image

image

Georg Markus · Katrin Unterreiner

Das Original-Mayerling-Protokoll
der Helene Vetsera: »Gerechtigkeit für Mary«

Georg Markus · Katrin Unterreiner

Das Original-

Mayerling-Protokoll

der Helene Vetsera: »Gerechtigkeit für Mary«

Mit 31 Abbildungen

image

image

Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter, vielseitig.co.at
Umschlagabbilungen: vorne: © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com (links), © akg-images/picturedesk.com (rechts), hinten: © Kaiserhaussammlung Plachutta (Denkschrift der Helene Vetsera),
© Amalthea Verlag (Helene Vetsera).
Layout und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der Cambria 10,25/14,4 pt
Printed in the EU
ISBN 978-3-85002-863-9
eISBN 978-3-902862-83-9

Inhalt

KATRIN UNTERREINER

Die Denkschrift der Helene Vetsera

GEORG MARKUS

Meine zwei Begegnungen mit Mary Vetsera
Nach dem »Grabraub« die »Denkschrift«

Das kurze Leben der Mary Vetsera

Der Grabraub

KATRIN UNTERREINER

»Dann kann ich beruhigt einstens
vom Schauplatz verschwinden …«

Kronprinz Rudolf

Der Weg nach Mayerling – Chronologie einer Tragödie

Mayerling – Mythos und Wahrheit

HELENE VETSERA

Denkschrift – »Gerechtigkeit für Mary«

Quellen

Literatur

Die Kaiserhaussammlung Plachutta

Anmerkungen

Bildnachweis

Personenregister

image

Helene Baronin Vetsera. Historische Fotografie um 1880

KATRIN UNTERREINER

Die Denkschrift der Helene Vetsera

Der 125. Jahrestag der Tragödie, die sich in den frühen Morgenstunden des 30. Jänner 1889 im Jagdschloss Mayerling ereignete, ist Anlass, die vorliegende Denkschrift der Baronin Helene Vetsera aus der Kaiserhaussammlung Plachutta erstmals vollständig zu veröffentlichen, um die Ereignisse aus der Sicht der Familie Mary Vetseras zu schildern und das junge Mädchen, das damals bereit war, mit dem Kronprinzen zu sterben, in den Vordergrund zu stellen.1

Nachdem der Wiener Hof, um von den wahren Geschehnissen in Mayerling abzulenken, Mary Vetsera zunächst als hinterhältige Mörderin und schließlich als »todbringende Verführerin« des Kronprinzen diffamiert hatte, sah sich ihre Mutter genötigt eine Denkschrift zu verfassen, um die Ehre ihrer toten Tochter und in weiterer Folge auch jene ihrer Familie wiederherzustellen.2 Sie wollte sich vor allem gegen die Gerüchte wehren, sie hätte vom Verhältnis ihrer Tochter zum Kronprinzen gewusst und dieses sogar gefördert. Vielmehr sollte die zweifelhafte Rolle der Gräfin Marie Larisch-Wallersee, die bis dahin eine enge Freundin Helene Vetseras gewesen war und als Cousine des Kronprinzen beste Kontakte zum Kaiserhaus hatte, als Vermittlerin der Liaison sowie Alibi für geheime Treffen ihrer Tochter mit dem Kronprinzen offenbart werden. Als wichtige Zeugen, die es Marys Mutter im Nachhinein ermöglichten, die Chronologie der tragischen Ereignisse aus ihrer Sicht darzustellen, erwiesen sich Agnes Jahoda, die Tochter des Portiers im Hause Vetsera, die nicht nur Marys Kammermädchen, sondern auch ihre Vertraute war, sowie ihre ehemalige Klavierlehrerin und Freundin Hermine Tobis. Nach Marys Tod erzählte Agnes Jahoda, die bis dahin diskret geschwiegen hatte, Helene Vetsera schließlich alles, was sie von der Verbindung Marys zum Kronprinzen wusste, von den ersten Schwärmereien angefangen über die ersten Blickkontakte, Briefe und schließlich über Vermittlung der Gräfin Larisch die ersten Zusammenkünfte der beiden. Marys zweite eingeweihte Vertraute, ihre Freundin Hermine Tobis, stellte nach dem Unglück Helene Vetsera die Briefe, die ihr Mary geschrieben hatte, zur Verfügung, sodass diese ebenso wie die Aussage Agnes Jahodas in der Denkschrift zitiert werden konnten.

image

Marie Gräfin Larisch war als Freundin Helene Vetseras, Vertraute und Komplizin Mary Vetseras und Cousine Kronprinz Rudolfs eine der zentralen Figuren im Drama von Mayerling.

Helene Vetsera legte großen Wert darauf klarzustellen, dass die Denkschrift nicht gegen den Kaiser gerichtet war. So schrieb sie in einem Brief an einen befreundeten Wiener Aristokraten: »Die Denkschrift (…) war nicht gegen den Kaiser gerichtet, sondern geschrieben, um sie ihm zu übergeben. Er (der Kaiser) weiß es (…) und weiß auch von den Versuchen, die ich unternommen habe, damit sie ihm übergeben werde.«3 Vielmehr geht daraus klar hervor, dass das Obersthofmeisteramt – eigenmächtig, wie sie betonte – zu Beginn nicht nur die Familie Vetsera bewusst falsch informierte, sondern auch die kaiserliche Familie selbst, sodass die engsten Angehörigen der beiden Toten über einen ganzen Tag im Glauben gelassen wurden, Mary Vetsera hätte den Kronprinzen vergiftet. Mit diesem vor allem der Familie Vetsera gegenüber brutalen und herzlosen Vorgehen sollte erreicht werden, dass die verzweifelte Mutter ja nicht nach Mayerling fahre, um ihre tote Tochter abzuholen. Nur so konnten die wahren Umstände vertuscht und die bereits in Mayerling lauernden Journalisten vom beispiellosen Skandal abgelenkt werden, dass der Kronprinz ein junges Mädchen mit in den Tod genommen hatte. Der perfide Plan ging zunächst auf: Marys Mutter war vor Scham darüber, dass ihre Tochter den ahnungslosen Kronprinzen vergiftet habe, bereit, sofort aus Wien abzureisen – zu ihrem eigenen Schutz, wie man nicht müde wurde zu betonen –, da man bei dem zu befürchtenden Volkszorn gegen die Familie der Mörderin des Thronfolgers nicht mehr für ihre Sicherheit bürgen könne. Marys Mutter stimmte allem, was vom Obersthofmeisteramt bzw. vom Generaladjutanten des Kaisers gefordert wurde, zu. Damit wurde es überhaupt erst möglich:

– dass Mary Vetsera über 36 Stunden in dem Zustand, in dem sie gefunden wurde, nur mit ihren Kleidern zugedeckt, nicht einmal mit geschlossenen Augen, in einem Nebenzimmer versteckt lag,

– dass sie bei Nacht und Nebel von ihren Onkeln, Alexander Baltazzi und Georg Graf Stockau, die den Leichnam abholten, aus dem Schloss geschmuggelt werden musste, wobei weder Sarg noch Leichenwagen benutzt werden durften, da es ja offiziell keine zweite Leiche in Mayerling gegeben hatte,

– was wiederum bedeutete, dass Mary wie eine »Lebende« aus dem Schloss getragen und neben den Onkeln sitzend (!) – also von ihnen gestützt – in der Kutsche nach Heiligenkreuz gebracht wurde,

– dass sie in Heiligenkreuz von einem Abgesandten des Hofes abgefangen und direkt auf den Friedhof eskortiert wurde, wo sie gegen Mitternacht in einen notdürftig gezimmerten Sarg – allein auf Sägespäne gebettet und mit ihrem Hut als Polster – gelegt und in aller Frühe heimlich am Friedhof beerdigt wurde.

Den wahren Sachverhalt erfuhr Marys Mutter erst zwei Tage später. Und erst Monate nach der Tragödie, als Helene Vetsera erkannte, dass sich die Verleumdungen, Verdächtigungen und absichtlich verbreiteten Lügen hartnäckig hielten, fasste sie den Entschluss, die vorliegende Denkschrift zu verfassen.

Die originalen »Gedenkblätter« Helene Vetseras wurden von ihrem Bekannten, dem Wiener Journalisten Philipp von Newlinsky, redigiert und für eine Fassung bearbeitet, die im Sommer 1889 von Johann Nepomuk Vernay in einer Auflage von 200 Exemplaren gedruckt wurde. Da dies jedoch dem Hof bekannt geworden war, wurde sie sogleich samt Satzlettern vom Polizeipräsidenten Baron Krauß konfisziert und – abgesehen von drei Abschriften durch Beamte, die seinem Geheimakt über den Tod des Kronprinzen beigelegt wurden, der sich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv befindet – vernichtet.4 Ungefähr 25 gedruckte Exemplare entgingen jedoch der polizeilichen Vernichtung5, gelangten ins Ausland und wurden auszugsweise in einer französischen Tageszeitung veröffentlicht. Wo sich diese Exemplare heute befinden, ist nicht bekannt – ausgenommen eines in der Österreichischen Nationalbibliothek. Das Druckmanuskript wurde, laut ihren Nachfahren, von Helene Vetsera vernichtet, diesen sind jedoch sechs Abschriften bekannt, die die Baronin engen Freunden gab. Eine von Marys Schwester Hanna angefertigte handschriftliche Version wurde Hermine Tobis geschenkt. Von dieser Fassung in Privatbesitz, die laut Nachfahren auch die einzige ist, in der der Zusatz enthalten ist, dass Marie Larisch Mary mehr oder weniger genötigt hatte, den Kronprinzen um Geld zu bitten, das diese der Gräfin gab, befindet sich eine stark gekürzte Abschrift aus dem Besitz der Familie Zichy in der Wienbibliothek. Zwei weitere Abschriften der originalen Version befanden sich laut Heinrich Baltazzi-Scharschmied, einem Neffen Helene Vetseras, im Besitz der Firma Rodeck sowie der Familie Schöffel, eine weitere Version soll sich in New York befinden. Vom Verbleib der übrigen zwei ist bis heute nichts bekannt.6

Die vorliegende handschriftliche Fassung ist insofern von besonderer Bedeutung, als es sich nicht um eine Abschrift der bekannten Druckversion handelt. So sind in der vorliegenden Handschrift im Unterschied zur Druckversion alle Namen der beteiligten Personen sowie einige zusätzliche Passagen – vor allem die Vorgangsweise des Obersthofmeisteramtes betreffend – enthalten, die wohl aus Rücksicht auf den Hof in der Druckversion weggelassen wurden. Ein Vergleich mit der Publikation von Ernst Planitz aus dem Jahr 1902, der eine originale Version aus dem Hause Vetsera selbst zugrunde lag, legt vielmehr die Vermutung nahe, dass es sich bei der vorliegenden Fassung um eine handschriftliche Abschrift des Originalmanuskriptes handelt. Planitz, der seine Quelle nicht namentlich preisgeben wollte, bestätigte, dass es sich um die ins Reine geschriebene Fassung des ersten Konzeptes handelte. Er betonte, dass »seine« Abschrift historisch noch wertvoller wäre, da sich darin ebenfalls die nachträglichen »Streichungen und Milderungen« nicht vorfinden, die, wie er es formulierte, mit Rücksicht auf den Hof vorgenommen wurden. Weiters schrieb er über die Provenienz: »Die Unterlage stammt aus dem Hause der Vetsera selbst. Das Manuskript war im Auftrag und nach Angaben der Baronin aufgesetzt worden. Dies ist nicht etwa meine private Annahme, sondern der Inhalt einer Information, welche das Manuskript selbst begleitete. Die Schreiberin ist indessen nicht die Baronin selbst, sondern eine Vertrauensperson des Hauses, die in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu der Baronin stand und ein wenig bigott veranlagt war.«7 Mit dieser Formulierung liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Gesellschafterin im Hause Vetsera die erste handschriftliche Originalfassung schrieb. Ihr Name konnte nicht mehr recherchiert werden, aber es ist nachvollziehbar, dass Helene Vetsera die Denkschrift zwar veranlasste und inhaltlich vorgab, sie aber, um sie neutraler wirken zu lassen, absichtlich von einer Vertrauten schreiben ließ. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass Helene Vetseras Muttersprache Englisch war. Sie lebte zwar lange genug in Wien, um Deutsch zu können (so erinnerten sich ihre Enkelkinder daran, dass sie deutsch zwar perfekt, allerdings immer mit englischem Akzent sprach), sich für die Denkschrift jedoch von jemandem behilflich sein ließ, dessen Muttersprache Deutsch und dem daher die Orthografie geläufiger war.

Die auffallenden Übereinstimmungen der »Planitz’schen« mit der vorliegenden Fassung, Details und idente Formulierungen betreffend, die sich von der gedruckten Version deutlich unterscheiden, lassen vermuten, dass es sich entweder um diese Originalfassung handelt oder eine der zwei bislang unbekannten Abschriften. Da sich die übrigen Abschriften des Originalmanuskriptes nach wie vor in Privatbesitz befinden und damit unzugänglich sind, liegt mit der vorliegenden Denkschrift in jedem Fall eine historisch bedeutende Quelle vor, die nun erstmals im Gesamten veröffentlicht werden kann.

GEORG MARKUS

Meine zwei Begegnungen mit Mary Vetsera
Nach dem »Grabraub« die »Denkschrift«

Meine erste Begegnung mit Mary Vetsera liegt mehr als zwei Jahrzehnte zurück und hätte skurriler nicht sein können. Ein Möbelhändler aus Linz rief mich an und teilte mir mit, im Besitz der Gebeine von Kronprinz Rudolfs letzter Liebe zu sein. Was sich vorerst wie ein schlechter Witz anhörte, sollte sich bald als aufsehenerregendster »Grabraub« der österreichischen Geschichte erweisen. Die sterblichen Überreste der Mary Vetsera waren tatsächlich bei Nacht und Nebel aus ihrer Gruft im Stiftsfriedhof von Heiligenkreuz bei Wien gestohlen worden, und bald danach lag der Kopf der toten Baronesse auf meinem Schreibtisch – doch darauf komme ich später noch zu sprechen.

Meine zweite Begegnung mit Mary Vetsera erlebe ich durch die vorliegende »Denkschrift« ihrer Mutter, der Baronin Helene Vetsera. Und sie ist um nichts weniger aufregend, als es der Grabraub war. Die 148 handgeschriebenen Seiten sind der Aufschrei einer Frau, der das denkbar Schlimmste widerfahren war, was einer Mutter widerfahren kann: Ihre 17-jährige Tochter Mary war im Jagdschloss Mayerling bei Wien tot aufgefunden worden.

Als hätte das nicht genügt, wurde der verzweifelten Frau vom kaiserlichen Hof erklärt, dass Mary, ehe sie sich das Leben nahm, den Thronfolger ermordet hätte. Auch damit nicht genug, untersagte man Helene Vetsera, ihre tote Tochter noch einmal zu sehen und an ihrer Beisetzung teilzunehmen.

Wie man heute weiß, hat Mary Vetsera die Tat, derer man sie beschuldigte, nicht begangen. Sie war Opfer und nicht Täterin.

Es ist mehr als verständlich, dass Helene Vetsera, als sie nach Wochen des ersten Schocks wieder klar denken konnte, all die Lügen, Irreführungen und Heucheleien nicht auf sich und vor allem ihrer verstorbenen Tochter sitzen lassen wollte. Sie sah es als ihre Pflicht an, Mary wenigstens im Angesicht des Todes Gerechtigkeit zukommen zu lassen. In erster Linie, indem sie widerrief, dass ihre Tochter die Mörderin des Kronprinzen Rudolf sei.

Und das tat Helene Vetsera mit der hier vorliegenden »Denkschrift«. In klaren Worten, wie sie in den 125 Jahren, die seither ins Land gezogen sind, sonst nicht gefallen sind. Die gebrochene Mutter schildert aber auch, wie es zur Tragödie von Mayerling kam, wie man Mary, die noch ein halbes Kind war, aus ihrem Elternhaus »schmuggelte«, was an jenem 30. Jänner 1889 im Jagdschloss des Thronfolgers passierte und wie übel man ihrer Tochter auch nach ihrem Tod noch mitspielte.

Das kurze Leben der Mary Vetsera

Wer aber war das Mädchen, dem so viel angetan wurde? Marie Alexandrine Freiin von Vetsera war am 19. März 1871 in Wien als drittes von vier Kindern des aus Pressburg stammenden Diplomaten Albin Vetsera und der Helene geb. Baltazzi zur Welt gekommen. »Mary«, wie sie bald gerufen wurde, wohnte zunächst in der am Ufer des Donaukanals gelegenen elterlichen Villa Am Schüttel Nr. 11 in der Wiener Leopoldstadt, ehe die Familie in das elegantere Palais Vetsera in der Salesianergasse 11 übersiedelte. Mary Vetsera erhielt ihren Unterricht vorerst durch private Hauslehrer und besuchte später das »Erziehungsinstitut für adlige Mädchen« im Salesianerkloster, wo sie auf ein Leben in der »großen Welt« vorbereitet werden sollte.

Mary war das, was man eine »gute Kaisermischung« nannte. Die väterlichen Vorfahren waren Slawen und Deutsche, die Ahnen der Mutter Italiener, Griechen und Engländer gewesen. Marys Eltern hatten sich in Konstantinopel kennengelernt, wo Albin Vetsera damals als Legationssekretär an der österreichischen Botschaft tätig war. Marys Mutter, die bei ihrer Hochzeit erst 16-jährige Helene Baltazzi, entstammte einer reichen Bankiersfamilie, die im Orient ihre Geschäfte betrieb. Albin Vetsera, um 22 Jahre älter als seine Frau, war ursprünglich ein Freund ihrer Eltern gewesen und wurde nach deren frühem Tod zum Vormund aller zehn Baltazzi-Kinder bestellt. 1864 nahm er sein ältestes Mündel zur Frau.

image

Die kleine Mary war das, was man in Wien eine »gute Kaisermischung« nannte. Die väterlichen Vorfahren waren Slawen und Deutsche, die Ahnen der Mutter Italiener, Griechen und Engländer.

Es war alles andere als eine Liebesheirat, Helene galt vielmehr als »blendende Partie«. Die Ehe mit einem der reichsten Mädchen von Konstantinopel wirkte sich offenbar auch günstig auf Albins Karriere aus: Vetsera brachte es sehr rasch zum Gesandten und Bevollmächtigten Minister in St. Petersburg, Lissabon und am hessischen Hof.

Durch den Vater – der 1870 von Kaiser Franz Joseph in den Freiherrnstand erhoben wurde – dem erblichen Kleinadel angehörend und von der Familie der Mutter mit immensem Reichtum ausgestattet, verkehrte Mary bald in den ersten Kreisen der Haupt- und Residenzstadt. Während der Vater kränklich und durch seinen Beruf viel im Ausland war, gab die als lebenslustig bekannte Mutter in ihrem Salon zahlreiche Einladungen. Sie ließ – selbst eine blendende Campagnereiterin – auch kein Pferderennen aus und war gern gesehener Gast bei eleganten Diners, Soireen und Bällen. »Madame Vetsera will zu Hof gehen, sich und ihre Familie zur Geltung bringen«, notierte eine Hofdame der Kaiserin Elisabeth in ihrem Tagebuch. Das war just im Jahre 1877, in dem Helene eine stürmische Affäre mit dem Kronprinzen hatte. Somit also zwölf Jahre vor ihrer Tochter. Im Wiener Salonblatt ist nachzulesen, dass Helene Vetsera »großes Interesse für das öffentliche Leben der Residenz zeigt, so dass sie selten einem Feste fernbleibt«.

Marys Onkel Hector Baltazzi war ein erfolgreicher Jockey; Alexander und Aristides, zwei weitere Brüder der Helene Vetsera, traten mit Pferden aus dem eigenen Stall bei internationalen Rennen an. 1876 gewannen sie – gegen eine übermächtige englische Konkurrenz – das Derby von Epsom. Einen legendären Ruf hatten die Brüder aber auch als Politiker, Offiziere und vor allem als Lebemänner, die auf keiner der großen Gesellschaften in London, Paris, St. Petersburg und Wien fehlten. Heinrich Baltazzi, der jüngste der vier Brüder, galt als »elegantester Herr der Monarchie«. Er wurde von Arthur Schnitzler als »unerreichbares Idealbild« bezeichnet und zur Vorlage des Grafen im Reigen.

Schon als Zehnjährige hat Mary ihre erste Begegnung mit dem Tod. Am 8. Dezember 1881 kehrt ihr älterer Bruder Ladislaus, der eine Vorstellung von Hoffmanns Erzählungen besuchte, nicht mehr zurück ins elterliche Palais. Der 16-jährige Militärschüler zählte zu den Opfern des Ringtheaterbrandes, bei dem insgesamt 386 Menschen ums Leben kamen. 1887 – eineinhalb Jahre vor der Katastrophe von Mayerling – stirbt Marys Vater mit 62 Jahren in Kairo an den Folgen eines Schlaganfalls.

image

Marys Eltern, Albin Freiherr von Vetsera und Helene geb. Baltazzi. Der Vater war kränklich, 22 Jahre älter als seine Frau und durch seinen Beruf als Diplomat wenig bei der Familie.

Die 17-jährige Baronesse hatte laut Marie Nunziante, der Besitzerin eines Wiener Modesalons, »ein reizendes Figürl, aber so was Süßes wie ihr Köpferl kann man sich gar nicht vorstellen. Ihr Teint spielte ins Bräunliche, sie hatte wunderbar frische Backerln, mandelförmig geschnittene Augen und dunkles Haar. Man war glücklich, wenn man sie nur ansehen konnte.« In der Vetsera-Biografie des Familien-Nachlassverwalters Hermann Swistun wird sie als »körperlich etwas über ihre Jahre gereift« beschrieben, »mit vollendeter Figur, einer kleinen Stupsnase über einem kleinen roten Mund«, ihre Augen seien »tiefblau und unwahrscheinlich groß« gewesen. Ihre Bildung freilich war – durchaus der Erziehung »höherer Töchter« der Zeit entsprechend – mehr als mangelhaft, sie stellte keinerlei geistige Ansprüche und interessierte sich, außer für ihre Toilette, nur noch fürs Eislaufen und für den Rennplatz.

image

»So was Süßes wie ihr Köpferl kann man sich gar nicht vorstellen«: Mary Vetsera war nicht einmal 18 Jahre alt, als sie in Kronprinz Rudolfs Jagdschloss Mayerling bei Wien starb.

Mary und der Kronprinz

Eben dort, beim Pferderennen in der Freudenau, sah sie am 12. April 1888 den in der Hofloge weilenden Kronprinzen Rudolf zum ersten Mal aus relativ geringer Entfernung. Mary hinterließ in einer Kalendernotiz, dass an diesem Nachmittag »eine Leidenschaft geboren wurde«, und die Fürstin Nora Fugger vermerkte in ihren Memoiren, der Kronprinz »scheint auf Marys Augenspiel gleich eingegangen zu sein, was ihr ganz den Kopf verdrehte«.

Gabriel Dubray, Marys Französischlehrer, beschrieb kurz nach ihrem Tod in einem Artikel für den Pariser Matin die letzten Monate im Leben seiner Schülerin: »Die Baronesse scheint sich im Frühjahr 1888 in den Kronprinzen verliebt zu haben, denn von dort ab trat in ihrem Benehmen und in ihrer Stimmung eine auffallende Veränderung zutage. Sie sprach von ihm mit großer Begeisterung, aber ich hielt die Sache für ungefährlich, sie werde sich schon wieder verflüchtigen, hoffte ich, wenn einmal ein ernster Bewerber um das schöne, 17-jährige Mädchen auftrete.«

Und der »ernste Bewerber« trat tatsächlich auf, gerade in diesen Tagen. Offensichtlich auf intensives Betreiben von Marys ehrgeiziger Mutter begann sich der in der österreichisch-ungarischen Armee dienende Miguel von Braganza heftig um die kleine Baronesse zu bemühen. Doch sie hatte im Umgang mit dem verwitweten portugiesischen Herzog, der ein enger Jagdgefährte des Kronprinzen Rudolf war, nur das eine Interesse: alles über den angebeteten österreichischen Thronfolger zu erfahren. Mary sammelte – wie so viele Teenager damals – Fotos und Zeitungsausschnitte von Rudolf, über dessen unglückliche Ehe mit der Kronprinzessin Stephanie ganz Wien sprach. Als Marys, in ihre schwärmerische Begeisterung eingeweihte Kammerzofe Agnes Jahoda der Baronesse die Leidenschaft für den Sohn des Kaisers auszureden versuchte, erwiderte Mary nur: »Ich schwöre, dass ich nie einen anderen lieben werde!«

Den Sommer 1888 – den letzten ihres Lebens – verbrachte Mary mit Mutter und Schwestern auf Reisen durch England, Frankreich und Deutschland, wo die Damen stets eleganten Cercle hielten. In der in Bad Homburg von Helene Vetsera gemieteten »Villa Imperiale« verkehrte sogar der Prince of Wales, Englands späterer König Edward VII. Mary freundete sich hier mit der Amerikanerin Maureen Alleen an, die sich später an diese Zeit erinnern sollte: »Die Baronesse sah entzückend aus, fand großen Anklang in der Gesellschaft, war aber sehr ernst. In ihrem Benehmen selbstlos, traute man ihr zu, dass sie die Liebe nicht leichtfertig nahm, sondern tief ernst und tragisch, wenn es nötig wurde.«

image

Mary bewohnte mit Eltern und Geschwistern das Palais Vetsera in der Wiener Salesianergasse.

Und es wurde »nötig«. Denn Anfang September 1888 schickte Mary, eben nach Wien zurückgekehrt, einen schwärmerischen Brief an Rudolf, mit dem verwegenen Vorschlag, ihn persönlich treffen zu wollen.