für ein erbärmliches Handgeld Hof und Land von uns Not leidenden Bauern unter den Nagel gerissen hat!«, schrie der Vater außer sich vor Wut und ließ den Riemen ein weiteres Mal quer über Daniels schmalen Rücken klatschen.
Daniel, das Gesicht eine Maske aus Schmerz und Angst, stolperte und stürzte beinahe.
Entsetzt sprang die Mutter auf, ließ das halb fertig genähte Hemd einfach zu Boden gleiten und legte ihre Arme schützend um ihren schmächtigen Sohn, der sich schluchzend an sie presste.
»Frederik! … Um Gottes willen, lass von dem Jungen ab!«, rief sie beschwörend.
»Er hat viel mehr als diese paar Schläge verdient!«, schrie der Vater in heller Wut. »Also nimm du ihn jetzt nicht auch noch in Schutz! Windelweich prügeln sollte ich ihn!«
»Was hat er denn getan, dass du ihn so schlagen musst?«, wollte die Mutter wissen.
»Eingeschlafen ist dieser Taugenichts! Statt auf die Bettlaken aufzupassen, hat er es sich im Schatten der Mauer bequem gemacht und geschlafen! Und jetzt sind die beiden Laken natürlich weg!«
»Allmächtiger!«, entfuhr es der Mutter erschrocken, denn der Diebstahl ihrer beiden einzigen Bettlaken bedeutete einen bitteren Verlust. Sie besaßen kein Geld, um sich neue leisten zu können. Es reichte nicht einmal für Laken aus zweiter Hand, wie sie in den vielen muffigen Läden mit gebrauchten Waren aller Art überall im Viertel angeboten wurden. Läden, die zum großen Teil von Hehlern betrieben wurden.
»Ich habe versucht, wach zu bleiben!«, stieß Daniel schluchzend hervor. »Ich dachte… ich würde es schaffen… Aber dann...«
»Faule Ausreden!«, fuhr der Vater ihm über den Mund. »Du hast versagt und uns um unsere Bettlaken gebracht! Nichts, was du anfasst, machst du richtig! Und du willst mein Sohn sein?« Er schnaubte verächtlich. »Eine Schande bist du!«
Daniel schluchzte noch lauter in die fadenscheinige Schürze der Mutter.
»Hör auf der Stelle mit dem weibischen Geheule auf, sonst gebe ich dir wirklich Grund dazu!« Der Vater packte Daniel am Arm und riss ihn mit brutaler Gewalt aus der schützenden Umarmung der Mutter.
In Becky krampfte sich alles zusammen, als sie das angsterfüllte Gesicht ihres kleinen Bruders sah. Sie wünschte, sie könnte für ihn einstehen und ihn vor dem Zorn des Vaters schützen. Daniel, der nicht wie sie das widerspenstige kastanienbraune Haar der Mutter, sondern das herrlich schwarze, lockige Haar des Vaters geerbt hatte, war noch so klein und schmächtig, und für seine acht Jahre mühte er sich wirklich sehr, auch ein wenig Geld nach Hause zu bringen, damit ihre Not nicht noch größer wurde. Eine Schule hatten sie beide schon seit einem guten Jahr nicht mehr betreten. Aber in dieser Situation konnte, ja durfte sie nichts für ihn tun, wenn sie nicht wollte, dass der Vater noch mehr in Rage geriet und dabei die Kontrolle über sich verlor. Wenn das geschah, nahmen sich die paar Schläge mit dem Gürtel ausgesprochen harmlos aus. Und so biss sich Becky auf die Lippen, um nicht etwas Unvernünftiges zu sagen oder zu tun.
»Aufhören zu heulen, habe ich gesagt!«, fuhr der Vater Daniel an und gab ihm eine schallende Ohrfeige, dass sich die Finger seiner Hand auf der Wange abzeichneten.
Tapfer presste Daniel den Mund zusammen, um das Aufschluchzen zu unterdrücken. Doch seine Lippen bebten immer noch.
»Und jetzt gib das Geld her, das du noch nicht bei deiner Mutter abgeliefert hast!«, forderte ihn der Vater auf.
Daniels Schultern zuckten, als er in die Tasche griff und dem Vater einen Shilling und drei Cent aushändigte.
»Und jetzt geh mir aus den Augen! Na los, mach schon! Verschwinde!« Mit diesen Worten jagte der Vater ihn aus der Wohnung. Und als Daniel hinaus ins Treppenhaus rannte, schrie er ihm noch nach: »Und wage dich nicht eher nach Hause, bis du Ersatz für die beiden Bettlaken besorgt hast! Wie du das anstellst, soll mir egal sein! Zwei Bettlaken! Sonst kannst du sehen, wo du bleibst, hast du verstanden?«
»Um Gottes willen, Frederik! Das kannst du doch nicht machen!«, rief die Mutter bestürzt. »Du versündigst dich! Der Junge ist doch erst...«
»Erzähl du mir nicht, was ich machen kann und was nicht!«, fuhr der Vater sie an. »Er muss die Strafe bekommen, die er verdient! Nur so lernt er. Schlimm genug, dass du ihn verziehst und verhätschelst! Ich jedenfalls lasse nicht zu, dass mein Sohn ohne das rechte Pflichtgefühl heranwächst!«
»Frederik, ich verstehe deinen Ärger ja, und es ist auch richtig, dass Daniel Strafe verdient...«, begann die Mutter besänftigend.
Der Vater ließ sie jedoch auch diesmal nicht ausreden. »Gut, dann sind wir ja einer Meinung. Und jetzt will ich wissen, wie viele Hemden ihr für Missis Greeley fertig habt!«
Hilfe suchend sah sich die Mutter zu ihrer Tochter um. »Wie viele Hemden?... Ja, also... ich meine... so genau...«, begann sie stammelnd.
»Wir liefern doch immer am Samstag bei Missis Greeley ab und heute ist erst Donnerstag«, sprang Becky ihr rasch zur Seite.
»Ihr sollt mir eine klare Antwort geben und mir nicht mit dümmlichem Gerede kommen, verdammt noch mal!«, donnerte der Vater. »Ich weiß, dass wir Donnerstag haben, und ich weiß auch, dass ihr die Hemden gewöhnlich am Samstag zu Missis Greeley bringt! Haltet ihr mich vielleicht für auf den Kopf gefallen? Also, noch einmal: Wie viele Hemden sind fertig?«
Die Mutter seufzte resigniert: »Es müssen neunundzwanzig sein.«
Ein grimmig zufriedenes Lächeln huschte kurz über das Gesicht des Vaters. »Packt sie zusammen. Die Greeleys nehmen jeden Tag fertige Ware an! Und du, Becky, bringst sie zu ihnen!«, befahl er.
»Frederik, wir brauchen das Geld für Lebensmittel, und einen Teil müssen wir in die Dose für die nächste Miete zurücklegen!«, beschwor die Mutter ihn. »Du kannst das Geld nicht in die Taverne tragen. Daniels Nägelgeld...«
Mit einem schnellen Schritt war der Vater bei ihr und hob drohend die Hand. »Willst du mir Vorschriften machen?«, schrie er sie an.
Die Mutter senkte demütig den Kopf. »Nein, natürlich nicht, Frederik«, murmelte sie, duckte sich unter der erhobenen Hand hinweg und zog hastig den großen Weidenkorb aus der Ecke, in dem sie die fertigen und sorgfältig gefalteten Hemden aufbewahrten.
Becky ging ihrer Mutter schweigend zur Hand. Gemeinsam teilten sie die Hemden in zwei Pakete zu je einem Dutzend auf, banden behutsam um jeden Stapel eine hellblaue Kordel, legten die restlichen fünf obenauf und wickelten die ganze Lieferung in ein großes sauberes Leinentuch, das die Mutter in einem kleinen Beutel aufbewahrte, damit ja kein Dreck und Staub an das Tuch kam. Eleanor Greeley nahm es mit ihrer Ware sehr genau und liebte es noch mehr als ihr Mann Homer, etwas bemängeln und dafür einen empfindlichen Abzug berechnen zu können. Dann schoben sie das Ganze in einen Sack aus gewachstem Segeltuch, dem auch ein Regenschauer oder Schneefall im Winter nichts anhaben konnte.
»Mach voran!«, drängte der Vater gereizt.
Becky wuchtete sich den Sack, der wegen des steifen Segeltuchs ein ordentliches Gewicht besaß, auf die linke Schulter. Zum Glück war es zum Geschäft von Homer und Eleanor Greeley auf der Centre Street nur etwas mehr als eine Meile.
»Pass gut auf, Kind!«, ermahnte die Mutter sie und schenkte ihr einen stummen, beschwörenden Blick. »Und sei höflich zu Missis Greeley, auch wenn sie zu Unrecht irgendetwas beanstandet und uns Abzüge berechnet! Streite bloß nicht mit ihr, hörst du? Wir sind darauf angewiesen, dass wir auch weiterhin für sie und ihren Mann arbeiten können.«
Becky verstand den versteckten Hinweis und nickte. »Ja, Mom, ich werde mein Bestes tun«, versprach sie.
»Nun beweg dich schon!« Der Vater schob sie durch die Tür, die er mit einem lauten Knall hinter sich zuzog.

3
WÄHREND die brennende Augustsonne am Himmel stand und ihr gleißendes Licht auf New York warf, herrschte im Treppenhaus eine Dunkelheit, als wäre urplötzlich die Nacht hereingebrochen. Und zwar eine Nacht ohne jegliches Licht von Mond und Sternen.
Nicht nur in diesem Mietshaus, sondern auch in all den anderen billig hochgezogenen Mietskasernen von Five Points glichen die Treppenhäuser nachtschwarzen Abgründen, die man über gefährlich steile, krumme und oftmals lebensgefährlich schadhafte Treppen mit unregelmäßigen Stufenabständen bezwingen musste. Es gab keine Beleuchtung, welcher Art auch immer. Die von keinen Skrupeln geplagten Hausbesitzer, die möglichst viel Profit aus ihren Mietshäusern herauspressen wollten, dachten gar nicht daran, dafür auch nur einen einzigen Dollar auszugeben, und die Mieter waren zu arm, um selbst für Leuchten sorgen zu können. Auch am sonnigsten Sommertag fiel nicht ein einziger Strahl Tageslicht in diese finsteren Treppenhäuser. Nicht nur ältere Bewohner, die wie die alte Nelly Boyd oben im fünften Stock nicht mehr so gut auf den Beinen waren, tasteten sich vorsichtig die Treppen hoch und hinunter, sondern jeder bewegte sich auf den steilen Treppen mit größter Vorsicht. Wenn man sich außerdem noch mit einem vollen Ascheneimer, Einkaufskorb oder einem Wäschesack abplagen musste, bedeutete der Gang durchs Treppenhaus eine noch größere Mühsal und Gefahr. Deshalb waren schwere Stürze und gebrochene Knochen keine Seltenheit.
Wer es sich leisten konnte, machte sich Licht mit Zündhölzern oder nahm gar eine brennende Kerze mit. Doch das taten die wenigsten. Denn wer in diesen Mietskasernen mit ihren beklemmend engen und dunklen Wohnungen hauste, in denen der Schimmel über die Tapeten aus altem Zeitungspapier wucherte, hatte guten Grund, warum er ausgerechnet in Five Points und nicht in einem besseren Viertel von New York lebte. Und bei den meisten war dieser Grund schlichte materielle Not.
Becky ging zögernd den Flur hinunter und zählte ihre Schritte, während sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten. Bis zum fünfzehnten Schritt hatte sie nichts zu befürchten, danach jedoch musste sie Acht geben und sich an das Treppengeländer herantasten, das an manchen Stellen schon beängstigend knarrte und unter dem Druck der Hand ein wenig nachgab.
»Kannst du uns nicht ein bisschen Licht machen und ein Streichholz anreißen, Pa?«, fragte Becky bittend ins Dunkle. Das ekelhafte Brummen von Schmeißfliegen und das helle Sirren von Stechmücken, die sich in das Treppenhaus verirrt hatten, umgaben sie. Sie wedelte mit der freien Hand vor ihrem Gesicht, um das zudringliche Getier abzuwehren.
»So eine Vergeudung kommt gar nicht infrage!«, beschied er sie. »Und nun trödel nicht so herum. Du tust ja so, als wärst du hier noch nie die Treppe hinuntergestiegen!«
Becky wollte am liebsten erwidern, dass die Mutter zumindest einige brennende Kienspäne mitnahm, wenn sie so schwer bepackt die Treppe hinunterstiegen, hielt es aber für klüger, das für sich zu behalten. Sie tastete mit der rechten Hand nach dem Geländer, hielt mit der linken den Hemdensack auf ihrer Schulter in der Balance und stieg die Treppe hinunter. Sie war dankbar dafür, dass sie ein gutes Gedächtnis besaß und sich die Stellen gemerkt hatte, wo sie besonders aufpassen musste. Dennoch atmete sie erleichtert auf, als sie die unterste Treppe bezwungen hatte, ohne einmal gestolpert zu sein, und Augenblicke später auf die knöcheltief mit Unrat übersäte Straße hinaustrat, wo das Sonnenlicht sie im ersten Moment blendete.
Der Vater begleitete sie die überwiegend von deutschen und irischen Einwanderern bewohnte Mulberry Street bis zur Ecke Park Street hinunter, dachte jedoch nicht daran, ihr beim Tragen zu helfen.
Kurz hinter der Straßenecke blieb er stehen. »Sofort wenn du die Hemden abgeliefert und das Geld erhalten hast, kommst du zurück!«, schärfte er ihr ein. »Ich warte hier auf dich!« Er wies auf den schmuddeligen Kellerladen, der wenige Schritte hinter der Kreuzung auf der Park Street lag. Slocum’s Grocery stand auf dem verschmierten Ladenschild, das am Ende der kurzen Kellertreppe über dem Eingang hing. Aber der feiste Joe Slocum verkaufte nicht nur Lebensmittel und allerlei Haushaltswaren, sondern hatte wie jeder andere geschäftstüchtige Kaufmann dieses Viertels auch eine Branntwein-, Gin- und Biertheke in seinem Geschäft. Und dort würde der Vater nun die ersten Gläser Bier heben, während er auf das Geld wartete, das sie ihm brachte. »Und wehe du trödelst herum! Hast du mich verstanden?«
Becky mied seinen Blick, nickte wortlos, rückte den schwerer werdenden Sack auf ihrer Schulter zurecht und machte sich auf den Weg zu Eleanor und Homer Greeley, damit ihr Vater den Lohn von fünf Tagen harter Arbeit in den unzähligen Tavernen von Five Points versaufen konnte.

4
DAS berüchtigte Viertel Five Points auf der East Side von Lower Manhattan lag nur zwei Häuserblocks von der Prachtmeile am Broadway und einen kurzen Spaziergang vom Rathaus entfernt und gehörte zum 6. Stadtbezirk. Es verdankte seinen Namen der ungewöhnlichen fünfeckigen Kreuzung in seinem Zentrum. Wie spitz zulaufende Keile zielten die Ecken der vier Häuserblocks auf die Kreuzung im Zentrum des Viertels, die von den drei Straßen Park, Worth und Baxter Street sowie vom östlichen Ende der Mission Place gebildet wurde.
Keine andere Gegend in der Stadt war ärmer, dichter bevölkert und verrufener als das Viertel rund um Five Points. Und nirgendwo in New York konzentrierten sich alle nur erdenklichen Laster und Verbrechen stärker als hier – einmal die berüchtigte Water Street am East River ausgenommen, wo die Flusspiraten regierten. Wer in die tiefsten menschlichen Abgründe hinuntersteigen und die abstoßendsten Seiten des Menschen kennen lernen wollte – in diesen lärmenden, stinkenden und dreckstarrenden Straßenzügen und Gassen fand er, wonach er suchte, darunter käufliche Mörder, Erpresser und Schläger, Hehler und Einbrecher sowie Mädchen und Frauen jeden Alters für jede Art der Prostitution.
Legendär war auch die Zahl der Hurenhäuser, Tavernen, Grog Shops und finsteren Schankstuben, die alle Straßen und Gassen von Five Points wie hässliche Pockennarben zeichneten. Allein auf der Mulberry Street gab es mehr als zwei Dutzend Spelunken, war doch der Alkohol die billige und allzeit verfügbare Droge, in die sich viele Männer, Frauen und sogar Kinder vor der bedrückenden Armut ihres Alltags flüchteten, sooft sie nur konnten. Dass der Alkohol ihren Sturz in noch größeres Elend nur beschleunigte, wollte keiner von ihnen wahrhaben – oder es wurde von denjenigen, die schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, als unabänderliches Schicksal hingenommen.
Aber wenn sich auch eine beträchtliche Zahl der Bewohner von Five Points dem Laster und Verbrechen verschrieben hatte, so bestand die Mehrzahl doch aus Leuten, die sich auf ehrliche Art mühten, sich und ihre Familien durchzubringen. In den heruntergekommenen Mietshäusern lebten überwiegend bettelarme Einwanderer aus Irland, Polen, Deutschland und Italien, die sich ein besseres Wohnviertel nicht leisten konnten.
Seit Jahren verging kein Tag, an dem nicht Schiffe in New York anlegten, deren Zwischendecks mit neuen Einwanderern aus Übersee brechend voll belegt waren. Im Schnitt gingen täglich mehr als fünfhundert, zu manchen Zeiten sogar mehr als tausend Einwanderer in New York an Land, die ihre Heimat wegen Hungersnot, Krieg, religiöser wie politischer Verfolgung oder Konflikten mit dem Gesetz verlassen hatten. Die meisten brachten kaum mehr Besitz mit als das, was in einen Koffer passte und was sie am Leib trugen.
Die Armut in diesem 6. Stadtbezirk war so groß, dass hunderte seiner Bewohner die übliche Monatsmiete von vier bis fünf Dollar für einen der schäbigen Zwei-Zimmer-Verschläge nicht aufbringen konnten und deshalb in fensterlosen Kellerräumen hausten, wo die Übernachtung nur zwei, drei Cent kostete, die jede Nacht im Voraus zu entrichten waren. In diesen Kellerabsteigen lagen sie dann zu dutzenden dicht gedrängt auf langen Brettergestellen in zwei, manchmal sogar drei Reihen übereinander, umhüllt von einem Gestank aus Rauch, Modergeruch, verfaulendem Abfall, Körperausdünstungen und Fäkalien. Ein Gestank, der noch übler war als der, welcher von den nachlässig errichteten Abortverschlägen in den Hinterhöfen ausging. Dieser ganz eigene, modrige Gestank setzte sich schnell in den Lumpenkleidern der »Kellerratten« fest, wie diese Unglücklichen genannt wurden. Und wer einem von ihnen auf der Straße begegnete, der roch sofort, dass er zu den Kellerratten gehörte. Und die unzähligen Kinder, die vagabundierend auf den Straßen von New York lebten, hießen aus gutem Grund street arabs und dead end kids, weil ihre Lage hoffnungslos war.
In niedergedrückter Stimmung machte Becky einen Bogen um drei frei laufende Schweine, die der Berge von Abfall auf den Straßen Herr werden sollten, und ging die belebte Park Street nach Westen in Richtung auf die Kreuzung von Five Points hoch. Es herrschte schon reger Betrieb. Auf den Straßen hier kehrte zu keiner Tages- und Nachtstunde wirklich richtig Ruhe ein. Doch gegen Nachmittag, wenn der erste Ansturm auf die Tavernen erfolgte, setzte ein sichtlich geschäftiges Treiben ein, das sich bis gegen Mitternacht steigerte, um erst in den frühen Morgenstunden an Kraft zu verlieren.
Zeitungsjungen, manche kaum älter als sechs Jahre, eilten mit der Abendausgabe durch die Straßen und riefen in einem fort die reißerischen Schlagzeilen aus. Mit artistischem Geschick und flink wie Wiesel sprangen sie auf die Trittbretter vorbeiratternder Kutschen und Fuhrwerke, um ihre Zeitungen an den Mann zu bringen. Straßenhändler mit Eselwagen, Handkarren oder umgehängten Bauchläden versuchten ihrerseits lautstark, auf sich und ihre Waren aufmerksam zu machen. Ein Scherenschleifer mit seiner rollenden Werkstatt ließ Funken von seinem kreischenden Schleifstein sprühen, während er am Straßenrand das lange Messer eines stiernackigen Kerls mit tätowierten Oberarmen und geteertem Zopf schärfte, der nicht den Eindruck machte, als ginge er einer ehrbaren Arbeit nach. Ein Kesselflicker rumpelte mit seinem Karren vorbei. Mädchen und kleine Jungen, die zum Heer der dead end kids gehörten, bettelten die Passanten an, ihnen Federkiele oder Streichhölzer zu einem Penny das Päckchen abzukaufen. Alte Frauen mit ausgemergelten Gesichtern hockten mit einem Korb vor den Eingängen zu Häusern und Geschäften im Dreck der Straße und boten Äpfel, gekochte Maiskolben, gebündelte Kienspäne und andere Billigwaren zum Kauf an. Ein grauhaariger Schwarzer mit zwei großen Steinkrügen suchte Kunden für seine Buttermilch, ein anderer Schwarzer versuchte, ein wenig Geld mit Strohbündeln zu machen, die zum Füllen von Schlafsäcken gedacht waren. Denn richtige Matratzen, die vielleicht sogar noch mit Rosshaar gefüllt waren, vermochte sich keiner in diesem Viertel zu leisten. Betrunkene torkelten krakeelend aus Tavernen, und die Straßenprostituierten stellten sich in Pose, um Kunden anzulocken. Zwei barfüßige und in Lumpen gekleidete Jungen, die kaum älter als zwölf, dreizehn sein konnten, kamen angetrunken über die Straße. Jeder von ihnen schwenkte eine Flasche Gin, und niemand schenkte dieser Szene besondere Beachtung, gehörte sie doch zu den alltäglichen Bildern von Five Points. Aber auch gut angezogene Männer und Frauen gehörten zu der wogenden Menge, denn mit der Armut ließ sich ein gutes Geschäft machen, wenn man nur skrupellos genug war. Und natürlich strömten jetzt auch die vielen fingerfertigen Taschendiebe jeden Alters und beiderlei Geschlechts, die das Viertel zu ihrem Jagdrevier erkoren hatten, auf die Straßen und in die Tavernen.

5
WOHL noch nie was von Platzmachen gehört!«, murmelte Becky verdrossen, als sie einem Straßenhändler ausweichen musste, der mit seinem Bauchladen voll Kurzwaren mitten auf dem Gehsteig stehen geblieben war und eine Kundin bediente.
Der Mann antwortete mit einer obszönen Geste, was die Frau, die in seinem Bauchladen kramte, zu einem heiseren Auflachen veranlasste.
Im nächsten Moment sah Becky zu ihrer Überraschung ihren kleinen Bruder. Daniel saß auf der obersten Stufe einer kurzen Treppe, die zu einem Hauseingang hochführte. Offensichtlich hatte er auf sie gewartet.
»Da bist du ja!«, rief er erleichtert, als sie in dem Menschengewimmel kurz vor der Kreuzung vor ihm auftauchte. Er sprang auf und lief zu ihr. »Komm, ich helfe dir. Wir tragen den Sack zusammen.«
Becky nahm das Angebot gern an, zumal der Sack auf der Schulter ihre Sicht in dem Gedränge und Geschiebe sehr beeinträchtigte. »Okay, nimm du die Schlaufe vorn, ich nehm die hintere.«
»Bist du auch wütend auf mich?«, fragte Daniel leise und mit ängstlichem Unterton.
»Warum sollte ich denn wütend auf dich sein?«
»Na, weil ich doch auf dem Dach eingeschlafen bin und man mir die beiden Bettlaken gestohlen hat«, sagte er mit verzagter Miene.
»Ach Daniel«, sagte Becky und hätte ihm zum Trost am liebsten über sein schwarz gelocktes Haar gestrichen. Aber der Hemdensack baumelte zwischen ihnen und machte diese Geste der Zuneigung unmöglich.
»Ich habe wirklich versucht, wach zu bleiben!«, beteuerte er. »Stein und Bein hätte ich darauf geschworen, dass ich nicht einschlafen würde. Und dann ist es mir doch passiert. Es tut mir so Leid, dass ich euch alle so bitter enttäuscht habe und... und ein solcher Nichtsnutz bin. Es stimmt wohl, was der Vater gesagt hat, dass ich zu nichts tauge und nie etwas Rechtes...«
»Red doch nicht so einen Unsinn!«, fiel Becky ihm ins Wort. »Dem Vater ist das in seinem Ärger nur so herausgerutscht. Du weißt doch, wie gereizt er ist, wenn er tagelang keine Arbeit gefunden hat. Dann sagt er Dinge, die er eigentlich gar nicht so meint!«
Daniel erwiderte traurig: »Ich fürchte, er meint jedes Wort so, wie er es gesagt hat. Und du weißt es auch.«
Becky fühlte sich durchschaut. »Und wenn schon! Dann hat er eben Unrecht! Ich bin dir wegen dieser blöden Bettlaken jedenfalls nicht böse – und Mom auch nicht. Also lass dir bloß nichts von Vater einreden!« Und mit wachsendem Ingrimm fuhr sie fort: »Er selbst ist nämlich nicht gerade ein leuchtendes Vorbild, dem man nacheifern sollte. Für das Geld von dir, das er jetzt wohl schon bei Slocum in Bier umgesetzt hat, hätte er leicht zwei gebrauchte Laken kaufen können! Ganz zu schweigen von unserem Hemdengeld, das er auch noch auf den Kopf hauen wird.«
»Dennoch wünschte ich, ich wäre kräftig und gescheiter und nicht so eine Enttäuschung für Dad.«
»Hör auf, dir so was einzureden! Und jetzt komm über die Straße!«
Sie überquerten die Kreuzung. Zu ihrer rechten Hand erhob sich das House of Industry, ein klobiges Gebäude, das auch spöttisch »Lumpenschule« genannt wurde. Diese von Spenden getragene Institution widmete sich nämlich jenen Waisen und Straßenkindern, deren Kleidung zu zerlumpt und dreckstarrend war und die zu sehr stanken, um öffentliche Schulen besuchen zu können. Hier erhielten sie Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen. Auch wurden ältere Jugendliche und Erwachsene in diesem Haus abends in die Grundlagen einfacher beruflicher Tätigkeiten eingewiesen. Bei den Mädchen und Frauen konzentrierten sich die Ausbilderinnen auf Fertigkeiten im Nähen sowie auf das, was man beherrschen musste, um Chancen auf eine Anstellung als Dienstmädchen zu haben. Den Jungen und Männern brachte man einfache Schreinerarbeiten wie das Herstellen von Kisten sowie Flickschusterei oder das Verlegen von Pflastersteinen bei.
Auf der anderen Seite, getrennt vom Dreieck der Mission Place, einem freien, ungepflasterten Platz, der häufig einer Müllhalde glich, stand das klobige Backsteinhaus der Five Points Mission. Sie war vor nicht ganz zehn Jahren von der Lady’s Methodist Home Missionary Society gegründet worden und hatte sich ebenfalls die Bekämpfung der Armut auf ihre Fahnen geschrieben – mit sehr bescheidenem Erfolg. Die meisten irischen wie italienischen und polnischen sowie viele deutsche Einwanderer standen dieser methodistischen Hilfsorganisation nämlich sehr distanziert, ja teilweise sogar feindselig gegenüber, weil man ihrem katholischen Glauben in diesem Missionshaus mehr oder weniger offen mit Verachtung begegnete. Zudem machte im Viertel das Gerücht die Runde, dass die Missionare Waisen und von ihren Eltern vernachlässigte Kinder von der Straße lockten, sie in Züge steckten und irgendwohin ins ferne, neu besiedelte westliche Hinterland brachten, wo sie als billige Arbeitskräfte missbraucht wurden.
»Ob es mit Dad wohl bald wieder besser wird?«, fragte Daniel.
»Bestimmt. Das mit seiner Hüfte ist schon so gut ausgeheilt, dass bald nichts mehr daran erinnern wird«, sagte Becky, denn sie brachte es nicht übers Herz, ihrem kleinen Bruder jegliche Hoffnung auf eine Besserung ihrer Lage zu rauben. »Und vielleicht kriegt er ja bald feste Arbeit beim Streckenbau. Eisenbahnschienen verlegen soll gut bezahlt werden.«
»Ich wünsche es uns so sehr«, sagte Daniel niedergeschlagen und sein Blick ging kurz zum House of Industry hinüber. »Ich wünschte auch, wir könnten wieder in die Schule gehen und etwas lernen.«
Damit berührte er bei Becky einen wunden Punkt, denn auch sie litt insgeheim sehr darunter, dass sie nicht länger die Schule besuchten. Und wann hatte sie das letzte Mal ein Buch in der Hand gehabt? Ewigkeiten lag das zurück. Und dabei war sie doch immer eine leidenschaftliche Leserin gewesen! Was hätte sie nicht dafür gegeben, wenigstens eine dieser Abendklassen besuchen und sich Hoffnung machen zu dürfen, irgendwo in einem gediegenen Haus fern von Five Points in Stellung gehen zu können.
Nicht dass sie sich Illusionen über das harte Leben machte, das sie dann erwartete. Ein Dienstmädchen begann seine Arbeit morgens zwischen fünf und sechs Uhr und kam vor acht, neun Uhr abends nicht zur Ruhe. Aber diese harte Arbeit hätte sie nicht geschreckt. Im Gegenteil, das anstrengende Tagwerk eines einfachen Dienstmädchens erschien ihr immer noch um einiges leichter zu ertragen, als täglich zwölf und mehr Stunden am Tisch zu sitzen und in endloser Monotonie Hemden für die Greeleys zusammenzunähen. Und sie würde eine saubere Dienstmädchenkleidung mit weißer Haube und Schürze tragen, jeden Tag ausreichend zu essen haben und in einem Haus leben, in dem das Auge nicht überall auf Schimmel und Tapeten aus vergilbten, rissigen Zeitungen fiel, sondern auf schöne Möbel, Spiegel, Vorhänge, Teppiche, richtiges Geschirr und andere wunderbare Sachen.
Ihr Verlangen nach einem Leben als Dienstmädchen machte sich wie ein intensiver körperlicher Schmerz bemerkbar. Aber sofort kämpfte sie gegen diese brennende Sehnsucht an. Für eine Ausbildung blieb nun mal keine Zeit. Es gab auch keine Alternative. Sie musste weiterhin mit der Mutter bis tief in die Nacht Hemden für Eleanor und Homer Greeley zusammennähen, damit ihre Not nicht noch größer wurde. Und wenn einem das Wasser bis zum Hals stand und man ums nackte Überleben kämpfte, war es geradezu lächerlich und nur beschwerend, sich darüber zu beklagen, nicht in einem trockenen Boot zu sitzen!
»Die Dinge sind nun mal so, wie sie sind! Und darüber zu lamentieren, bringt uns nicht aus der Klemme, Daniel!«, erwiderte Becky mit scharfer Missbilligung, die nicht nur ihrem Bruder, sondern auch ihren eigenen Sehnsüchten galt. »Es könnte noch viel schlimmer sein! Seien wir froh, dass wir unsere eigene Wohnung haben, uns über Wasser halten können und nicht das Leben von Kellerratten und street arabs führen müssen!«
»Du hast ja Recht, Becky. Ich will auch gar nicht jammern. Es war nur so ein Gedanke«, sagte Daniel hastig und senkte beschämt den Kopf.
Wenig später erreichten sie die Centre Street und traten durch den hohen Torgang in den Hinterhof, wo sich der Textilhandel von Eleanor und Homer Greeley befand. In eine Wand des schuppenähnlichen Backsteinanbaus waren zwei längliche Fenster eingelassen, die von Sprossenleisten in viele kleine Quadrate unterteilt wurden. Das Glas war jedoch so verdreckt, dass man nicht durch die Scheiben in den Laden sehen konnte. Und mit verblasster Farbe stand auf der Ziegelsteinmauer über der klobigen, doppelflügeligen Tür: Eleanor Greeley – Shirtmaker.
»Okay, dann viel Glück bei der fetten, alten Hexe und ihrem glubschäugigen Mann«, sagte Daniel leise und hielt ihr die Tür auf.
»Willst du denn nicht warten?«, fragte Becky überrascht. »Ich muss doch gleich wieder neue Stoffe mitnehmen und könnte deine Hilfe beim Tragen schon ganz gut gebrauchen.«
»Tut mir Leid, Becky, aber ich muss jetzt los... und mir was einfallen lassen. Du hast ja gehört, was Vater mir hinterhergebrüllt hat.« Er brachte ein schiefes Grinsen zustande. »Ohne zwei Bettlaken brauche ich mich zu Hause nicht mehr blicken zu lassen.«
»Daniel, mach bloß keine Dummheiten!«, beschwor Becky ihn. »Das hat er doch nur in seiner Wut gesagt! Natürlich kannst du auch so jederzeit nach Hause kommen!«
»Nein, kann ich nicht! Es ist ihm ernst damit und er vergisst so etwas auch nicht. Nicht einmal wenn er besoffen ist!«, widersprach ihr Bruder. »Ich habe mich selbst hineingeritten, und jetzt muss ich eben sehen, wie ich da wieder herauskomme. Aber keine Sorge, mir wird schon was einfallen.« Und bevor er davonlief, fügte er noch trotzig und mit spürbar tief verletztem Stolz hinzu: »Der Vater soll nicht noch einmal sagen, ich tauge zu nichts!«
»Daniel, du bist doch erst acht! Heilige Muttergottes, warte und lass uns reden!«, rief Becky, doch ihr Bruder reagierte nicht auf ihren Zuruf und verschwand im nächsten Augenblick auch schon im Tordurchgang.

6
BECKY überlegte, ob sie ihr Paket absetzen und ihrem Bruder nachlaufen sollte, als ihr Homer Greeley aus dem Innern des Geschäftes mit ungeduldiger, kratziger Stimme zurief: »Herr im Himmel, komm endlich herein oder bleib draußen, aber mach gefälligst die Tür wieder zu! Es reicht ja wohl, dass ihr uns jede Menge Läuse in den Laden schleppt! Da braucht ihr nicht auch noch alle Fliegen aus dem Hof mitzubringen!«
So bärbeißig und missgestimmt Homer Greeley sie auch empfing, so dankbar war Becky doch an diesem Tag dafür, dass sie es mit ihm und nicht mit seiner Frau Eleanor zu tun hatte. Denn mit Homer, einem hageren Mann von vielleicht fünfundfünfzig Jahren mit einer Halbglatze über einer hohen Stirn und froschähnlichen Glubschaugen hinter den dicken Gläsern eines Kneifers, hatte man als Näherin entschieden weniger Schwierigkeiten als mit seiner matronenhaften und scharfzüngigen Ehefrau. Lieferte man ordentliche Arbeit ab, zog er selten einmal etwas von dem ausgemachten Lohn ab.
Ganz im Gegensatz zu Eleanor, die ihre Willkür mit spürbarer Lust ausübte. Sie liebte es, ihre Macht auszukosten und andere zu demütigen. So auch an diesem Nachmittag. Sie putzte gerade eine junge, spindeldürre Frau herunter, die sich offensichtlich von ihr hatte beschwatzen lassen, Kissenbezüge mit feinem Spitzenbesatz zu nähen. Wie Becky aus den stammelnden Worten der armen Frau heraushörte, hatte sie die Arbeit in dem Glauben angenommen, dafür besser als für Hemden bezahlt zu werden. Und nun war ihr Erschrecken groß, als sie hörte, dass sie viel weniger erhielt, als sie erwartet hatte.
»Nur drei Shilling für all die Arbeit? Aber wie soll ich denn meine Familie davon ernähren? Ich habe vier kleine Kinder!«, klagte die Frau mit tränenerstickter Stimme, während Homer Becky den Lohn für neunundzwanzig Hemden auszahlte, ohne ihr auch nur einen Cent abzuziehen. Und sie hatte den Eindruck, dass er es damit ganz besonders eilig hatte, als wollte er vermeiden, dass seine Frau Zeit fand, die Hemden noch einmal selbst zu inspizieren. Der Textilhandel gehörte ihr, und das ließ sie ihren Mann auch immer wieder spüren, sogar vor ihren Heimarbeiterinnen.
»Was habe ich mit deinen Kindern zu schaffen? Habe ich sie dir vielleicht gemacht?«, fuhr Eleanor die Frau empört an. »Damit kannst du mir nicht kommen! Diese Jammergeschichten höre ich jeden Tag im Dutzend! Ich zahle, was eine Arbeit wert ist und keinen Cent mehr! Milde Gaben kannst du dir woanders erbetteln! Du bist hier nicht bei der Mission oder der Suppenküche der Quäker, meine Liebe! Ich führe ein Geschäft und muss mir sowieso schon dauernd sagen lassen, wie unverantwortlich großzügig ich meine Näherinnen bezahle!«
Becky musste an sich halten, um dieser hartherzigen, selbstgerechten Geschäftsinhaberin nicht die passende Antwort zu geben.