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Eine Stadt und zehn Gesichter


Eine Stadt und zehn Gesichter


1. Auflage

von: Egon Richter

€ 6,99

Verlag: Edition Digital
Format: PDF
Veröffentl.: 09.03.2017
ISBN/EAN: 9783956557811
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 175

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Egon Richter schreibt über die große Hafenstadt Szczecin (Stettin): Stadtarchitekten, Hochseefischer, Werftingenieure, Arbeiter, Direktoren, Kunstmaler, Gelehrte, Taxifahrer, Polizisten, leichte Mädchen - ihre Erlebnisse, Probleme, eingebettet in die Geschichte der Stadt seit 1945 und die Erlebnisse der polnischen Bewohner unter der deutschen Besatzung.
Egon Richter schreibt über die große Hafenstadt Szczecin (Stettin): Stadtarchitekten, Hochseefischer, Werftingenieure, Arbeiter, Direktoren, Kunstmaler, Gelehrte, Taxifahrer, Polizisten, leichte Mädchen - ihre Erlebnisse, Probleme, eingebettet in die Geschichte der Stadt seit 1945 und die Erlebnisse der polnischen Bewohner unter der deutschen ...
Erinnerungen
Erklärungen
Erkundungen
Legenden und Wahrheiten
Wanderungen
Vorstellungen
Mitteilungen
Enthüllungen
Erzählungen
Informationen
Begründungen
Unbeschwertes
Schilderungen
Schaustellungen
Kiellegungen
Straßenbekanntschaften
Kreuzungen
Geschichten von Musen
Ausstellungen
Darstellungen
Geboren 12. Dezember 1932. Abitur, Redaktionsvolontär, Studium (Germanistik),
Reporter. Seit 1967 im Schriftstellerverband, freischaffend. Gestorben am 14. Juni 2016.
Auszeichnungen:
1971 Kunst- und Literaturpreis des Bezirkes Rostock
1974 Orden "Banner der Arbeit"
1976 Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold
1977 Gryf Pomorski der VR Polen
1978 Heinrich-Heine-Preis der DDR.
Auswahlbibliografie
Ferien am Feuer. Erzählung. Hinstorff Verlag, Rostock 1966
Zeugnis zu dritt. Roman. Hinstorff Verlag, Rostock 1968
Sehnsucht nach Sonne. Ein Buch über Sibirien. Hinstorff Verlag, Rostock 1972
Aussagen über einen Nachbarn. In: Liebes- und andere Erklärungen. Aufbau Verlag, Berlin 972
Gedanken im Fluge. In: Stimme des Menschen. Volkstheater Rostock, 1974
Abflug der Prinzessin. Roman. Hinstorff Verlag, Rostock 1974
Der goldene Schlüssel von Mangaseja. Kinderbuchverlag, Berlin 1975
Eine Stadt und zehn Gesichter. Ein Buch über Szczecin. Hinstorff Verlag, Rostock 1976
Der Lügner und die Bombe. Vier untypische Liebesgeschichten für Männer. Hinstorff Verlag, Rostock 1979
Der Tod des alten Mannes. Erzählung. Hinstorff Verlag, Rostock 1983
Der lange Weg nach Afrika: Schauspiel. Volkstheater Rostock, 1984
Mit Katzensprüngen ins Land der Fische. Kinderbuchverlag, Berlin 1985
Im Lande der weißen Kamele. Ein Buch über Tuwa. Hinstorff Verlag, Rostock 1986
Die letzte Fahrt der Königin Luise. Roman. Verlag der Nation, Berlin 1988
An dieser Stelle des Lebensberichtes ist ein Einschub nötig. Es muss gesagt werden, dass der Charlottenburger Gymnasiast vom Kurfürstendamm stets ein außerordentlich gutes Verhältnis zu den Deutschen hatte. Ja, dass er über zwei Jahrzehnte hinweg in Poznan als einer der eifrigsten Freunde der Deutschen galt, dass er den größten Teil ihrer Haltungen und Handlungen gegen alle Anfeindungen und selbst gegen berechtigtes Misstrauen verteidigte und dass er, ähnlich vielen Intellektuellen dieser Welt, das, was sich bei bestem Willen nicht defensiv behandeln ließ, als unverständliche Entgleisung betrachtete, die das Volk von Goethe, Schiller und Rudolf Diesel schon überwinden werde.
Vorerst überwand dieses Volk Polen, Poznan, die Wohnung der Familie und auch den Mann Bruno B., der dies einfach nicht für möglich gehalten hatte und den seine Freunde den „Berliner“ nannten. Der Berliner wurde gar nicht gefragt. Er kam auch gar nicht dazu, den Mund aufzumachen - die Tür hatten die Nazis schon eingeschlagen. In fünfzehn Minuten war die Wohnung zu räumen, die Mutter wurde von den Vertretern des Goethevolkes mit dem Kolben so schwer geschlagen, dass sie ein halbes Jahr später verstarb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt und ihren Berliner Jungen noch einmal gesehen zu haben. Ein neuer Eisenbahnchef, den der Vater zufällig noch aus der Berliner Jugendzeit kannte, sorgte für eine untergeordnete Anstellung des Familienoberhauptes, den Sohn konnte er nicht unter seine Fittiche nehmen. Vier Tage lang stand Bruno B. eingepfercht zwischen gleichaltrigen Kameraden in einem Viehwaggon, der als Teil eines Transportzuges nach Südosten rollte. Nur Wasser gab’s und nicht mal Brot. In der Nähe von Czestochowa wurden die Erschöpften ausgeladen. Ein provisorisch gebildetes polnisches Stadtkomitee „vergab“ die Ausgesiedelten an interessierte Quartiereltern.
„Mich“, erzählt der Weißhaarige lächelnd, „führte ein älterer Mann auf einen Bauernhof in Radomsko. Als die Bäuerin mich zu Gesicht bekam, fiel sie über ihren Mann her. Eine kräftige Frau sollte er ihr mitbringen, eine, die sie für die Wirtschaft gebrauchen konnte, und nicht so einen spacken Jüngling, dem man schon ansah, wie wenig mit ihm anzufangen war. Der Bauer kam gar nicht zu Wort. Noch während sie schrie und lamentierte, zog ich mich zurück. Es war kalt draußen, regnerisch und schlammig, und ich hatte keine Ahnung, wo ich mich überhaupt befand. Dann tauchte der Bauer prustend hinter mir auf und holte mich zurück. Wenigstens zum Essen, sagte er, wegen des Hungers. Die Familie setzte mir schweigend einen aus Kartoffelbrei gebackenen Kuchen vor, der so zäh war wie Kaugummi. Ich weiß nicht, ob es der Kuchen war, der mir wie Blei im Magen lag, oder ob es mit dem Wunsch der Hausfrau zusammenhing, auf jeden Fall ein weibliches Wesen ins Haus zu bekommen, nachts jedenfalls träumte ich, ein Kind zu bekommen. Und so was in einem fremden Bett ...“
Kurz und gut: Der Schulökonom aus Poznan blieb auf dem Hof, lernte Kühe melken, Heu mähen, Vieh füttern und zog mit dem Sohn des Hofes in die Widerstandsbewegung ein. In nächtlichen Einsätzen blockierten und zerstörten sie kriegswichtige Transportwege, lebten im Wald und in unzugänglichen Einöden, bekamen neue, gut gefälschte Ausweise, sie führten zweierlei Leben. Offiziell arbeitete der einstige Chef der Poznaner Schuladministration als Knecht und Deutschlehrer für Volksdeutsche, die ihre Staatssprache nicht so recht beherrschten, inoffiziell unterrichtete er zuerst die drei Töchter des Hauses in polnischer Geschichte und Literatur, dann die Nachbarskinder dazu. Dann fand er über die Widerstandsbewegung Kontakt zu anderen Lehrern, und gemeinsam bauten sie eine Geheimschule auf, in der sie die Kinder und Jugendlichen mit allen erforderlichen Examina bis zum Abitur brachten. Auf dem Rad von Treffpunkt zu Treffpunkt fahrend, bestritt Bruno B. seinen Gymnasialunterricht.
Der Weißhaarige blättert in Fotoalben: Klassenbilder in malerischer Gruppierung, Erinnerungsfotos von Biologieausflügen, Widmungen von Schülerinnen auf Fotos vom Unterricht im Garten: Wie war das möglich? Wie viel Mut gehörte dazu? „Vor allem gehörte ein Fotoapparat dazu“, sagt der Weißhaarige und überspielt jeden Heroismus. „Und einen Fotoapparat hatten wir.“
Sie hatten noch mehr. Der einstige Funkamateur Bruno B., der nur durch „irrtümlichen“ Abtransport aus Poznan der Überstellung an die Gestapo entgangen war, baute das von einem Schüler erworbene alte und defekte Radio in einen winzigen Detektorempfänger um, empfing „Feindsender“, verbreitete die so erfahrenen Neuigkeiten in einer selbst gefertigten monatlichen Zeitschrift, die er noch mit persönlichen Kommentaren zu den neuesten Goebbelschen Elaboraten in der Wochenschrift „Das Reich“ ergänzte. Achtzig Exemplare pro Auflage konnten er und seine Mitarbeiter alle vier Wochen unter die Leute bringen. Daneben versteckte er den englischen Kriegsgefangenen Sidney Smith, der aus einem schlesischen Lager geflohen war, auf dem Bauernhof seiner „Dienstherren“, besorgte ihm einen Ausweis als Taubstummer und brachte ihm in nächtelangen Übungen bei, wie er sich als solcher zu benehmen habe. Am 17. Januar 1945 war der Spuk zu Ende.
Zehn Tage lang zog der Mann Bruno B. per pedes und per Panjewagen über die verbrannte Erde seiner Heimat bis nach Poznan. Sein Haus war zerstört, sein Vater halb verhungert, seine Mutter schon lange tot, und er - ohne Wohnung - wurde mit der Wahrnehmung des Schulamtes beauftragt. Nicht lange. Nur bis zu jenem Tag, an dem er sich entschloss, den Aufrufen der örtlichen Zeitungen Folge zu leisten und gen Westen zu ziehen. Seine Motive waren historischer Natur: Schon seinen sechzig geheimen Schülern in Radomsko hatte er das einstmals große Polen des Herzogs Mieszko vorgestellt; in jene Gegend zog es den Charlottenburger, der wohl die Spree, die Oder aber nie gesehen hatte. Am 4. Mai 1945 traf er dort ein. Auf den Türmen des jetzigen Woiwodschaftsgebäudes an der damaligen Hafenterrasse wehte über Rauch und schwelenden Trümmern die polnische Fahne. Bruno B. stand auf dem Dach eines klapprigen Beuteautos und dachte: Was wird aus mir werden in dieser Stadt?
Aus ihm wurde der erste Stadtschulrat. Später. Vorläufig ein amtlicher Vagabund. Er suchte Stadtpläne in Trümmerhaufen, Stühle und einen Tisch für ein verlassenes und demoliertes Wehrmachtsgebäude, dann, laut Plan, die verlassenen und ausgeräumten Schulen - soweit sie noch existierten. Manche fand er, andere nicht. Dafür entdeckte er in einem notdürftig eingerichteten Zimmer die Nachricht eines Freundes: Lade dich zum Essen in die Prenzlauer Straße ein. Der Freund hatte einen Trümmerkeller voller Weckgläser entdeckt.
„Tagelang“, sagt Bruno B., „verzehrten wir nur Eingemachtes, morgens Pflaumen, mittags Birnen, abends Äpfel - nach drei Tagen suchten wir die Toiletten schon eifriger als die Schulbänke.“
Allmählich kehrte die deutsche Bevölkerung zurück. Nachts steckte der Werwolf Häuser an. Am 9. Mai schossen Rokossowskis Truppen Siegessalut im rauchenden Zentrum. Mit einem alten Lastwagen besorgte Bruno B. Schulbänke aus verlassenen Vororten und Kleinstädten.
Dienststunden gab es nicht. Tag und Nacht wurde gearbeitet. Am 1. September mussten nach Bruno B.s Vorstellungen alle Schulen arbeitsfähig sein, wenn es gelingen sollte, polnische Siedler hierher zu holen. Vorläufig fiel das schwer. Es gelang nicht einmal, Lehrer zu engagieren. Bruno B. sandte einen Hilferuf an seine einstigen Kollegen in Radomsko. Er versprach ihnen Wohnung und Arbeit und das Blaue vom Himmel herunter. Sie schickten erst mal ihre Gattinnen zur Besichtigung des Trümmerhaufens an der Oder. Brunos Chauffeur holte die Gattinnen mit dem LKW vom anderen Ufer des Flusses ab. Zeig ihnen was Schönes, hatte Bruno gesagt. Mach ich, sagte der Fahrer, der bis dato in einem faschistischen KZ gesessen und dies nur überlebt hatte, weil er zum Verbrennungskommando gehörte. Das Krematorium hatte ihm, welch makabrer Irrsinn, zum Überleben verholfen. Er lud die Frauen ein und zeigte ihnen das Krematorium auf dem Szczeciner Friedhof. Eine halbe Stunde später waren die Damen wieder am anderen Ufer, und niemals ist einer der Kollegen aus Radomsko nach Szczecin gekommen.
Nach Jahren vielschichtiger Erfahrungen und Erkenntnisse werden selbst schlimme Erinnerungen von weisen Leuten mit heiterer Gelassenheit vorgetragen. Zu solchen Leuten gehört Bruno B. Zu den schlimmen Erinnerungen gehört nach vierzehntägigem arbeitsreichem Aufenthalt in der Oderstadt der Auszug aus Szczecin. In Stargard und Koszalin folgten Unterbringung in primitiven Übergangsquartieren, Bildung einer provisorischen Szczeciner Stadtverwaltung im vorübergehenden Exil, ein bisschen Verzweiflung; Reisen ins heimatliche Poznan und Aufklärung der Freunde darüber, dass man keineswegs tot, ermordet, verschollen sei. Suche nach Lehrern - erfolglos. Wer wusste schon, was werden sollte? Acht-Tage-Rückkehr nach Szczecin, Vorfinden von achtzigtausend deutschen Einwohnern, deutschen Schuldienern in den Gymnasien und Grundschulen, deutscher Verwaltung, eines deutschen Schulamtes mit hundertzwanzig Angestellten; Nichtvorfinden der mühselig zusammengetragenen Unterlagen, der eilig zusammengeklaubten Büroeinrichtung; Brandstiftung am späteren Woiwodschaftsgebäude, Löscharbeit mit Eimerketten, Deutsche und Polen nebeneinander als gemeinsame Feuerwehr, Bildung eines polnischen Hilfskomitees, Hunger, endlich Übergabe der deutschen Schulverwaltung.
„Ich werde diesen Tag nicht vergessen“, erzählt Bruno B. „Mir will heute noch scheinen, als hätte ich an jenem Vormittag die beste Rede meines Lebens gehalten. Der deutsche Stadtschulrat Dr. Großkeul übergab mir die organisierte Verwaltung. Er machte das sehr sachlich und sehr knapp. Er stellte mich den über hundert Angestellten, meist Frauen, als seinen polnischen Nachfolger vor. Sie standen im Halbkreis um mich herum und sahen nicht sehr freundlich aus. Dann habe ich zu ihnen gesprochen.

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